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Die Platten der Woche mit Cybotron, DVS1, Floating Points, Hellfish, Lamin Fofana

Cybotron – Maintain The Golden Ratio (Tresor) 

Techno erfand Juan Atkins mit seinem Solo-Alias Modell 500, mit „No UFOs” und „Night Drive (Thru-Babylon)”. Mit dem Duo Cybotron schuf er einen eigenwilligen Zwitter zwischen Achtziger-Pop und einem Sound, der in die Zukunft der elektronischen Musik wies. Den lebendigen, überschäumenden Sounds der Bands der Zeit verarbeitete Cybotron zu einem eiskalten, elektrisierenden Maschinen-Funk, Atkins’ Bariton berichtete in den Songs von paranoiden Geisteszuständen.

1996 wurde das Projekt ad acta gelegt, nun gründet es Atkins mit Berlin-Atonal-Kurator Laurens von Oswald neu – mit Erfolg: „Maintain” und „The Golden Ratio” erhalten den eigenwilligen Charakter von Cybotron und fügen sich zudem in den gegenwärtigen Zeitgeist, der nostalgische Touch ist längst Asset. Alles ist da: Unterkühlte Grooves, kristalline Synths mit Pop-Charme, Atkins’ entrückte wie getriebene Stimme. Ein Kleinod ist dabei das Mixing von „Maintain”, das von keinem Geringeren als Objekt stammt und mit seinem schmalen Frequenzgang wie von Kassette klingt und dabei dennoch alles andere ist als Dumpf. Alexis Waltz

DVS1 – HUSH 06 (HUSH) 

Der Release-Katalog von DVS1s Label Hush füllt sich nur ausgesprochen langsam und mit sehr ausgesuchten Veröffentlichungen. Nun erscheint eine Drei-Track-EP, auf der der Techno-Maestro aus dem amerikanischen Mittleren Westen seinen Purismus zur Schau stellt. Ohne große dramaturgische Gesten dürfen sich hier einzelne Elemente geduldig ausleben und miteinander abwechseln. Alles klingt extrem reduziert und feingeschliffen, dabei jedoch nicht digital kalt, sondern analog rund, und will vor allem auf Soundsystemen gespielt werden, die einen solchen Fokus auf Details wirkungsvoll wiedergeben können.

„Shatter” lebt vom flirrenden, unterschwelligen Acid-Riff, „Unravel” hat enorme tieffrequente Schubkraft und glänzt mit einem gespenstisch-metallenen Loop, der das Stück problemlos über sechs Minuten trägt. „Merge” ist vielleicht der klassischste DVS1-Track der Platte, mischt hypnotische Synths mit minimaler Hi-Hat-Percussion und hält damit ein Energieniveau, das jederzeit eskalieren könnte, das jedoch niemals tut. Leopold Hutter

Floating Points – Birth4000 (Ninja Tune)

Floating Points ist an einem Punkt seiner Karriere angekommen, wo niemand wirklich mehr hinterfragen kann, was er da eigentlich macht. Nach dem gemeinsamen Ambient-Jazz-Album mit dem inzwischen verstorbenen Pharoah Sanders ist seine neue Single eine Rückkehr zum Dancefloor-Fokus.  Ähnlich wie seine Kollegen Four Tet oder Daphni, die den Track im Festivalsommer groß gemacht haben, kann nämlich auch Floating Points einfach mal einen gut gelaunten Banger raushauen; ohne musikalischen Anspruch, dafür mit umso Energie-Eskalation.

„Birth4000” ist genau so ein Track, der mit langem Build-up und knarzigem Arpeggio-Riff die großen Bühnen rocken will – nicht mehr und nicht weniger. Die hochfrequente, fiepsige Melodie in der zweiten Hälfte legt sogar noch eine Schippe drauf, während die B-Seite „Problems” deutlich zurückhaltender ausfällt. Gesampelte Breakbeat-Drums auf 140 BPM und zerhäckselte Soul-Vocals bieten eine andere Art von Euphorie-Moment: weniger frontal ins Gesicht, dafür geht dieser mehr unter die Haut. Leopold Hutter

Hellfish – Allstar Wankers (PRSPCT)

Das Granteln ist auf dem Land ebenso heimisch wie in der Großstadt. Der große Grantler Thomas Bernhard schimpfte und beleidigte vom beschaulichen See im Salzkammergut aus Österreich heraus und in die Welt hinein; sein dichtender Co-Österreicher Ernst Jandl suchte sich zum Granteln hingegen Wien aus. Auch in Wickford granteln sie, und einer der Grantler ist Hellfish.

Wickford, das ist nun eine Stadt, die vielleicht gerade nicht mehr Suburb ist, dennoch sind es mit dem Zug nur 40 Minuten in die Londoner City. Also schimpft Hellfish los über die „Wickford Wankers”: Auf-die-Glocke-Beats inklusive Sirenen und aggressiv-offener Hi-Hat. Unterbrochen bloß von Metal-Gitarren und „Wankers”-Sprachzitaten. Das ist Karikatur als Gabba, ebenso in „Rolex Wanker” mit ähnlichem Techno’n’Punkrock-Feel und Public-Enemy-Sample.

Die Kokser:innen kriegen auch ihr Fett weg, wobei „Cocaine Wanker” ein paar psychedelische Kopfnoten ins Spiel bringt. Das Steigerungsspiel der Deppen gipfelt, da bleibt der sich hinter Hellfish verbergende Produzent Julian Cobb ganz prosaisch, im „Massive Wanker”. Noch einmal gibt es Stop-and-go-Beats, schnarrende Gitarren, und über allem beleidigt eine Frauenstimme irgendjemanden als Deppen. Nervenaufreibend, witzig, so universal wie das Grantlertum selbst. Christoph Braun

Lamin Fofana – It’s Only a Matter of Acceleration Now (The Trilogy Tapes)

Eine Hommage an einen früh Gestorbenen. Die erste EP des Produzenten Lamin Fofana für das Label The Trilogy Tapes ist dem kenianischen Journalisten und Schriftsteller Binyavanga Wainaina gewidmet. Wainaina, der sich auch für LGBT-Rechte einsetzte und 2014 sein Coming-out hatte, starb 2019 mit 48 Jahren an einem Schlaganfall.

Den Titeltrack hat Fofana um eine kreiselnde TB303-Figur gebaut, mit zischendem Beat und wassertropfenartigen Arpeggien im Hintergrund. Eine schön geradlinig-komplexe Angelegenheit. Hämmernde Synkopen und etwas mehr Luft dazwischen im zweiten Track, kurze Sprachsamples dazu. Der Closer verbindet hauchdünne Ambient-Klänge mit Monologausschnitten (Wainainas?) und dem Satz „I’m here because you are there” am Ende. Auf seine nüchterne Art sehr bewegend. Tim Caspar Boehme

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