Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier.
Alexander Kowalski – Echoes (Cycles Music) [Reissue]
Die Berliner Nacht der Neunziger wurde von einem Sound dominiert, der Detroit Techno eine funktionale, puristische Note abverlangte. Weniger Melodien, weniger Experimente, mehr Monotonie war die Losung des tonangebenden DJs Rok. Produktionsseitig tat sich die Berliner Musiker:innen-Community jedoch schwer, diesen Sound auch im Studio umzusetzen. Während der Kreis um das Hard Wax sich mit seinem Dub-Einfluss vom Berliner Techno-Blueprint entfernte, vertrat Heiko Laux mit seinem Imprint Kanzleramt die reine detroit-infizierte Lehre. Unter der Gruppe starker Producer-Persönlichkeiten auf dem Label, zu denen etwa Johannes Heil, Christian Morgenstern oder Anthony Rother gehörten, war Alexander Kowalski der einzige mit Berliner Wurzeln.
Zum Markenzeichen dieser herausragenden Figur der zweiten Berliner Techno-Generation gehört ein differenzierter Umgang mit den Klängen, der sich von der Berliner Post-Punk-Stimmungslage eines Rok entfernt. Kowalski verlangt den Tracks ungekannte Subtilitäten ab, erinnert eher an Funk D’Void, Agoria oder Fabrice Lig. Kowalskis nun neu gemastertes Debütalbum hat heute, ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung, nichts von seinem Charme verloren. Lebendig, einfallsreich und voller Energie vermittelt es einen freien Umgang mit dem Techno-Vokabular, der neugierig auf Improvisation und Experiment ist, den roten Faden des Dancefloors aber nie aus dem Auge verliert. Alexis Waltz

Arrumar – Xa Humba (QEONE)
Arrumar gelingt auf Xa Humba etwas Seltenes: Er übersetzt traditionelle südafrikanische Rhythmik nicht in westliche Clubgrammatik. Das Ergebnis ist ein Album, das sich den vertrauten Rasterungen von Afro House entzieht und stattdessen einen futuristischen Hochgeschwindigkeitsentwurf präsentiert. Arrumar nennt ihn Traditional Dance Music (TDM).
Schon „Mulher Guerreira” mit Dercia Machava katapultiert aus der Komfortzone. Der Bass pumpt extrem, weit über 150 BPM, die Percussion scheint zugleich vor und hinter dem Beat zu liegen. Was zunächst überfordert, entwickelt bald eine eigentümliche Klarheit. „Hamba” führt diesen Ansatz fort: Hinter der rastlosen Oberfläche verbirgt sich ein zutiefst emotionales Stück. Überhaupt lebt Xa Humba von permanenten Spannungsverschiebungen. „Night Owl” beginnt beinahe ambienthaft, bevor es in einen hochbeschleunigten Strudel aus Percussion und Synthesizer-Flächen kippt. Mit „Masiko” erreicht das Album seinen ersten Höhepunkt. Die Rhythmen überschlagen sich, ohne je chaotisch zu wirken, und entfalten einen Sog, den viele aktuelle Clubproduktionen vermissen lassen. Zugleich besitzen sie eine bemerkenswerte Elastizität – man hört ihnen an, dass sie selbst drastisch heruntergepitcht nichts von ihrer Intensität verlieren würden. „Moya” und „Xintumbana” treiben die Dynamik weiter, bis „Xigubu” das Koordinatensystem verschiebt. Gebrochene Rhythmen treffen auf traditionelle Schlagmuster, Hörgewohnheiten werden neu justiert. „Meropa” öffnet anschließend einen fast zeremoniellen Raum aus Stimmen und spirituellen Rufstrukturen, bevor „Pula” als erste Atempause die fiebrige Verdichtung auflöst. Zum Schluss verlangsamt Arrumar den Puls, ohne die Spannung aufzugeben. „Lufuno”, „Vhevhula” und das flächige „Riperile” wirken wie eine behutsame Rekalibrierung des Gehörs nach diesem rhythmischen Ausnahmezustand.
Xa Humba modernisiert keine Traditionen, sondern erweitert sie. Eine der aufregendsten Elektronikveröffentlichungen des Jahres. Liron Klangwart

Bot1500 – The Black Sea (Short Span)
Der Titel klingt nach einem weiteren Album, das eine finstere Zukunft beschwört. Nach ein paar Tracks stellt sich heraus, dass The Black Sea eher Seelenfutter-Qualitäten besitzt als betrübliche Nebenwirkungen. Beabsichtigt wurde diese Wirkung wohl nicht, zumindest deutet im Begleittext nichts darauf hin, und vielleicht ist es gerade diese Absichtslosigkeit, die den Stücken ihre unaufdringliche Ausstrahlung gibt.
Musikalisch erzielt wird diese durch reduzierte Arrangements ohne jede Spur von Überwältigung, ohne Geprotze, ohne klangliche Extreme. Die Tracks bewegen sich bis auf den finalen auf 140 BPM, aber weil der Puls meistens eher halftime definiert ist, werden die Breakbeats, die Shinichi Koboyashi für sein Projekt Bot1500 baut, nicht als schnell und hektisch wahrgenommen. Und natürlich ballern sie auch nicht, die Klangpalette geht Richtung organische Sounds auf mittlerer Anschlagstärke. Dabei begeht der Japaner nicht den Fehler, zu viel Betonung auf Gediegenheit zu legen – wie gesagt, Ambient im Sinne von Nebenbei-Musik will The Black Sea nicht sein. Die Beats versuchen nicht, echt zu klingen und ihren Maschinencharakter zu verleugnen, und das Sounddesign der Bässe und Keyboards ist eindeutig elektronisch. Zusammen mit den auf das Wesentliche konzentrierten Arrangements ergibt dies eine spezielle Schönheit, die auch einer der im Albuminfo erwähnten Inspirationsquellen des Albums innewohnt: Eine dunkle, schwüle japanische Sommernacht am Meer mit kreuzendem kleinen Segelboot im schummrigen Blickfeld. Mathias Schaffhäuser

dgoHn – Tessares (Planet Mu)
Man kann sich das Leben auch unnötig schwer machen. Hinter der mysteriösen Zeichenfolge „dgoHn” etwa verbirgt sich nichts anderes als der schlichte Name John. So heißt dieser Londoner Produzent nämlich wirklich. John Cunnane hat aber vermutlich suchmaschinenstrategisch gedacht: Wer sich seinen Projektnamen in der offiziellen Schreibweise merken kann, wird online schnell fündig. Womit man im selben Zug das Risiko minimiert, dgoHns Labeleinstand bei Planet Mu zu verpassen. Auf Tessares verblendet dgoHn Drum’n’Bass und IDM in einer unauffällig innovativen Weise, die mehr swingt als bolzt. Rumpelige Amen-Breaks als Basis nutzt er durchaus, doch mischt er sie gern mit untypischen zusätzlichen Schlagzeug-Sounds wie Ride-Becken, klappernder Perkussion oder Snare-Wirbeln, um darüber bei Bedarf epische Melodien mit Kinderlied-Charme zu setzen. Die hält er allerdings so knapp und reduziert, dass sie die Kitschgrenze nur ganz knapp schrammen. dgoHn schafft es dabei mit seiner Kombination aus bekannten und unerwarteten Zutaten, traditionsbewusst und frisch zugleich zu klingen. Kultiviert ungebändigte Energie wie diese tut einfach gut. Tim Caspar Boehme

Flaty X Ocurob – TRICITI (ANWO)
Drei Jahre nach seinem letzten Album präsentiert Evgeniy Fadeev alias Flaty zusammen mit seinem eigenen Alias Ocurob TRICITI, ein aus elf Tracks bestehendes sequenziertes Feuerwerk auf seinem eigenen Label ANWO, das ebenso präzise wie verspielt daherkommt, wie es sich zwischen Juke und Footwork bewegt – garniert mit einer Prise dysfunktionalem Cyborg. Spannungsgeladene Polyrhythmen treffen auf ineinander verschmelzende, dystopisch anmutende metallene Klänge, die sich mal mehr, mal weniger polternd ihrem mechanischen Prozess aussetzen, als gegen ihr Schicksal zu protestieren. Falls es im Übrigen irgendwann so etwas wie einen Aufstand der Maschinen geben sollte, findet man im Laser-Stakkato von „Triblast” einen Vorgeschmack. In dem bewusst erzeugten Chaos finden sich feine Segmente, die sich teilweise wie Nadelstiche auf der Haut anfühlen und durch massive Bassfrequenzen erschüttert werden. Ekstatisch und hypnotisierend übernimmt der fokussierte Beat von „TC Ruin” die Kontrolle über den eigenen Körper. Dazwischen ein Hauch von Euphorie in „Triextenza”, der die verzerrte Sicht aufklaren lässt, bevor „Galvanica” endgültig den Boden unter den Füßen wegzieht. Leon Schuck
