Die Nachtkultur von Vilnius zwischen Kreativität und Kriegsangst: Das Potential liegt gerade in den Grenzen 

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Dieser Beitrag gehört zu einem zweiteiligen Reisebericht zur Nachtkultur von Vilnius. Den ersten Text findest du hier. 

Als Hauptstadt Litauens steht Vilnius zwischen Vergangenheit und Aufbruch. Die Geschichte des Landes als unabhängiger Staat ist vergleichsweise jung, geprägt wurde die Stadt über Jahrzehnte von sowjetischer Fremdherrschaft und Repression. Heute ist die Kreativszene der Stadt dabei, sich zwischen dem Bewahren der eigenen Identität und internationalen Einflüssen einen Platz in Europa neu zu definieren. GROOVE-Autor Jakob Senger ist einer Einladung des lokalen Zusammenschlusses der Nachtkultur gefolgt und hat eine Stadtgesellschaft erlebt, die die Spannung zwischen kosmopolitischen Aufbruch und einer erneuten Bedrohung durch Russland bewältigen muss.  

Auf einem Hügel in Vilnius stehen drei monumentale, weiße Kreuze. Was im ersten Moment an das Justice-Cross erinnert, im zweiten an die Verdreifachung Gonjasufis, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Zeichen gegen die Okkupation errichtet. Von hier aus hat man einen guten Überblick auf die Altstadt: Die Gediminas-Burg mit tüchtigem Gondelverkehr, russisch-orthodoxe Sakralbauten, die in ihren grellen Pink-Blau- und Gelbtönen maximal aufmerksamkeitsbedürftig scheinen und eine dezente Skyline aus sechs bis sieben mittelhohen Wolkenkratzern, die jenseits des Flusses Neris liegen. 

Die Spuren der oben erwähnten Fremdherrschaft sind bis heute sichtbar – im Stadtbild ebenso wie im Selbstverständnis seiner Bürger:innen. Ein prägnantes Beispiel dafür ist ein Banner, das ein früherer Bürgermeister an einem Hochhaus vis-à-vis der russischen Botschaft anbringen ließ: „Putin, The Hague is waiting for you.”

Gleichzeitig präsentiert sich Vilnius als offene und zunehmend europäische Stadt, deren Selbstfindung längst noch nicht abgeschlossen ist. Die jährlich stattfindenden Vilnius Days stehen beispielhaft für dieses Spannungsfeld: Sie feiern die eigene kulturelle Identität und machen zugleich die multikulturelle und demografische Vielfalt der Stadt sichtbar. Dabei steht Vilnius vor ähnlichen Herausforderungen wie viele andere europäische Großstädte – von Gentrifizierung und steigenden Preisen bis hin zur Frage, wie sich eine eigene Identität in einer globalisierten Welt bewahrt. 

Gefährdeter Nährboden zwischen Clubcommission und Gentrifizierung

„Ich bin natürlich voreingenommen”, erzählt Gabija Liaugminaitė vom Vilnius Night Office mir und ein paar anderen Journalist:innen verschmitzt. „Aber Vilnius hat eine der stärksten elektronischen Musikszenen in der Region. Wir haben tolle Clubs, Listening-Bars, Studios, unabhängige Community-Radiosender und Kollektive – von denen es einige schon seit mehr als 20 Jahren gibt. Es ist immer etwas los, oft finden an einem Abend mehrere völlig unterschiedliche Veranstaltungen statt.”

Das Vilnius Night Office ist mit der Berliner Clubcommission vergleichbar, ist Bindeglied zwischen Kulturszene und städtischer Verwaltung und arbeitet mit der örtlichen Tourismusbehörde Go Vilnius zusammen. Ein Großteil der Arbeit dreht sich um Prävention und Professionalisierung und lehnt sich an die Bristol Rules an, einen Awareness-Codex, der in der englischen Küstenstadt seit einigen Jahren im Nachtleben umgesetzt wurde. 

„Wir können beobachten, was anderswo geschieht – Schließungen von Veranstaltungsorten, zunehmende Konflikte wegen Lärmbelästigung, Sicherheitsprobleme – und versuchen, sowohl aus den guten als auch aus den schlechten Beispielen zu lernen, bevor wir mit denselben Problemen konfrontiert werden”, erklärt Gabija der Gruppe, die sie durch die Stadt führt. 

Zwischen verwitterten Reklamefragmenten und Schichten von Konzertplakaten findet sich an der Wand eines ehemaligen Industriegebäudes noch heute das Logo des sowjetischen Tonbandherstellers Elfa, eines der zahllosen Zeichen der sowjetischen Besetzung. Hier wurden zwischen 1940 und 1993 Plattenspieler, Motorenteile und Tonbandgeräte wie der Elfa-6 oder Daina produziert, die nicht nur innerhalb der Sowjetunion, sondern auch in westliche Länder exportiert wurden. Heute ist der weitgehend entfunktionalisierte Industriekomplex Standort verschiedener kultureller Einrichtungen. Darunter befindet sich der Club Loftas, der jährlich das gleichnamige Loftas Fest veranstaltet, das sowohl etablierten Acts als auch Newcomer:innen eine Bühne bietet.

In der ehemaligen Elfa-Fabrik in Vilnius wurden hauptsächlich Elektromotoren, Tonbandgeräte und Plattenspieler hergestellt.
In der ehemaligen Elfa-Fabrik in Vilnius wurden hauptsächlich Elektromotoren, Tonbandgeräte und Plattenspieler hergestellt (Foto: Jakob Senger)

Solche Prozesse der Umnutzung industrieller Räume sind wesentlich für die Entstehung und Sichtbarkeit einer kulturellen Szene und bieten insbesondere der Subkultur neue Räume. Gleichzeitig bergen sie das Potenzial, ebendiese Freiräume durch zunehmende Kommerzialisierung und Aufwertung langfristig zu verdrängen – und damit Prozesse der Gentrifizierung anzustoßen, so Gabija. 

„Vilnius verändert sich sehr schnell”, sagt sie, während wir durch das ehemalige Fabrikgelände stapfen: „Gentrifizierung ist definitiv spürbar.” Hier gibt es nun eine Kletterhalle, Industrie-Apartments und regelmäßig stattfindende Pop-up-Veranstaltungen. Zu allem Überfluss kommt uns während der Besichtigung ein strahlend weißer Tesla entgegen. „Vieles davon ist zu begrüßen, wir beobachten aber auch das bekannte Muster, bei dem kulturelle Einrichtungen dazu beitragen, ein Viertel aufzuwerten, woraufhin teurere Wohnungen und Bauprojekte folgen. Davon sind wir definitiv nicht ausgenommen, auch wenn der Druck noch nicht so stark ist wie in einigen anderen europäischen Hauptstädten.”

Für Vidmantas Cepkauskas aka Vidis, der als ehemaliger Besitzer des Opium Clubs das Nachtleben der Stadt als DJ und Kurator über eine Dekade mitgeprägt hat und jetzt als Board-Mitglied für das Vilnius Night Office tätig ist, gibt es aber auch andere Faktoren, die die Szene auf die Probe stellen. Für ihn waren es vor allem die Folgen der Pandemie, die das Ausgehverhalten der Menschen maßgeblich verändert haben. 

Dazu gehören ein wachsendes Bewusstsein für die ständige Überwachung und die damit verbundene Belastung, nachlassende soziale Kompetenzen, ein Rückgang des Alkoholkonsums, eine geringere Kaufkraft aufgrund steigender Lebenshaltungskosten sowie Ängste, die durch eine zunehmend instabile Weltordnung geschürt werden. „Letzteres ist in Litauen und der gesamten Region besonders relevant: Russlands anhaltender Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wachsenden Bedrohungen für die baltischen Staaten haben die Ängste auf ein beispielloses Niveau getrieben.”

Ein Gefängnis wird zum Freiraum

Das Lukiškės-Gefängnis, das bis 2019 offiziell in Betrieb war, wurde behutsam und mit Rücksicht auf die bewegte Vergangenheit in ein interdisziplinäres Kulturquartier umgewandelt. Zwischen rostigem Stacheldraht und überwucherten Steinmauern finden hier regelmäßige Performances, Kunstmärkte, oder auch die Vilnius Fashion Week statt. In einem unberührten Trakt hängen noch alte schäbige Playboy-Poster an den Wänden, daneben sind Strichlisten über abgesessene Tage in die Wand gekratzt. Während wir durch das kühle, entmenschlichte Innenleben geführt werden, spürt man die Tragweite dieses Umwandlungsprozesses –  aber auch die Offenheit der Stadt gegenüber alternativen Wegen zur Erschließung kultureller Räume. 

Das Draugų Vardai ist ein von Artists geführter Underground-Club und Kulturraum, der elektronische Musik, Vinyl-Sessions und Kunst mit einem maßgeschneiderten Soundsystem verbindet.(Foto: Hanna Nawrocka)
Das Draugų Vardai ist ein von Artists geführter Underground-Club und Kulturraum, der elektronische Musik, Vinyl-Sessions und Kunst mit einem maßgeschneiderten Soundsystem verbindet.(Foto: Hanna Nawrocka)

„Es ist die Kombination aus einer starken kreativen Identität und der Tatsache, dass es hier relativ einfach ist, Dinge auf die Beine zu stellen”, meint Gabija. Die Szene sei solidarisch, vernetzt und aufgeschlossen, und es gibt Raum für neue Leute und Ideen, ohne dass sich alles übermäßig wettbewerbsorientiert anfühlt. Die Leute trauen sich oft, einfach mal etwas auszuprobieren. 

Und diesen gelebten Projektcharakter spürt man in allen Locations. Es fühlt sich oft nicht an, als würde man öffentliche Einrichtungen, sondern zugänglich gemachte Wohnzimmer betreten, in denen das Wort Community nicht nur ein öffentlichkeitswirksames Abstraktum darstellt, sondern noch eine konkrete Funktion erfüllt. 

In einem unscheinbaren Parkplatzhäuschen im Bezirk Naujamiestis, also der Neustadt, ist Radio Vilnius untergebracht. Hier wird seit Corona-Zeiten rund um die Uhr live gesendet, so ist über die Jahre ein umfangreiches Online-Archiv entstanden. Da gibt es wirklich alles: Von morgendlichen Yoga-Sessions über Talks zu klassischen Radioformaten. Manchmal gebe es Open Calls. Es sei ihnen wichtig, lokale Acts zu fördern, gleichzeitig lege man jedoch Wert darauf, die Qualität möglichst hoch zu halten. Wir hören in ein paar Aufnahmen rein. Die auffällige Wand des Studios besteht aus einer grobverputzten, beinah dadaistischen Spachtelstruktur. „Mich hat es immer genervt”, erzählt eine der Betreiber:innen, „dass bei anderen Radiosendern immer alles mit Stickern zugeklebt wird. Deswegen ist die Wand eine Präventivmaßnahme.” Die Station sei nicht nur eine Sendezentrale, sondern auch ein zweites Wohnzimmer für viele der Beteiligten. 

Radio Vilnius ist ein unabhängiger Community-Radiosender
Radio Vilnius ist ein unabhängiger Community-Radiosender (Foto: Jakob Senger)

So auch für Raivo, einen lettischen DJ, der seit knapp drei Jahren fest in Vilnius lebt. Die Hauptgründe seien für ihn insbesondere die Offenheit und Intimität der lokalen Szene. „Gerade im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten. Hier ist es viel einfacher, dich zu connecten und selber etwas auf die Beine zu stellen. Und das stärkt natürlich auch den Bezug zur Stadt und ihren verschiedenen Ausdrucksformen.” Raivo produziert an der Schnittstelle von frühem House und Techno, wobei er den Sound in kontemporäre Gefilde übersetzt. Seine DJ-Sets, die ihn neben lokalen Bookings auch quer durch Europa führen, bewegen sich zwischen rohem 90er House und angrenzenden Sounds, ohne sich jedoch allzu sehr einer strikten Genredenke zu verpflichten. 

Ob es denn einen bestimmten Sound gebe, der Vilnius im Hier und Jetzt repräsentiert? „Ich würde sagen, es gibt ein Comeback des Sounds der 90er – ungeschliffen und groovig. Außerdem gibt es starke Einflüsse von Electro, Dub und Krautrock, die allmählich miteinander verschmelzen.” Auch seine unmittelbare Zukunft sehe er hier. Bei der vielen Reiserei sei die Stadt mittlerweile sein Zuhause geworden und zudem ein Ort, um sich künstlerisch auszuleben.

Hi-Fi, Post-Punk und Krautrock: Der Sound einer ungeschliffenen Stadt

Die Adata Bar ist unsere Anlaufstelle für den frühen Abend. Das markante Industriegebäude befindet sich ebenfalls in der Neustadt und wurde Gerüchten zufolge früher als geheimer Militärstützpunkt genutzt. Hinter dem Konzept des Listening Spaces steht der litauische DJ Manfredas, der seit zwei Jahrzehnten nicht nur als Produzent, sondern auch hinter den Kulissen maßgeblich am Vilniusser Nachtleben beteiligt ist. Mit seiner Nadelholzoptik und einem maßgeschneiderten High-End-Soundsystem erinnert der Raum an japanische Jazz-Kissa-Bars. 

Dazu gibt es Naturwein, elegantes Fast Food und ausgefallene Cocktailkreationen – kurzum: Die gesamte fensterglasbebrillte, audiophile Jutebeutelfraktion kommt auf ihre Kosten. Als wir ankommen, sitzen zwei Nachwuchs-DJs im Schneidersitz hinter den Decks und spielen ihre Lieblings-Post-Punk-Stücke über Stick: irgendetwas zwischen Gang of Four, Guerre Froide und litauischem Krautrock. 

Für Gabija ist die Stadt musikalisch gar nicht so konkret zu greifen. „Vielleicht gibt es eher eine gemeinsame Stimmung als ein gemeinsames Genre”, meint sie. Im Hintergrund trällert gerade „Eisbär” von Grauzone, das, tausendmal gehört, immer noch zum Mitgrölen animiert. „Die Musik hier ist selten übermäßig fröhlich – oft hat sie etwas Melancholisches, Freches und ein bisschen Sarkastisches an sich. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Musikszene so viele verschiedene Nischen, dass ich nicht sagen würde, dass ein einziges Genre Vilnius definiert. Wir lieben Dub, Techno, House, Jazz, Metal und experimentelle Elektronik; manche schwärmen für Pop. Vielleicht ist Vielfalt der Sound von Vilnius.”

Aufbruch im Osten

Im Draugų lassen wir den Abend ausklingen. Zwischen Bürogebäuden und großen Einkaufszentren kommt die schnuckelige Tanzbar beinahe etwas deplatziert daher – der Andrang jedoch ist groß. Hier gibt es einen kleinen, intimen Dancefloor, ein ausgezeichnetes Soundsystem und ein abwechslungsreiches, experimentierfreudiges Booking. Das meiste funktioniert hier auf Freiwilligenbasis. Als wir ankommen, ist die Party schon voll im Gange. Es läuft Electro Nations minimalistischer Tool-Track „Psycho Smurf”, der in Benedikt Freys „Aid Kit” übergeht, dessen tief wummernde Bassline und der unmissverständliche Bounce für eine ausgelassene Stimmung sorgen. Später sitzen wir draußen und blicken auf die leergefegten Straßen des Business-Viertels mit seinen emporragenden Wolkenkratzern, während hinter uns noch immer der Beat scheppert. 

Ein Konzert im Draugų Vardai (Foto: Hanna Nawrocka)

In diesem Moment meine ich, den Vibe der Stadt schon ziemlich gut zu begreifen, er ähnelt den Geschichten, die sich Menschen erzählen, wenn sie vom Berlin der Neunziger reden. Gerade in der räumlichen und historischen Begrenztheit liegt das kreative Potenzial des Nachtlebens in Vilnius. Die Stadt zeigt sich offen gegenüber neuen Einflüssen und Kulturen, bewahrt dabei jedoch eine klare und unerschütterliche Haltung gegenüber ihrer eigenen kulturellen Identität. Aus diesem Spannungsfeld entstehen neue Formen der Begegnung: Bestehende Räume werden neu gedacht, umgenutzt und mit neuen Konzepten des Nachtlebens gefüllt. 

„Es ist eine echte Szene mit einer eigenen Geschichte”, meint Vidis, während ich an meiner Lynxmonadas, einer ordentlich süßen, lokalen Hanf-Limo, schlürfe. „Genau aus diesem Grund sollten die Leute kommen und das Nachtleben von Vilnius erleben – nicht wegen des größten Line-ups, nicht wegen der längsten Schlange vor der Tür, sondern wegen der authentischen Energie.” Vilnius zählt damit neben Kiew und Tiflis nicht umsonst zu den drei gleichermaßen großartigen Partyhauptstädten östlich von Berlin.

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