burger
burger
burger

Die Platten der Woche mit Jonathan Kaspar, Sam Goku, Surface Access, Tom Trago & Yasin Engwer

Zu allen Platten-der-Woche-Ausgaben kommt ihr hier.

Jonathan Kaspar – Time EP (These Eyes)

Eine unverkennbare Dramaturgie erschwert bei Jonathan Kaspars Time EP die Entscheidung zwischen Kinosessel mit Hi-Fi-Anlage und großen Augen auf der Tanzfläche. Nackte Breaks treffen elegant auf ein sentimentales Melodiegerüst, getragen von für ihn typischen, präzise gesetzten Drums. Bässe mit vokaler Anmutung wirken dabei wie der Soundtrack des gefrorenen Januars.

Mit Veröffentlichungen auf Innervisions, Kompakt und zuletzt Cocoon beweist Kaspar seit Jahren Produktionsqualität für die große Bühne – die Übersetzung dieser Handschrift in etwas Introvertierteres gelingt hier beeindruckend. Im Eröffnungsstück „Time” treffen klare Breaks auf weiche Kicks und Synthesizer mit melodischem House-Einschlag, eine Kombination, die Antizipation aufbaut. Mit „Where Are You” betritt er neues klangliches Terrain: düstere Gefühlsmusik in Form seines ersten Ambient-Stücks. Ob Breaks oder epischer Ambient – mit der dritten Veröffentlichung auf These Eyes nach sechs Jahren trifft Kaspar graziös die Stimmung der beginnenden Nacht: die Transformation vom Zuschauer zum Hauptdarsteller. Paul Sauerbruch

Sam Goku – Explorations 03 (Permanent Vacation)

Ende Januar in Berlin ist: Schnee und Glatteis auf die Eins. Neujahrseuphorie ist ein abstraktes Phänomen, das Wort Sommer umgibt ein Schleier mythischer Ferne und dieser Tischtennisfilm läuft immer noch nicht im Kino. Also, an einem besonders blue-en Monday mal wieder Skyscanner runterladen und den grünen Fußabdruck für einen 20-Euro-Flug nach Marseille abschenken. Weil, die da oben sind ja auch längst drüber. Und Ashram in Berlin ist längst nicht das Gleiche.

Erst mal reicht aber Detroit, also der stadteigene House. Und München, lieber mit Regio statt ICE. Übrigens, wo bekommt man hier Augustiner Alkoholfrei, frage für einen Freund. Dann doch erst mal zelten mit der Kapelle und ab ins Bandcamp. Weil: Das hab‘ ich in der Tasche. Und in den Ohren. Die Rede ist von Sam Gokus neuer EP auf Permanent Vacation. Die ist nämlich dubby, housy und eindeutig beinfrei. Eben genau das, was man gerade vermisst: Frühsommerlicher Datschen-Rave statt CTM-Kontemplation, Spanferkelgrillen am Blücherplatz statt hastigem Dürüm mit tauben Fingern. Vorne drückt ein schnörkelloser Beat das Tanzbein ins Gehöft, hintenrum breiten sich schwerelose Ambient-Pads und soulige Vocals aus. Eine EP wie ein erster Frühlingskrokus. Jakob Senger

Surface Access – Transfer (Other People) 

Man wacht auf, die Welt ist draußen noch immer dieses unfertige Provisorium aus Beton und schlechtem Wetter, und dann legt man die hier auf. Surface Access. Angeblich zwei Typen aus Paris, aber eigentlich egal, weil: Da ist dieser Basic-Channel-Akkord, dieser eine, den wir seit 1995 im Kopf haben. Und der schon nach zwei Sekunden anzapft. In den Gehirnschalen. Von denen eine auf die graue Raufasertapete starrt und die andere denkt, ja, genau so muss sich eine ordentlich kuratierte Depression anfühlen. Also, ähm, das sind zwei Seiten, die Dub Techno atmen, vielleicht sogar Dub Techno sind. Alles ist trocken und nass, dass man ständig das Bedürfnis hat, aufs Klo zu rennen und dann doch wieder zwei Liter Wasser runterzukippen. Keine Überraschung: Transfer erscheint auf Nicolas Jaars Label Other People. Was logisch ist, weil Jaar der Endgegner im Spiel „Wie klinge ich gleichzeitig nach Avantgarde und Tiefgarage” ist. Und bleibt. In dieser schönen Welt aus Beton und Bäh. Christoph Benkeser

Tom Trago – Use Me Again (and Again) (Voyage Direct)

Wenn „Use Me Again (and Again)” von Tom Trago läuft, ist sofort Sommer im Kopf. Ein schönes Kontrastprogramm zur klirrenden Kälte, die seit Wochen in Geiselhaft hält. Grau wird hier wieder zu bunt. Zum Glück bekommen wir diesen Winter einen Reissue des Disco-House-Klassikers von 2010 spendiert. Ein bisschen Gänsehaut löst schon aus, wenn anfangs neben den Drums der Bass mit dem prägnanten Filter einsetzt. Wahrscheinlich, weil viel Nostalgie mit drin ist: das erste Mal in einem richtigen Club tanzen, der erste Kuss, irgendwas in diese Richtung. Auch ist das Rework von Carl Craig wieder mit auf der Platte vertreten. Im Gegensatz zum Original stinkt es allerdings etwas ab. Oder ist es eher das Gefühl, dass Carl Craig hier nicht alles aus seinem Studio herausholt? Auf jeden Fall ist da noch Luft nach oben. Ein Beispiel dafür: „Throw” von Craigs Alias Paperclip People. Es fehlt die Intuition für musikalische Texturen, die er sonst so gekonnt unter Beweis stellt. Trotzdem sollte man trotzdem 2016 kurz beiseite schieben und den Plattenteller noch einmal auf 2010 zurückdrehen. Michael Sarvi

Yasin Engwer – Onyx EP (ESHU)

Wie wunderbar unzeitgemäß startet diese EP: Über zehn Minuten fließt das auch äußerst unzeitgemäß betitelte „New Horizon” ohne Breakdowns, Bridges und Effektgedöns dahin und wird seltsamerweise zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die Eckdaten formen sich aus Verwandtschaften zu Dub House und Minimal, jedoch ohne Nachplappern der jeweiligen Stilvorgaben – Clubmitglied wird man so nicht, und vielleicht ist es genau das, was die Musik von Yasin Engwer interessant macht: dass er es schafft, in diesem unendlich oft beackerten Terrain individuell zu bleiben, trotz bekannter Sounds und erkennbarer Peergroup-Signale. Dabeisein ohne Anbiederung, Individualität ohne Rumgeprotze, einfach machen, was aus dem eigenen Inneren in die Maschinen fließt. So klingt diese Onyx EP, deren Name Bezug nimmt auf Farbvarianten verschiedener Quarze und damit auch den Geist der Verbundenheit mit diversen Gruppen über gemeinsame Elemente mitschwingen lässt. Und um Engwers Solodebüt zu feiern, gibt es zum Vier-Track-Vinyl noch einen Digi-Bonus-Song und zwei weitere auf einer 10-Inch. Mathias Schaffhäuser

Die EP lässt sich hier vorhören.

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Motherboard: März 2026

Klangreisen zwischen Onsen-Stille und Berliner Club-Dunkel – das Motherboard erkundet Synthesizer-Träume, freien Jazz und zarte Kammermusik.

Die Platten der Woche mit Brendon Moeller, Tommy Four Seven, Lurka, Per Hammar und Sam Goku

Unsere Platten der Woche kommen diesmal von Brendon Moeller, Tommy Four Seven, Lurka, Per Hammar und Sam Goku.

Februar 2026: Album des Monats

Auf dem Album des Monats umschifft Soreab Vorhersehbarkeit perfekt, indem er seinen Seelendruck in zehn abwechslungsreiche Tracks gießt.

GROOVE Reviews: Teil 2 der Alben im Februar 2026

Teil 2 der Alben im Februar – mit Reviews zu Maara, Noémi Büchi, Nondi_, Placid Angles und Shane Parish.