Donaufestival 2026: Mit körperlicher Verausgabung durchs Solo-Karaoke-Setup

Hope ist tot, die Hoffnung lebt. Die Macher:innen des Donaufestivals bewiesen in diesem Jahr mit dem Motto Mad Hope prophetische Fähigkeiten: Hoffnung kann man immer gebrauchen, dass man aber das medienhysterisch relevanteste Tierschicksal seit mindestens dem Staffordshire-Terrier-Mischling Chico en passant in den Festivaldiskurs integriert hat, nötigt Ehrfurcht vor okkulten Kompetenzen ab.

Handfeste Krisen sind Wiedergänger im Programm des Festivals, mal aus pessimistischer, mal, wie in diesem Jahr, optimistischer aufgegriffen. Das irre Moment im Prinzip Hoffnung ist angesichts der Weltlage dringender nötig denn je – gerne auch so irre, dass aus diskursiven Verpflichtungen wohliger Eskapismus gedeiht. Philipp Gschwendtner und Maximilian Fritz waren in Krems dabei.

Mit sperrangelweit offenem Blas und gefletschten Zähnen betreten wir den Stadtsaal für die Performance von caroline, einer jungen englischen Band mit sage und schreibe acht Mitgliedern. Ihr Ansatz: Koordinativ anspruchsvoller Post-Rock – Positionierung auf der Bühne und Instrumentenarsenal erinnern an die Genre-Legenden Godspeed You! Black Emperor – in zarter, bisweilen poppiger Ausführung à la Bon Iver oder Dry the River. Die berührende Coming-of-Age-Darbietung erweicht das Zynismus-Zentrum. caroline präsentieren sich als zerbrechliche Vollprofis, die mit „Coldplay cover” aus einer Band zwei werden lassen. Während beide Hälften ihren eigenen Song darbieten, wandert der Tontechniker mit Mikrofon zwischen den Menschentrauben hin und her und vermittelt, wodurch doppelte Kammerkonzert-Atmosphäre entsteht. Auch abseits dessen überzeugen caroline mit spektakulärem Timing bei den jeweiligen Einsätzen. Menschen, die als präzise Maschinen in Akkordarbeit funktionieren – so sie denn wollen.

caroline sind viele

Blawan hat im Anschluss keine Wahl: Er ist auf sein maschinelles Setup angewiesen, wodurch es automatisch weniger menschelt. Deshalb muss er sich weniger um akkurate Metrik scheren, wovon sein Liveset eigentlich profitieren sollte. Tatsächlich hat der britische Künstler auf seinem Album SickElixir aus dem vergangenen Oktober die DNA des Techno zerlegt, wie unser Rezensent weiland meinte. Und auch wenn sein Auftritt von den Stems der gelungenen LP zehrt, kommt Blawan letzthin meist bei schnöden Post-Irgendwas-Deconstructed-Club-Tropen an, die in den schwächsten Momenten anmuten wie eine retrograde Kopie von Holzhammer-Act Amnesia Scanner – oder The Knifes Hitalbum Silent Shout aus den Nullerjahren, nur eben 2026. Insbesondere nach dem Set von caroline zieht die Atonal-Sterilität im Raum, die routinierte Affektarmut aus dem Laptop runter und klingt, kaum vorstellbar bei Blawan, aus der Zeit gefallen.

Der Sänger von Maruja

Dass Affekte längst nicht alles sind, beweisen Maruja im Anschluss, die einen nicht so wirklich gut gefüllten Stadtsaal bespielen. No shirt, no service? Nicht mit dem Frontmann, der seine Botschaften in selbstherrlicher Pose wie ein Straßenprediger unters Volk bringt. Auch sie performen Rock in unterschiedlichen Ausprägungen, proggy, jazzy – ein Saxofon kommt des Öfteren zum Einsatz –, glammy, posty. Auf der Bühne steht eine palästinensische Flagge, die dem Ganzen noch eine politische Dimension verleiht. Die darf man ruhig gut finden, so man will, in Verbindung mit dem machistischen Gebaren an vorderster Front macht sich statt Mitgefühl aber Verlegenheit breit. Maruja hätten gerne die Sprengkraft von Rage Against the Machine, tatsächlich erinnert das Schauspiel auf der Bühne eher an die Bloodhound Gang – wenn diese Evil Jared als Frontmann auserkoren hätte.

Rainy Miller, umkreist vom Publikum

Nur ein Laptop ist auf der Bühne der Minoritenkirche zu sehen, als Rainy Miller den Samstag eröffnet. Im Publikumsraum steht dafür ein einzelner Mikrofonständer, um den sich vor Beginn der Show ein Kreis gebildet hat. Er betritt die Bühne, startet den Backing Track vom Laptop und begibt sich in ebenjenen Kreis, den er in der Folge manisch abzuschreiten beginnt. Künstler und Publikum rücken in greifbare Nähe zueinander. Das erinnert an Breakdance oder Hip-Hop-Battles, bei denen die klare Abtrennung zwischen Performer und  Publikum ohnehin nicht existiert, sondern alle gemeinsam viben. Tatsächlich ist Hip-Hop als wesentlicher Einfluss in Rainy Millers Sound auszumachen: In Spoken-Word-Passagen, Autotune und darin, wie sehr seine Vocals über Timing funktionieren. Seine musikalische Ästhetik ist aber anderer Farbe: Der Backing Track besteht aus E-Gitarren-Strumming in industrieller Kulisse, in weiten Teilen ohne Beat. Ein Hintergrundrauschen, wie eine verblassende Erinnerung an Industrial. Seine Stimme mischt sich hinein, zwischen Gesang und Spoken Word changierend, am wirkungsvollsten durch präzises Timing und gut akzentuierte Pausen. Teils mit Autotune, teils ohne Mikrofon, was die Show mehr wie eine Theaterdarbietung denn ein Konzert wirken lässt. Am Ende klingt das Set in einer dröhnenden Note aus, die noch ein paar Minuten andauert, während der Künstler die Bühne längst verlassen hat. Das Publikum applaudiert der Leere.

Barker

Später, im Festivalnukleus auf der Kremser Seite, spielt Barker, der nicht nur als langjähriger Berghain-Resident, sondern zuletzt vor allem durch seine dem Four-to-the-Floor-Dogmatismus entwichenen Alben von sich reden macht. Das letztes Jahr erschienene Stochastic Drift war für viele ein hoch gehandelter Kandidat zum Album des Jahres. Er konzertiert ein sphärisches Live-Set, während dem man sich, obschon im eher biederen Zweckbau der Halle stehend, mit geschlossenen Augen leicht an eine Open-Air-Location versetzen kann, wo ein leichter Wind durch die Baumwipfel streift. Nachdem die erste Hälfte des Sets konsequent auf eine Kickdrum verzichtet, kommt diese nach und nach stärker zum Einsatz. Dadurch zerplatzt viel von der behutsam aufgebauten Magie. Das Publikum aber goutiert die Momente, in denen Musik unkompliziert in die Beine fährt. Das kommt im kopflastigen Festivalprogramm gar nicht so häufig vor.

Oneohtrix Point Never

Mit Blawan und Barker hätten wir nun schon zwei Acts durch, die elektronische Musik live darbieten und damit arbeiten müssen, was ihnen Soft- und Hardware zur Verfügung stellen. Tischntennisfilm-Soundtracker und Funktionsmusik-Wiederverwerter Oneohtrix Point Never spielt am Samstagabend das wohl meist erwartete Set des zweiten Wochenendes und ist der Nächste dieser Riege. Freeka Tet sorgt für fluffige Visuals, die der entrückten Ästhetik der Musik Rechnung tragen. Monolithen thronen auf dem Wolkenbett, während Daniel Lopatin Tracks vom starken Album Tranquilizer spielt. Die Wirkmacht des Sets mit seinen Bläsern von der Resterampendatenbank ist eine romantische, doch eine grundsätzlich andere als etwa bei caroline, nicht nur weil es kaum Beats oder Stimmen gibt. Die Nachvollziehbarkeit fehlt, und man vermisst Körperlichkeit, obschon es derer am Vortag zu viel gab. Ist das Boomer-Talk? Vielleicht. Haben organische Livekonzerte einen anderen Zug? Absolut.

Oneohtrix Point Never mit Visuals von Freeka Tet

Im schönsten Sinne schafft Olga Anna Markowska am Sonntagabend die Verbindung zwischen traditionellen Instrumenten und digitalen Klangwerkzeugen. Klanglich zwischen Minimal Music und Ambient zu verorten, spielt sie Harfe und Cello, dazu hat sie Laptop und MIDI-Controller auf der Bühne. Die Noten der Instrumente zerfallen langsam in einen Nebel aus Loops und Echo. Harmonien ziehen wie ein Flugzeug über einen sonnigen Himmel, die Effekte lassen so etwas wie den Kondensstreifen zurück. Ist es die Harfe, die diese himmlischen Assoziationen hervorruft? Der Himmel als ultimatives Symbol der Hoffnung hat auch etwas Irres an sich. Hier in der Minoritenkirche spürt das Publikum die ganz weltlichen Strapazen des Festivalwochenendes. Die Müdigkeit steckt in den Knochen ob der zurückgelegten Kilometer zwischen den verschiedenen in Krems verteilten Spielstätten und etwaigen Ausflügen zum Heurigen bei überwiegend herrlichem Frühlingswetter. Auch der Kopf ist müde, und hier bietet sich nun die perfekte Gelegenheit, das in den letzten Tagen Gehörte, Gesehene, Reflektierte und Gespürte Revue passieren zu lassen.

Olga Anna Markowska lässt kontemplieren

Doch das diesjährige Donaufestival soll nicht in Melancholie enden. Den Schlusspunkt setzt stattdessen der Outsider-Music-Posterboy John Maus. In Jeans, Hemd und mit expressiver körperlicher Verausgabung marschiert er durch sein Solo-Karaoke-Setup. Was bedeutet: Er läuft im Wechsel in den hinteren Bühnenraum, um einen Song zu starten, dann wieder nach vorne, um zu seinen Achtziger-Synthie-Tunes zu singen und zu schreien. Nun ist es so: die Musik klingt nur vordergründig nach simplem Gedudel, denn Maus bedient sich laut eigener Aussage barocker, kirchenmusikalischer Tonmodalitäten. Jedenfalls ist diese Erzählung allgegenwärtig, wenn es um den Künstler geht, der immerhin einen PhD und experimentelle Musik studiert hat. Es bleibt unklar, ob das alles komplett theoretisiert oder aber extrem stark gefühlt ist. Doch warum sind das eigentlich Gegensätze? Theorie und Praxis gehen Hand in Hand. Das ist, um nun die Brücke zum großen Ganzen zu schlagen, auch auf dem Donaufestival ein bewährtes Konzept. Die Stimmung nach dem Konzert ist gelöst, die unkonventionelle Art des Weirdos erfrischt.

John Maus auf dem Donaufestival 2026 (Alle Fotos: David Višnjić)
John Maus auf dem Donaufestival 2026 (Alle Fotos: David Višnjić)

Ein weiteres Plädoyer für Weirdness markiert auch die Performance von Jessica Teixeira. Die siebenköpfige Kombo um die namensgebende Performerin erscheint zwar nicht im Namen, erfährt während der Performance aber durchaus ihre Wertschätzung. Beteiligte, die bei anderen Produktionen im Hintergrund bleiben, wirken hier sichtbar mit, die Grenzen der Bühne sind unprätentiös weiter gefasst, im Grunde sogar aufgelöst: Auch das Publikum gehört im Grunde zur Bühne, wird immer wieder eingebunden und findet sich dort am Ende tanzend zusammen. Das mag abschreckend klingen, aber fühlt sich in diesem Moment genau richtig an. Während der Performance ist tatsächlich etwas gewachsen, das Zuschauer:innen zusammenbringt. Der freigiebig verteilte Cachaça, laut Teixeira „notwendig, um die Performance bis zum Ende durchzustehen”, tut seinen Teil.

Grausamkeit und Schönheit überlagern sich in ihrer Erzählung. Sie adressiert Unangenehmes und Schambehaftetes in uns, ermutigt uns auszusprechen, was wir uns sonst nicht trauen würden, und schafft auf diese Weise eine starke Verbundenheit. Es ist ein Plädoyer für die Akzeptanz der Lücken in uns, das Kaputte, Verletzte, Dysfunktionale, Weirde. Wohin führt das? Zu Gott? Die Behauptung wird nur ironisch aufgestellt. Enttarnt als scheinheilige Nebelkerze derer, die das Konzept der Schuld und die Hoffnung auf Erlösung als Machtmittel missbrauchen. Hoffnung liegt trotzdem in dieser Performance. Nicht auf eine abstrakte Versprechung, sondern auf das Erkennen unserer selbst und des Gegenübers, letzten Endes einfach nur auf Empathie. Genau die ist zu spüren, während man am Schluss der Performance mit dem zweiten oder dritten Shot mit einer fremden Person anstößt und tanzt.

Jéssica Teixeira mit ihrer Performance „Monga”

Das Donaufestival hat das diesjährige Motto als selbsterfüllende Prophezeiung wahr gemacht. Mit all jenen Kontrasten, die es in sich trägt. Zwischen der Großstadt Wien und dem niederösterreichischen Idyll, Noise und Harmonie, Diskurs und Gefühl. Hoffnung mag in diesen Zeiten verrückt erscheinen. Das Donaufestival beweist, dass in der Verrücktheit Hoffnung steckt.

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