Nach zwei ausgefallenen Jahren zog die Techno Parade wieder von der Bastille Richtung Nation: mit Detroit als Ehrengast, erstaunlich viel Hardtechno und einer Gelassenheit, die man von Umzügen dieser Größe kaum kennt. Ein Vibe-Check von GROOVE-Redakteur Alexis Waltz.
Die Parade wird erst in einigen Stunden starten. Viele Raver:innen haben sich schon um die Floats versammelt, sind schon bestens aufgelegt. Die Musik tönt schon über die Place de la Bastille, um die sich die Wagen schlängeln. Einige Gäste haben schon ihre Position auf den Dächern der Bushaltestellen eingenommen, ein Markenzeichen der Pariser Parade.

Um den Detroit-Float haben sich viele Techno-Veteranen versammelt, einer trägt ein Ed-Banger-Shirt, ein Mann und eine Frau tragen im Partnerlook Underground-Resistance-Hemden.

Dass die 2025er-Ausgabe aufgrund von Geldmangel nicht stattfinden konnte, war ein Wermutstropfen. 2024 hatte man wegen der Olympischen Spiele verzichten müssen. Es wirkt aber nicht so, als sei die Parade in Vergessenheit geraten, eher als hätte man zwei Jahre mit den Hufen gescharrt. Nun haben sich Menschen versammelt, deren Kleidung sie dem feierfreudigen Teil der Stadtbevölkerung zuordnet. Das Spektrum könnte von der eleganten Großstadtbewohnerin mit Designerbluse und -handtasche bis zum Anime- oder Hardtechno-Kid kaum größer sein.

Fast alle Floats kommen von Veranstaltenden-Kollektiven und Radiosendern. Schließlich gehört der französische House-Sender Radio FG zu den Mitgründern der Parade, die zum ersten Mal 1998 stattfand. Ein Hingucker ist zweifellos der Float aus Detroit, der vom Tourismusverband der Stadt veranstaltet wird und die Beziehung zwischen beiden Städten unterstreichen will. Die farbenfrohe Plane des Wagens unterstreicht einen spielerischen, vielleicht ein wenig jazz-affinen Zugang zum Detroit-Sound.

Kein Geringerer als Kevin Saunderson thront auf dem Float. Er trägt ein schwarzes Netz-Shirt, wie er es in seiner New Yorker Zeit in den 1980er Jahren in Clubs wie der Paradise Garage getragen haben könnte. Der Musiker, der bei den Belleville Three für House und Soul zuständig war, spielt Detroit-Klassiker wie „Good Life“ oder „Blackwater“.

Visit Detroit ist mit einem großen Team angereist und sorgt auf dem Float für Wirbel. Mehrere Mitarbeitende filmen auf verschiedenen Geräten, Journalist:innen führen Interviews. „Frankreich ist mit Großbritannien und Deutschland der wichtigste Markt“, erklärt Marketing-Chef Brett McWethy. Für das nächste Jahr erwäge man, mit einem Float an Rave the Planet teilzunehmen, man sei beeindruckt, was die Berliner:innen da auf die Beine gestellt hätten. Bevor es losgeht, ist noch kurz Gelegenheit, sich ein Bild von den anderen Floats zu machen.

Radio Mamè signalisiert mit einem ebenerdigen Float Nahbarkeit, auf der Ladefläche eines LKWs legt eine DJ in Motorraduniform Hardtechno auf. Die Pariser:innen, die sich um den Wagen versammelt haben, finden die derben, verzerrten Klänge befreiend und witzig und steppen dazu in Hardstyle-Manier schon ab, bevor die Parade überhaupt losgezogen ist. Diese beherzte, unbelastete Stimmung passt zu dem Sender aus der Provence, bei dem an jedem Wochenende ein DJ in einem Cabrio auftritt.

Der Float des Veranstalters der Parade kommt mit einem grafischen, grün-schwarzen Look puristisch daher, er sieht ein wenig aus wie eine alte Drum Machine. Technopol ist so etwas wie die Clubcommission von Frankreich, eine landesweite Interessenvertretung der elektronischen Musik. Angeführt wird die Parade – die ja auch eine Demo ist – von TechnoRide Paris. Sie bestreiten die Parade auf Fahrrädern und protestieren mit einer Rede und einem Transparent gegen Riposte – jenes Gesetz, das die in Frankreich so prägende Free-Party-Szene kriminalisieren soll.

Den dritten Float-Pfeiler bilden wie bei der Berliner Parade Firmen aus der Veranstaltungsbranche. Der Float von Tomorrow Dreams, gestellt von der Veranstaltungstechnikfirma Galas Événement, kommt mit riesigen aufblasbaren Blumenblüten ebenso infantil wie trippig daher. Wilder geht es davor bei Oddity Factory zu, einer Agentur für Künstlermanagement und Event-Produktion, die ihren Float Space Oddity getauft hat.

Man hat die Ladefläche eines großen LKWs geöffnet und dort einen bogenartigen Aufbau hingestellt, der wie eine Diskothek aus den 1980ern wirkt. Zwischen sich durch Berge von Technik wuselnden Menschen legt Varya Karpova, richtig geraten, Hardtechno auf, ebenfalls zur allgemeinen Freude der Umstehenden.

Dahinter kommt mit Organïk noch mal eine Hardtechno-Plattform, die mit ihrem schwarz-weißen Alien-Look stärker an die deutschen Formate erinnert als die anderen. Gibt es überhaupt nichts anderes als Hardtechno in Paris?
Die Antwort ist ein klares Jein.

Puristischen Techno gibt es jenseits des Detroit-Floats nicht. Fun Radio – der Name sagt alles – setzt auf poppigen House, der futuristisch-silbrige Phantom-Float des gleichnamigen Clubs mit 3000er-Kapazität in den Katakomben der Accor Arena, der die Afterparty mit Anetha ausrichtet, macht Techno und Hardtechno, ebenso Technopol. Gerade bevor die Parade loszieht, schaffe ich es zurück auf den Detroit-Float.

DJ Holographic spielt einen genialen Mix eines ebenso spröden wie diversen Detroit-Sounds, der keine Stilrichtung der Musik der Stadt auslässt. Die Menschen, die eben noch auf dem Platz verteilt waren, quetschen sich in den Boulevard Beaumarchais, der komplett ausgefüllt ist. Ein Gefühl der Bedrängnis entsteht dennoch nicht.

Die Stimmung ist gelassen, die Paradierenden sind sehr aufmerksam. Den derb-proletarischen Vibe, der auf manchen anderen Techno-Umzügen zu finden ist, kann man sich hier kaum vorstellen. Ebenso erstaunlich ist die Abwesenheit der Polizei. Auf dem Detroit-Float übernimmt DJ Minx, die das Tempo um mindestens 15 BPM drosselt und die Menschenmasse ebenso bestaunt wie ihre Vorgängerin. Die Crew wirft Detroit-Bracelets in die Menge. Zum dramatischsten Moment kommt es, als die Floats an der Place de la République in den Boulevard Voltaire einbiegen müssen.

Die Tanzenden drängeln sich an der Kreuzung, gehen aber auch mit dieser Situation äußerst gelassen um. Auf dem breiten Boulevard Voltaire löst sich die Spannung ein wenig. Bis dahin hat der Umzug durch Pariser Straßenzüge geführt und damit an die Paraden auf dem Ku’damm 1989 und 2022 erinnert.

Der einzige Makel dieser wunderbaren Parade ist der Umstand, dass der Zug mit laut Veranstaltern 350.000 Menschen sein Ziel, die Place de la Nation, nicht rechtzeitig erreicht und die Floats deshalb schon vorher die Musik ausmachen und geräumt werden müssen. Hier wacht die Polizei, die bis dahin unsichtbar war, streng über das Ende der Parade.

Hinter ihr putzt eine Truppe der grünen Pariser Stadtreinigung die überschaubaren Müllmengen weg. Mit von der Sonne geröteten Gesichtern erholen sich die Raver:innen auf der gigantischen Bronzeskulptur „Le Triomphe de la République“ von ihrem rund vier Kilometer langen Marsch, während sich die menschenleeren Floats vom Platz schleichen.












