Elektronischer, schwerer und dichter fließen die gesampleten Noise-Dronescapes des New Yorkers Lou DiBenedetto alias Headlock. Nach mehrjähriger und vermutlich schmerzhafter Lücke ist Dragged Away (Sci-Fi & Fantasy) eine vor verschütteter wie offen dargelegter Schönheit beinahe berstende Hommage an verstorbene Freunde, ein kreativer Befreiungsschlag, ein Dokument queeren Begehrens in Sound und nicht zuletzt die erfreuliche Nachricht, dass es mit Lamin Fofanas Label Sci-Fi & Fantasy weitergeht.

Die große Erzählung der alten künstlerischen Avantgarde der Moderne geht ungefähr so: Für jedes Genre gab es einzelne geniale Individuen, die sich zusammentaten, um in ihrer unbändigen Experimentierfreude etwas genuin Neues zu schaffen, alle Konventionen sprengen zu wollen – und genau dadurch neue Konventionen zu schaffen, also einen innovativen oder zumindest veränderten Mainstream. Die kleine Erzählung der Postmoderne isoliert das Neue in jeweilige Nischen, die unbändige Experimentierfreude ist immer noch möglich, nur eben ohne weiteren Kontext, ohne größere Wirkung außerhalb der Bubble. Und doch gibt es noch immer Arbeiten, die den Bogen spannen von den alten zu den neuen Avantgarden, die die Möglichkeit, etwas anderes zu machen, nicht allein in einem selbstdefinierten Underground stattfinden lassen wollen, der doch Mainstream werden will.

Ein damals wie heute beliebtes Stilmittel ist daher die Collage. Das Duo von Maja Osojnik und Matija Schellander, Rdeča Raketa, fügt diese in improvisierten elektronischen Noise und Lyrik, sucht und erfindet so ein Bindeglied zwischen den widerständigen Freiheiten dessen, was sich Free Jazz einmal erarbeitet und herausgenommen hat, und der nischigen, aber dennoch nicht gerade unpopulären Spoken Word Poetry. Was auf …and can not reach the silence (Ventil Records, 4. August) einen interessanten Effekt zeitigt. Eventuell etwas weniger dringlich und radikal als das strukturell ähnliche Werk von Moor Mother, macht das Wiener Duo die Erfahrungen ihrer eigenen Lebenswelt zu einer Avantgarde, die weder dem modernen noch dem postmodernen Klischee entsprechen will.

Treffen sich zwei radikale wie diskrete Klang-Ausprobierer*innen, passiert oft etwas Interessantes und Schönes, denn es gilt ja die je eigenen erprobten musikalischen Formen einzubringen, aber ebenso im besten Fall eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich etwas ganz anderes entwickeln kann. Besonders tolle Ergebnisse etwa bei Francesco Cavaliere & Tomoko Sauvage, die auf Viridescens (Marionette, 4. August) die Farbe Grün pastellig vertont, aber in Wirklichkeit noch viel mehr geschafft haben, als nur eine angenehme, monochrome cross-sensoriale Erfahrung in Nachfolge der Kankyō Ongaku, der japanischen Environmental Music der Achtziger, zu vertonen. Wofür Sauvages Wasser-Glas-Instrumente und Cavalieres avancierte Kontaktmikrofonie ebenso gut geeignet sind wie beider reduktiver Sound-Art-Ansatz, der sich hier in bestmöglichem Bewusstsein in die Tradition von Hiroshi Yoshimuras Synthesizer-Minimalismus und Midori Takadas Holzklöppel-Klassikern stellt und dabei noch den Twist zum dänischen Fluxus-Komponisten Henning Christiansen schafft, ist schon unerhört genug. Dass das musikalische Ergebnis dann ebenso diskret wie zart und in Momenten beinahe unmenschlich schön ist, versteht sich quasi von selbst.

Das Aufeinandertreffen der kaum mit Genres oder Kategorien zu fassenden Mari Maurice (More Eaze) und Nick Zanca (Mister Lies) als Asemix kann ebenfalls in tiefst experimenteller wie lässig-ausgeruhter, minimalistischer Elektronik enden, wie es auf dem gleichnamigen Debüt-Tape Asemix (Warm Winters Ltd.) ebenso schnell in sanft unbehagliche Dark-Ambient-Spaces abdriften kann. Ohne sich je zu widersprechen. Ohne Schönheit als Idee und Praxis je aufzugeben.

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