Die norwegische Sängerin, Komponistin und Improvisatorin Karoline Wallace tritt am 29. Oktober beim Jazzfest Berlin auf. Die Musik der in Stabekk bei Oslo aufgewachsenen Musikerin verbindet norwegische Volksmusik, Jazz und zeitgenössische Musik.
Die kosmopolitische und äußerst aktive Wallace spielt in den Formationen Andreas Røysum Ensemble, Karl Bjorå Ensemble und mit dem Singer/Songwriter Metteson. 2018 schrieb sie in einem langen norwegischen Winter ihr erstes Soloalbum Lang vinter. Ihr neues Album Eon, das sie auf dem Jazzfest präsentiert, ist ihr erstes elektroakustisches, mit Texten auf Norwegisch, und wurde mit Signe Emmeluth, Karl Bjorå, Joel Ring und Martin Langlie aufgenommen. Wir haben vorab mit ihr gesprochen: über ihre Erinnerungen an die Zeit in Berlin, über das Wechselspiel zwischen Band und Soloarbeit, über Elektronik, Geologie und eine Kassette von 1995.
Was verbindest du mit dem Jazzfest Berlin und mit der Stadt Berlin? Schließlich hast du hier mal gelebt.
Ich erinnere mich an mein erstes Jahr beim Jazzfest. Ich war gerade hergezogen, hielt mein Rothaus-Bier in der Hand, pulte nervös daran herum und sah mich bei all den coolen Musiker:innen um. Ich dachte: Wow, lebe ich jetzt am selben Ort wie all diese unglaublich coolen Leute?? Ich weiß noch, wie sehr mich die Konzerte umgehauen haben und wie glücklich ich bis ins Mark war! Da wusste ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, nach Berlin zu ziehen.
Du spielst in verschiedenen Bands, machst aber auch allein Musik. Wie funktioniert der Austausch zwischen beidem?
Ich bin sehr froh, dass ich beides machen kann. Wenn ich mal eine Zeit lang das eine mehr mache als das andere, vermisse ich das andere sehr. Beides ist auf seine eigene Weise befreiend. Nach dem Spielen mit anderen habe ich mehr Lust zu schreiben, und ich bin immer froh, einfach spielen zu können, ohne den zusätzlichen Stress, Bandleaderin zu sein.
Dein erstes Soloalbum Lang vinter ist im langen Winter 2018 entstanden, und trotzdem ist kaum etwas von Kälte oder Beklemmung zu spüren. Ist es eine Art Gegenbild?
Das kann man wohl sagen! Es ist das, was aus dem kalten, dunklen, langen Winter herausgekommen ist. Manches davon fühlt sich für mich kalt an, aber das meiste träumt vom Licht und von Wärme und streckt sich danach aus.

Auf deinem aktuellen Album arbeitest du auch mit elektroakustischer Musik. Was reizt dich daran, und wie baust du sie in deine Kompositionen ein?
Ich liebe es, wie sich eine dritte Stimme bilden lässt, wenn man Elektronik zu den akustischen Instrumenten hinzufügt. Oft habe ich Klänge, die sich für mich körperlich anfühlen, sie sind in meinem Kopf oder in meiner Brust. Und oft gelingt es, sie nachzubilden, indem man zu etwas, das man schon gehört hat, etwas hinzufügt, das man noch nie gehört hat. Zum Beispiel ein Cello-Klang mit Vibrato und Hall zusammen mit einer Gitarre, die die Tonhöhe verbiegt. Das eröffnet einfach so viele Möglichkeiten, neue Klänge zu schaffen!
Auf dem Album ist auch das Stück „To Benedikte from Heather”, die Aufnahme eines Kindes, das von seinen Ferien erzählt. Was steckt dahinter? Wie hast du die Musik zu der Aufnahme entwickelt?
Das ist eine Aufnahme von Heather, einer Freundin meiner Schwester. Wir haben früher in England gelebt. Als wir nach Norwegen zogen, hielten meine Schwester Benedikte und Heather den Kontakt, indem sie sich Kassettenbriefe schickten. Für diese Komposition wollte ich etwas machen, das von Sedimentgestein inspiriert ist. (Das ganze Album handelt von Geologie und von geologischer Zeit, der „deep time”.) Eine Schicht sollte also etwas vor langer Zeit Aufgenommenes sein, die Kassette von 1995. Die nächste Schicht ist etwas Komponiertes, Akkorde, die ich gesungen habe und die 2024 entstanden sind. Die nächste haben die Musiker:innen improvisiert. So gibt es mehrere Zeitschichten mit jeweils eigenen Qualitäten: akustisch, elektronisch und die Sprechstimme auf der Kassette.
Wie bereitest du dich auf dein Konzert beim Jazzfest Berlin vor? Was ist geplant, was spontan? Deine Stücke klingen ja sehr durchdacht.
Wir üben die einzelnen Bausteine, und dann versuchen wir, die Musik sein zu lassen und das geschehen zu lassen, was im Moment geschehen will. Oft wissen wir, was als Nächstes kommt, aber der Weg dorthin ist offen. So fällt es mir leichter, mich miteinander zu verbinden.
Tickets für das Konzert von Karoline Wallace auf dem Jazzfest 2026 sind hier erhältlich.