GROOVE Reviews: Die Alben im Oktober 2026 (Teil 1/3)

Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 2 der Alben hier, Teil 3 der Alben hier.

A-Eno-Acid – The Last Jack (Chicago Bee)

Schon seit 1995 veröffentlicht der in Brighton/UK beheimatete Mark Churcher auf seinem Emote-Label Techno-House-Tracks unter diversen Pseudonymen wie etwa Send/Return oder V-Neck. Seit 2017 betreibt er zusätzlich noch das Label Chicago Bee, auf dem auch Releases anderer Produzenten veröffentlicht werden. Er selbst ist dort als A-Eno-Acid unterwegs und mit The Last Jack erscheint nun, nach einigen EPs, sein erstes Album. 

Wie Label-Name oder auch Albumtitel vermuten lassen, hat er sich einem ganz bestimmtem Sound verschrieben. Vintage-Spät-Achtziger bis Mittneunziger-Chicago-House ist hier nämlich angesagt. 808- und 909-Sounds galore also, gerne angereichert mit einer kräftigen Prise Acid aus Rolands kleiner Silberbox. Die Tracks sind dabei immer sehr einfach strukturiert, aber genau das macht ja ihren hypnotischen Charme aus. Dabei wechseln sich Dancefloor-Brecher wie das quasi aus einem reinen 303-Wall bestehende „Hard Drive” ab mit mehr verträumten, dem Homelistening verpflichteten Stücken wie „I Believe In Music” oder verbleepten Sound-Experimenten, etwa bei „The Bee’s Mouth”. Und auch wenn das alles ziemlich retro ist, klingt es dennoch wie die Musik aus einer Zukunft, die niemals sein wird. Tim Lorenz

Andy Stott – Late Loop (Modern Love)

Neues Album von Andy Stott. Nach fünf Jahren. Diesmal kein Amalgam aus House, Techno, Dubstep, Grime oder Deconstructed Club. Experimentell bleibt es trotzdem. Auch Stotts Liebe zu Dreampop ist gegenwärtig. Vor allem, weil sämtliche Songs von Stimmen getragen werden. Seine langjährige Kollaborateurin Alison Skidmore ist wieder dabei, erstmals auch die irische Sängerin Elaine Howle. Beide jeweils vier Mal. Ihre Stimmen pendeln über minimalistische Drummachine-Grooves, fesselnden Chords, meditativen Drones, berauschenden Ambient-Texturen und eindringlichen Melodien. Die Texte handeln von Trennung. Sie bleiben einfach, vermeiden Theatralik und entwickeln gerade durch ihren klebrigen Refrain-Zauber eine eigentümliche Nähe. 

Eine dunkle Melancholie durchzieht das gesamte Album, trotzdem bleibt es selbst in seinen experimentellsten Momenten Pop. Nie zu weit draußen, immer leicht, immer in der Downtempo-Zone schwingend. Mal erinnert das an die zarteren Seiten von Aphex Twin, mal – vor allem durch den Gesang – an Songwriting-Minimalisten wie die New Yorker Thick Pigeon aus den frühen 1980ern. Im Kern ist alles aber unverkennbar Andy Stott. Unter der Oberfläche drängen ständig groovende, klingende Emotionen hervor. Jahrzehnte elektronischer Musik leuchten darin auf, ohne dass der Produzent aus Manchester seine Referenzen ausstellt. Sie sind längst Teil seiner eigenen Sprache geworden. Genau das war schon auf seinen früheren Alben ein Markenzeichen – und machte sie so besonders. Michael Leuffen

Barnt – After Completing the Hex (Magazine)

Barnt macht Techno, der sich nicht recht an die Spielregeln halten will. Seit 2010 entwickelt der Kölner DJ und Produzent einen Sound, in dem sich Melodien verselbstständigen und Rhythmen unerwartete Wendungen nehmen, die vermeintlich feste Strukturen ins Wanken geraten lassen. Mit Jens-Uwe Beyer und Crato betreibt Barnt das Label Magazine; 2014 erschien dort sein Debütalbum, nun folgt mit Katalognummer 25 das zweite. Elf Stücke, die weniger auf ultimative Club-Momente als auf Bewegung und Überraschung setzen. „Trig graphs don’t match??” entwickelt aus einem kleinen melodischen Bogen einen wunderbar schrägen Downbeat-Track. Der Track „Emi” flirtet für meine Begriffe mit einem trancigen Feeling. „Ax²” drückt dagegen mit ziemlichem Nachdruck auf die Techno-Tube. 

„After completing the Hex I have questions” entwickelt mit eigentlich irritierenden Geräuschen einen dennoch tanzbaren Track. Besonders reizvoll ist, wie Barnt seine Stücke wachsen lässt. „1Swerves” steigert sich langsam, arbeitet mit dubbiger Rhythmik und einer melodischen Fläche, bevor die Drums einsetzen. „Over 5” setzt auf perlende Synthesizer-Sounds, die etwas Spielerisches, fast Meditatives haben. Hier geht es nicht darum, Track für Track auf einen neuen Höhepunkt hinzuarbeiten. Barnt hat über etliche Veröffentlichungen bei Labels wie Cómeme, Kompakt oder Hinge Finger einiges Kalkül erschaffen, das Erwartungen systematisch entgrenzt. After completing the Hex ist da ein Konzept-Album, das zum Entdecken einlädt. Liron Klangwart

Holy Tongue – Basilikum (AD93)

Seit 2020 hauen die versierte Perkussionistin Valentina Magaletti und der britische Dub-Experte und Trule-Label-Boss Al Wootton unter dem Projektnamen Holy Tongue einen Killer-Release nach dem anderen raus. Nach fünf Singles erschien jetzt auch schon das vierte Album. Basilikum ist dabei schon ihre zweite LP auf dem konstant innovativen und genreübergreifenden Label AD93 (früher Whities).  Während Magaletti am Schlagzeug und Wootton mit Sirenen und verschiedenen Effektgeräten ihren Teil beisteuern, rundet der in London lebende japanische Bassist Susumu Mukai den Dub Sound ab. Bei diesem Album hat sich das eingespielte Trio sogar noch weitere Verstärkung geholt. Auf „Coco” und „Bloom In D Minor” verpasst die Bristol-based Experimental-Sängerin Dali de Saint Paul der auf diesem Album ziemlich düsteren und merkwürdigen Stimmung den letzten Feinschliff. 

Während auf vielen Holy-Tongue-Releases klassische Dub-Elemente eine große Rolle spielen, ist Basilikum ganz anders: Neben den bereits genannten Instrumenten ist dieses Mal auch eine E-Gitarre dabei und gibt dem Album zu Experimental, Jazz und Dub noch eine ordentliche Portion Post-Punk drauf, wie auf „Vuoto” oder eben „Coco” und „Bloom in D Minor”.

Das Album deckt neben diesen schnellen, treibenden Stücken Verschiedenstes ab – mal super experimentell wie „I’ve Stood In This Room For A Long Time Before” oder „ROSEROOT”. Aber auch Fans vom stark perkussiven und Dub-orientierten Holy Tongue-Sound kommen auf ihre Kosten bei „Orange 28”, „Single-Eyed”, oder „Nature”. Durch die perfekt zusammengestellte Tracklist lässt sich Basilikum sehr gut an einem Stück durchhören, ohne dass man je gelangweilt oder überfordert ist. Lukas Simmer 

Infiniti – Infiniti Collection (Remastered & Expanded) (Tresor)

Mit der Infiniti Collection wiederveröffentlicht Tresor Records einen weiteren Meilenstein aus dem umfangreichen Werk von Techno-Urvater Juan Atkins. 1996 zum ersten Mal erschienen, versammelt die Compilation die über diverse Single-Veröffentlichungen verstreuten Infiniti-Tracks Atkins’ und bildet damit das Gegenstück zum regulären Infiniti-Album Skynet, das 1998 auf Tresor herauskam. So findet sich hier insbesondere der auf dem Album fehlende Überhit „Game One”. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich den von Atkins mit Orlando Voorn produzierten Track zum ersten Mal hörte. Es muss 1994 im E-Werk Berlin gewesen sein, und die wuchtigen Detroit-Chords zwangen mich sofort vor Ehrerbietung in die Knie, sodass ich sogleich zum DJ stürmte, um zu erfahren, was das für ein Track war. Hammerstück! 


Tatsächlich sind die meisten Stücke auf der Compilation aber eher einem deeperen, weniger den Dancefloor erschütternden Techno-Verständnis verpflichtet. Das macht sie aber nicht weniger großartig. Die vorwiegend um ein distinktives Thema kreisenden Tracks entwickeln stets eine sehr eigene, hypnotische Schönheit. Das gilt nicht zuletzt für das von Moritz von Oswald in bester Basic.Channel-Manier gemixte „Think Quick”. Mit „Never Tempt Me” und „Higher” in zwei Versionen befinden sich auch drei auf der Original-Veröffentlichung nicht enthaltene Tracks auf der Compilation. Must-have. Tim Lorenz

Jon Hassell – Music Is Invisible (Pentimento Volume Three) (Ndeya)

„The first draft of anything is shit”, fasste Ernest Hemingway mal die Resultate seines Workflows zusammen. Und es stimmt: Revision klärt den Blick fürs Wesentliche, ermöglicht oft genug den letzten Schliff. Für Jon Hassell war allerdings nicht nur das Abschleifen seit jeher wichtiger Teil von Komposition. Auch das anschließende Auftragen einer weiteren Soundschicht erschien dem Improvisateur und Tontüftler essenziell für die vertikale Integration von Klängen, die sein Palimpsest der Fourth World Music satter und atmosphärisch dichter ausstaffieren. Eine logische Folgerung aus Hassells Studienzeit in Köln. Hier schreibt sich der ambitionierte Reformer Mitte der 1960er bei Karlheinz Stockhausens „Kölner Kursen für Neue Musik” ein und trifft im Verlauf auch auf Holger Czukay und Irmin Schmidt, die wenig später CAN gründen werden. Mit Letzterem erlebt er seinen ersten Acid Trip, taucht später in die Welt der über 1000 Jahre alten, klassisch japanischen Musik Gagaku ein und lässt sich von Stockhausens „Gesang der Jünglinge” zu ersten Tape-Slicing-Experimenten inspirieren.

Ob das eine weitere Geburtsstunde des Sampling war, ist Gegenstand von Debatten. Im späteren Verlauf nutzt Hassell mit dem Fairlight CMI jedenfalls einen der ersten Synthesizer, der gesampelte Pitches als parallele Quinten und andere Akkorde darstellen kann. Für das Album Aka / Darbari / Java (1983) werden die Loops des senegalesischen Drummers Abdou M’Boup so ausdauernd moduliert und gelayert, dass das Band erst durch den Tonkopf und dann aufgerollt an Stangen durch den ganzen Raum laufen muss – Loops dieser Länge waren digital schlicht nicht realisierbar. Gute vierzig Jahre und zwei Dutzend Alben später erscheint nun mit Music Is Invisible eines der bemerkenswertesten Beispiele von Hassells früh formulierten Sampling-Vorhaben. Der dritte Teil der Pentimento-Reihe, die 2018 mit Listening To Pictures begann und 2020 auf Seeing Through Sound fortgesetzt wurde, ist tatsächlich ihr Höhepunkt. Waren die ersten beiden Volumes brodelnde Studioarbeiten, in denen Hassell am Ende seines umtriebigen Lebens noch einmal alle Register zückt und die vierte Welt als eigene, audiovisuelle Paralleldimension etabliert, besteht der dritte und letzte Teil aus seinem finalen Konzert, das er zusammen mit Rick Cox (Gitarre, Objekte) und John von Seggern (Bass, Elektronik) am 23. Mai 2015 in der St. John at Hackney Church in London gab.

Ein klassisches Live-Album liegt hiermit trotzdem nicht vor. Produzent Jeff Rona tariert stattdessen in liebevoller Detailarbeit die dargebotene Performance des Trios in ihren einzelnen Instrumenten aus und verblendet sie mit Themen der beiden ersten Pentimento-Volumes zu einer synästhetischen Pastiche, die greifbar scheint und duftet – nach rauchigem Modal-Jazz und subsaharischer Ritualmusik, nach dem Ambient Dub einer moosbewachsenen Metropolregion. Im Kern nutzt Rona damit also jene Techniken, die Hassell über Jahrzehnte – von analogen Tapeloops bis digitalen Stems – so eloquent zu einem eigenen Repertoire entwickelt und wendet sie rekursiv auf den Künstler an.

Auch deshalb tönt das einleitende „Blue Ba-Ya” wie drei oder vier sanft ineinander verschränkte Tracks, in denen es rauscht und flimmert. Nichts entrinnt den wachsartig zerlaufenden Dub-Kaskaden, die in Zeitlupe ein verängstigtes Klavier verdauen. „Club Gris-Gris” und „Broadway Boogie-Woogie” heißen wie Kapitel eines unveröffentlichten Lynch-Kurzfilms und ließen sich vermutlich auch entsprechend als Soundtracks einsetzen. Hier wälzen sich schwere Bassmatten unter Sample-Collagen und einer trunkenen Trompete dahin, während der Hintergrund von flackerndem Schlagwerk betroffen ist. Im „Electric Forest” erweitert sich dieses Schattenspiel zu einem Myzel aus Rhythmen und Farben, das über die 16-minütige Laufzeit undurchdringliche Texturen erzeugt. Ein echtes Glück, dass Hassells Label Ndeya mit dem Support von Matthew Jones und Warp auch posthum solche Glanztaten angemessen zu veröffentlichen versteht. Nils Schlechtriemen

Loidis – From The Toolkit Of Lovers (Incienso) 

Da hat jemand sehr viel Liebe. Brian Leeds, auch bekannt als Huerco S. oder eben Loidis, hat aus seinem Produzenten-Werkzeugkasten zwölf Tracks im Tool-Gewand geholt, die zusammen fast zwei Stunden Musik ergeben. Die Grundlage dieser großangelegten Liebesbekundung bildet House, genauer Micro-House, zusammen mit Dub-Techno. Geht daher alles mit minimalen Veränderungen und gelegentlich diskret hallend vonstatten. Zugleich hat Loidis die einzelnen Bauteile mit so sicherem Gespür für rhythmische Komplexität ineinander gefügt, dass der Bewegungsapparat sich nicht groß bitten lassen muss. Auch bei einer Nummer von zwölf Minuten Spielzeit beginnt man da nicht ungeduldig zu werden. In Teilen klingt die Platte wie eine Hommage an Luomos Vocalcity aus dem Jahr 2000, das aber vor allem, weil Luomo seinerzeit eine der Blaupausen für das Genre lieferte, das Loidis erfolgreich weiterleben lässt. Wie es sich in dieser Tradition gehört, fügt Loidis gern kürzeste Samples oder Störgeräusche als Strukturelemente ein, die mit ihrer meist undefinierbaren Herkunft für zusätzliche Farben und Sonderbares im Schönen sorgen. Tim Caspar Boehme

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