Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
DJ AGITATED – Archive of Disappearing Now (Dolly TS)
Auf dem Dolly-Sublabel „TS” veröffentlicht Steffi gerne ziemlich geradlinige Techno-Tools mit einem Hang zum Farbenfrohen. Die Nummer 17 kommt unter dem noch anonymen Alias DJ AGITATED, zu dem sich außer ein paar kryptischen, gesichtslosen Instagram-Posts noch keinerlei Infos finden lassen. Die Sprache seiner Veröffentlichungen auf Vinyl ist dafür umso deutlicher: Schnell und schnörkellos preschen die fünf Tracks voran, dabei gibt es keinen Stand-out-Track, dafür fünf Mal ordentliches Dancefloor-Futter. Auf der A-Seite peitschen die Claps neben aufstrebenden Pads in klarer Detroit-Manier, und auch auf der Flip ist die DNA von „Knight of the Jaguar” spürbar. Die Hommage bleibt aber keinen Deut hinter den Vorbildern, denn selten stehen sich treibender Maschinensound und Soul so exzellent in Balance gegenüber. Leopold Hutter

Edward – Familiar Feeling (Giegling)
Nach den ersten Sekunden in der neuen EP von Edward alias Gilles Aiken, versteht sich, weshalb sie den Titel Familiar Feeling trägt. Der Sound klingt vertraut, aber dennoch komplett neu – wie ein Ort, den man wiedererkennt oder ein Geruch, der mit einer bestimmten Erinnerung verknüpft ist. Ein Eindruck, der sich beim ersten Hören kaum beschreiben lässt. Details werden erst nach mehreren Durchgängen bewusst und das auch nur subtil.
Edward arbeitet nicht mit offensiven Drops oder großen Klängen, sondern kleinen, detailreichen Veränderungen. Der rhythmische, tanzbare Sound wird durch eine sinnliche Frauenstimme ergänzt. Kurz darauf folgen elektronische Elemente, die den Klang in eine synthetische Ebene verschieben.
Soundeffekte tauchen auf, bleiben für einen Moment und sorgen für einen Wechsel in der Stimmung: Von euphorisch, energetisch und stark zu melancholisch, hypnotisch, aber weiterhin treibend. Gerade noch präsente Klänge verschwinden langsam im Hintergrund – als wären sie nie da gewesen. Dadurch bleibt der Track ständig in Bewegung, ohne seine Rhythmik zu verlieren.
Edward ist Teil des Giegling-Kollektivs und bekannt für seine tiefen, immersiven Sets, die er mit verschraubten Grooves, psychedelischen Sampels und Ambient-Texturen zu einem surrealen Sound verbindet. Mit Familiar Feeling zeigt er, wie geschlossen und zugleich variabel eine Fünf-Track-EP klingen kann und dass sich ein gereifter Stil auch nach fast zwei Jahrzehnten nochmal neu formieren lässt. Madu Abeysekera

Luigi Madonna – Flowz (BCCO)
Vier Tracks, eine eigene kleine Welt. Mit Flowz kreiert Luigi Madonna einen Soundtrack, bei dem man irgendwann nicht mehr nur zuhört, sondern vielmehr in einen tranceartigen Zustand verfällt. Die vier Stücke auf seiner neuen EP für BCCO bewegen sich durch einen mystisch-melodischen Minimal-Groove, getragen von hypnotischen Kicks, fließenden Vocals und Sounds, die sich dreidimensional um einen herumlegen.
Statt großer Builds und spektakulärer Breaks setzt Madonna auf einen konstanten Sog.
Einmal im Flow, bleibt man dort auch.
Gerade darin liegt die Stärke der EP: Madonna braucht nicht viel, um viel zu erzählen. Die sparsam gesetzten Effekte lassen den einzelnen Sounds Raum und geben ihnen eine Tiefe, die weit über den klassischen Build-up-Breakdown-Clubtrack hinausgeht. Flowz ist Musik, zu der man sich über Stunden lang bewegen könnte, ohne irgendwann noch zu wissen, wie spät es eigentlich ist. Vier Tracks, die weniger auf den großen Moment zielen als auf diesen einen Zustand, in dem Rhythmus und Körper einfach weitermachen. Mascha Schaper

Qnete – A Thing Or 2 (Kann)
Wer nach Leipzig schaut, sieht entweder Biobäckerromantik oder poststudentische Melancholie, aber manchmal, ganz selten, im dämmerigen Wohlfühldunkel der Plattenpresswerke, passiert dann doch was. Kann Records drückt auf die Euphoriebremse und drückt uns Qnete auf den Plattenteller. Marvin Uhde, so ein, wie soll man eigentlich sagen: Soundarchitekturspezialist, hat nämlich wieder gebastelt. Ist das House? Ist das Dub? Nein, nur feinstes Taktflüstern, sofern man ein Herz fürs Feuilleton hat und den Club schon mal als Gefühlsverdichterraum bezeichnet. Der Uhde tut das nicht. Da schlingert nur alles und glimmt. Man möchte am liebsten darüber auf einem Podium diskutieren, aber, huch: Auf der B-Seite grätscht der Titeltrack dazwischen – reinste Subbassmaxime. A Thing or 2 ist damit der sternchenzertifizierte Sound für Leute, die clubmüde sind, aber den Heimweg verweigern. Kaufen, auflegen, nach Leipzig schauen. Christoph Gleich

The Melting Hours – The Melting Hours EP (Beyond Space And Time)
Wata Igarashi und Kuniyuki Takahashi verbindet neben etlichen anderen Gemeinsamkeiten auch eine immense Vielseitigkeit. Von Techno über jazzige Elektronika bis Ambient und hinein in etliche nichtelektronische Nischen erstreckt sich ihr künstlerisches Schaffen, als The Melting Hours einigen die Beiden sich aber auf einen abgesteckten Rahmen: Die EP beginnt mit einem sehr gelungenen Ambient-Track aus Flächensounds und wenigen dezenten kurzen Melodiesplittern. Stück zwei führt dieses Konzept über ein paar Takte fort, dann schlägt ein gerader Viertelnotenbass aber eine etwas rhythmischere Richtung ein. Drums gibt es in „Liquid Dunes” allerdings nicht, dafür live gespielte Flöte, die darauf verweist, dass The Melting Hours ein improvisatorisches Live-Projekt sind. Nach diesen im besten Sinne meditativen zehn Minuten dürfen dann aber doch noch Percussions und eine klassische Kickdrum auf dieser EP mitspielen – mit „Cloud Touch” folgt ein toller clubbiger Track, der zwar auf gemütlichen 102 BPM groovt, allerdings mit der Vehemenz einer energetischen Techno-Hymne. Mathias Schaffhäuser
