Morgen startet das zweiwöchige Klangkunstfestival in acht Städten Nordrhein-Westfalens: BLAUES RAUSCHEN wirkt dabei nahbarer als vergleichbare Veranstaltungen, die oft auf Gigantomanie setzen. Der ästhetische Anspruch des Festivals ist dennoch beachtlich. Wir wollten vom künstlerischen Leiter Karl-Heinz Blomann wissen, wie er die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, Realität und Fiktion sowie Klang und Stille erlebbar machen will.
GROOVE: Das BLAUE RAUSCHEN verbindet Musik und Klang mit den Themen Körper, Technologie und Urbanismus – warum ist dir gerade diese Verbindung wichtig?
Karl-Heinz Blomann: Für mich entstehen genau an diesen Schnittstellen die interessanten künstlerischen Fragen. Musik und Klang stehen nie isoliert, sondern immer in Beziehung zu Körpern, Räumen, Technologien und gesellschaftlichen Veränderungen. Der Körper ist dabei der Ausgangspunkt des Hörens. Gerade in einer Zeit zunehmender Digitalisierung interessiert mich, wie sich menschliche Präsenz, Stimme, Improvisation und reale Instrumente verändern oder behaupten.
Wie schaust du da auf das Digitale?
Technologie verstehe ich dabei nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Gegenüber. Mich interessieren die Reibungen zwischen menschlichem und maschinellem Hören, zwischen analog und digital, zwischen Kontrolle und Offenheit.

Wie vermittelt ihr den Besucher:innen des Festivals die Konstellation aus Körper, Technologie und Stadt? Wie wird sie in einem Konzert oder einer Installation erlebbar?
Man kann das vielleicht anhand einiger sehr unterschiedlicher Arbeiten des aktuellen Programms zeigen. Bei Navid Navab wird ein historisches Orgelinstrument mit Robotik, Sensoren und Luftsystemen verbunden. Die Maschine reagiert auf ihre Umgebung und entwickelt ein beinahe organisches Eigenleben zwischen Kontrolle und Instabilität. Bei Farzané steht die direkte Interaktion zwischen Mensch und Computer im Mittelpunkt. Klang entsteht in Echtzeit zwischen improvisatorischer Entscheidung und algorithmischer Reaktion. Die Performances von NKISI machen Klang stark körperlich erfahrbar. Rhythmus, elektronische Verdichtung und urbane Energie erzeugen Situationen, in denen Technologie, Raum und physische Wahrnehmung unmittelbar zusammenkommen.

Wann wird aus Klang Musik und inwiefern ist Musik Klang? Wie stellt sich die Frage beim Blauen Rauschen?
Die Frage, wann aus Klang Musik wird, ist eigentlich bis heute offen. Physikalisch betrachtet ist zunächst alles Klang: Geräusche, Sprache, Maschinen, Wind, digitale Signale oder Stille als Teil eines akustischen Raums. Musik entsteht vielleicht erst in dem Moment, in dem Menschen beginnen, diese Klänge bewusst wahrzunehmen, zu ordnen oder emotional und kulturell aufzuladen.
Welche musikgeschichtlichen Stationen interessieren dich da besonders?
Die experimentelle Musik des 20. und 21. Jahrhunderts hat diese Grenze immer wieder infrage gestellt. Spätestens seit John Cage, der Musique concrète oder den Futuristen um Luigi Russolo wurde deutlich, dass auch Maschinen, Zufallsgeräusche, urbane Räume oder technische Prozesse musikalisches Material sein können. Musik ist dann nicht mehr nur Melodie oder Harmonie, sondern eine Form des Hörens und der Aufmerksamkeit.
Wie verortest du dein Festival da?
Beim BLAUES RAUSCHEN stellt sich diese Frage deshalb auf besondere Weise, weil wir genau an diesen Übergängen arbeiten. Viele Projekte bewegen sich zwischen Konzert, Klanginstallation, Field Recordings, Performance, algorithmischer Komposition und Geräuschkunst. Uns interessiert weniger eine feste Definition von Musik als vielmehr die Frage, wie sich Hören verändert, wenn analoge und digitale Prozesse, menschliche Körper, KI-Systeme oder urbane Klangräume aufeinandertreffen.

Was passiert da in deinen Augen?
Dabei geht es auch darum, ob Maschinen nur Klänge erzeugen oder ob sie selbst bereits musikalische Entscheidungen treffen können. Wann wird ein Algorithmus zum Mitgestalter? Wann bleibt Klang reine Information und wann entwickelt er emotionale, soziale oder sogar politische Bedeutung? Im Spannungsfeld zwischen menschlichem Hören und maschinellem Hören entstehen heute völlig neue Formen von Musik und Wahrnehmung. Vielleicht wird aus Klang genau dann Musik, wenn zwischen dem Klang und dem hörenden Menschen eine Beziehung entsteht. Und genau dieser offene Raum interessiert BLAUES RAUSCHEN.

Was hat das Festival mit dem Ruhrgebiet zu tun?
Das Ruhrgebiet prägt das Festival dabei stark. Seine industrielle Geschichte, die vielen Städte und der bis heute andauernde Strukturwandel sind auch akustisch spürbar. Gleichzeitig fehlt der Region – trotz ihrer kulturellen Vielfalt – oft noch eine Wahrnehmung von außen. Das lässt sich nicht allein durch einzelne große Kulturereignisse verändern. Wichtig wären langfristige angelegte Netzwerke, stärkere Kooperationen innerhalb der Region und eine nachhaltige Unterstützung regionaler Künstler:innen und unabhängiger Szenen.
2026 seid ihr in Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Kaarst, Duisburg und Mülheim zu Gast – wie habt ihr diese Städte ausgewählt, und was bedeuten sie dir?
Die Auswahl der Städte ist weniger geografisch als vielmehr inhaltlich entstanden. Uns interessieren Orte mit eigenen kulturellen Szenen, unabhängigen Räumen und Menschen, die offen für experimentelle Formen zwischen Klang, Kunst und Technologie sind. Gerade im Ruhrgebiet liegen diese Orte nah beieinander und haben trotzdem jeweils ihre eigene Atmosphäre.

Was veranstaltet ihr in den einzelnen Städten?
BLAUES RAUSCHEN versteht sich deshalb nicht als Festival an einem zentralen Ort, sondern als Verbindung unterschiedlicher urbaner Räume und kultureller Kontexte. Essen ist dabei mit drei Spielstätten der Hauptaustragungsort des Festivals. Bochum war in den vergangenen Jahren durch Lectures und Talks im Atelier Automatique sowie Konzerte im Schlegel Kultur Club präsent und ist in diesem Jahr mit einer Installation und Konzerten im Anneliese Brost Musikforum vertreten. Dortmund steht stärker für Medienkunst und digitale Kultur, während Herne und Gelsenkirchen oft eine besondere Offenheit für experimentelle Formate ermöglichen. Duisburg und Mülheim erweitern das Festival zunehmend in Richtung neuer Kooperationen innerhalb der Region. Kaarst beziehungsweise der Verein Culture without Borders passt mit seinem künstlerischen Konzept und dem gesamten Environment hervorragend zu Sound-Art-Produktionen. Im letzten Jahr war es Wald und Klang, in diesem Jahr ist es Cycle and Recycle.

Kannst du dir vorstellen, weitere Städte für das Festival zu erschießen?
Ich hoffe, dass BLAUES RAUSCHEN künftig in zehn Städten vertreten sein wird. Denn gerade aus dieser Vielstimmigkeit könnte das Ruhrgebiet langfristig eine eigene kulturelle Identität und stärkere überregionale Ausstrahlung entwickeln. Das Festival soll deshalb nicht nur Konzerte präsentieren, sondern auch ein offener Raum sein, um über Gegenwart und Zukunft nachzudenken, zwischen Mensch und Maschine, Stadt und Klangraum.
Wie schaust du mit dem Festival auf Technologie? Auf der einen Seite soll sie den Menschen das Leben erleichtern, KI und Robotik könnten aber bald viele menschliche Tätigkeiten überflüssig machen.
Wir beschäftigen uns mit diesen Fragen bei BLAUES RAUSCHEN bereits seit vielen Jahren. Dabei wird deutlich, dass unterschiedliche Regionen der Welt sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, wie Technologie eingesetzt werden sollte. Europa bewegt sich dabei oft mit einem anderen Wertekodex als beispielsweise die USA oder viele asiatische Länder. Fragen nach Datenschutz, gesellschaftlicher Verantwortung oder dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine werden sehr unterschiedlich bewertet.

Was erwartet uns da in Europa?
Die daraus entstehenden Konflikte werden in Zukunft auf vielen Ebenen sichtbar sein, wirtschaftlich, politisch, kulturell und auch künstlerisch. Das betrifft zunehmend auch die Kulturförderung und die Frage, welche Macht die internationalen Tech-Konzerne über digitale Infrastrukturen, Plattformen und kreative Werkzeuge besitzen. Gleichzeitig verändern KI und Robotik bereits heute viele Arbeitsbereiche und könnten langfristig menschliche Tätigkeiten in großem Umfang ersetzen.
Was bedeutet das für Kunst und Musik?
Da geht es besonders um das Urheberrecht. Wem gehören Inhalte, Daten oder künstlerische Arbeiten, wenn KI-Systeme mit bereits existierenden Werken trainiert werden? Wie können Künstler:innen geschützt und gleichzeitig neue kreative Möglichkeiten offen gehalten werden? Gerade im künstlerischen Bereich stehen wir hier erst am Anfang einer größeren gesellschaftlichen Debatte.

Wie reagiert ihr mit dem Festival auf das Thema?
Uns interessiert Technologie nicht nur als Innovation, sondern auch als kulturelle und gesellschaftliche Herausforderung. Viele Arbeiten bei BLAUES RAUSCHEN bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt, Kunst und gesellschaftlicher Verantwortung.
Eine persönliche Frage: In deiner Biografie kommen Musik, Pädagogik und Medientheorie zusammen. Wie kommt diese interessante Mischung im Festival – in Form und Kuration – zum Ausdruck?
Für mich gehören Musik, Pädagogik und Medientheorie von Anfang an zusammen. Musik war nie nur Klangproduktion, sondern immer auch eine Form des Denkens und gesellschaftlichen Austauschs. Durch die Kunst die Köpfe öffnen ist deshalb nicht zufällig einer meiner Slogans.
Im Festival BLAUES RAUSCHEN zeigt sich diese Mischung in der Verbindung von Konzert, Klangkunst, Performance, Workshops und Talks. Durch die Nähe zwischen Künstler:innen und Publikum versuchen wir dabei einen Austausch herzustellen, bei dem Neugier wichtiger ist als Vorwissen. Mich interessiert weniger ein starres Festivalformat als ein offener Raum zwischen analog und digital, Mensch und Maschine, Theorie und Praxis. Dabei geht es nicht nur um Kunstwerke, sondern auch um die Frage, wie Technologie unsere kulturelle Wahrnehmung und unser Zusammenleben verändert.

Und zuletzt: Warum der Name?
Der Name BLAUES RAUSCHEN stammt ursprünglich aus der Akustik und Signalverarbeitung. Physikalisch bezeichnet „Blue Noise” eine Form von Rauschen, bei der die höheren Frequenzen stärker betont werden als die tiefen. Vereinfacht gesagt steigt die Energie pro Oktave um etwa drei Dezibel an. Dadurch wirkt Blaues Rauschen heller, schärfer und offener als etwa White Noise oder Pink Noise.
Interessant war für mich dabei aber nie nur die physikalische Definition, sondern auch der Begriff des Rausches selbst. Rausch und Rauschen stehen für Überlagerung, Verdichtung und die Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrnehmungen, die heute auch in Psychologie und Wahrnehmungsforschung untersucht werden.
So ergibt sich aus meiner Sicht auf verschiedenen Ebenen eine Art Interpretationsoberfläche zwischen technischer Beschreibung und poetischer Vorstellung, zwischen Klang, Störung und Bewegung. Genau in diesem offenen Feld bewegt sich auch das Festival.
