„Vilnius Nights” sind eine ausgedehnte Clubnacht, die sich auf vier Locations im unmittelbaren Zentrum der Altstadt der litauischen Hauptstadt verteilt: das Anna Mesha, Butas, das Cornercafé Elastica und die Gallery 1986. Da die Stadt dieses Projekt unterstützt, bleiben die Kosten für Besucher:innen mit zehn Euro pro Ticket überschaubar. Das macht sich auch im Pre-Sale bemerkbar: Knapp dreitausend sind über die digitale Ladentheke gegangen. Nicht schlecht für ein undergroundiges Clubmusikfestival in einer Stadt mit etwa 600.000 Einwohner:innen.
Das Festival setzt auf musikalischen Omnivorismus und lokale Künstler:innen, Residents und Gesichtern des Vilniuser Undergrounds. Damit positioniert sich das Festival als spannendes Kontrastprogramm zur bestehenden europäischen Festivallandschaft: weniger Großkaliber mit internationaler Strahlkraft, mehr lokale Szene und Community. GROOVE-Autor Jakob Senger war vor Ort und hat sich die Nacht in allen vier Clubs um die Ohren geschlagen.
Nahe einem stillgelegten Bahnsteig am Hauptbahnhof Vilnius steht eine knapp fünf Meter hohe Tony-Soprano-Statue. Um die Herkunft des HBO-Mafioso-Abbilds, das nur knapp unter das Blechdach des Bahnhofsgebäudes passt, ranken sich so einige Gerüchte. Und dieser Fabelethos passt: Vilnius wirkt wie ein permanentes Provisorium. Bei Nacht kommt die Stadt gar einem dicht verzahnten, riesigen Spielplatz für Erwachsene gleich.
Der Eingang zum Club Elastica ist unscheinbar und nur dadurch erkenntlich, dass dort zwei handelsübliche Bomberjacken bei artgerechter Unterbringung an einem runden Stehtisch herumhängen. Über eine in rotes Licht getauchte Höllenspirale geht es vier Stockwerke abwärts in ein eng verzweigtes sowjetisches Tunnelsystem. Hinzu gesellt sich ein monotoner, baumaschinenartiger Technobeat.
Unter der Stadt
Auf dem Floor paart sich klaustrophobische Bunkeridylle mit subtiler, ledriger Cleanheit. Von der Decke hängt eine Kronleuchter-Installation aus Ketten, hinter dem DJ-Booth pulsiert ein leuchtend rotes LED-Panel und konterkariert die verrosteten bedrohlichen Stahlträger, die den Floor vom litauischen Nachthimmel trennen. Der karge Materialcharakter wird vom litauischen DJ Tadan nahtlos in eine homogene Soundsprache übersetzt: hypnotischer, drückender Techno mit Spuren von Trance. Repetitiv, aber immersiv und durchaus verspielt. Die Crowd, die sich hier unten eingefunden hat, ist für so ein szeniges Ambiente überraschend divers: vom eingelederten Techno-Jüngling, dem blass geschminkten Goth im Nieten-Cosplay, bis hin zum betagten Gelegenheitshüpfer in Ballonhose trifft sich hier, was sich sonst nicht über den Weg traut.

Für die anschließende Party in der Gallery, die sich fußläufig vom Elastica befindet, geht es vom Kellergewölbe in ein geräumiges Industrie-Loft. Wo zu Sowjetzeiten Radio- und Elektronikkomponenten hergestellt wurden, befindet sich heute das Herzstück des Nachtlebens in Vilnius. Nicht nur aufgrund der atemberaubenden Räumlichkeiten, des kargen Industrie-Charmes aus sakraler Deckenhöhe und vergitterter Dachterrasse ist die Location der Mittelpunkt der lokalen Clubbing-Community. Sie ist zugleich der spirituelle Nachfolger des legendären Opium Clubs, der das hiesige Nachtleben 16 Jahre lang maßgeblich geprägt hatte, bevor er Anfang 2026 geschlossen wurde.
Aufgrund der mit jedem Stockwerk abnehmenden Deckenhöhe im Treppenhaus hat man die betonierten, abgehenden Deckenkanten vorsorglich mit Schaumstoffrollen ausgestattet. Inmitten der monumental großen, entkernten Halle, an deren Ende sich eine markante Wand aus brutalistischen Glasbausteinen befindet, verbreiten sich gerade die ersten klanglichen Fetzen des Live-Sets von Patricia Kokett, der eigentlich Gediminas Jakubka heißt und ein Alumnus des Undergrounds in Vilnius ist. Er arbeitet mit ausladenden, teils dreiminütigen Build-ups, modularen Verträumtheiten und den sonischen Abschweifungen eines Hobbybastlers, verliert dabei jedoch nie den Bezug zu seiner Funktion als Tanzbeauftragter. Die Verkopftheit hat Hand und Fuß, ohne allzu sehr ins Funktionale abzudriften. Schroffe Breakbeats verkehren sich in stramme Techno-Sequenzen, nur um sich nach der nächsten, mit Acid-Sounds getränkten Drone-Bridge als glitschiger Halftime-Beat zu reinkarnieren. Das sorgt dafür, dass sich – in allerfeinster Abi-Fahrt-Rhetorik – sowohl ein halbes Dutzend Schaulustiger zum Vortanz auf die DJ-Booth ermutigt fühlt als auch die audiophilen Sunn-O)))-Kappenträger mit perfekt gewölbtem Schnurrbart zustimmend nicken.
Vom Sowjet-Bunker ins Industrie-Loft und zurück
Das Cornercafé ist die jüngste der vier Anlaufstellen und weniger groß angelegtes Clubkonzept als vielmehr die gute alte Tanzbar. Dafür tauschen wir Rohbau-Flair kurzerhand gegen ein Souterrain im unmittelbaren Zentrum der Stadt – im selben Gebäude, in dem sich einst der Opium Club befand. Durch einen engmaschigen, grell violett eingefärbten Korridor aus Bar und Sanitäranlagen geht es auf den Floor.

Der wird jeder Boiler-Room-Ambition gerecht: ein gemütlicher Akustikwürfel mit futuristischen, kurvigen LED-Panels, Neon-Zylindern und sattem Sound. Um dieser Ibiza-Exklaven-Optik gerecht zu werden, spielt Tres Sticky einen unverfänglichen, interaktiven Sound, der sich auf Progressive House konzentriert, dabei aber immer wieder Themen aus Minimalismus, Trance und Acid House sowie eine gut dosierte Portion Eurodance-Silliness aufgreift und die angeheizte Menge damit gut beschäftigt.
Das anschließende Set des Duos Snatch! greift diese Funktionalität auf, hält die Energie hoch, führt sie aber weiter aus. Über Nu-Disco-Tracks wie Tigas „Friction” schwenkt das Set bald in eine maschinelle Electro-Ästhetik über. Absolutes Publikumshighlight ist ebenfalls Tigas Electro-Clash-Klassiker „You Gonna Want Me”, für den das Publikum eine erstaunliche Textsicherheit beweist.
Boiler-Room-Atmosphäre und Eurodance-Silliness
Wir landen noch kurz im rappelvollen ANNA MESHA, dessen luxuriöse Raumgestaltung sich rund um ein Kopfkino-Konzept realisiert, in dem sich die eigentliche Bewohnerin – eine fiktive Millionenerbin – gerade auf Reisen befindet. Also: Eine bunte Hausparty im Stile einer Nobeldisse, in die man sich um drei Uhr morgens durch ein Zaunloch reinschleicht, einmal in den Champagnerkübel greift und seltsame Blicke vom Barpersonal kassiert, weil man – nicht wissend, dass V-Shirts und gewachste Brust wieder ein Thema sind – keinen angemessenen, also maßgeschneiderten Oberbezug trägt. Man probiert kurz, die Fußballen zur Beatport-Latin-House-Playlist in Bewegung zu bringen, dreht dann aber doch relativ schnell die Kurve, um das Sonnenaufgangs-Set in der Gallery nicht zu verpassen.

Im Red Room, dem Frühmorgenseparee, spielt Vidis, seines Zeichens DJ-Veteran und ehemaliger Betreiber des legendären Opium Clubs. Er trägt eine beige, abgegriffene Mütze mit der Aufschrift „Acid” und hört seine Tracks stilecht mit einem Telefonhörer vor. Die Mischung aus Nu Disco mit arpeggierten, hypnotischen Chords und rhythmisch aufgeräumtem Progressive House entwickelt einen Sog zwischen Zerstreuung und Konsequenz. Vidis weiß, was funktioniert, weshalb er seinen Blick kaum ins Publikum schweifen lässt. Seine Tracks begleitet ein unwiderstehlicher Groove mit Retro-Feel, und obwohl er rein digital spielt, hat man bei jedem Stück das Gefühl, das warme Kratzen eines Tonabnehmers und das Rauschen einer zwanzig Jahre alten, aber perfekt umsorgten LP zu hören.
So hält man intergenerational zusammen
Das Publikum ist lässig uncodiert und wirkt weniger wie ein performativer Schwarm als wie ein bunt durchmischtes Sammelsurium glücklich Angeschwemmter. Hier treffen sich verlebte Veteranen aus den 90ern, deren letzte Gehirnzellen noch für eine behelfsmäßige Augen-Hand-Koordination reichen, und ein junges Publikum, dessen ausgelassenes Jubeln erahnen lässt, dass die Begeisterung nicht ausschließlich den musikalischen Umständen geschuldet ist, sondern auch dem Umstand, dass einige von ihnen zum ersten Mal auf einer Party sind.
Dieses Gefühl von intergenerationaler Gemeinschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Begeisterungsfähigkeit für elektronische Musik zieht sich durch die Nacht und bis in die frühen Morgenstunden. Eine Nacht, vollgestopft mit wirren Storylines und obskuren Clubkonzepten, wie man sie andernorts kaum finden wird. Teils mythenumwoben, unangetastet, doch immer mit dem unmissverständlichen Grassroots-Kondensat einer Clubkultur, die sich auf eine tief verwurzelte Tradition beruft und sich gleichzeitig ständig in Bewegung befindet.