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März 2024: Die essenziellen Alben (Teil 3)

Teil 1 der essenziellen Alben aus dem März findet ihr hier, Teil 2 hier.

Kelpe – LP10 LP (Kit)

Mit Klopfen, Klimpern, Klappern und Klirren schenkt Kel McKeown alias Kelpe dem Schlagzeug das Scheinwerferlicht seiner LP10. Neben dem akustischen Instrument kommen auch elektronische Drums zum Vorschein und ergeben in den zehn Tracks einen vielschichtigen Klangschwall, der an Drum’n’Bass, Jungle und Jazz denken lässt. Mit Leichtigkeit changiert McKeown zwischen elektronisch geprägten und akustisch dominierten Momenten, wobei er fast launenhaft zwischen Klangfarben und Tempi hin und her hüpft, ohne dass es angestrengt klingt.

Diese Schwenker baut der Londoner auch innerhalb von Songs ein, sodass „Only 92” von Synth-Arpeggios eingeleitet wird, die durch rhythmisch rollende Drums aufgelockert und schließlich in einem leichten Anflug von Kakophonie enden. Als Herzstück des Albums kann „Round Trip” bezeichnet werden, das McKeowns Ansatz besonders auf den Punkt bringt. Sein Schlagzeugspiel prägt wie auf keinem anderen der Tracks dessen Struktur und stellt den Fokus der Instrumentalisierung dar. Es scheppert, schlurft, klirrt oder verhaspelt sich in schnellen Breakbeats. Innerhalb der gut fünf Minuten schlägt McKeown immer wieder neue Wege ein – spielt mal kompakt rhythmusgetrieben und lässt dann zarte Hi-Hats erklingen. Um die schnell aufeinanderfolgenden Drumsequenzen baut der Brite ein Bett aus flatternden Synths, die sich dem Schlagzeug je nach Gemütszustand anschmiegen. An anderer Stelle lässt er auf „Dunderhat” das Schlagzeug so zackig und die Synths so verspielt erklingen, dass eine jazzige Dynamik entsteht. Bei „The Palace Guard Loop” gesellen sich zu den elektronisch hoppelden Drums aufgebauschte Synths und eine drollige Melodie in Zuckerwatte-Pop-Manier. McKeowns rastloses Schlagzeugspiel gibt den Takt der LP an und damit das Tempo vor, zügelt es an ausufernden Stellen und hegt so die restliche elektronische sowie analoge Instrumentierung der zehn Tracks ein. Louisa Neitz

Nils Frahm – Day (Leiter)

Stille kann so bunt sein. Und Nils Frahm ist ein Meister der Farben. Das Album Music For Animals markierte 2022 einen Wendepunkt in der musikalischen Karriere des überhypten Künstlers, der das Piano zum E-gitarrigen Phallus all derer gemacht hatte, die den alten Slogan „Quiet is the new loud” wörtlich nahmen. Das Klavier war passé, Sounddesign und neue kompositorische Wirkmacht die Zukunft.

Da ist es fast schon überraschend, dass Frahm nun auf Day seine Wurzeln einer Resektion unterzieht. Das Klavier – und nur das Klavier – orchestriert die sechs Stücke, die zwar in Frahms Kopf entstanden sind, jedoch im Raum leben. Kompositorisch klingt das alles, als ginge es leicht von der Hand – easy eben, ganz Frahm-typisch. Klanglich ist es aber eine Art Hommage an einige Ideen der zeitgenössischen Klaviermusik, die vergleichsweise immer noch wenig Beachtung finden. Die Mikrofonierung ist offen, bezieht die Umgebung mit ein. Die Vögel vor dem Fenster, den Hund unter dem Klangkorpus. Es war Otto A. Totland, der diesen Ansatz mit Pinô 2014 zum ersten Mal konsequent durchdachte, vielleicht angestachelt von Aphex Twins Drukqs. Frahms Stücke sind so leichtfüßig wie eindrücklich. Mal träumerisch-abwesend, mal freudig-fordernd. Day ist eine wundervolle Wasserstandsmeldung eines Künstlers, dessen Musik immer noch viel zu klein ist gemessen am großen Erfolg, den er damit hat. Nils Frahm ist einer der Guten. Das dürfen wir nie vergessen. Thaddeus Herrmann

Pugilist – Serenity (Banoffee Pies)

Bisher war Pugilist primär für basslastige Beats zwischen hypnotischem Breakbeat und Jungle-infiziertem Drum’n’Bass bekannt. Bestens unterwegs also im Hardcore Continuum, dessen Klaviatur er mehr als gekonnt bespielt.

Für dieses Album auf dem Banoffee-Pies-Sublabel Beats zieht er nun andere Saiten auf – die freilich im Flechtwerk besagten Kontinuums mehr als Sinn ergeben. Instrumentaler Hip-Hop ist jetzt nämlich Trumpf. Acht Tracks voller abgehangener Beats, somnambul heruntergepitchter Rhythmen und verrauchten Lounge-Atmosphären. Viel geschieht dabei nicht – meist startet der Track mit einem Beatloop, um den herum dezente Akzente aus verdubbten Hallfahnen und spacig-sonischen Variationen gesetzt werden. Wer schon Mitte der Neunziger aktiv war, weiß, wie diese Klänge damals genannt wurden: Trip-Hop nämlich. Musik wie eine Schlaftablette – und das ist hier wirklich nicht negativ gemeint. Sollen diese Sounds doch beruhigen, das System sozusagen herunterfahren. Das kann übel ins Auge gehen, rasch in generischer Langeweile enden. In genau diese Falle läuft Pugilist hier aber glücklicherweise nicht. Tim Lorenz

Squarepusher – Dostrotime (Warp)

Kritiker sind ja gern ungnädig. Und beim Bassisten Tom Jenkinson, der unter dem Namen Squarepusher seit knapp drei Jahrzehnten kontinuierlich die Ideen von Drum’n’Bass weiterentwickelt, scheint sich das besonders anzubieten. Man kann Musikern zu Recht vorwerfen, wenn sie auf ihren Tonträgern in schöner Regelmäßigkeit dasselbe ohne große Variationen abliefern. Bei Squarepusher sieht die Sache hingegen eher so aus, dass man ihm nicht immer folgen wollte, wenn er sein bevorzugtes Terrain etwa zugunsten von Prog-Ausflügen verließ oder Anleihen aus Fusion und Rock besonders dominant in seine felsigen Break-Landschaften hineinsetzte.

Jetzt beginnt er Dostrotime gleich mit einem pastoralen Gitarrensolo, das er auf halber Strecke und als Beschluss noch einmal aufgreift. Was dazwischen geschieht, ist allerdings Squarepusher, wie man ihn nicht immer kennt. Dafür hat er einfach zu viele Abweichungen in seiner Musik zu bieten. Es ist aber der Squarepusher, den nicht zu lieben lediglich durch mutwilliges Verstopfen der Hörkanäle möglich scheint. Überdreht geht es bei seinen Kollegen in der Regel ja auch zu, Drum’n’Bass fußt mit seinem Beschleunigungsansatz schließlich auf dem Überdrehen des Beats, mit den dazugehörigen Folgen. Bei ihm kommt noch die ungehemmte Lust am Spinnen hinzu, mit einer Tongue-in-cheek-Haltung vorgebracht, wie Briten sie als Kulturgut pflegen. Dostrotime eignet sich hervorragend zum Hören, Tanzen und sogar zum Lachen. Tim Caspar Boehme

Vladimir Dubyshkin – Ivanovo Night Luxe (Trip Recordings)

Schlecht ist sie nicht, die Neue von Vladimir Dubyshkin, nein, nein: Das sind alles gut produzierte Bänger im zeitgenössischen Drüberwisch-Tempo, das heißt: Jeder einzelne Track auf Ivanovo Night Luxe funktioniert. Für drei Sekunden. Oder vier, weil: Die Halbwertszeit liegt eher so im Fünfhochminusirgendwas-Bereich, was jetzt eher weniger Luxe ist. Aber wer weiß, vielleicht spielt ein Future-DJ die „Rothschild Party” in 20 Jahren und nennt das Ding dann Deluxe Classic.

Alles ist möglich, und das ist schön, denn so kann ich schmerzbefreit behaupten, dass die Dinger absolut keine Deluxe-Seele haben. Sechs Tracks und vier Überbleibsel tun zwar alles für den Deluxe-Knall, aber am Ende hört sich das immer so an, als würde irgend so ein Jens durch das letzte HÖR-Set skippen. Mal dies, mal das, mal alles und dann eben doch: Nix, für das man sich nicht mindestens zwei Wrigley’s-Packungen einstecken muss, um halbwegs gesund durch die Deluxe-Nacht zu kommen. Bei aller Liebe: Weh tut’s am nächsten Tag so oder so. Gelohnt hat es sich vielleicht. Aber auf Dauer? Ich weiß nicht. Dann doch lieber gscheider Techno. Christoph Benkeser

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