September 2026: Album des Monats

Hallucinator – Landlocked (Numbers)

Im Nachklang der ersten Veröffentlichungen auf Chain Reaction strecken Mark Ernestus und Moritz von Oswald Mitte der Neunziger die Fühler weit aus. Als Basic Channel sind sie über das gleichnamige Label in den Jahren zuvor zu Hebammen des formwandelnden Minimal Techno avanciert – zunächst im Berliner Untergrund, dann europaweit. Innerhalb der bundesdeutschen Industriehallenlandschaft junge Talente zu akquirieren, die sich im Dunstfeld aufkeimender Spielarten zwischen Minimal Music, Dub und Second Wave Of Detroit Techno bewegen, war dementsprechend weniger kommerziell als kuratorisch der nächste logische Schritt. Das Repertoire wächst flugs und verzeichnet kaum ein Jahr nach Gründung schon Namen wie Monolake, Porter Ricks oder Vainqueur. In monochromen Designs geraten die Singles und EPs zu gesuchten Kultobjekten, die opake Außenwirkung des Labels zum zeitlosen Qualitätssiegel. Nicht obwohl sie dem hedonistischen Geist der Dekade widersprechen, sondern gerade weil hier das Mantra unbedingter Tanzbarkeit gebrochen und für halluzinatorisches Hören umformuliert wird, erscheinen die Veröffentlichungen auf Chain Reaction ebenso trendbefreit wie organisch deduziert. Eine Kettenreaktion, die auch Jahre später nach dem vorzeitigen Ende des Labels in tausenden Nachahmenden ihre Fortsetzung finden sollte – und das bis heute tut.

„In der Tradition minimalistischer Musik wachsen die Stems durch sublime Veränderungen zu raumfüllenden Atmosphären heran, verändern kontinuierlich den Luftdruck, werden sichtbar.”

Dass die subversiven Filmemacher Edward George und Trevor Mathison nebst der Komponistin Anna Piva zum richtigen Zeitpunkt mit Chain Reaction in Kontakt kommen, ist in der Rückschau vermutlich diesem weitschweifenden Blick der Gründer geschuldet, der irgendwann auch auf London fällt. Als Teil des Black Audio Film Collectives spielen die drei Unbekannten in Englands Warehouse-Szene bis dahin keine Rolle und sind eher für Engagements im Rahmen politischer Film-Essays wie Handsworth Songs oder The Last Angel Of History bekannt. Von Afrofuturismus und post-kolonialer Theorie ebenso geprägt wie durch analytische Psychologie nach C. G. Jung und kritische Diskurspraxis, nähert sich auch ihr kurzlebiges Projekt Hallucinator der Techno-Sphäre über gänzlich unorthodoxe Vektoren. Zwischen 1998 und 2003 erscheinen fünf EPs, die an den Dockpunkten von Minimal Techno und Ambient weitere Einflüsse wie Elektroakustik, Musique concrète oder akusmatische Experimente geltend machen – die meisten davon landen im Oktober 1999 auf der Compilation Landlocked.

Kratzen Tracks wie das in dichten Rauch gehüllte „Black Angel” oder die Gas-Hommage „Red Angel” nicht selten an der Zehn-Minuten-Marke, etablieren auch die vergleichsweise kürzeren Nummern „Phebes” oder „Dusk” einen hypnotischen Tenor, der jedes Zeitgefühl auflöst und wieder und wieder und wieder durchdrungen werden will. In der Tradition minimalistischer Musik wachsen die Stems durch sublime Veränderungen zu raumfüllenden Atmosphären heran, verändern kontinuierlich den Luftdruck, werden sichtbar. Dabei entsteht der Eindruck, unter dem zunächst klar hervortretenden Sounddesign seien körnige Skizzen anderer Tracks verborgen, die erst entwickelt, dann verworfen wurden. Der finale Zehnminüter „Hallucinator” oder das kosmische „Recall (Wipeout II)” etwa gleichen einem Palimpsest von Klängen zwischen lunarem Ambient, industrieller Collage und Drone. Schrittweise schlüsseln sich hier Layer für Layer liminale Räume auf, die uneindeutig bleiben und daraus eine entrückende Sogkraft ableiten. Zwar treten an anderer Stelle wie bei „Sethos” oder „Rocket” die Dub-Einflüsse dieser Kompilation deutlicher zutage, verweigern sich aber dennoch unbarmherzig jeder definierten Stimmung. Ein Widerspruch, aufgelöst in audiovisuell projizierten Szenarien.

Dass Landlocked nach mehr als einem Vierteljahrhundert mindestens so gut gealtert erscheint wie ein trockener Primitivo oder das Unabomber-Manifest, ist also ziemlich sicher der unerhört gelungenen Umsetzung dieser stilprägenden Produktionsansätze zu verdanken. Dominiert von kühler Repetition im Trance-Zustand, formuliert in filmreifer Techno-Semantik – ein Rorschachtest für das abenteuerliche Ohr. Und in Summe nicht bloß für Labels wie Chain Reaction, sondern das Genre insgesamt eine wegweisende Transition kurz vor der Jahrtausendwende. Mit dem nun erstmals für Vinyl angefertigten Stereo-Remaster von Rashad Becker sind diese rund 75 Minuten sowohl auf 33 rpm als auch 45 rpm in voller Immersion erlebbar.

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