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[REWIND 2025]: Die 10 besten Compilations des Jahres

Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks 2025. Alle Beiträge, Listen und Features findet ihr hier.

Was wurde 2025 so kompiliert? Wir haben eine stilistisch breite Auswahl getroffen, die Ambient, House, Techno und alle Zwischenstufen berücksichtigt.

VA – 25 Years Cocoon Recordings – Volume One (Cocoon Recordings)

Im Hause Cocoon kommt man aus dem Feiern kaum noch raus. Labelmaestro Sven Väth zelebrierte gerade vier Dekaden hinter den Plattentellern mit der Retrospective Collection und einem frisch erschienenen Buch, schon macht der opulente erste Teil der 25-Jahre-Kollektion allen klar, dass das Frankfurter Label immer noch vorzugsweise in Gegenwart und Zukunft stattfindet. 14 neue Kompositionen im ersten Teil der auf zwei Kapitel angelegten Compilation beweisen nachdrücklich, dass Cocoon noch lange nicht genug hat.

Den Anfang macht der Wahlkölner Jonathan Kaspar, mit seinem Doppel-Release Twofold bereits maßgeblich verantwortlich für unvergessliche Clubnächte anno 2025. „Her” verzaubert mit einer traumhaft schönen Synthie-Hookline, die nach sommerlicher Ekstase an balearischen Stränden mundet und schon jetzt in meinen Jahrescharts ganz weit oben steht. Weil’s so schön ist, bleiben wir ruhig noch ein bisschen im Neotrance und genießen die mit EBM-Strenge vorgetragenen String-Opulenzen von Frank Sonic und Dist_42 in „Silberschwein”, während der Israeli Guy J in „Alive Again” auf perkussive Shuffle-Momente mit Sirenen-Bombast und Ibiza-Dub setzt. Ansonsten überzeugt 25 Years – Volume One durch einen clevere Auswahl mit alten und neuen Gesichtern: Butch zeigt sich bei seinen Tribalesken mit „Straight Trippin” diesmal ungewohnt verspult-verspielt, Josh Wink begrüßt wohlgemut Chicago-Trax-Einflüsse im Jahr 2025, während Johannes Volk mit „Vaporized Memories” den Master-Reese-Sound von Kevin Saunderson entstaubt. Altern darf auch Spaß machen! Jochen Ditschler

VA – Continental Drift (RAIDERS)

Und diese zeugen nicht nur von druckvoller Produktion wie etwa Insomniasts Jungle-Footwork-Fusion „Well This Is Awkward”, sondern warten mit einem hohen Niveau an Kreativität auf. Coco Calypsos „Pullup” zerhackt die Stimme der Berlinerin über einem detroitigen Ghetto-House-Fundament und beweist so einen spielerischen, mutigen Umgang mit den eigenen Vorzügen, der an Lil Mz. 313 erinnert, ohne zu kopieren. Doch längst nicht jeder Track sucht mit Vocals Floor-Geradlinigkeit, es gibt genug Platz für Nachdenklichkeiten, wie schon der Opener zeigt: Yungfya offenbart mit „No Tears 4 U” mollige, melancholische Schattierungen eines Genres, das man zuvorderst mit offensiver Partytauglichkeit assoziiert. Hier kontrastiert stringentes Footwork-Drumming wehmütige Strings und leiernde, charakteristische Akkorde, was anmutet wie eine Hommage an DJ Rashads Großtaten. In eine ähnliche Kerbe schlägt BC3s „Pura Pura”, allerdings in glatterer, metallener Ästhetik. Die Dänin CAYOOTEE spendiert mit den „Yalla Breaks” ein Tool, das die Internationalität sowie die kulturelle Diversität spiegelt, der sich das Kollektiv Zeit seiner Existenz verschrieben hat. Bass Music, Jungle, Footwork und weitere Hibbeligkeiten versieht man auf CONTINENTAL DRIFT nicht nur mit stilistischer Varianz, schon die Auswahl der Producer:innen selbst signalisiert eine Offenheit für so ziemlich alle denkbaren Einflüsse – HEDDAs aufgekratztes UK-Geballer, Zoë McPhersons introvertierten Reggaeton-Jungle, der wohl die meisten Stimmungen auffächert, oder DJ Fucks Himselfs hallenden Footwork mit deutschen Vocals. Diese Compilation ist ein Auf und Ab, ein Wirbelwind aus Breaks, ulkigen Ideen und gefühlvollem Tiefgang. Maximilian Fritz

Das Kollektiv RAIDERS existiert seit mittlerweile sechs Jahren und hat sich zum Ziel gesetzt, Bass Music und die an sie angrenzenden Genres möglichst schillernd abzubilden. Für die aktuelle Compilation Continental Drift hat man dafür Coco Cobra konsultiert, die satte 17 Tracks zusammengestellt hat.

VA – Hardwired – curated by JakoJako (Air Texture)

JakoJakos erste selbst kuratierte Compilation ist der in Berlin lebenden Künstlerin ein persönliches Anliegen. Mit ihr will sie der schnelllebigen Musikindustrie im Jahr 2025 einen Moment des Innehaltens und der Besinnung auf die ursprüngliche Kunst des Musikschaffens innerhalb der elektronischen Musik bieten. Die Modular-Synth-Spezialistin möchte mit Hardwired auf dem Label Air Texture denjenigen Produzent:innen eine Bühne geben, die sich, wie sie selbst, im unendlichen Kosmos der analogen Musikwelt wohlfühlen. Die eine wissenshungrige Community darstellen und die aus ihrer eigenen Inspirationsquelle schöpfen, während sie vor ihren personalisierten Racks an Klängen basteln, die vielleicht zum ersten Mal auf menschliches Gehör treffen.

Und für den Fall, dass wir doch schon alle erdenklichen Sounds ausgereizt haben sollten, kommen die hier veröffentlichten wenigstens aus eigens ausgearbeiteten Patches und nicht aus einem Berlin Techno Presets-Sample-Pack.

Der Name der Compilation bezieht sich auf das Prinzip bestimmter klassischer Synthesizer wie Minimoog oder Prophet, die, anders als modulare Systeme, bereits fest verbaute Schaltkreisläufe haben, also hardwired sind. Genau so beschreibt JakoJako zwischenmenschliche Beziehungen – mit der gleichen Leidenschaft für die konfigurierbaren Kabelmonstern, mit denen sie ohne vorangegangenen Smalltalk sofort ordentlich abnerden kann. Ebenjene Menschen trugen alle ihren Teil zu einer nach vorne gerichteten, authentischen Compilation mit 23 Tracks bei, die die Kunst der Modularsynthese in ihrer ausgereiften Komplexität vermeintlich einfach wirken lässt.

Wer immer noch denkt, er sei mit Samples oder Presets doch schneller am gewünschten Ziel und brauche keine platzraubende Hardware, der höre sich das verhöhnende Raunen im tieffrequenten Bereich des Openers „Evil Right There” von TRSSX an, das vor dem Aufkommen der lodernd übersteuerten Kick die letzten Zweifel wegmassiert haben sollte.

Was die verschiedenen klanglichen Konstrukte vereint, ist das hörbar gemachte, zeitintensive Anstreben des gewünschten Sounds, die nach außen getragene Inspiration, die in den Kreisläufen der Synthesizer zum Ausdruck kommt. Jede erdenkliche händische Manipulation der Parameter zeigt sich in unterschiedlichen Resultaten und Stimmungen; so ist Emily Jeannes „Integrate” präzise und abgestimmt-rhythmisch, während die Drones in „Friction Sociale” von Spring Rolls an eine außer Kontrolle geratenen Starkstromleitung erinnern, bevor „Stretchlike” von Measure Divide in Blawan-esker Manier kreischende und bohrende Glitches trommeln lässt.

Eingängiger wird es mit Antic Souls „Morning Glory”, das ein progressiver Stab anführt, gefolgt von den ansteckenden Drums und der puren Techno-Romantik in „Limits” von KUSS. Pure Soundästhetik liefert das beatlose Stück „Chapter 4” von Sunroof, komplexes Beat-Programming „Break” von S.A.T.I.N. und „Ohrid” von Francesco Devincenti.

Natürlich dürfen auch Tracks der Kuratorin nicht fehlen, zwei Stück sind dabei, die jeweils in Zusammenarbeit mit weiteren Künstler:innen entstanden sind: „ah.” versprüht eine verspielte, dub-housig anmutende Stimmung und wurde von JakoJako in Zusammenarbeit mit Mareena produziert, während ihr zweiter Track „Acknowledgement” mit dem synthesizertechnisch umfänglich ausgestatteten Frank Wiedemann aufgenommen wurde.

Schlussfolgernd ist diese Compilation eine Zelebration der Vielschichtigkeit modularer Synthesizer-Systeme und ihrer einzigartigen Möglichkeiten. Sie zeigt den musikalischen Hintergrund und Ursprung einer Künstlerin, die sich in den letzten Jahren zu Recht einen großen Namen als Produzentin, Live-Act und DJ gemacht hat.
Leon Schuck

VA – Kapote presents Italomania Vol. 3 (Toy Tonics)

Italienische Lebensart ist auch so eines dieser Stereotype. Lecker Eis, schön orange leuchtender Aperol Spritz und dolce vita sowieso. Nicht zu vergessen: Italo Disco. Damit Letztere nicht völlig zum Klischee ihrer selbst verunstaltet wird, hat das Berliner Label Toy Tonics eine vitalisierende Maßnahme ergriffen. Zum dritten Mal schon versammelt es unter dem Titel Italomania ausdrücklich „New Italian Disco”, zumindest bei der Genrebezeichnung demonstrativ auf das leicht abwertend klingende „Italo” verzichtend, wobei unter anderem sogar ein privates Eisenbahnunternehmen in Italien so heißt. Labelchef Mathias Modica alias Kapote trifft selbst die Auswahl. In Rom geboren und zum Teil dort aufgewachsen, bevor er in München das Label Gomma gründete und darauf musikalisch als Munk in Erscheinung trat, bringt er familienseitig einiges an Italianità mit.

Erfreulicherweise geht es auf Italomania aber gar nicht um ein ethnisches Dings, sondern um italienische Disco in dem Sinn, dass da jemand auf Italienisch über einem guten Groove singt. Das kann auch der österreichische Musiker Louie Austen sein. Oder Modica selbst, als Kapote und Munk im Track „La Musica” mit herrlich trashigem Synthiebass und tiefergelegter Stimme. An anderer Stelle kann wiederum die Mailänder Sängerin M¥SS KETA albern-ironisch den ganzen Katalog an Vorurteilen über „ihr” Land abarbeiten. Das ist mindestens divertente, um nicht zu sagen: Fico! Tim Caspar Boehme

VA – Klubnacht 01 (Ostgut Ton)

Das Ostgut – der Club, nicht das Label – und die erste Panorama Bar gelten vielen Techno-Fans als Sehnsuchtsorte und genießen ultimativen Legendenstatus. Über die Berechtigung kann man möglicherweise streiten, aber beide waren definitiv besonders und ragten aus der Masse heraus. Ostgut Ton wurde gegründet, als Club und Bar schon Geschichte waren und das Berghain als Nachfolger bereits eröffnet hatte. In den letzten vier Jahren lag das Label auf Eis, aber Klubnacht 01 setzt ein massives Zeichen, dem hoffentlich ein Neustart folgen wird.

Die Compilation, benannt nach einer der wichtigsten Partyreihen des Clubs, bringt 18 neue Tracks von großen Namen, geschätzten Verbündeten und einigen neueren Acts. Nach einem smoothen, kurzen Einstieg von Efdemin folgen direkt zwei der Höhepunkte des Samplers, das trippige und im besten Sinne nicht enden wollende „Afternoon Calcium” von Quelza und eine Zusammenarbeit von Azu Tiwaline und Cinna Peyghamy namens „Chrome Fever”. Es folgen ähnlich fordernde und technoide Tracks von Altinbas oder GiGi FM und ein epischer und für das Genre ungewöhnlich raviger Dub-Techno-Track von Fadi Mohem. Danach beginnt mit Steffis „Soul Clapper” ein im weitesten Sinne housigerer Abschnitt der Compilation. Hier ragen die Tracks von Verraco und Wallace heraus. Snecker betreibt auf dem vorletzten Track noch einmal erfrischendes Genre-Bending. Übrigens: Die auf 150 Stück beschränkte Limited Edition mit Poster der Covergrafik, einem Schlüsselanhänger mit Label-Logo und hochwertigen Downloads ist leider bereits ausverkauft. Mathias Schaffhäuser

VA – Pattern Gardening (Wisdom Teeth)

Das Klischee von der Zuhause-Hör-Compilation – wer kennt und verabscheut es nicht? Was wohl mit Warps Artificial Intelligence 1992 seinen Anfang nahm, hat sich heute zum festen Raver:innen- und Musikjournalist:innen-Topos verselbstständigt. Wenn also in einer Rezension Worte wie „Wohnzimmer”, „Armchair” oder „Kopfhörer” oder Prädikate wie „für die eigenen vier Wände” fallen, kann das ganz einfach und schlicht bedeuten: Diese Platte ist stinklangweilig und selbst für den verkifftesten The K&D Sessions-Jünger und den affektiertesten Listening-Bar-Freak akustische Lobotomie.

Und dann wäre da noch Pattern Gardening auf Factas und K-Lones Wisdom Teeth. Dass hier eine der vielfältigsten, angenehmsten und konsistentesten Compilations seit langer, langer Zeit anläuft, lässt abentis’ Opener „Dimples” bereits erahnen. Dieser Track zeigt exemplarisch, welchen Stellenwert der Auftakt, besonders bei satten 22 Tracks, genießt: Messlatte und Sherpa gleichermaßen, sprudelt in diesem Goldstück glockenklare Listening-Lust über ein fein gelegtes Club-Fundament, das mit konstantem Bassrumoren seiner pristinen Schönheit den Kitsch nimmt.

Dieses Fazit lässt sich so oder so ähnlich auf die gesamte Compilation übertragen. Immer wieder wurde in den letzten Jahren ein Minimal- und Tech-House-Revival herbeigeredet, gar -beschworen. Was mit EPs wie Anunakus 042 vor vier Jahren seinen Anfang nahm, man höre rRoxymores „Nightbite”, scheint auf dieser Compilation zu einem immerfließenden klanglichen Manifest zu gerinnen. Jeder einzelne Track bis zu Ducketts wehmütigem Closer „They’re Here” überzeugt. So sehr, dass man ihn sogar in den eigenen vier Wänden hören kann. Maximilian Fritz

VA – Peach Pals, Vol. 4 (Peach Discs)

2024 warteten Fans des House-Labels von Shanti Celeste und Gramrcy vergeblich auf eine Ausgabe der Compilation-Serie Peach Pals. Nun sind die beiden zurück und versammeln acht Tracks, die ihre Vorlieben für verspielten Tech-House, glitzernde Club-Texturen und funktionale Vocal-Skizzen spiegeln.

Der Auftakt kommt von Szene-Veteran Subb-an, der mit „Soul Emotion” einen deepen, emotional aufgeladenen Opener liefert. Es folgt Jenny Cara mit dem geradlinigen Groove von „Loopy”, bevor Mr. Fixie mit „Sprouty Sundays” Blog-House-Feeling ins Spiel bringt. Im Zentrum der Compilation stehen eine Reihe vocal-getriebener Tracks – darunter das funky versetzte „Run To” von Zaltsman oder der housige Night-Rider „Dance All Night” von Diana. Mit Luis Luchetti schwenkt die Platte kurz ins Sonnenaufgangs-Terrain ab, bevor es auf dem Track von Midnight Manoeuvres & Rhem kratziger und schraubiger wird. Der Abschluss gehört Saturday Night Rush, dessen „Give A Little” euphorisch und zugleich zurückgenommen wirkt – fast wie ein Schulterzucken nach einer langen Nacht.Volume 4 der Peach Pals wirkt dabei weniger retrospektiv als seine Vorgänger – zeitgenössischer, leichter, dabei aber nie belanglos. Statt großer Statements liefern Celeste und Gramrcy eine vielseitige Momentaufnahme, irgendwo zwischen Peaktime und Afterhour. Ferdinand Görig

VA – Planet Mu 30 (Planet Mu)

Jlin. Venetian Snares. Traxman. Nondi_. FaltyDL. Rev. Bae Bae. Ship Sket. Slikback. µ-Ziq. RP Boo. DJ Manny. Saint Abdullah & Eomac. Nik Colk Void. Elmo. Meemo Comma. Herva. Xylitol. Ital Tek. Speaker Music. Jana Rush. DJ Girl. Luke Vibert. James Krivchenia. Rian Treanor. Das sind die Künstler, die auf der Leistungsschau des Labels Planet Mu zum 30-jährigen Jubiläum vertreten sind. Praktisch jeder dieser Namen bildet seinen eigenen Kosmos: Jlin mit ihrem avantgardistisch informierten Footwork-Entwurf, Traxman mit seinen humoristisch aufgeschlossenen Footwork-Krawalladen, der unermüdlich verspielt klangforschende Labelgründer Mike Paradinas alias µ-Ziq, der Footwork-Mitgründer RP Boo. Und das sind vorwiegend alte Bekannte. Ganz junge Namen tauchen ebenso auf wie die Produzentin Bae Bae mit juvenil aufgekratztem Drum’n’Bass oder ihr britischer Kollege Ship Sket mit schön derangierten Beats. Weniger Bestands- als Momentaufnahme, klingt das für diesen Anlass zusammengestellte Aufgebot auch nach drei Dekaden immer noch frisch und kratzt ordentlich an den Synapsen. Gemütlich kommt dann später. Tim Caspar Boehme

VA – Telepathic Fish: Trawling The Early 90s Ambient Underground (Fundamental Frequencies)

Nomen est omen – mit Trawling The Early 90s Ambient Underground öffnet Telepathic Fish ein Fenster in die Chill-Out-Zone des frühen Londoner Undergrounds der Neunziger. Anders als die hektischen Hardcore-Raves ihrer Zeit boten besagte Partys ein „wombeldelic sound-and-light bath”, wie es der britische Musikjournalist Simon Reynolds beschrieb – ein Raum, in dem Ambient, Klangkunst und Installation zusammenflossen.

Auf zwei LPs versammelt die feine Compilation einige Stücke, die zwischen 1992 und 1995 in den Südlondoner Partykellern, Squats und VIP-Lounges liefen. Hinter dem Projekt standen Chantal Passamonte alias Mira Calix, David Vallade, Mario Aguera und Kevin Foakes alias DJ Food – gemeinsam als Openmind bekannt. Mit Unterstützung von Mixmaster Morris und Matt Black schuf man frühe Chill-Out-Events, die heute als legendär gelten: von Megatripolis über The Big Chill bis hin zu illegalen Neujahrsfeiern im Roundhouse.

Die Trackauswahl lässt Erinnerungen wach werden: So vermittelt Nightmares On Wax‘ „Nights Interlude” eine traumhafte, beinahe introspektive Stimmung, während Insides‘ „Skinned Clean” mit reduzierten Texturen und subtil pulsierenden Beats einen stillen Groove entfaltet, der das intime Ambiente der Partys spürbar macht. Etwas verspielter, fast kosmisch wirkt Keiichi Suzukis „Satellite Serenade (Trans Asian Express Mix)”, das mit seiner luftigen Melodik und zarten Synth-Arpeggios eine weite, panoramische Klanglandschaft öffnet. Mein Highlight, ziemlich retro, aber auch heute noch klasse. Und nicht zuletzt zeigt Tranquility Bass’ „Cantamilla Bomb Pop” die verspielte, experimentelle Seite der frühen Ambient-Underground-Bewegung, in der Genregrenzen verschwimmen und kreative Freiheit alle Räume durchdringt.

Die Compilation erzählt nicht nur musikalische Highlights, sondern auch die Geschichte einer Bewegung, in der so unterschiedliche Künstler wie Aphex Twin, Andrea Parker oder Tony Morley die Räume teilten. Das 20-seitige Booklet mit persönlichen Fotos, Artworks und Memorabilia ergänzt das Hörerlebnis zu einem visuellen Archiv. Die Tracks oszillieren zwischen meditativer Entrücktheit und subtiler Rhythmik, oft begleitet von Licht- und Rauminstallationen, die damals integraler Bestandteil der Partys waren.

Trawling The Early 90s Ambient Underground ist nicht nur eine Rückschau, sondern ein lebendiges Dokument kollektiver Kreativität: die Verschmelzung von DJing, Performance, Ambient-Design und DIY-Kultur. Londoner Künstler definierten hier Räume neu, in denen Klang, Bewegung und visuelle Erfahrung zu einem kaleidoskopischen Ganzen verschmolzen. Wer eintaucht, erlebt die frühen Neunziger nicht als verstaubtes Relikt, sondern als lebendigen, farbigen Mikrokosmos des Ambient-Undergrounds. Liron Klangwart

VA – Tectonic Sound (Tectonic)

Zum 25. Jubiläum veröffentlicht Tectonic keine angestaubte Rückschau, sondern eine vorwärtsgewandte Compilation, die der Zukunft der Bass Music entgegenblickt: An der Schnittstelle von Dubstep, Techno, Grime, Bass und Electronica versammelt Labelboss Pinch sowohl alte Bekannte, mit denen er ab 2005 das frühe Dubstep-Umfeld geprägt hat, etwa 2562, Distance, RSD oder Coki, aber auch Neuzugänge wie Re:ni, Yushh oder Beatrice M.
Ihnen allen gemein ist die Einstellung zur Bass Music als Soundsystem-Kultur, bei der die Wände gefälligst wackeln sollen.

Egal ob sich das in Leftfield-Clubtracks wie dem hyper-flackernden „Feel Something” von Peverelist oder dem Drum’n’Bass-Techno-Mutanten „Strobes” von Om Unit äußert – hier zählt weniger Szene-Zugehörigkeit als der Wille, etwas Neues zu sagen im Lande der rüttelnden Subwoofer. Dabei kann sich Pinch auf die Anhänger:innen des in Bristol ansässigen Labels verlassen, denn fast alle Stücke sind exklusiv für diese Compilation und mit dem Tectonic-Sound im Ohr geschrieben worden. Dabei herausgekommen sind wirklich spannende Hybride aller Arten. Ob atmosphärische Breaks, Schwergewichts-Stepper der alten Schule oder grime-geschwängerte Experimente, bei diesen 24 Tracks kommen Bass-Freaks ganz sicher auf ihre Kosten. Besonders schön, wenn das Label damit gleichzeitig seinen Beitrag zur Evolution des Genres weiterführt. Leopold Hutter

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