April 2026: Album des Monats

Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier.

Jump Source – Fold (NAFF)

Jump Source sind das Produzenten-Duo Francis Latreille und Patrick Holland. Latreille macht seit einigen Jahren als Priori von sich reden, Hollands mittlerweile beendetes Project Pablo begründete seine Karriere im Ausgang der Zehnerjahre, seitdem tritt er mit Klarnamen in Erscheinung. Fold ist die erste Jump-Source-LP.

Elf Stücke lang gibt sie sich gleichzeitig sonderbar vollgepackt wie extrem eingänglich und luftig. Die Fülle an stilistischen Referenzrahmen könnte ihr den Vorwurf einbringen, eher Compilation denn konsistentes Album zu sein. Alles andere ist der Fall: In der Verbindung von Y2K-Pop und House und der Abstinenz von Härte und Rave ist Fold überfällig und eine konsequente Erscheinung dieses Frühjahrs.

Latreille und Holland kommen aus Montréal. 50 Kilometer nördlich der US-amerikanischen Grenze gelegen, ist die Stadt durch die nordamerikanischen Seen mit der elektronischen Allmacht Detroit im Süden verbunden. Dabei ist es unmöglich, das Album zu besprechen, ohne eine kurze Bestimmung seines Milieus zu unternehmen. In den beiden kanadischen Kulturzentren Vancouver, im Westen am Pazifik gelegen, und etwas später in Montréal entsteht nämlich mit den anbrechenden Zehnerjahren eine autonome, hochproduktive und gut vernetzte House-Szene, die sich von den elektronischen Hochkulturen jenseits der Grenze mit einem ganz eigenen Stil lossagt.

In Gang gebracht wird diese Entwicklung durch mehrere Labelgründungen in Vancouver, etwa Mood Hut im Jahr 2012 sowie 1080P oder Pacific Rhythm ein Jahr später. Schnell mausern sich die Veröffentlichungen sowie die dahinterstehenden kanadischen Produzent:innen zu Geheimtipps unter House-Heads. Geheimwaffen werden zu Hits, wie CZ Wang und Neo Images „Just Off Wave” von 2019 oder Jack Js „Something (On My Mind)” von 2015. Die Musik hat analogen Charme, passend zum Lo-Fi-High jener Zeit, gibt sich warm und gediegen. Der kanadische Oceanic-House lädt authentisch zum Träumen ein – ohne kitschig zu sein, dafür sind die Leftfield-Anteile in vielen der Releases zu stark. Dabei ist der Musik ein Element von Anfang an eigen: Pop, in Form von Vocals, Melodieaffinität, Stücklängen.

Erinnerungen an eine Zeit, als große Gefühle und kitschig-schöne Dudelei auf den Tanzflächen der Clubs noch zum guten Ton gehörten, sind unumgänglich.

Fold schließlich nimmt den Kurs, den der kanadische Sound vor einer Dekade eingeschlagen hatte, in allererster Linie in diesem poppigen Understatement auf. Fast jeder der Tracks hat Vocals, die von diversen Gäst:innen eingesungen sind. Sie halten das Album zusammen, das sich insgesamt durch eine große stilistische Heterogenität auszeichnet. Dabei ist die Platte ein Y2K-Adept, wie er im Buche steht.

Mit dem Opener „Nice Edgy” ist man unmittelbar in die Tonalität von The Other Peoples Places Lifestyles Of The Laptop Café geworfen – die Produzenten bedienen sich der Machart des Klassikers derart ungeniert, dass man gar nicht erst auf die Idee kommen würde, an ein Plagiat zu denken. Lifestyles Of The Laptop Café datiert auf 2001 – die Y2K-Ortsbestimmung könnte markanter nicht platziert sein. „Shattered” ist eine Wundertüte aus geflüstertem Text und Pop, unter dem Laurent-Garnier-Big-Room-House-Gegrummel schwadert und britischer Breakbeat den Rhythmus bestimmt – mysteriös und sexy. Wiederholt inszenieren Jump Source die menschliche Stimme textlos als Instrument, so auch in „Affect”, das unverkennbar an Four Tets Glasperlen-Mikro-House erinnert. Mit „A Dull Knife” erweist Fold dem Dub Techno von Rhythm & Sound die Ehre, deren Meilenstein w/ The Artists wiederum 2003 die Entschleunigung und gleichzeitige Eintiefung des Techno-Genres bedeutete. Bei Jump Source wird Dub Techno kurzerhand zum ultra-gediegenen Pop-Dub weitergedacht. Mit „All you do is…” schwenkt Fold zum Melodic-Tech-House der Nullerjahre.

Erinnerungen an eine Zeit, als große Gefühle und kitschig-schöne Dudelei auf den Tanzflächen der Clubs noch zum guten Ton gehörten, sind unumgänglich. Stil vor Talent oder Dapayk & Padberg kommen unweigerlich in den Sinn. „Endlessly” ist dann ein krasser Verweis auf Steffis Ostgut-Ton Hit „Yours” von 2010 mit Virginias Vocals. Was übrigens doppelt interessant ist, erinnert es daran, dass auch das Berghain in den ersten zehn Jahren seines Bestehens eine durchaus pop-affine Ausrichtung hatte, hörbar etwa in Form der Panorama-Bar-EP-Reihe. Ein anderes prägnantes Beispiel für die Dichte an Referenzen und ungeahnten Synthesen ist der Titeltrack. Das Stück ist gefühlt ein Mashup aus Marek Hemmanns „Gemini” von 2009, verschachtelt mit dem Überhit „Summer Jam” von The Underdog Project aus dem Jahr 2000. Das kann man fragwürdig finden – oder sich über die perfekt inszenierte Produktion freuen.

In seiner charmant-unprätentiösen Fortsetzung des Pop-Appeals kanadischer House-Vorgänger und der gleichzeitigen Wieder- und Neuverwendung bekannter und erfolgreicher Tropen der Y2K-Ära ist Fold ein Referenzwerk, dem der Sprung ins Jahr 2026 auf hohem Niveau gelingt. Als hätten Holland und Latreille nur darauf gewartet, dass die Neunziger-Jahre-Schleife, und mit ihr die Härte und Schnelligkeit, an ihr Ende kommt, konzentrieren die beiden sich ganz auf die von Elektropop und Minimal-Deep-House geprägte erste Dekade der Zweitausender mit einem Fokus auf Leichtigkeit und Sexyness. Fold kündigt die Renaissance housiger Popmusik an – allerdings nicht als Vereinnahmung von House durch zeitgenössischen Pop, sondern umgedreht, als House, der sich selbstbewusst poppiger Texturen bedient, ohne Gefahr zu laufen, als Radiomusik missverstanden zu werden.

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