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Motherboard: Dezember 2023

Zu betonen, wie wichtig Midori Takada für Ambient aller Art war und es in fortgeschrittenem Alter jenseits jeglicher Musealisierung noch immer ist, bleibt eine wiederkehrende wie dankbare Aufgabe dieser Kolumne. Nicht zuletzt, weil Takada oft in Kollaborationen und fast immer in Projekten jenseits reiner Musikproduktion aktiv ist, wechselwirkend mit Mode, Design, bildender Kunst, Literatur oder in diesem Fall Architektur. Das Konzeptwerk MSCTY x V&A Dundee (MSCTY_EDN, 22. September) mit der schottischen Künstlerin und Musikerin Su Shaw alias SHHE ist da exemplarisch. Als „Vertonung” eines Gebäudes des japanischen Architekten Kego Kuma, des jüngst eröffneten schottischen Designmuseums V&A Dundee, nutzt Takada ihren bewährten Holzklöppel-Minimalismus, um drei langformatige Stücke zu kreieren, die in jedem Stadium ihrer Karriere als brillant gelten würden. Shaw agiert noch reduzierter, kondensiert den Klang der Stadt, ihrer Stadt Dundee, in einen supersubtile, dreiviertelstündig-organische Drone.

Gegen Kälte aller Art helfen Neoklassik und Ambient in wechselseitiger Verquickung. Wie etwa vom Belgier Kevin Imbrechts. Der Gitarrist und Produzent aus der flandrischen Provinz baut als Illuminine auf #4 (Blue Marble, 20. Oktober) simplizistische Neoklassik als Ambient-Pop. Was sich erst mal nicht sehr spektakulär anhört und es eben keinesfalls sein möchte. Stattdessen: traumschöne, melancholische Introversion. Einfache, aber effektive und anhängliche Melodiebögen auf der Basis einer Akustikgitarre, die mal zu warmen Drones, mal zu hauchfeinem Folk-Pop werden.

Was wäre Ambient ohne Piano? Und was wird Ambient, wenn er allein aus Piano gezogen wird? Der US-amerikanische Pianist Bruce Brubaker macht die Probe auf Eno Piano (Infiné, 10. November) mit den archetypischen durchnummerierten Ambient-Werken Brian Enos aus den Siebzigern und Achtzigern, wobei Music for Airports besonders prominent vertreten ist. Aber auch ein Stück aus einem jüngeren Album Enos mit Jon Hopkins und mit „By This River” sogar eines aus Enos Prä-Ambient-Phase werden herangezogen. Es funktioniert natürlich exzellent, nicht zuletzt weil Brubaker allerneueste Studio-Raumklangtechnik verwendet, um aus dem Piano mehr zu machen als nur ein Piano – ohne etwas zuzufügen, ohne artifizielle Effekte oder übermäßigen Hall. Letztlich sind Enos Stücke in allem Minimalismus, in allen Wiederholungen und Verschleifungen doch immer glasklare Songs gewesen. Falls es nicht schon immer klar war, dank Brubakers schönem Experiment wird es unmittelbar verständlich.

Christina Vantzou und John Also Bennett sind gemeinsam CV & JAB. Das seit fünf Jahren bestehende Projekt hatte sich ursprünglich einem architektonisch-strukturalen Minimalismus verschrieben, den die beiden aber schon im zweiten Alben durchbrochen und im dritten namens Κλίμα (Klima) (Editions Basilic, 29. September) weitgehend hinter sich gelassen haben. Es ist zwar weiterhin ein sparsam bedientes Piano, das in fragmentarischen Melodien Tonalität und Charakter der Stücke vorgibt und um das herum Loop-Experimente, Synthesizer, Percussion und Flöten tirilieren. Der Gesamteindruck ist aber wärmer und organischer, zugleich freier und experimenteller als je zuvor. Vantzou wie Bennett haben jeweils in Bands mit Postrock im weitesten Sinne begonnen und sich mit klar definierten Soloprojekten zwischen Ambient und Neoklassik davon emanzipiert. Von der darauffolgenden stilistischen Öffnung und instrumentellen Diversifizierung der Soloarbeiten Vantzous und Bennetts in den vergangenen fünf Jahren hat ihre Zusammenarbeit definitiv nicht wenig profitiert. Mehr CV & JAB war nie.

Die alte Schule von Ambient und Neoklassik vor der Jahrtausendwende ging nicht selten so oder ähnlich: erst mal freundlich antäuschen, angenehmen Wohlklang anblubbern, Hörerschaft in Sicherheit wiegen und einlullen, dann langsam die Temperatur runterdrehen und die Dissonanzen reindrehen zum wieder Aufwachen, gerne mit kathartischem Erkenntniseffekt. Wenn es jemanden gibt, der diese Idee aufnehmen und weiterentwickeln darf, dann definitiv Moritz von Oswald, der seit über 40 Jahren rumorende und immer wieder aufs Neue Genres und Geschmack definierende Klangschaffer. Sein episches elektronisches Chorwerk Silencio (Tresor Records, 10. November) geht die Sache nicht genau so an, dafür ist es zu divers und zu eigenwillig – aber die aufsteigende Kälte hat definitiv einen (manchmal) vermissten Frische- und Aufwacheffekt, der Ambient und Neoklassik lange Zeit fehlte. Mal davon abgesehen, dass ein ins Mikrotonale bis Atonale driftender 16-stimmiger Chor eigentlich immer gewaltig großartig klingt.

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