Foto: Frank P. Eckert

Es ist der Spätsommer des Late-Covid-Kapitalismus. Nächtliche Straßen und Parks. Draußen und Drinnen. Hitze und Abkühlung. Das Manchester-Berliner Duo Space Afrika öffnet den Dub Techno der frühen Tage auf der epischen Doppel-LP Honest Labour (Dais, 27. August) zu einem ultimativ urbanen Collage-Ambient, der von Zugehörigkeit und Fremdheit erzählen kann. Als Klang sind das die Erinnerungen an die lang zurückliegenden Clubnächte, die Kopfhörer des Wartenden an der Haltestelle des Nachtbusses, die Basswalzen der bei Yorkshire-Wetter vorbeirauschenden aufgepimpten Muskelautos, des Philharmonie-Premierenpublikums, der Füße der benachbarten Ballettschule. Der Überstunden und Nachtschichten. Ein Sound, der etwas weiß von den Brotkrumen des Kapitalismus, von Flaschensammler*innen und Türsteher*innen, von Sexarbeiter*innen, Armut und Reichtum. Von denen im Club und von denen draußen vor der Tür, von der Geborgenheit der Straße, von der Euphorie der Party und dem Runterkommen danach. Von der Solidarität zwischen Fremden, der Wärme zwischen Underdogs, aber ebenso von Aggression, Drogen und Depression, von LED-Licht und Neon-Schatten.

Es ist nicht weniger akut der kühle Hochsommer der katastrophischen Klimawandelfolgen. Also, lass’ uns über das Wetter reden. Das finden nicht nur Gudrun Gut + Mabe Fratti „Aufregend” wie das erste Stück der deutsch-guatemaltekischen Kollaboration via Mexiko City, wo das Label residiert, auf dem das Duo-Debüt erscheint. Im vom Regen überfluteten und unterspülten Westen des Landes, wo diese Kolumne entstand, sind die Folgen des Anthropozän zu einem Leben und Existenzen gefährdenden Problem geworden in diesem Nicht-Sommer. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, und nicht nur hier.

Der hellsichtig vorausschauende Soundtrack Let’s Talk About The Weather (Umor Rex, 20. August) ist eine spannende und sehr schöne Konfrontation und Zusammenführung zweier recht unterschiedlicher Soundverständnisse – von Post-Wave, Techno und Pop bei Gudrun Gut, Cello, Drone und Elektroakustik bei Mabe Fratti. Es steht zu befürchten und ist zu hoffen, dass die Zukunft tatsächlich aufregend wird, im Guten wie im Schlechten. Vielleicht im Sinne des Gut/Fratti-Stücks als Bresche im Ennui der ewigen Wiederholung des ähnlich Ahnbaren, vielleicht aber im Sinne klimaapokalyptischer Zerstörung. Beides ist im Album angelegt, mit deutlicher Tendenz zur melancholischen Hoffnung allerdings.

Die Musikerin und Produzentin Anushka Chkheidze aus Georgien, dem Land mit der vielleicht schönsten Schriftsprache überhaupt, ist international erstaunlicherweise noch nicht so bekannt wie etwa Natalie „tba” Beridze, Nikakoi oder Gacha Bakradze, obwohl ihr im Mai erschienenes, lässig zwischen Electronica, Ambient und Techno vermittelndes Album Move 20-21 (CES Records) eigentlich einen perfekten Einstieg in ihre Arbeit und die der mit ihr und um sie herum entstandene neue Musikszene von Tiflis darstellt.

Aber wir haben ja zum Glück das Goethe-Institut und dessen fleißigen Explorator Robert Lippok, die sich aufmachen, dies zu ändern. Glacier Music II (Establishment Records, 20. August), eine lose Fortsetzung der vor fünf Jahren von Lippok initiierten kollaborativen Gletschermusik, versammelt neben Chkheidze noch weitere georgische und armenische Musikerinnen und Musiker, die sich gemeinsam ein Konzeptalbum zum Thema Klimawandel erarbeitet haben, das dessen katastrophische Folgen in stille Melancholie wandelt. Aus Lippoks subtiler Prozessierung und Produktion von atmosphärischen Field Recordings, Chkheidzes präpariertem Piano, den faszinierenden Vocals der Folksängerin Eto Gelashvili und der Hirtenflöte von Hayk Karoyi erwuchs so ein extrem zurückhaltendes Album über den Schmerz des Anthropozän, über die Ruhe nach dem Sturm.

Miharu Koshi aus Kyoto müsste aufmerksameren Verfolger*innen der Post-Vapor- und Instrumental-Hip-Hop-Headz-Szene (oder dieser Kolumne) bereits als Feature-Sängerin und Co-Produzentin aufgefallen sein, zuletzt etwa beim Japaner Foodman oder beim Brooklyner Giant Claw. Ihr Solodebüt als NTsKi ist dann tatsächlich genau die J-Pop-Sensation, die sich in den Kollaborationen ankündigte, aber dann eben zwangsläufig auf einzelne Stücke isoliert blieb. Orca (Orange Milk/EM Records, 6. August) benutzt die digitalen und analogen Soundcollage-Techniken ihrer Kolleg*innen, bleibt aber erkennbar in einem Soundfenster, das noch als Achtziger-YMO-inspirierter J-Pop erkennbar ist. In dekonstruierter Form in hochglänzendem Sounddesign mit scharfkantigen Schnitten unter verweht-melancholischen Vocals. Also allerbeste Retro-Hypermoderne. Posh, und doch introvertiert. Perfekt.

Yann Tiersen kann auch Ambient, präpariertes, digital verfremdetes Klavier und Elektronik. Auf Kerber (Mute, 27. August) agiert er zurückhaltender als je zuvor. Das Gespür für eingängige Melodien hat Tiersen natürlich nicht verloren, die Grundlagen seiner zunehmend abstrakter werdenden Stücke sind immer noch die kleiner Walzer, die Kaffeehaus-Etüden der französischen Pop-, Chanson- und Folk-Tradition, mit deren Adaption er zum Megastar wurde. Tiersen hat diesen Erfolg geschickt in den Dienst eines erfreulichen Eigensinns gestellt. Als Möglichkeit der Freiheit, als Basis für Experimente, für die Suche nach immer wieder anderen Ausdrucksformen. Auf Kerber ist dies mehr als beeindruckend gelungen. Für das müde gewordene Genre der Neoklassik könnte es sogar so etwas wie ein Fanal darstellen.

Das jüngste Album (Kofla Tapes, 30 Juli) des enigmatische Projekts metra.vestlud von Artem Dultsev aus dem fernen Jekaterinburg in Russland diente dem Leipziger Label Doumen zum Anlassl ein neues Label, „к๏Ŧɭค Շคקєร”, zu gründen und das alte erstmal auf Eis zu legen. Was unmittelbar einleuchtet, denn das Album im Zeichen des Unendlichen bietet einfach einen unfassbar angenehmen Trip durch New-Age-Synthesizer entlang von Ambient und Electronica. Ohne Reue und Scheu vor Schönheit. Es geht um Liebe. Klar, oder?

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