Juan Atkins ist tot. Der DJ, Produzent und Labelmacher aus Detroit wurde am Abend des 31. Oktober leblos in seinem Hotelzimmer in Mexiko-Stadt aufgefunden, wo er im YuYu Cine Club auflegen sollte. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und dort für tot erklärt, seine Agentur Greensmith Artists gab die Nachricht am 1. November bekannt. Laut Pitchfork soll er einen Herzinfarkt erlitten haben, offiziell gibt es zur Todesursache bislang keine Angaben. Juan Atkins wurde 64 Jahre alt. Atkins kämpfte seit Jahrzehnten mit den Folgen einer schweren Diabetes-Erkrankung.
Mit ihm verliert die elektronische Musik einen ihrer Gründerväter. Von den Belleville Three, dem Trio mit Derrick May und Kevin Saunderson, war er der Älteste und der Erste, der Musik mit Maschinen machte. Man nannte ihn „The Originator“. Er gab dem Genre nicht nur eine klangliche Sprache, sondern auch seinen Namen.
Funk, Kraftwerk und „The Third Wave”
Juan Atkins wurde am 12. September 1962 in Detroit geboren, sein Vater war Konzertveranstalter. Schon als Kind spielte er Gitarre und Bass in Funk- und Garage-Bands. Nach der Trennung der Eltern zog er nach Belleville, eine Kleinstadt westlich von Detroit, wo er May und Saunderson in der Junior High School kennenlernte. Seine Großmutter, in deren Nähe die Familie wohnte, ließ sich überreden, ihm einen Synthesizer zu kaufen. Mit 15 besaß er einen Korg MS-10.

Die P-Funk-Kollektive Parliament und Funkadelic nannte Atkins die Musik seines Erwachens, er hörte den einflussreichen Detroiter DJ The Electrifying Mojo im Radio und entdeckte dort Kraftwerk. Ein Buch war für ihn besonders wichtig Alvin Tofflers The Third Wave von 1980, eine optimistische Vision der postindustriellen Gesellschaft, in der „Techno-Rebellen“ die Technik zur eigenen Befreiung nutzen. Atkins sah in Detroit, der zerfallenden Autostadt, keine Endstation, sondern den Ausgangspunkt einer technologischen Zukunft.
Die Seitengassen des Bewusstseins
Am Washtenaw Community College traf er Rick Davis, einen Vietnamveteranen, der einen der ersten Roland-Sequencer besaß und ihm die Grundlagen elektronischer Klangerzeugung zeigte. Davis war zehn Jahre älter, Atkins beschrieb ihn als Vaterfigur. Gemeinsam gründeten sie Cybotron. Die ersten Singles „Alleys of Your Mind“ (1981) und „Cosmic Cars“ (1982) erschienen auf Atkins’ Label Deep Space Records und verkauften sich allein in Detroit zehn- bis fünfzehntausend Mal. Mojo spielte „Alleys of Your Mind“ in seiner Sendung.
1983 unterschrieb das Duo bei Fantasy und veröffentlichte das Album Enter. Das dort vertretene „Clear“ gilt als erster prägender Moment von Techno. Nach „Techno City“ und „R-9“ verlor Atkins das Interesse an der rockigeren Richtung, die Cybotron einschlug, und stieg aus.
Metroplex, Model 500 und ein Name
Im April 1985 veröffentlichte Atkins als Model 500 „No UFO’s“ auf seinem neuen Label Metroplex, das sich Chicago besser verkaufte als in Detroit. Es folgten Klassiker wie „Night Drive“ und „The Chase“, und Metroplex wurde zur Heimat früher Detroit-Platten wie Kevin Saundersons „Triangle of Love“.

1988 kam der Moment, in dem die Musik ihren Namen fand. Der britische Northern-Soul-DJ Neil Rushton stellte für 10 Records eine Compilation mit Tracks aus Detroit zusammen, sie erschien im Mai 1988. Arbeitstitel war „The House Sound of Detroit“, doch Atkins’ Stück „Techno Music“, dessen Titel auf Toffler zurückging, führte zur Umbenennung in Techno! The New Dance Sound of Detroit. Der Terminus wurde zur Bezeichnung für die neue Musik.
Die Achse Detroit–Berlin
Zwar traten auch andere Detroit-Acts von Beginn an in der Stadt auf, aber kaum ein Detroiter Produzent war Berlin so eng verbunden. 1992 erschien 3MB Featuring Magic Juan Atkins mit Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann. Für das belgische Label R&S nahm er als Model 500 die Alben Deep Space (1995) und Mind and Body (1999) auf. Mit von Oswald bildete er später das Duo Borderland, deren Alben 2013 und 2016 erschienen. Tresor beschrieb diese Verbindung als Achse zwischen Detroit und Berlin, zwischen Metroplex und Tresor.
Klang, Schwingungen und die Geometrie des Sounds
2007 stellte Atkins eine Model-500-Band zusammen, die beim Detroit Electronic Music Festival debütierte und dann in Europa, Asien und Australien spielte. 2015 erschien mit Digital Solutions das erste Model-500-Album seit 16 Jahren, zu seinem 35-jährigen Karrierejubiläum. 2017 traten die Belleville Three erstmals offiziell gemeinsam auf.
Dann kehrte er zu seinem Cybotron-Alias zurück. Mit Tameko Williams und Laurens von Oswald spielte Cybotron im April 2019 im Londoner Barbican sein erstes Konzert überhaupt und 2023 erstmals in Detroit beim Movement-Festival. Im selben Jahr erschien auf Tresor Maintain The Golden Ratio, die erste neue Cybotron-Musik seit fast drei Jahrzehnten. In seinen letzten beiden Jahren war er von New York bis Berlin in Clubs zu hören und auf den Hauptbühnen von Movement, Dekmantel und Houghton. Ein weiteres Borderland-Album war in Planung.

Atkins verband das, was Detroit im Blut hatte, mit dem, was aus Düsseldorf kam: die Bässe und den Kosmos des P-Funk mit der Präzision von Kraftwerk. Er selbst sah seine Innovation darin, dass er mit Davis die ersten komplett elektronischen Aufnahmen im Dance und RnB-Bereich gemacht habe. Was er tat, war für ihn immer konzeptuell, es ging um Klang, Schwingungen und die Geometrie des Sounds.
Kevin Saunderson verabschiedete sich von seinem „brother” als Erfinder des Techno und Visionär, der vielen die Tür geöffnet habe, ihm selbst eingeschlossen. „Er hat sich nie beschwert, er hat nie erwähnt, wie krank er war, er hat einfach seinen Job gemacht“, sagt Derrick May in einem Video. May bittet darum, Atkins’ Bemühungen, sein Erbe und das, was er erreicht hat, zu würdigen.







