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Die Platten der Woche im Roundtable mit Cromby, Love Letters, Manuka Honey, Nabil Hayat und dem „Running Back Acid Sampler”

Mit Wencke Riede legten uns die Kollegen von Juice und rap.de nach Felix Messmer ein zweites Kuckuckskind ins Nest, nachdem beide Magazine eingestellt wurden. Dass Wencke kaum Erfahrungen mit elektronischer Musik vorzuweisen hatte, schien ihren Enthusiasmus nur noch zu steigern. Ohne zu zögern stieg sie in das turbulente Alltagsgeschäft der GROOVE ein, produzierte Ankündigungen, etwa für die Street Parade in Zürich oder Tresor 31 in Berlin. Im News-Bereich zeigte sie sich als Chronistin einer Club- und Festivalszene, die mit den Auswirkungen verschiedener universaler und hausgemachter Krisen zu kämpfen hatte: Das DGTL Barcelona musste abgesagt werden, Needle-Spiking-Attacken suchten erneut das Nachtleben heim, Monika Kruse musste sich aufgrund von Panikattacken eine Auszeit nehmen. 

Wenckes erstes Feature war ein Am Start über Jennifer Vanilla, deren Anspielungen auf verschiedene Pop-Kontexte sie souverän auffächerte. Ähnlich versiert näherte sie sich Fred Again. Ihr ambitioniertester Beitrag ist ein Porträt über Nicole Moudaber, das in den nächsten Wochen erscheinen wird. Dabei werden wir Wencke nicht nur wegen ihrer zuverlässigen Mitarbeit vermissen. Uns freute auch ihr Interesse an den Beweggründen unserer Arbeit, an den Überlegungen, die die GROOVE zu dem machen, was sie ist. Und nicht zuletzt sorgte sie mit einem Adventskalender in unseren nüchternen Redaktionsräumen für eine Weihnachtsstimmung, die diesen bis dahin vorenthalten war.

Das perfekte Gegenstück zu Wencke war ihr Praktikumskollege Nathanael Stute. Nathanael wurde über eine Anzeige im Berliner Fenster in der U-Bahn auf das GROOVE-Praktikum aufmerksam. Seit den Zweitausender verfolgt er die Clubmusik, eine besondere Affinität hat er zu klanglich reichen, postminimalen House-Produktionen. In seinem Praktikum konzentrierte er sich auf musikbezogene Beiträge, etwa auf Trackpremieren von Musik von KiNK, Chontane oder Thomas P. Heckmann. Ein Scoop gelang ihm mit seinen Charts from the Past über Torsten Fenslau, die bei den einen Erinnerungen wachriefen und andere in ein farbenfrohes Kapitel deutscher Technogeschichte einführten. An diesem Punkt übernahm er ein ganzes eigenes, traditionsreiches Resort: die GROOVE Charts.

Nathanael sammelte mehr als 100 Charts von DJs und Plattenläden, die er Woche für für Woche veröffentlichte. Als Krönung erschienen im Dezember die kompilierten Charts, die den gegenwärtigen Sound der Szene abbildeten. Musikjournalistisch betätigte sich Nathanael auch. Er besuchte Benjamin Fröhlichs Gig auf der Record-Release-Party von Massimiliano Pagliara in der Panorama Bar und traf den Münchner Musiker und Labelmacher zwei Regenerationstage später zum Interview. Dem aus dieser Begegnung entstandenen Porträt gelingt das Kunststück, biografisches und musikologisches in einen lebendigen Dialog zu bringen. Bevor nun Wencke und Nathanael in ihrem Roundtable ihr Talent für feinsinnige Beobachtungen und amüsante Bonmots demonstrieren, bedanken wir uns noch herzlich bei den beiden für die schönen Texte, die inspirierende Gespräche und die emphatische Haltung gegenüber der Arbeit der GROOVE.

Running Back Acid Sampler (Running Back)

DVS1 – „Lower Wacker Drive”

Alexis: Ein DVS1-Track auf Running Back ist eine kleine Sensation.

Nathanael: Der Track steigt direkt bei 100 Prozent ein.

Alexis: DVS1 knüpft an den deepen Technosound früherer Veröffentlichungen an. Die Acid-Figur ist prägnant, aber nicht penetrant.

Wencke: Sehr schön und recht simpel. Nicht zu verschnörkelt.

Alexis: Der füllige Bass erinnert an die Wall-of-Sound seiner gigantischen PA, mit der er gelegentlich Partys veranstaltet.

Nathanael: Die Acid-Figur zieht sich wie eine windige, sich transformierende Schlange durch den kompletten Track.

Alexis: In den oberen Frequenzen ist der Track durchlässig, vereinzelte Synth-Sounds deuten Percussions an, eine spooky Triangel sorgt für Atmosphäre. Eine gelungene Nummer.

I:Cube – „Folie Noire”

Alexis: Der Altmeister des Techno übergibt an einen Altmeister des French House.

Nathanael: Unverkennbar schon nach dem ersten Takt eine I:Cube-Platte. Finde ich direkt großartig.

Alexis: I:Cube überrascht mit einem theatralisch humpelnden Downbeat-Track mit einer humoristischen Note.

Wencke: Eher spacig statt abgespaced.

Nathanael: Dieser manchmal einsetzende Doppelbeat verleiht der Nummer einen düsteren Groove. Nachdem I:Cube in den letzten Jahren viel experimentell produziert hat, finde ich diesen Track sehr eingängig. Er erinnert mich an eine Versatile-Platte von vor zwölf Jahren.

Wencke: Die Beats verleihen dem Track ein dezentes Sound-Flackern.

Alexis: Der Track ist tatsächlich virtuos, ein geerdeter Funk trifft auf entkoppelte Electro-Klänge. I:Cube lässt Sounds miteinander kommunizieren, die kaum etwas miteinander zu tun haben.

Marko East & Jordi Chu – „Go Kart”

Wencke: Hui, ab geht’s.

Nathanael: „Go Kart” ergibt schon nach zehn Sekunden Sinn.

Alexis: Bei diesen beiden Producern geht es mit einem upbeatigen Tech-House-Track konventioneller zu. Die Acid-Figur dient dazu, bei dieser lustig überdrehten Nummer auf die Tube zu drücken.

Wencke: Wenn ich irgendwann mal Go-Kart fahren sollte, wird das der Soundtrack.

Alexis: Erinnert an cartoonige Post-Minimal-Tracks von Akufen, Ark oder Krikor aus den Zweitausendern.

Nathanael: Anders als bei I:Cube sind hier die Acid-Läufe klassisch tonangebend. Der Track macht Spaß, ist aber auch ein bisschen anstrengend.

Like A Tim – „Wonderline” (Prins Thomas Diskomiks)

Nathanael: Für Prins-Thomas-Verhältnisse relativ flott unterwegs!

Alexis Waltz: Like A Tim und Prins Thomas kommen mit leichten Daft-Punk-Vibes daher.

Nathanael: Stimmt!

Alexis: Das Popgespür von Like A Tim und der toll produzierte Groove von Prins Thomas kommen schön zusammen in diesem Mix.

Wencke: Dieses verzerrte Knirschen klingt nach Zweitausender-Disco.

Alexis: Hier liefert die Acid-Figur theatralische, zirkusartige Klänge.

Nathanael: Oh, das kommt unerwartet, wie eine Zirkuskapelle, ziemlich cool.

Alexis: Hehe.

Nathanael: Insgesamt kann man schon jetzt sagen, dass die Platte auf Running Back sehr heterogene Acid-Interpretationen zusammenbringt. Zwischen DVS1 und Like A Tim liegen Welten.

Wencke: Sehr bunt und schrill, ohne dabei auf den Zeiger zu gehen. Die Manege ist eröffnet.

Katerina – „Meet Chu In My Dreams”

Alexis: Jetzt noch ein atmosphärischer, Deep-House-lastiger Take auf Acid.

Wencke: Diese flächigen Synth-Pads lassen die Beats trotz Rasanz eher dezent klingen.

Nathanael: Der Track hat mich direkt an der Angel. Der Acid schnörkelt sich unaufdringlich unter dem atmosphärischen Geschehen her.

Wencke: Verpackt mit einer trancigen Schleife.

Alexis: Auch gelungen, verbindet gut klassische Deep-House-Befindlichkeiten mit progressivem Pathos.

Cromby – Skyboy EP (Rekids)

Cromby – „Giddy Up”

Alexis: Cromby kommt dagegen ultratoolig daher.

Wencke: Mal schauen, was Cromby hier zaubert. Er ist flott unterwegs, das lässt sich sagen.

Nathanael: Da hat Cromby eine kleine Bombe produziert. Passend auf Rekids.

Alexis: Für DJs, die sich als hart arbeitende Einpeitscher verstehen, bei der selbst der Poolnudel Groove aufgezwungen werden soll.

Nathanael: 100 Prozent.

Alexis: Die Beats überschlagen sich fast, die Bassline unterfüttert das Drumming kleinteilig, die Flächen schrill. Die Sauce kommt dann aber erst noch in Form von drei weiteren Elementen.

Wencke: Mir gefällt, wie er den Track auslaufen lässt. Alles ganz gemächlich, bloß keine Eile.

Nathanael: Der Track lässt wirklich nichts aus, um größtmögliche emotionale Resonanz zu erzeugen. Ein bisschen wie ein Roland-Emmerich-Film, also in puncto Effekthascherei.

Cromby – „Push”

Alexis: Dieser Track hat einen ähnlichen Overachiever-Vibe. Dance Music zum Schuften im Bergwerk auf Crystal Meth.

Nathanael: Das dystopische Motiv gefällt mir ganz gut. Das Vocal dürfte im Club für ordentlich Gänsehaut sorgen.

Wencke: Er pusht hier ordentlich.

Alexis: Voll. Wie ein Soundtrack für ein Achtziger-Aerobic-Video. Autistische Disziplin – Freizeit ist die härtere Arbeit.

Nathanael: Mir gefällt, dass „Push” im Unterschied zu „Giddy Up” bei seinen Motiven bleibt und es nicht nötig hat, immer weiter aufzubauen.

Cromby – „Skyboy”

Nathanael: Hallo, Conga-Techno!

Wencke: Cromby kann auch trommeln.

Alexis: Ja, zum Runterkommen Hi-NRG-mit Percussions und deepen Pads.

Nathanael: Ich habe unweigerlich diese legendären Neunzigerjahre-Videos von Ricardo Villalobos im Sinn, wo er zu Techno-Sets live trommelt. „Skyboy” ist in jedem Fall der intendierte Hit der Platte. Ein bisschen zu melodramatisch für meinen Geschmack.

Love Letters – I Call Upon… (The Bunker NY)

Love Letters – „I Call Upon…”

Nathanael: Oh. Die sexy gesungenen Männerstimmen-Vocals erinnern an Nullerjahre Prosumer-Veröffentlichungen.

Wencke: Sehr poppige Elemente mit Retro-Charakter.

Nathanael: Der Track braucht nicht viel mehr als dieses Motiv und eine wuchtige Bassline, um einen großartigen und sinnlichen Groove zu entfalten.

Wencke: Könnte auch ein Computerspiel-Soundtrack sein, den Love Letters hier produziert hat.

Alexis: Die Vocal-Nummer von Maxime Robillard ist eine starke, klassische Chicago-Nummer, die an Stücke von Frankie Knuckles und Jamie Principle erinnert.

Nathanael: Stimmt! Die „Your Love”-Assoziation ist mir erst jetzt klar.

Wencke: Pump up the Jam.

Love Letters – „I Call Upon…” (Mike Servito Pump Mix)

Nathanael: Mike Servito nimmt „I Call Upon …” seinen eher minimalistischen Charakter und ersetzt ihn durch kraftvolle Power-House-Motive. Nur Melodie und Vocals bleiben.

Alexis: Mike Servitos Remix ist ein klassischer Clubmix mit Shuffle-Groove, der mit Schnipseln des Vocals arbeitet und die rhythmische Komponente des Tracks schön herausstellt.

Love Letters – „I_Call_Upon” (WTCHCRFTs McLean Remix)

Alexis: Jetzt nochmal innovativer und technoider vom starken WTCHRFT.

Nathanael: WTCHCRFT zieht ordentlich das Tempo an und verleiht dem Song einen dystopischen Grundklang. Das Motiv hierzu gefällt mir sehr gut.

Wencke: WTCHCRFT puzzelt hier sorgsam alle Sound-Fetzen zusammen. Nur die Vocals bleiben bisher aus.

Alexis: Das Vocal kommt gar nicht mehr vor, der Chicago-Vibe wird ins Ravige übersetzt.

Nathanael: Eine sehr gelungene Underground-Nummer, die für ordentlich Hitze in Clubräumen mit niedrigen Decken sorgen dürfte.

Alexis: Ja, aber etwas weit weg vom Original.

Wencke: Voll!

Manuka Honey – Machete / 777 (Club Romantico)

Manuka Honey x Florentino – „Machete”

Wencke: Sexy Stimmen, die sich hier an die Beats schmiegen.

Nathanael: Die ultimative Latin-Breakbeat-Madness.

Wencke: Die Vocals erinnern an 070 Shake, irgendwie.

Alexis: Manuka Honeys Breakbeats operieren mit allerlei ethnischen Klängen, sind lebendig, klingen aber etwas steril und digital produziert.

Nathanael: Mich erstaunt immer die subersive Kraft dieses Stils, der gleichzeitig anstrengend und extrem treibend ist.

Manuka Honey feat. La Favi – „777”

Alexis: Jetzt eine R’n’B-lastige Vocal Nummer.

Nathanael: Rosalía-Vibes.

Alexis: Das stimmt. Sonst fällt mir nicht so viel dazu ein. Driftet am Ende ins Kitschige ab.

Nathanael: Es ist eingängiger als „Machete”, aber geht trotzdem total daneben unter.

Nabil Hayat – Force Mono (FORM1)

Nabil Hayat – „Trikala”

Alexis: Das ist eine Bass-Music-Produktion, in der Einflüsse aus arabischer Musik rumoren, die ein wenig an DJ Plead erinnert.

Nathanael: Man spürt, dass Nabil Hayat, trotz einer großen Soundfülle gleich zu Beginn des Tracks, noch viel vorhat.

Alexis: Es geht gut los, wird dann aber etwas monoton und träge.

Wencke: Er nimmt Fahrt auf und lässt trotzdem offen, wo es hingeht. Leider etwas zu offen. Der Track zieht sich.

Nabil Hayat – „Night”

Alexis: Diese Nummer ist ein wenig House-lastig.

Nathanael: Der Titelname ist Programm. Dunkel-sphärisch rumort es.

Alexis: Deep und atmosphärisch mit Breakbeat-Geratter will der Track nicht ganz zusammengehen. Jetzt noch ein paar Dub-Techno-Vibes.

Nabil Hayat – „Friction”

Nathanael: „Friction” setzt stampfend an. Aber irgendwas dröhnt da so neben dem Gestampfe her, diese Weirdness gefällt mir.

Wencke: Dieser hier ist etwas rauchiger und düsterer als die anderen Tracks.

Alexis: Dieser Track setzt auf einen dumpfen, kassettenartigen Sound und auf den monotonen Groove, der aber nicht so wirklich trägt.

Wencke: „Friction” stagniert etwas.

Nathanael: Eigenartig belanglos. Trotzdem bisher für mich am spannendsten. U-Boot- und Wale-Beobachten-Techno.

Nabil Hayat – „Force Mono”

Wencke: Diesmal UFO statt U-Boot.

Nathanael: Ein sehr klassisch aufgebautes Stück, das erst mit der Zeit seine Versatzstücke findet und dadurch langsam die Spannung steigert.

Wencke: Irgendwas Liebliches, fast schon Melancholisches schwingt hier mit.

Nathanael: Dieser Einsatz erinnert krass an ältere Kalkbrenner– oder Sascha-Funke-Produktionen. Interessant.

Wencke: I see the Kalkbrenner-Assoziation.

Alexis Waltz: Stimmt, gut beobachtet.

Alexis: Das Mäandern der Flächen trägt die Nummern besser als die anderen. Der Groove ist auch mal etwas subtiler als bei anderen bollerigen Tracks.

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