Foto: Frank P. Eckert

Es ist ziemlich genau 18 Jahre her, dass mein geschätzter Kollege Florian Sievers in dieser Kolumne, seinerzeit noch im Print-Heft der SPEX erschienen, Everyone Alive Wants Answers, das Debüt von Cécile Schott alias Colleen, beschrieb – was mich ein wenig verstimmte, weil es einerseits die Entdeckung eines jungen Talents vorwegnahm, die ich an dieser Stelle gerne selbst verkündet hätte, andererseits weil die eher lauwarme Rezension mit der Frage endete, warum die digitalen Laptop-Musiken der Zeit weltweit alle so ähnliche Ergebnisse lieferten. Was Colleens Album, das analog-handwerklich aus Vinyl-Loops zusammengebaut war, doch etwas unrecht tat – von der immensen Schönheit, die sie damit erzeugen konnte, ganz abgesehen.

Und Schott hat sich als Musikerin und Produzentin in der Folge mehrmals komplett neu erfunden. Von Experimenten mit mechanischen Musikmaschinen über die subtile Auslotung der Klangfarben historischer Instrumente bis hin zu reduzierten Arbeiten am Synthesizer zeichneten sich sämtliche Klänge Colleens durch eine ganz spezielle Sensibilität für Klang aus, eine unverwechselbare Handschrift, die ganz unabhängig von den gerade verwendeten Produktionsmitteln unmittelbar erkennbar war. Das ist auf dem im Lockdown in Barcelona entstandenen The Tunnel and the Clearing (Thrill Jockey, 21. Mai) nicht anders, allenfalls noch ein wenig introvertierter und instrumentell noch reduzierter als bisher. Ihr genügt eine Vintage-Drumbox, eine primitive Keyboard-Orgel und ein einziges Effektgerät aus den Siebzigern, um intime kleine Tracks zu bauen, die in ihrer täuschenden Einfachheit doch riesengroße Popsongs sind. Es ist wohl kaum möglich aus noch weniger so viel zu machen. Nicht nur deswegen ist Schott eine der raren wirklich unverwechselbaren Stimmen im Motherboard-Universum und weit darüber hinaus.

Der Kanadier Scott Morgan ist ziemlich genau so lange im Geschäft wie Colleen, und auf seinem jüngsten Loscil-Album Clara (Kranky, 28. Mai) setzt er ebenfalls auf einen extremen Minimalismus der Mittel, der ihn ebenfalls zu erstaunlich frischen Ergebnissen führt. Es ist allerdings keine instrumentelle Einschränkung, im Gegenteil, Morgan setzte sogar ein ganzes Symphonieorchester ein, um sein Klangmaterial einzuspielen. Die forcierte Beschränkung liegt in der Bearbeitung des Quellmaterials. Das komplette Album ist aus einem dreiminütigen Streicherstück gesampelt, neu montiert, diversem Soundprocessing unterzogen und wieder in Schleifen gelegt. Morgan ist ebenfalls eine der definierenden und wiedererkennbaren Stimmen in der Welt von Ambient und Neoklassik, und das Sounddesign von Clara klingt tatsächlich kaum anders als die 15 vorherigen Alben von Loscil. Dennoch ist es irgendwie neu und anders.

In den beginnenden Nullerjahren sind so einige Karrieren in der elektronischen Musik gestartet, wie etwa die des Düsseldorfers TG Mauss. Als Tonetraeger, zusammen mit dem damals ebenfalls durchstartenden Hauschka, hatte er sogar einen kleinen rheinischen Techno-Hit im Michael-Mayer/Tobias-Thomas-Mix (zu letzterem mehr weiter hinten in der Kolumne). Während Hauschka mit seinen präparierten Pianoetüden den Zeitgeist getroffen hat und schon bald die Philharmonien füllte, hat Mauss ein unauffälligeres Profil gepflegt, war aber nicht weniger kontinuierlich an den Rändern von Electronica und Mainstream aktiv. Die EP Fragmente Vol.1 und die LP Momente Vol.1 (beide: Hauch) kommen nun herum wie früher: üppig im Antritt, ausdauernd auf der Strecke und leise im Abgang. Mit Field Recordings aus der näheren Umgebung, leicht geglitchter Gitarre und einem minimalen Setup von Effektgeräten gebaut, mit Titeln wie „Zu Zweit”, „Heimweg” und „Garten”, mit harmonischen, aber nie zu gemütlichen Sounds atmet diese breit angelegte Arbeit den Geist der minimalen frühen Nullerjahre, in denen das Nischenpopuläre immer mit einer gewissen kühlen Distanziertheit korrelierte. Es ist aber natürlich ebenso eine brandaktuelle Botschaft aus der Isolation, die eben genau diesen artifiziellen Abstand überwinden möchte.

Der mexikanische Weltbürger Fernando Corona alias Murcof hat 2002 mit Dub Techno angefangen, aber die schon damals zu engen Konventionen des Genres ziemlich schnell hinter sich gelassen. Seine Stücke sind so zu experimentellem Dark Ambient geronnen, der von Industrial eben so informiert war wie von Neoklassik, zeitgenössischem Tanz und akademischer Elektroakustik. Ein gerader Beat und deftige Bässe waren und sind aber jederzeit noch möglich. Die epische Triple-LP The Alias Sessions (The Leaf Label, 21. Mai), aus der Zusammenarbeit mit der Genfer Tanzcompagnie Alias entstanden, verbindet nun sämtliche Aspekte unter der Prämisse der disruptiven Dynamik und des tiefen Hörens. Die über die Jahre erworbene Reife als Produzent und Komponist zeigt sich in der morbide mürben Fragilität der Klänge, die über die lange, lange Strecke ihre Spannung doch stets halten.

Auch Dictaphone können in Kürze ihren Zwanzigsten feiern. Die musikalische Entwicklung der Combo verlief von einem Glitch-inspirierten, hibbeligen Improv-Sound zu elegisch postrockender Hauntology. Aber das Gravitationszentrum ihres Sounds war immer die für ein Elektronik-Projekt außergewöhnliche und das Klangbild dominierende Instrumentierung und die Inspiration in der belgischen Postpunk-Szene der frühen Achtziger, bei Labels wie Sandwich oder Les Disques Du Crépuscule und World/Not World-Musiken wie der des Penguin Cafe Orchestra. Auf Goats & Distortions 5 (Denovali) ist es der aparte, sehr spezielle Klang der Bassklarinette, die den Sound des Trios regiert, aber nicht nostalgisch einverleibt. Denn die Klänge bleiben bei aller Spezifik doch flüchtig vorübergehend, werden nie zu etwas gänzlich Finalem, Festgesetztem. Diese ungezwungene Leichtigkeit ist ebenfalls eine der großen Qualitäten, die Dictaphone über die Jahre kultiviert haben.

Die kanadischen Postrocker Fly Pan Am sind sogar noch länger aktiv, haben ihr eigenes experimentelles Genre mit definiert und sind ihm über 25 Jahre treu geblieben. Und es zeigt sich ein weiteres Mal, dass die Kollaboration gestandener Musiker*innen mit einem modernen Tanztheaterprojekt ungeahnte kreative Energien freilegt, als Jungbrunnen fungieren kann, einfach weil es die Beteiligten dazu nötigt, ihre eingespielte, möglicherweise eingefahrene Routine zu überdenken und sich auf die Choreografie oder Improvisation, letztlich auf die Bedürfnisse des Tanzes und der Tänzer*innen einzulassen. Für Fly Pan Am ist es nun also das kraftvolle Frontera (Constellation, 21. Mai) der Montrèaler Compagnie Animals of Distinction, das Körperpolitiken zwischen Druck und Explosion mit motorischem Electro-Rock im oberen BPM-Bereich und intensiven Bildern versieht.

Minima Moralia, das tatsächlich sehr minimale und trotz Adorno-Zitat im Titel extrem einfach gehaltene Ambient-Debüt des Japaners Chihei Hatakeyama, ist nun auch schon 15 Jahre her. Der Sound des gelernten und praktizierenden Toningenieurs ist von Album zu Album komplexer geworden, reicher an Textur und von fein zerstäubtem Noise-Glitter gepudert. So ist das in Japan bereits im Selbstverlag erschienene Late Spring (White Paddy Mountain/Gearbox Records, 28. Mai), das nun auch international und auf Vinyl erhältlich sein wird, ein Schritt zurück zu den Anfängen, ohne die Entwicklung in den Jahren seitdem zu vergessen. Ein einfaches, schönes, sanftes Ambient-Album ohne Wenn und Aber. Ein Exzellentes eben.

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