Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Carré – Citrine EP (Tempa.)
„Ein großer Auftritt bringt große Verantwortung.” Das sagt der angegraute Onkel zum aufstrebenden Dubstep-Producer. Stattdessen meinen viele der unverbesserlichen EDM-Rotzbengel: schön die leeren Flächen im Stile einer Blechdosen-Kapelle mit hyperventilierenden LFOs überladen. Na ja, die Kunst besteht eben darin, mit vier oder fünf Elementen das Nichts nicht nach nichts, sondern viel klingen zu lassen. Die französische Produzentin Carré beschäftigt sich auf ihrer nunmehr dritten EP auf Tempa mit ebendiesen feinen Zwischentönen und versucht sich an einer Gratwanderung zwischen Raum und Intensität.
„Spend Ii feat Mercury” und „Enough” besitzen klare Formen, atmungsaktives Drumming und reduziertes, digitales Future-Jazz-Arrangement. Sie umschließen die Tracklist wie ein vibiges Sandwich in Deep-Heads-Optik. „Sense of Place” wiederum setzt eine perkussive Rhythmik in den Mittelpunkt, die von sanften, ozeanischen Chords getragen und von schrillen LFO-Ausreißern in TraTraTrax-Manie(r) punktuell beheizt wird. Der Kopf sagt Neo-Soul, das Herz meint Dembow.
„Static” ist die obligatorische Dampfwalze: kompromisslos und tieffrequent. Das hypnotische und technoide Sounddesign erinnert an die Produktionen von Kryptic Minds. Schwer arbeitende Kicks und aggressive, protzige Wobbles, die dennoch nie überladen wirken. Und genau dieses Verständnis von horizontalem statt vertikalem Sounddesign zeichnet diese feine kleine Dubstep-Hörung aus: Keine Überlagerungen, keine Dominanz, Sounds dürfen atmen und verweben sich zu flachen und organischen Songstrukturen, die ganz ohne großspurige Drops auskommen. Jakob Senger

Gina Demarchi – Other Side (Crowd)
Wer weiß, wie Gina Demarchi auf eigentlich allen von ihr existierenden Fotos in die Kamera lächelt – nämlich nicht, und zwar konsequent –, hat es mit ihrer Musikerklärung nicht so schwer. Other Side, eines ihrer vier, hust, Alben ist ein bisschen das, was man im dritten Programm unter die Bilder legt, wenn der Redakteur mal wieder einen Beitrag über irgendwas mit dem Berghain gemacht hat. Da scheppert es dann aus dem gepflegten Bildungsbürgerfernsehen, und alle sind froh. Der Redakteur, der jetzt ziemlich cool dasteht. Der Sender, der keine Ahnung davon hat. Und die fünf Zuschauer, wenn das Geböllere wieder aus ist. Denn: Dub und Hardgroove, das ist so eine ganz blöde Sache. Eine, die zum Beispiel Cosmin TRG, der ja mit Dub-Chords allerlei Kunststücke vorgeführt hat, niemals eingefallen wäre. Zu Recht, meint das nasse Handtuch, das einem ins Gesicht klatscht. Nämlich immer dann, wenn die Kick wie Computermausklicken von 1997 klingt und das magenverstimmte Samplepackgrummeln die Existenzberechtigung feiert. Aber, puh, vielleicht hat das ja einfach so zu sein dort drüben, auf der anderen Seite. Christoph Gleich

Nice Girl – Part 2 (Public Possession)
„Hot Water”, der Opener dieses Two-Trackers, beginnt unscheinbar, aber alle, die hier nicht gleich aussteigen und den nächsten Track anwählen, werden üppig belohnt. Das leider nur vier-dreiviertel Minuten lange Stück entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer ungeahnt komplexen kleinen Synth-phonie mit cineastisch-dramatischen Sounds, ohne dabei zu dick aufzutragen. Toll gemacht, hätte gerne noch ein paar Minuten weiter gehen können. Track zwei beginnt ähnlich unspektakulär wie Nummer eins, aber zum gängigen Discobass addieren sich schneller als beim Vorgänger jede Menge Elemente zwischen Bleeps und diversen Vocals hinzu, die wieder ein ziemlich ungewöhnliches Szenario entstehen lassen zwischen Film- und Game-Welt. Ruby Kerkhofs, die hinter dem Alias Nice Girl steckt, hat die seltene Gabe, Anspruch mit Leichtigkeit und Spaß zu verbinden – davon kann’s nicht genug geben! Mathias Schaffhäuser

umuntfuNje – Nhlangano EP (Antidote Music)
Das Debüt von umuntfuNje ist schon am 1. Mai erschienen, die Promo trudelte erst vor ein paar Tagen ein. Vielleicht tickt die Promoter-Uhr im Königreich Eswatini, Heimat des Debütanten und seines Labels Antidote Music, ein wenig langsamer. Bekannt wurde das Imprint aus dem Land, das zwischen Südafrika und Mosambik liegt, 2014 mit einem Remix einer Nummer von Sängerin Nomalungelo Dladla, dessen melancholisch abgeklärte Stimmung an US-House-Acts wie Rick Wilhite oder Alton Miller erinnert. umuntfuNje bewegt sich im 3-Step-Afrohouse-Subgenre, biegt dessen Standards jedoch mit sanft arpeggiierten Akkorden und einer gepolstert-dumpfen Kick in eine Richtung, die, das mag ein wenig weit hergeholt klingen, an gewisse Frankfurter Minimal-House-Traditionen erinnert, an die Ästhetik der Redundanz eines Losoul etwa, dessen Liebe zum monotonen Groove hier ein Echo in der postkolonialen Welt zu finden scheint. Ein wenig aus dem Zusammenhang fällt „Sirius”, hier wechselt der Produzent zu dubbig-verschleppten Broken Beats. Üppige Akkorde und ein vertracktes Rhythmusgeflecht rücken sein Gespür für ein eigenwilliges Sounddesign in den Vordergrund. Alexis Waltz

Yoogie Van Bellen & Christian Linder – Electric Nite / Atmospheric (Phonica) [Reissue]
Jane Fitz hat mit dieser Platte letztes Jahr auf dem Houghton ihr Set abgeschlossen. Das steht nicht umsonst im Pressetext, denn das heißt: Quality! House! Techno! Trance! Irgendwas dazwischen, aber immer ein absoluter Trip.
„Electric Nite” entwickelt sich über zehn Minuten natürlich weiter, indem es die komplette Trance-Techno-Klaviatur verdichtet: Stimmengewirr, prähistorisches Vogelgeschnatter, Prog-Bässe und aparte Keys, ein wenig wie bei Pilgrims of the Mind. Zu „Atmospheric”, das nach drei Minuten einen monströsen Backbeat auffährt und mit Call-and-Response-Wolfsgeheul besticht, lässt sich ebenso feststellen, dass ein Trip vorliegt. Dieser kommt allerdings in Schüben und überwältigt punktuell.
Was bleibt zu sagen? Wenn Trance-Revival, dann bitte so. Zweimal feinstes Hirnrindengeschrabbel aus dem Jahre 2001, zu dem sich exzellent eine bessere Welt imaginieren lässt. Wer braucht schon die Twin Towers, wenn er diese Platte hat? Maximilian Fritz
