Die Platten der Woche mit Fantastic Man, GOME, COD3 QR, Yaleesa Hall x Datenfluss und Zola Marcelle

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Fantastic Man – Total Djreem (Axis of People) 

Fantastic Man. Ein Künstlername wie eine Axe-Deo-Sorte aus den Neunzigern. Zum Glück spräche das komplett gegen die Konsumverweigerung von neun Minuten neunundzwanzig, die der erste und einzige Track auf Total Djreem dauernd darf. Ja, ja. In einer Epoche, in der TikTok-Junkies nach vier Millisekunden weiterwischen, haut Fantastic Man einfach Schienenersatzverkehrlänge als Clubmusik raus. Das Original baut sich also unverschämt langsam auf, dass man dazwischen ein Buch von Rainald Goetz lesen könnte. Das ist House, unmissverständlich, natürlich, so wie man das auf seinem Label Axis of People erwarten will … aber: Es ist House als Sonnenaufgang in Berlin und Sonnenuntergang auf der anderen Seite, wo ungefähr Melbourne sein müsste. Da kommt Fantastic Man her. O.BEE dafür nicht. Sein „Acid Shower Mix” klingt aber auch nicht unbedingt nach verkalktem Duschkopf, eher wie Luftspülung vor der Panorama Bar. Insgesamt, schön: zerebrale Yogamaßnahmen für Leute, die zu viel Geld für schwarze Kleidung ausgeben. Christoph Gleich

GOME – Free Refill EP (Snackwax/803 Crystal Grooves)

Der Sommer lässt sich verlängern! GOME, das Hamburger DJ- und House-Produzenten-Duo, das sich mit Veröffentlichungen auf Heist Recordings und ihrem Snackwax-Imprint einen Namen gemacht hat, braucht dafür lediglich vier Tracks. Der Sound ist zumeist tief im rohen, 90er-inspirierten House verortet. Mit der Free Refill EP auf 803 Crystal Grooves Collective Cuts liefert sie genau jene wärmenden Vibes, die gerade jetzt gut kommen, um die wieder länger werdenden Nächte mit einer soulful und funky Positivness zu füllen. „Congratulations” eröffnet mit treibendem House, Piano-Chords und Synths – eine ausgesprochen gute-Laune-taugliche Nummer. Doch mein klarer Tipp: „Extraordinary” hat alles – nice Vocals, Breakbeats und vor allem diesen swingenden Groove. Oldschool, ohne nostalgisch zu wirken, irgendwie Hamburger Schule. „You Make” zieht die Schrauben etwas an, ist deeper House, gerade heraus, fast schon ein Tool. Einer dieser Tracks, die im richtigen Moment funktionieren. Zum Schluss geht es mit James Juke noch einmal konsequent nach vorne: „Keep The Party Going” macht seinem Titel alle Ehre und liefert schnörkellosen House für den Dancefloor. Überhaupt steckt in Free Refill viel von jener 90er-DNA, die GOMEs Sound prägt: swingende, knackige Drums, sirenenartige Synths, raue Chord-Stabs, hier und da Electro-Bässe, uplifting Piano-Hooks und immer wieder die 303. GOME machen eben hier ihr Ding, aktuelle Clubmusik mit Charakter, die übrigens genreübergreifend von Peter Kruder bis Pete Dougherty geschätzt wird. Liron Klangwart

Various Artists – [QR]V.205.DTON.26 & [QR]D.205.DTON.26 (COD3 QR)

Auf dieser Sechs-Track-Mini-Compilation auf seinem COD3-QR-Label setzt Laurent Garnier ein originelles, aber auch ein wenig verschrobenes Konzept um: Die Vinyl-Version und die Digital-Version enthalten jeweils zwei verschiedene Tracks von sechs verschiedenen Künstlern. Dabei geht es weniger darum, eine ideale Form der Vermittlung für einen bestimmten Track zu finden. Eher pullt Garnier einen Practical Joke, der augenzwinkernd darauf hinweisen soll, dass man eben beides braucht – Schallplatte und Download.

Stilistisch bewegen sich die zwölf Tracks von K’Alexi Shelby, Voltaire, Finder, The Lost Souldancer, Squal G und Electric Rescue bewegen sich im Detroit-Genre. Statt auf Pathos und Geschichtsverklärung setzen die Musiker auf einen lebendigen, gewitzten Umgang mit den Sounds. Das Spektrum reicht von den wüsten, manischen Acid-Klägen von Squal G bis zu den introvertierten Minimal-Grooves von Voltaire und angenehm verhaltenen hymnischen Klängen von The Lost Souldancer. Alexis Waltz

Yaleesa Hall x Datenfluss – Obsolete Signals (Data Therapy)

Früher stand so ein Kerl an der Tafel und wollte dir, durch seinen angegilbten Schnauzer, der aus einem bis zum obersten Knopf geschlossenen Karohemd lugte, erzählen, dass Anglizismen den Genitiv gefährden würden. Well, dieses Cabinet-Würzig-Mindset lässt sich schwer aus dem angetrockneten Gehörgang kratzen. Und das Darmstädter Label Data Therapy tut sein Übriges. Hier wird nämlich seit Kurzem ausschließlich gedenglischt. Und mit Konzept. Für den zweiten Label-Release finden sich Yaleesa Hall und Datenfluss für drei Tracks zusammen, die syntaktisch irgendwo zwischen Elektroakustikseminar und semi-funktionaler Clubpraxis rangieren.

Herz der drei Stücke sind pulsierende Dub Chords, um die herum sich ein gedämpftes und echotes Gerüst aus Drums aufbaut, deren fragmentierte Rhythmik aber nie in bloße Funktionalität überschwappt und sich ausschließlich als ästhetisches Konzept versteht. 

Der rhetorische Geist von Club-Funktionalität schwebt über allen Kompositionen, realisiert sich jedoch nur als grobe Idee, ohne klare Form, sondern als spirituelle Verkettung. Auf “Shockredux” bewegen sich betonige Kicks mit schweren Bassimpulsen über eine industrielle Fläche, aber nicht im erwartbaren Techno-Repetitismus, sondern auf gebrochenen Pfaden. Metallene Stabs verleihen dem Track eine maschinelle Schwere und bohren sich unter die Schädeldecke, wo sie als hypnotisches und psychoaktives Gespinst noch lange nach dem Hören fortbestehen. I think we have a grandios EP gehört. Jakob Senger 

Zola Marcelle – Kaofela (Remixes) (Anitdote Music)

Eine Mischung aus euphorischen Sommergefühlen und Melancholie bieten diese Remixe von „Kaofela”. Antidote Music bietet eine gut ausgewählte Kollektion von vier Mixen zu der souligen und sinnlichen Nummer der in England aufgewachsenen Shona-Sotho-Künstlerin Zola Marcelle, die sich zwischen Afro House, House und experimenteller Elektronik bewegen.

Privacii eröffnet mit einer Version, die „Kaofela“ deutlich stärker in Richtung Dancefloor zieht. Der Sound hat Ambiente-House-Vibes, erweitert den souligen Beat des Originals zu einem tanzbaren Track, dessen Klang bis zum Ende zwar gleich bleibt – jedoch mit raffinierten ups- und downs. Sibu Manzini knüpft an Privacii an – aber mit schnellerem und offensiverem Beat und Claps. Mit einem Break in der Mitte entwickelt er eine klare Dramaturgie. Und Aramboa denkt die Nummer noch offensiver für den Club. Komplett anders als die Vorgänger geht umuntfuNje die Aufgabe an: Sein Remix ist mit 110 BPM der langsamste Beitrag und führt den Song in eine deutlich experimentellere Richtung. Mit seiner ostasiatischen Klangästhetik wirkt der Mix fast schon psychedelisch – was kein Wunder ist, da der Produzent sich häufig hypnotischer Stilmitteln bedient.

Gerade die Diversität der einzelnen Tracks macht die EP interessanter als eine eintönige Ansammlung von Afrohouse-Mixen. Dabei bleibt doch immer die Stimme von Zola Marcelle im Fokus, die trotz Drums, Upbeat und schneller Rhythmik nicht an Sinnlichkeit und Präsenz verliert. Vielmehr wirkt es, als seien die Tracks um Marcelles Stimme herum gebaut worden. Interessant ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der unterschiedliche elektronische Perspektiven nebeneinander stehen dürfen. Die Produzenten unterstreichen, dass Afrohouse ganz unterschiedliche Weise erlebt werden kann: Mal näher am Dancefloor, mal zurückhaltender, mal beinahe entrückt und mal hypnotisch, so dass fast ein Mosaik des Genres Afro House entsteht. Und der Kontrast zwischen den ersten drei Tracks und umuntfuNjes langsamem, experimentellem Ansatz verhindert, dass die Platte redundant klingt. So handhaben diese Remixe Afrohouse nicht als fertige Schublade, sondern als Produkt der Experimentierfreude, die durch Marcelles Stimme geweckt wurde. Madu Abeysekera

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Motherboard: September 2026

Minimalistische Schleifen, hebräischer Vintage-Pop und hybrider Experimental-Beat: Das Motherboard führt durch herbstlich-sonische Fantasien.

Die Platten der Woche mit Carré, Gina Demarchi, Nice Girl, umuntfuNje und Yoogie Van Bellen

Unsere Platten der Woche kommen diesmal von Carré (Tempa.), Gina Demarchi (Crowd), Nice Girl (Public Possession), UmuntfuNje (Antidote Music) und Yoogie van Bellen & Christian Linder (Phonica Records)

Erinnerung ans Nachti 2025: Frühe Vögel, Nachteulen und Stoffzigaretten in Übergröße

Dieses Festivalsommer war Freund:innen ostdeutscher Schullandheimromantik besonders hart, denn: Kein Nachti. Wir blicken auf 2025 zurück.

Das Shifted Festival in Brandenburg: Camouflage-Hosen, Mikroröcke und ausgesprochen gute Pizza

Unsere Autor:in hat dem Festival, das auf Techno mit Ausrufezeichen setzt, eine kurzen Besuch abgestattet.