Im Juli lud das Stone Techno zu seiner fünften Ausgabe auf das Gelände der Kokerei Zollverein in Essen. Mit über 100 Artists auf fünf Tagesfloors, einem nochmals hochgefahrenen Produktionsniveau und der neuen Listening Stage machte das Festival künstlerisch den größten Schritt seiner bisherigen Geschichte. Dass die Organisation am Freitag nicht immer mithalten konnte, trübte den Gesamteindruck – und markiert zugleich die zentrale Baustelle auf dem Weg in die europäische Festival-Spitzenklasse.
Seit seiner Erstausgabe 2022 hat sich das Stone Techno Festival stetig weiterentwickelt. Es ist gewachsen, hat an Produktionsniveau zugelegt und dabei vor allem eines ausgebildet: eine eigene musikalische Identität. Der Anspruch der fünften Ausgabe war unüberhörbar, sowohl in Sachen Produktion als auch Booking einen großen Schritt nach vorne zu machen. Intern wurde 2026 gar zum Jahr der Transformation erklärt, Produktionsaufwand und Budget haben sich nach Angaben des Veranstalters im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.

Am deutlichsten lässt sich diese Entwicklung am Booking ablesen. Hard-Techno-Acts, vor wenigen Jahren noch Zugeständnis an den Zeitgeist, sucht man mittlerweile vergeblich. Stattdessen hat sich der musikalische Scope kontinuierlich erweitert: Zu praktisch jedem Zeitpunkt lief auf zwei bis drei der fünf Floors kein Techno. Für ein Festival, das den Genrenamen im Titel trägt, ist das bemerkenswert – und es ist die richtige Entscheidung. Denn ein weiteres, beliebig austauschbares Hard-Techno-Spektakel hätte sich in dieser Kulisse vermutlich einfacher verkaufen lassen. Der Mut zur Nische zahlt sich stattdessen in einem Publikum aus, das offenkundig genau deswegen anreist: Rund 75 Prozent der Gäste kamen aus dem Ausland, allein mehrere Hundert aus den USA. Eine Quote, die im deutschen Festivalgeschäft ihresgleichen sucht.
Eine völlig neue Identität
Räumlich wurde das Areal umgenutzt. Der alte Kokerei-Floor, der in den vergangenen Jahren nie zu 100 Prozent funktionierte, ist Geschichte. An seine Stelle tritt die neue Listening Stage, während die Koksofenbatterie auf der anderen Seite des Geländes einen neuen Dancefloor erhielt. Was auf dem Papier nach bloßer Umverteilung klingt, entpuppte sich vor Ort als konzeptioneller Volltreffer. Hinter der Mischanlage, räumlich getrennt vom Rest des Festivals, spannen sich zwei hohe Baldachine über den neuen Listening Floor: unter dem einen eine große Weinbar, unter dem anderen der eigentliche Dancefloor, den ein dreistufiges Podest auf drei Seiten wie eine niedrige Tribüne einfasst. Weitere Podeste in der Mitte lassen offen, ob man sitzen, liegen oder tanzen möchte. Zusammen mit einem großen Pop-up-Merch-Shop samt Plattenladen, in Kooperation mit Clone betrieben, verleiht das diesem Teil des Areals eine völlig neue Identität.

Entscheidend ist dabei, was die Listening Stage nicht ist: kein Ambient-Floor, auf den sich durchgefeierte Raver:innen zum Schlafen zurückziehen. Während solche Alternativ-Floors auf großen Festivals gern stiefmütterlich behandelt werden, wurde dieser komplett gleichwertig zu den klassischen Dancefloors konzipiert. 17 Artists spielten ausschließlich hier, und das Booking mit Namen wie Barker, Vladimir Ivkovic, Legowelt, upsammy und Kangding Ray sprach eine deutliche Sprache. Der Plan ging voll auf. Der Floor war durchgehend bestens besucht und wandelte sein Gesicht mit jedem Set. Mal wurde tatsächlich nur gelauscht, mal ausgelassen getanzt – man hätte problemlos das gesamte Wochenende hier verbringen und ohne jede Fomo nach Hause fahren können. Am schönsten verdichtete sich das am Samstag, als Richard Akingbehin und Tikiman ein hybrides Dub-Set mit Live-Vocals spielten. Das Publikum tanzte auf sämtlichen Podesten, die Weinbar lief auf Hochtouren, es herrschte Festivalstimmung im besten Sinne. Und zwar quer durch alle Fraktionen – neben den Nerds stand hier ganz selbstverständlich die All-black-und-kinky-Abteilung genauso wie die Normies unter den Besucher:innen.
Wir sind erst am Ziel, wenn der Schweiß von der Decke tropft!
Womit ein weiterer Pluspunkt benannt wäre: das Publikum. Auf dem Stone Techno feiert keine hermetisch abgeschlossene Bubble, wie es mittlerweile auf so manchem Szenefestival der Fall ist. Stattdessen vermischt sich alles zu einer heterogenen, vielseitigen Partygesellschaft, die dem Festival eine angenehme Leichtigkeit verleiht. Auffällig auch, wie stark der Anteil der oberkörperfreien Raver-Atzen abgenommen hat – die inzwischen allseits unbeliebte Fraktion war kaum noch präsent. Ins Bild passt das große Plakat mit einem simplen Set an Werten und Dancefloor-Etikette, das an allen Floors aushing: Hier wird nicht erzogen, sondern eine Haltung ausgestrahlt, die das Publikum gut annimmt.

Musikalisch lieferten auch die übrigen Floors auf hohem Niveau ab. Das Line-up brachte Techno-Granden wie DVS1 und Freddy K mit jüngeren Vertreter:innen wie Philippa Pacho und GiGi FM zusammen und ergänzte sie um genreflexible Artists wie Leon Vynehall, Sedef Adasi, OK Williams oder Call Super b2b Gabrielle Kwarteng. Entsprechend verteilt lagen die Highlights: Am Freitagabend lieferten Heiko Laux und Roman Flügel ein bemerkenswert bretthartes Back-to-Back ab, Ogazón und Quelza sorgten am Samstag für absolute Big-Room-Peaktime-Ekstase, und der etwas basslastiger programmierte Samstag am Werksschwimmbad gipfelte nach einem starken Set von Ehua b2b Martyn im Closing eines sichtlich begeisterten Leon Vynehall. Getragen wurde all das von einem merklich hochgefahrenen Produktionsniveau, gutem Sound und elaboriertem Bühnendesign.
Eintritt, Eintritt, heute ist nicht dein Tag!
Umso ärgerlicher, dass die Organisation da nicht durchgehend mithalten konnte. Am Freitag bildeten sich aufgrund von organisatorischen Schwierigkeiten mit Logistik und Infrastruktur am Einlass bei brütender Hitze 100 Meter lange Schlangen. Als der Knoten endlich gelöst war, strömten in kurzer Zeit sehr viele hungrige und durstige Menschen aufs Gelände und überforderten damit vor allem die Essensstände – die Versorgungslage war in dieser Phase schlecht. Fairerweise muss man festhalten, dass das Einlassproblem behoben wurde und an den Folgetagen kein Thema mehr war. Im Hintergrundgespräch mit der GROOVE gab sich Veranstalter Ahmet Sisman zudem selbstkritisch: Von Pech will er ausdrücklich nicht sprechen, an Budgetgrenzen habe es ebenfalls nicht gelegen. Vielmehr habe der gewachsene organisatorische Aufwand samt einem von einer Ausgabe auf die andere stark vergrößerten Team Wachstumsschwierigkeiten mit sich gebracht. Erschwerend kommt hinzu, dass das Welterbe Zollverein nie als Location für Großveranstaltungen errichtet wurde. So brachte selbst die Aufstockung von acht auf zwölf Wasserbars neue Schwierigkeiten mit sich, weil mit jeder zusätzlichen Zapfstelle der Wasserdruck auf dem Gelände sinkt. Ein Argument ist das für die Gäste freilich nicht – wer ein Ticket kauft, hat ein Recht auf das bestmögliche Festivalerlebnis. Zur Einordnung sind diese Umstände dennoch relevant.

Denn der Anspruch des Stone Techno ist klar: Man will zur Elite der europäischen Nischenfestivals aufschließen. Eine angemessene Messlatte dürfte das Draaimolen sein, das sich ebenfalls durch enorm hohes Produktionsniveau, künstlerischen Anspruch und kreatives Booking einen Namen gemacht hat. In puncto Booking wurde dieser Anspruch in diesem Jahr bereits erfüllt, das kann man so deutlich sagen. Mit seiner musikalischen Qualität und Bandbreite kann das Stone Techno es im elektronischen Bereich inzwischen mit den Besten aufnehmen. Was jetzt folgen muss, ist ein höheres Maß an organisatorischer Konstanz und Verlässlichkeit. Im Zentrum jedes Festivals steht schließlich das Besucher:innenerlebnis. Das hängt aber nicht nur von Musik und Produktion ab, sondern genauso von guter Organisation und Versorgung – erst recht bei einem Publikum, das mit Flug und Hotel um die halbe Welt anreist. Wer zu den Top-Festivals zählen will, muss auch in diesem Bereich abliefern. Auftrag und Anspruch an die Veranstalter sind für 2027 also klar formuliert. Das Fundament dafür, das hat dieses Wochenende eindrucksvoll gezeigt, steht längst.