Das Motherboard aus dem März 2026 findet ihr hier, die Mixe des Monats hier und die Compilations hier.
Alix Perez – Sabotage (1985)
Kräne heben Bauteile, dazu sind sie gut. Dafür hebt der versierte Dubstep-Produzent wummernden Tiefbass aus den dunkelsten Ecken seines digitalen Synthesizers – so die Idee. Das Problem: Der blasse Jalousien-Teint muss weichen, weil’s langsam ernsthaft und konsekutiv sonnig wird. Also, die Sonne traut sich mittlerweile wirklich überall hin, nicht nur ans Paul-Lincke-Ufer, sondern sogar nach Tempelhof. Dort, wo sich Makita-Gezirpe und LKW-Hornbläser noch Gute Nacht sagen – wo’s brummt und wummt und alles ist, nur nicht still. Denn merke: Stille ist unverkäuflich. Also, sie verkauft sich schlecht, erst recht nicht im Langspielformat. Und wehe der Anfang klingt wie das Ende, oder schlimmer noch: umgekehrt.
Während man also umgeben ist von spätindustriellem Fabriken-Flair, freigelegten Kaffeeröstaromen und schwebenden Einwegtoiletten und im Stillen ein Elfchen über die Büro-Tristesse verfasst, schlägt unerwartet und anachronistisch diese neue Platte von Alix Perez auf. Der hat bekanntermaßen eine gespaltene Bass-Music-Persönlichkeit und produziert einerseits diesen soulig-euphorischen Drum’n’Bass und andererseits bitterbösen, kühl kalkulierten Dubstep. Aber trotz ausgewiesener 140-BPM-Plakette startet Sabotage überraschend frühlingshaft.
„Cape Reinga” ist schwerelos-hypnotisch und kommt mit mächtig perkussivem Reverb, subtilen Tieffrequenzen und meditativen Vocals daher. Das stimmt darauf ein, was, na ja, genau nicht kommt. Von da an nimmt der Feenstaub-Express nämlich die Abfahrt Richtung Monstertruck-Karambolage. „Mother Cell” ist so ziemlich das, was man von Alix Perez bereits kennt: Pulsierende Subs, ein krächzender Synth, bedrohliche Ambient-Pads, die wie eine alarmierende Signalleuchte einsetzende Hi-Hat und der unvermeidliche, konsequente Drop. Musikalisches Ich-mach-das-nicht-zum-ersten-Mal, auf das man eigentlich nur erwidern möchte: Danke, weiter!„Watch This feat. Cesco” ist eine aggressive und kompromisslose Breakbeatnummer mit drückendem Sub, knallenden Snares und staubtrockenen Vocal-Chops. Und so geht das in einer Tour, ich meine: Tor-Tour. Hier wird permanent geschraubt, gebohrt und gehämmert, dass sich die Gesichtsbalken biegen. Ihren Abschluss findet die Langspielscheibe mit „Kal-El”, auf dem der Londoner Grime-MC Trim gefeatured ist. Sein atemloser, nonchalanter Flow schwebt scheinbar mühelos über den langsam-stampfigen Beat und dem rückwärtslaufenden LFO. Das bringt die Platte zu einem wuchtigen Ende und hinterlässt den Eindruck, nichts wirklich Neues gehört, dafür das Bassfacemal wieder ordentlich eingeschult zu haben. Jakob Senger

Appleblim – Liminal Tides (Quiet Details)
Winde wehen, tropische Vögel singen, digitale Zikaden zirpen und Synthpads branden sanft wie Meereswogen an den Strand, der das Gehör des geneigten Zuhörers ist. Ein Gefühl von ewiger Zeit- wie Sorglosigkeit breitet sich aus, während dumpf-synthetische Didgeridoo-Töne quer durch den Klangraum schweben. Wen der Beginn von Appleblims neuem Album Liminal Tides an Chill Out, das stilprägende Ambient-Meisterwerk von The KLF von 1990 erinnert, der liegt gar nicht so weitab von der Schafweide. Fehlt nur noch die Zugansage, dass es gleich losgeht, nach Trancecentral. Dabei sind wir ja schon da. Und im zweiten Track gesellt sich als perkussives Element tatsächlich so etwas wie das Rattern eines Zuges ins aurale Spektrum. Die Reise geht los. Und die bleibt über die gesamte Länge der Platte so schwere- wie zeitlos. Sanft harmonische, sich endlos ausbreitende Synthesizerflächen lullen ein wie ein Ozean aus Wonne und lassen durch die insgesamt sechs Tracks treiben, jeder so um die acht Minuten lang. Auch rhythmische Elemente werden ab der Halbzeit langsam eingeführt. Eine bedacht groovende Bassline, verfremdete Percussion-Sounds. Allein eine Kick oder Ähnliches sucht man vergebens. Denn, Ladies and Gentlemen, we are floating in space. Und so ebbt die Musik wieder ab, wie eine wohlige Wanne, die erst gefüllt, dann sanft ausgegossen wird. Und man bleibt mit dem Gefühl zurück, einem der besten Ambient-House-Alben der letzten Zeit gelauscht zu haben. Tim Lorenz

Ben Kaczor – Sirene (St. Odes)
Sirene beginnt mit dem Titelstück, das erst einmal so tut, als ob sich hier versöhnliche Ambientmusik zum gemütlichen Zurücklehnen entfalte. Schnell wird klar, dass daraus nichts wird, weil das dominierende friedliche Synthie-Summen immer wieder über eine kleine absteigende Melodie stolpert, was den vermeintlich andächtigen Charakter des Stücks aushebelt. Es folgt mit „Green Sleep” ein Track, der wie eine Variation des ersten klingt – plus dekonstruierende Ringmodulatorbehandlung des Summ-Sounds, angedeuteten Bass und eine sich wiederholende Melodie. Stück drei durchläuft eine ähnliche Entwicklung wie die beiden ersten in ihrer Summe, wieder bringen eine in Dur gehaltene freundliche Sequenz eher schräge Störelemente zum Schlingern. Ein unmetrisches Pluckern könnte eine jeder Verständlichkeit beraubte Radiostimme sein, was zusammen eine leicht beklemmende Atmosphäre schafft, bis der Track abrupt abbricht. Die ersten Takte des folgenden „Pink Snow” lassen wieder das harmoniesüchtige Ego jubilieren: Die String-Synth-Sequenz gäbe den perfekten O.S.T. für das Happy End eines Weltraum-Opus ab, aber nach zwei Minuten ist der Spaß vorbei, und ein eher fieses Rauschen übernimmt die Vorherrschaft – war wohl wieder nichts mit dem orbitalen Frieden. Und es kommen immer mehr Klänge und field-recording-artige Sounds hinzu, die eine zum Anfang des Stücks unterschiedliche Collage mit subtilem Herzschlagpuls ergeben. Diese geht wiederum in einen ruhigeren, aber melancholischen Teil über. So geht gelungene Electronica 2026. Mathias Schaffhäuser

Calibre – They Want You (Signature)
Wenige Künstler können auf eine so konsistente Karriere zurückblicken wie Dominick Martin alias Calibre. Gewachsen aus einer jugendlichen Begeisterung für Drum’n’Bass im Sinne von Pionieren wie LTJ Bukem oder Goldie, hat es der Ire mit Wahlheimat Köln auf mittlerweile über 25 LPs gebracht. Während sich sein letztes Album Little Foot auch mit niedrigeren BPM-Bereichen auseinandersetzte, wird das neue Studioalbum They Want You besonders seine eingefleischten Fans erfreuen. Hoffnungsvolle Breaks treffen auf orchestrale Strings und eingängige Melodien, die leicht im Ohr hängenbleiben. Vor allem setzt Calibre auf fast allen Stücken mit seiner eigenen Stimme Akzente. Angenehm unterproduziert verleiht das dem Album einen ehrlichen und meist introspektiven Anstrich. Ob auf dem federnden, melancholischen Groove von „Tame” oder dem dubbigen Stepper „Posession Dub” – selten hat man sich dem Künstler hinter Calibre als Zuhörer so nah und vertraut gefühlt. Leopold Hutter

Caterina Barbieri & Bendik Giske – At Source (light-years/!K7)
Caterina Barbieri und ihre analogen Synthesizer machen Musik mit Bendik Giske und dessen Saxofon. So klingt es, wenn auch eher gemächlich ausgelegt. Ihr gemeinsames Album At Source ist nach einem gemeinsamen Aufenthalt im Mailänder Zentrum für zeitgenössische Kunst ICA und darauffolgender Live-Zusammenarbeit entstanden.
Das Eröffnungsstück „Intuition, Nimbus” pluckert freundlich dahin, die Synthesizer in Echo und Spinett, das Saxofon wie gelooptes Schnattern einer Ente nach wohlschmeckendem Mahl. Durchweg gibt es keine Dringlichkeit. Es folgen drei weitere Stücke mit sieben bis elf Minuten Länge. Das abschließende „Persistence, Buds” bringt das Album auf den Punkt. Im Dreivierteltakt walzern sich der norwegische Saxofonist und die Komponistin und Labelbetreiberin aus Bologna in eine Leichtigkeit, die überzeugend darin wirkt, nichts spiele in diesem Moment eine Rolle. Nur der Sound. Diese Lässigkeit herrscht auch auf den beiden weiteren Tracks: „Alignment, Orbits” wippt und schaukelt, „Impatience, Magma” steigert sich aus einem Monolog heraus in Variationen des Dialoges.
Zusammengenommen macht das keine Musik für die Ewigkeit, doch vier hübsche Stückchen für Momente wie das Frühlingspicknick am entengrützenbenetzten Teich. Christoph Braun

Daniel Lopatin – Marty Supreme (Original Soundtrack) (A24)
Der Tischtennisspielerfilm Marty Supreme von Josh Safdie hetzt seinen Hauptdarsteller Timothée Chalamet und mit ihm das Publikum für zweieinhalb Stunden durch New York und andere Teile der Welt. Hinterher bleiben einem von der Musik vor allem die Achtziger-Hits von Alphaville oder Tears For Fears in Erinnerung, dabei gibt es sogar einen richtigen Soundtrack. Der hat einen nicht unerheblichen Anteil an der nervösen Dauerraserei dieser Bewegtbildbiografie seines begrenzt liebenswürdigen Protagonisten. Daniel Lopatin, der schon zum dritten Mal in einem Safdie-Film die Tonspur mitgestaltet, zum zweiten Mal unter bürgerlichem Namen, knüpft vor allem an den Stil seiner Musik zu Good Time von Benny und Josh Safdie an, die von kreiselnden Sequenzerloops mit Verneigung in Richtung der Berliner Schule bestimmt war. Diesmal gibt es das alles erneut mit unablässigem Vorwärtsdrall, aber noch etwas aufgeblasener, Orchestersounds und Chorgesang inklusive. Zudem verlegt sich Lopatin in manchen Nummern auf Hymnisches à la Vangelis, dessen Beiträge zum Olympia-Streifen Chariots of Fire hier und da als Vorlage gedient haben dürften. Dazwischen streut Lopatin die für sein Projekt Oneohtrix Point Never typischen cheesy Sample-Instrumente ein, die er in der ihm eigenen Weise verhackstückt und zweckentfremdet. In der Eile des Films droht derlei unterzugehen, doch am Ende bleibt Lopatin mehr bei sich, als der Bombast befürchten lassen könnte. Tim Caspar Boehme

Laurel Halo – Midnight Zone OST (Awe)
Derzeit tourt die Ausstellung Midnight Zone des Schweizer Künstlers Julian Charrière durch gleich mehrere Museen. Nach Stationen in der Galerie Perrotin, Tokio und im Museum Tinguely in Basel läuft Midnight Zone derzeit im Kunstmuseum Wolfsburg. Zu den Videos Charrières hat Laurel Halo den Soundtrack produziert: das Hinabtauchen in das Ökosystem einer Bruchzone ozeanischer Kruste im Pazifik, die sogenannte Clarion-Clipperton-Zone mit ihren in Teilen noch unerforschten wie begehrten Tiefen bis unter 5000 Metern. Riesig die Ausmaße der Zone, reich an Seltenen Erden die Böden.
Die in Detroit aufgewachsene und in Los Angeles lebende Laurel Halo muss hier eine komplexe Aufgabe bewältigen: die Erkundung eines bedrohten, betörend schönen, Reichtümer versprechenden Lebensraumes zwischen dem Boden in schwärzesten Tiefen und der „Sunlight Zone”, mit der Midnight Zone beginnt. Das Schweben des Wassers ist von Anfang an da in den Bewegungen des Montage-8-Synthesizers, zunächst gehen die Wellen in die Breite, von dort hinab und hinab und hinab. In der „Twilight Zone” klingt es schon unbehaglich, noch ist etwas zu sehen. „Abyss” verdeutlicht die Kargheit der immer tiefer werdenden Gewässer, die Signale gehen schon wesentlich stärker von Einzelpunkten aus. Am Ende verlangsamt sich die Bewegung deutlich zum nunmehr statischen Drone von „Hadal”. So delikat diese Aufgabe sein mag: Halo meistert sie in einem Triumph musikalischen Sprachschatzes. Christoph Braun
