Renato De Leon über seine Tanzperformance „Metaxy“: „Die Versuchung, sich zu verlieren, ist sehr real“

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Wie hält man es aus, zwischen Rausch und Disziplin zu leben? Der Berliner Choreograf und Tänzer Renato De Leon macht diese Frage zum Thema seines neuen Stücks „Metaxy“, das am 30. Oktober in den Atelier Gardens in Tempelhof Premiere feiert. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit den existenziellen Widersprüchen der Berliner Clubkultur ist Nietzsches „Die Geburt der Tragödie“ mit ihrem Gegensatz von Apollinischem und Dionysischem. 

Einen Hinweis auf eine mögliche Auflösung gibt der Titel, der auf das griechische Wort für „dazwischen“ zurückgeht. Die Clubwelt ist auch ganz unmittelbar im Stück präsent: Norman Nodge mischt die Musik live, ein Dahledohr-Soundsystem wird Teil der Bühne. Im Interview spricht De Leon über Nachtleben und Leistungsdruck, die Arbeit mit seinem Ensemble und den Bruch mit seinen früheren Arbeiten.

GROOVE: Was hat dich an Nietzsches „Die Geburt der Tragödie“ gereizt, und wie ist daraus Metaxy entstanden?

Ursprünglich wollte ich ein Stück über Eskapismus machen, über das Leben zwischen zwei Extremen. Das hat viel mit meinem eigenen Leben zu tun, und ich glaube, viele Menschen in Berlin kennen das. Das Nachtleben hat eine große Rolle für meine persönliche Entwicklung gespielt. Diese Beziehung wollte ich untersuchen, vor allem die Spannung zwischen Freiheit und Selbstdisziplin.

Als ich gegen Ende des Sommers mit der Recherche begann, bin ich auf „Die Geburt der Tragödie“ gestoßen. Ich hatte schon einiges von Nietzsche gelesen, aber dieses Buch war genau der philosophische Rahmen für das, was ich ausdrücken wollte.

Gerade dieses Jahr hat diese beiden Seiten in mir auf die Probe gestellt. Selbst meine halb gebleichten Haare sind ein kleines Sinnbild dieser Dualität. Ich habe damit gekämpft, eine Balance zu finden zwischen Ehrgeiz, Disziplin, Freiheit und dem Wunsch, auszubrechen. Ich wollte etwas sehr Persönliches in ein Stück verwandeln, das authentisch ist, in dem sich aber auch andere wiedererkennen können.

Renato De Leon in „Metaxy“ (Foto: Martjn Kuyvenhoven)

Das Stück verhandelt den Gegensatz zwischen dem Apollinischen, also Ordnung, Disziplin und Vernunft, und dem Dionysischen, also Rausch, Instinkt und Hingabe. Welche Bedeutung hat dieser Gegensatz für Berliner:innen heute?

In Berlin sind diese beiden Kräfte besonders sichtbar. Die Stadt lebt vom Nachtleben und von der Freiheit, und die Versuchung, es zu übertreiben oder sich in diesem Lebensstil zu verlieren, ist sehr real. Diese Freiheit hat etwas Schönes, aber es kann schwierig sein, damit umzugehen, vor allem wenn man die eigenen Grenzen nicht mehr erkennt.

Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, die Produktivität, Leistung und Kontrolle enorm hoch bewertet. Gerade in Deutschland spielen Struktur, Sicherheit und Ordnung eine große Rolle. Ich habe das vor allem beruflich gemerkt. Als ich eine neue Firma gegründet und von null aufgebaut habe, hat mich der Ehrgeiz und der Druck, ständig produktiv zu sein, völlig vereinnahmt.

Ich glaube, das kennen viele, gerade in einer Stadt voller Kreativer, Freelancer und Menschen, die sich etwas Eigenes aufbauen wollen. Man pendelt ständig zwischen dem Wunsch, das Leben voll auszukosten, und dem Druck, etwas zu erreichen. Beide Extreme können einen auffressen, und genau darum geht es in Metaxy. Es geht nicht darum, sich für eine Seite zu entscheiden, sondern darum zu verstehen, wie man irgendwo dazwischen existieren kann.

Wie hast du mit den anderen Tänzer:innen gearbeitet, und wie lief der Austausch mit Dan Ozeri, Caterina Politi, Jade Albrieux und dem Dramaturgen Irakli Khishtovani?

Die anderen Tänzer:innen sind enge Freund:innen und langjährige Mitstreiter:innen, und jede:r bringt etwas völlig anderes mit. Wir kommen aus unterschiedlichen Tanztraditionen und haben unsere eigene Art, uns zu bewegen und zu arbeiten. Deshalb war es mir wichtig, dass alle während des Prozesses die Freiheit hatten, sich auszudrücken.

Dan Ozeri hat eine sehr ruhige, geerdete Präsenz und ist zugleich ein unglaublich kraftvoller Tänzer. In seinen Bewegungen liegt eine Präzision und Kontrolle, die ich sehr bewundere. Deshalb wollte ich, dass er die apollinische Seite verkörpert: Ordnung, Struktur und Disziplin.

Norman Nodge mit dem Ensemble (Foto: Martjn Kuyvenhoven)

Caterina Politi hat eine der eigenwilligsten Bewegungsqualitäten, die mir je begegnet sind. Sie kann sich extrem chaotisch und unberechenbar bewegen und bleibt dabei trotzdem sauber und präzise. Sie ist außerdem eine sehr ausdrucksstarke Performerin und war für mich die ideale Verkörperung des Dionysischen.

Jade Albrieux bringt wieder etwas ganz anderes mit. Sie tanzt auf Spitze und bringt damit ein Element des klassischen Balletts ins Stück. Besonders ist aber ihre Fähigkeit, sich zwischen beiden Welten zu bewegen. Sie kann sich den unterschiedlichen Bewegungssprachen des Apollinischen und des Dionysischen anpassen und behält dabei etwas Schwebendes. Deshalb steht sie für die Balance zwischen beiden.

Es hat etwas Besonderes, wenn die Performer:innen das Gefühl haben, wirklich etwas von sich selbst in das Ganze eingebracht zu haben. Normalerweise komme ich mit einer künstlerischen Richtung und einer Vision ins Studio, gebe den Tänzer:innen aber die Werkzeuge und den Raum, innerhalb dieses Rahmens zu forschen. Viel Material entsteht durch Zusammenarbeit, durch Ausprobieren und einfach dadurch, dass wir schauen, was sich für die einzelne Person richtig anfühlt.

Das ist ein sehr intimer Prozess, gerade bei einem Stück wie Metaxy, in dem es um persönliche und manchmal unangenehme Gefühle geht. Es braucht ein gewisses Maß an Vertrauen und Verletzlichkeit, und ich glaube, unsere Freundschaften haben das möglich gemacht. Wir haben ohnehin eine natürliche Chemie, das macht es leichter, diese Ideen gemeinsam zu erkunden.

Irakli ist ebenfalls ein guter Freund und ehrlich gesagt einer der klügsten Menschen, die ich kenne. Ich habe ihm vertraut, mir dabei zu helfen, meine Ideen einzugrenzen, bestimmte Entscheidungen zu hinterfragen und als Blick von außen zu fungieren. Das ist besonders wichtig, weil ich selbst im Stück tanze. Er kommt nicht vom Tanz, und gerade das halte ich für sehr wertvoll. Als Tänzer:innen und Choreograf:innen verlieren wir uns manchmal in der Bewegung selbst und verlieren aus dem Blick, ob eine Idee tatsächlich vermittelt, was wir vermitteln wollen. Jemand, der aus einer anderen Perspektive auf die Arbeit schaut, hat mir geholfen, klarer zu sehen.

Caterina Politi in „Metaxy“ (Foto: Martjn Kuyvenhoven)

Das Soundsystem des Berliner Herstellers Dahledohr wird durch sein skulpturales Design Teil der Szenografie. Wie kam die Zusammenarbeit zustande, und was verändert sich für das Publikum, wenn die Lautsprecher als Objekte im Raum sichtbar sind?

Von Anfang an wusste ich, dass ich keine klassische Blackbox und keine gewöhnliche Mietanlage wollte. Die Szenografie sollte authentisch sein und dem kollaborativen Geist treu bleiben, der dieses Projekt ausmacht. Metaxy bringt Künstler:innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, und jedes Element der Produktion sollte ein bewusster Teil des Erlebnisses sein.

Was mich an Dahledohr sofort angezogen hat, war das Design ihrer Lautsprecher. Sie sind sehr eigen, fast selbst skulpturale Objekte, und ich mag, dass alles in Handarbeit gebaut ist. Mein Team hat sie angesprochen, und sie waren sofort begeistert.

Ich durfte auch ihre Werkstatt besuchen und sehen, wie alles entsteht. Das war wirklich faszinierend. Ein Soundsystem zu hören ist eine Sache, aber das Handwerk, das technische Wissen und die Kreativität zu verstehen, die dahinterstecken, ist etwas ganz anderes. Es war eine der interessantesten Kooperationen, die ich je hatte, weil ich so viel über eine Disziplin gelernt habe, mit der ich vorher wenig vertraut war.

Die Lautsprecher werden Teil der visuellen Umgebung, das Publikum erlebt sie zugleich als funktionale Objekte und als Design. Ich finde, das fügt dem immersiven Erlebnis eine weitere Ebene hinzu: Die Grenze zwischen technischem Aufbau und künstlerischer Welt der Performance verschwimmt.

Wie kamen Michelle Döring (Kostüme), Gamma Sky (Masken) und Dan Tombs (Video und Effekte) dazu? Welche Rolle spielt die Musik von Norman Nodge, und wie habt ihr zusammengearbeitet? Gibt es eine feste Partitur?

Mit Michelle und dem Team von The Code bin ich schon lange befreundet. Ich schätze, was sie machen, nicht nur als Fashion-Concept-Store, sondern auch wegen ihres Engagements in der Berliner Kultur- und Kunstszene. Für Metaxy wollte ich eine andere Ästhetik als in meinen früheren Arbeiten ausprobieren, und über sie hatten wir Zugang zu einer spannenden Auswahl an Designer:innen, viele davon aus Berlin. Es hat Spaß gemacht, gemeinsam Möglichkeiten auszuloten und Looks zu finden, die zum Stück passen. Mir ist es außerdem wichtig, die kreative Community um uns herum zu unterstützen. Das zieht sich durch die ganze Produktion.

Dan Tombs ist ebenfalls ein enger Mitstreiter, und ich bewundere seine Arbeit sehr. Er verbindet künstlerische Vision mit technischem Wissen, und wie er mit Projektionen und visuellen Effekten arbeitet, ist faszinierend. Außerdem arbeiten wir mit dem Lichtdesigner Marco Di Nardo zusammen, mit dem ich schon länger kooperiere. Er kommt selbst vom Tanz, und das macht einen großen Unterschied, weil er Bewegung versteht und weiß, wie Licht mit der Choreografie interagieren kann.

Norman Nodge begleietet die Tanzperformance live (Foto: Martjn Kuyvenhoven)

Gamma Sky habe ich über einen gemeinsamen Freund entdeckt und mich sofort in seine Arbeit verliebt. Er hat genau verstanden, welche Ästhetik ich suchte. Die Masken wollte ich ausprobieren, um mich von meinen früheren Stücken abzusetzen. Wegen der griechischen philosophischen Bezüge von Metaxy wollte ich Elemente einbauen, die subtil auf diese Welt verweisen, ohne dass die Performance zu theatralisch wirkt. Die Masken bringen diesen Einfluss in die visuelle Sprache des Stücks.

Norman ist eine ganz besondere Zusammenarbeit für mich. Er kommt seit ein paar Jahren zu meinen Performances, und wir haben eine sehr gute Verbindung. Ich bewundere seine Arbeit seit Langem. Er ist eine der prägenden Figuren der Berliner Technoszene, und jemanden mit seiner Erfahrung und seinem Einfluss, als Berghain-Resident und als Künstler, der auf der ganzen Welt gespielt hat, in dieser Produktion zu haben, ist eine große Ehre.

Aber jenseits seines Rufs wollte ich vor allem wegen seiner Klugheit und seines tiefen musikalischen Verständnisses mit ihm arbeiten. Ich brauchte jemanden, der auf konzeptueller Ebene versteht, was ich vermitteln will, und diese Ideen in elektronische Musik übersetzen kann. Schon in unseren ersten Gesprächen gab es eine natürliche Chemie. Er hat verstanden, in welche Richtung ich gehen wollte, und wir haben viel Zeit damit verbracht, zu recherchieren, Referenzen auszutauschen und den musikalischen Verlauf gemeinsam zu entwickeln.

Besonders wichtig war mir, dass die Musik auch für sich allein funktioniert, fast wie die Reise, die man in einer Clubnacht erlebt. Die Musik sollte ihre eigene Erzählung haben, mit Momenten von Spannung, Intensität, Entladung und Nachdenklichkeit. Im Idealfall könnte man während der Performance die Augen schließen und trotzdem dem emotionalen Verlauf des Stücks folgen.

Es gibt eine strukturierte Partitur, die wir entlang von Choreografie und Dramaturgie entwickelt haben, aber Norman mischt die Musik bei jeder Aufführung live. Der Gesamtverlauf und bestimmte Schlüsselmomente stehen also fest, aber wie sich die Musik entfaltet, bleibt ein Live-Moment. Diese Balance zwischen Struktur und Freiheit entspricht ziemlich genau dem Konzept von Metaxy.

Norman Nodge mit dem Ensemble (Foto: Martjn Kuyvenhoven)

Wie knüpft das Stück an deine früheren Arbeiten an, etwa DANCÆ, Ballet Sur_real oder Urgency, das du im April im Haus der Visionäre gezeigt hast? Was bleibt, was ist neu?

Ich finde, Metaxy unterscheidet sich ästhetisch wie konzeptuell stark von allem, was ich bisher gemacht habe. Im vergangenen Jahr habe ich in meiner künstlerischen Identität einen großen Umbruch erlebt. Ich verbinde meine Arbeit nicht mehr mit der Tanztheater- oder Ballettästhetik, die einige meiner früheren Produktionen geprägt hat. Ich wollte in eine andere Richtung gehen, konzeptueller arbeiten und eine künstlerische Sprache finden, die mehr dem entspricht, wer ich heute bin, als Künstler und als Mensch.

Urgency war der Anfang dieses Übergangs. Ich habe es zusammen mit Dan Ozeri entwickelt, der auch in Metaxy tanzt, und es war unsere erste Gelegenheit, einen anderen Zugang zu Performance und Erzählen auszuprobieren. Ich bin sehr stolz darauf, was wir damit erreicht haben, gerade angesichts der Umstände und der relativ kurzen Zeit, die wir hatten. Es war auch der Beginn der Arbeit mit einem neuen kreativen Team und neuer Formen der Zusammenarbeit.

Mit Metaxy konnte ich diese Suche viel weiter treiben. Zum ersten Mal habe ich mir wirklich Zeit gegeben, zu recherchieren, zu experimentieren, Fehler zu machen und die Arbeit organisch wachsen zu lassen. Ich wollte mich selbst herausfordern und bestimmte Gewohnheiten und Formeln aus früheren Produktionen hinter mir lassen. Konzeptentwicklung und Dramaturgie haben ein viel stärkeres Gewicht, ebenso die Frage, wie die verschiedenen künstlerischen Disziplinen zu einem Erlebnis zusammenfinden.

Ein weiterer großer Unterschied ist die Musik. In meinen früheren Produktionen war sie immer vorproduziert, Struktur und Timing standen also komplett fest. Bei Metaxy wollte ich durch Normans Live-Mix ein Element des Unvorhersehbaren und Unmittelbaren einbringen. Das schafft eine andere Beziehung zwischen Performer:innen, Musik und Publikum und holt etwas aus der Berliner Clubkultur direkt in die Performance.

Was bleibt, ist mein Interesse an immersiven Erfahrungen, an der Beziehung zwischen Bewegung und elektronischer Musik und an Zusammenarbeit. Das stand immer im Zentrum meiner Arbeit. Aber Metaxy steht für eine viel klarere künstlerische Richtung. Es ist die erste Produktion, bei der ich wirklich den Raum hatte, eine Idee so tief zu entwickeln, und in vieler Hinsicht fühlt es sich wie der Beginn eines neuen Kapitels an.

Das Metaxy-Poster von Dan Tombs

Zum Schluss: Wie ergänzt die begleitende Ausstellung mit Arbeiten von Cathrin Hoffmann, Anastasia Pilepchuk und anderen das Stück? Was sollen Besucher:innen mitnehmen, wenn sie sie vor und nach der Performance sehen?

Die Ausstellung kuratiert Emily Brockington, die zu Leonis Works gehört und ein sehr gutes Auge für Kunst hat. Sie hat eine Auswahl von Künstler:innen zusammengestellt, deren Arbeiten Themen verhandeln, die direkt an Metaxy anknüpfen.

Ein Hauptgrund für die Ausstellung war, anderen Künstler:innen eine Plattform zu geben und den Geist der Zusammenarbeit innerhalb der Berliner Kreativszene weiterzutragen. Das ist mir wichtig, und ich möchte es mit Leonis Works weiterentwickeln.

Die Ausstellung erweitert das Erlebnis über die Performance hinaus. Wir haben zwei getrennte Hallen, eine für die Ausstellung und eine für die Performance. Das Publikum begibt sich also auf eine Reise, die mit den Kunstwerken beginnt und dann in die Welt von Metaxy führt. Besonders spannend finde ich, dass man nach der Performance in die Ausstellung zurückkehren und die Arbeiten womöglich mit anderen Augen sehen kann. Es geht um einen Dialog zwischen den Kunstformen, statt sie als getrennte Erlebnisse zu präsentieren.

Neben den künstlerischen Mitwirkenden muss ich auch Sheena Leach erwähnen, unsere Produktionsleiterin, und Mark Polin, der bei Leonis Works für Betrieb und Finanzen zuständig ist. Eine Produktion dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen, erfordert enorm viel Arbeit hinter den Kulissen, und beide waren entscheidend dafür, dass sie zustande kommt. Ich bin sehr dankbar, Menschen an meiner Seite zu haben, denen ich vertraue und die mir helfen, solche ambitionierten Ideen umzusetzen.

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