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Januar 2026: Album des Monats

Die Mixe des Monats aus dem Januar findet ihr hier, die Compilations hier, die Alben hier.

Mr. G – OG Retrospective (Phoenix G)

Streng genommen bekommen wir auf OG Retrospective von Mr. G – mit einer Ausnahme – nichts Neues zu hören. Aber einen Schritt zurück: 1999 markiert für den Meister des reduzierten Grooves mehr als den Anlauf zum Sprung in ein neues Jahrtausend. Spätestens seit Anfang der Neunziger hatte sich der Brite im aufkeimenden Techno-Untergrund der Insel erst als Teil der Crew KCC als DJ und Produzent hervorgetan; Mitte der Neunziger formiert sich The Advent zusammen mit Cisco Ferreira. Mit Label-Arbeit hatte Mr. G damals noch nichts am Hut, Produktionen entstanden ausschließlich in Kollaboration mit den genannten Gruppen.

Ab 1999 schlägt Colin McBean seinen eigenen Weg ein. Er gründet das Flaggschiff-Label Phoenix G. und agiert von nun an als Solokünstler. Mr. G betritt die Bühne, und er ist außerordentlich produktiv: Als Mr. G und unter den Aliassen Halcyon Daze, Mango Boy oder The Reaver veröffentlicht McBean allein in den Jahren 1999 bis 2003 sage und schreibe 40 EPs.

In diesen Produktionen findet ein pumpendes Element statt, das Detroit fehlt und Mr. G seine Singularität zuweist.

Auf das Jahr 2013 datiert dann die Compilation Retrospective, erschienen auf Radio Slaves Label Rekids. 21 Tracks sind auf Retrospective zu finden, entstanden im skizzierten Zeitraum von 1999 bis 2003 (mit vier Ausreißern aus den Jahren 2004 bis 2007). Rekids verpasst den Tracks der teils vergriffenen Platten einen neuen Anstrich, allerdings, passend zur Zeit vor dem großen Comeback des Vinyls, lediglich digital und als CD.Retrospective von 2013 und OG Retrospective von 2025 fokussieren also im Kern Mr. Gs Metamorphose- und Auferstehungsjahre als Solokünstler. Nun stellt sich die Frage, welche Relevanz diese Veröffentlichung heute hat, um sogar als Compilation-Album des Monats gekürt zu werden. Wo die Musik erstens größtenteils 25 Jahre alt ist und zweitens zwölf Jahre zuvor in fast identischer Form wiederveröffentlicht wurde. Es ließe sich darüber schwadronieren, dass das neue Mastering der wiedergefundenen Originaldateien versteckte Tiefen auf den Tracks herausgezaubert hat, dass nun endlich eine Vinyl-Veröffentlichung erhältlich ist, die der Musik gerecht wird, oder dass sich auf der Neuedition drei Tracks finden, die 2013 nicht Teil der Compilation waren. „Phoenix Theme (G’s Out Dub)” und „Daily Prayer” waren allerdings bereits in Form von EPs erhältlich, „Emotionz (Unreleased)” ist der einzige bisher de facto unveröffentlichte Titel.

Wählen wir einen anderen Zugang. Ende der Neunziger ist French House groß, das Robert Johnson in Offenbach hat jüngst eröffnet, allerdings mit Fokus auf US-House und dem, was bald als Minimal große Popularität erlangen sollte, der trashige, Pop-verseuchte Rave erzählt sich aus, das Berghain harrt noch einige Jahre seiner Eröffnung. Von allen Entwicklungen im übrigen Europa eher unbeeindruckt, ist in Mr. Gs Stücken neben der jamaikanisch-britischen Dub-Tradition Detroit allgegenwärtig. Keine Assoziationszusammenhänge mit Aphex Twin oder LFO, nicht eine Spur Acid oder Minimal. Hingegen: Die High-Head-Glattheit eines Robert Hood, die Rohheit von Underground Resistance, die Smoothness von Moodymann. Es sind diese Versatzstücke und nicht die populäre europäische elektronische Tanzmusik, die Mr. G zum wohl einzigen Europäer jener Zeit und darüber hinaus machen, der sich guten Gewissens das Label des Detroit Sound verpassen darf.

Diese Kontextualisierung wäre allein aber zu simpel gedacht. Denn zusammen mit der britischen Warehouse-Party-Energie der Neunziger mit ihren Wurzeln in der afro-britischen Soundsystem-Kultur kommt es zu einem andersartigen Synergie-Effekt: So findet in diesen Produktionen zusätzlich ein pumpendes Element statt, das Detroit fehlt und Mr. G seine Singularität zuweist. OG Retrospective ist ein notwendiges Zeitdokument. Es weist McBean nicht nur als kongenialen Adepten aus, sondern auch als Wegbereiter der nachfolgenden Tech-House-Ära, personifiziert etwa durch Jamie Jones und sein Label Hot Creations. Das allerdings sind nachgeschaltete Entwicklungen, die die Musik selbst nicht zu interessieren haben. Diese Musik, zu kraftvoll für House, zu soulig für Techno, entstand auf dem eigentlich falschen Kontinent, im Umbruch des neuen Jahrtausends, ist Vermittlung, Wegbereitung, Wucht. Musik, die dich auf die Tanzfläche bannt und mit der existenziellen Frage konfrontiert: Welchen Slot soll ich ausnutzen, um mir das notwendige neue Getränk zu holen, um so wenige Sekunden wie möglich zu verpassen? Die Relevanz von OG Retrospective? Ganz einfach: derart zeitlos gut zu sein.

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