Seit fast einem Jahr menschenleer: Der Dancefloor vom Blitz Music Club in München (Foto: Simon Vorhammer)

Nun ist es bald ein Jahr her, dass munterem Schwitzen auf dem Dancefloor ein jähes Ende bereitet wurde. Monat für Monat reden wir uns ein, dass es bestimmt bald wieder so weit ist. Und Monat für Monat verschiebt sich dieses „Bald” ein wenig weiter nach hinten. Wer hätte schon gedacht, mal so lange auf Clubs verzichten zu müssen?
Während das für die meisten von uns bedeutet, im wahrsten Sinne die Füße still zu halten, stehen die Clubs selbst vor deutlich größeren Problemen. Die bangen nämlich um ihre Existenz.

Ohne über eine genaue Statistik zu verfügen, lässt sich vermuten, dass mittlerweile in jeder WG-Küche und jedem Zoom-Stammtisch schon mal über die Lage der Clubs diskutiert wurde. Leben die noch? Und wenn ja, wie geht es weiter? Und wann? Um wilden Theorien, befeuert durch digitale Mundpropaganda, Einhalt zu gebieten, haben wir uns direkt an die Quelle gewandt.

GROOVE-Autor Jan Goldmann sprach mit fünf Clubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für den zweiten Teil des Features mit David Muallem, Programmer und Resident DJ des Blitz Music Club in München, und Markus Krasselt, Booker, Resident-DJ und Mitglied des Kollektivs des Institut fuer Zukunft in Leipzig. In fünf zentralen Fragen ging es um Politik, Radioshows, die Community der Clubs und natürlich um eins ganz besonders: den kommenden Sommer!


Normalerweise stauen sich hier lange Schlangen: Der Eingang zum Blitz Music Club in München (Foto: Blitz)

Blitz Music Club (München): „Mit dem Impfstoff ist endlich Licht am Ende des Tunnels.”

Wie habt ihr die Krise erlebt?

An erster Stelle muss man da das Finanzielle betrachten. Und das haben wir einigermaßen gut verkraftet bis dato. Das liegt auch daran, dass wir Kredite aufgenommen haben. Bezüglich der personellen Komponente geht es jedem Club mehr oder weniger ähnlich. Die meisten sind in Kurzarbeit. Im Großen und Ganzen sitzen alle da und warten darauf, dass es weitergeht. Natürlich sind ein paar auch woanders hingezogen oder haben die berufliche Perspektive geändert. 

Emotional sind wir als Club im Herzen getroffen worden, aber so geht’s allen anderen in der Veranstaltungsbranche ja auch. Ich wünsche auch niemandem, ein Hotel zu besitzen.

Gab es 2020 was zu feiern?

Wir bieten regelmäßige Radio-Shows an. Es gibt in München einen wahnsinnig tollen Community-Radiosender, der heißt Radio 80000. Alle sechs Wochen machen wir dort ein Takeover, ganz einfach und oldschoolig Radio. An Streamings machen wir nichts, weil wir daran nicht glauben. Das klassische DJ-Set in einem Club, das soziale Happening, die Crowd auf dem Floor, dieses ganze Ökosystem Club: Wir sehen nicht, dass sich das reproduzieren lässt, wenn du einfach eine Kamera für eine Stunde auf einen DJ richtest. 

Mit Telekom Electronic Beats haben wir eine sogenannte Digital Clubnight veranstaltet. Da geht es aber nicht um Live-Streams, die Sets sind alle pre-recorded. Im Endeffekt wie Radio, außer, dass wir zusätzlich mit Visuals arbeiten. Aber es gab keinen Videoshot auf den DJ. Das finden wir langweilig.

Wie steht’s um euch?

Wir nutzen die Zeit momentan schon. Aber wir befinden uns jetzt auch schon seit fast einem Jahr in der Pandemie. So langsam sind alle Bars abgeschliffen, jedes Körnchen Staub ist gesaugt, jeder Tag auf unserem Soundsystem ist entfernt. Inzwischen befindet man sich immer mehr in einem Dornröschenschlaf. Irgendwann gibt es halt nicht mehr so viel zu tun.

Wir denken in viele Richtungen kreativ. Es ist eine spannende Zeit, und ich glaube, wenn man jetzt gute Ideen hat, kann man auch Sachen entwickeln, die nachhaltig in der Zukunft nach Corona Relevanz haben. Da wollen wir Dinge neu erschaffen. Das ist aber schwierig, und wir haben auch noch nichts Konkretes. Technologien wie Virtual oder Augmented Reality sind Dinge, die wir da spannend finden. 

Viele Clubs setzen auf Merch. Wir auch. Aber nicht wegen Corona, wir haben das auch schon vorher gemacht, einfach, weil wir das cool finden. Wir wollen nicht einfach ein T-Shirt nehmen, „Save And Support Us” draufdrucken und das dann verkaufen. Es geht uns mehr darum, erstmal eine richtig geile Idee zu haben und mit der zu arbeiten.

Was sagt ihr zur Politik?

Erstmal zu den Restriktionen: Es gab vor allem im Sommer, als die Fallzahlen niedrig waren, immer wieder Entscheidungen, die sehr schwer nachzuvollziehen waren. Gar nicht mal nur aus Sicht der Clubs, sondern ganz normal als Mensch, der sich über Dinge Gedanken macht. Ich glaube, man muss nur generell sehr vorsichtig sein. So eine Pandemie findet nicht alle paar Jahre statt. Niemand war gut darauf vorbereitet.

In Bezug auf Hilfeleistungen tue ich mich schwer, auf den Putz zu hauen und zu sagen: Das ist doch alles scheiße, die Novemberhilfen sind immer noch nicht da und so weiter. Das stimmt alles, aber immerhin gibt es so ein Konstrukt. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin froh, einen Club in Deutschland zu betreiben und nicht etwa in den USA, wo es wahrscheinlich gar keine Hilfeleistungen gibt. Wir haben Unterstützung bekommen, sind in vielen Kulturprogrammen drin, dafür bin ich sehr dankbar.

Kritisch sein darf man trotzdem. Für viele Künstler*innen waren und sind die Hilfen existenziell. Du gehst an die Presse, versprichst Großes, skizzierst, wie das aussehen könnte. Und dann wird im Nachhinein korrigiert, und es entsteht ein riesiger bürokratischer Aufwand. Das kann vielen Leuten das Genick brechen.

Der Sommer kommt! Ihr auch?

Es ist immer interessant, was man als Clubbetreiber so alles gefragt wird. Selbst von DJ-Kollegen oder Leuten aus der Industrie. Als hätten wir eine Art Spezialwissen. Aber tatsächlich wissen wir auch nur das, was in der Presse steht. 

Die Perspektive, die man hat, verschiebt sich ständig. Im März, am ersten Abend, an dem ich den Club nicht aufsperren konnte, habe ich gedacht, da gibt es jetzt zwei Monate Stress, und dann wird’s schon weitergehen. Zwei Wochen später dachten wir, das geht vielleicht bis in den Sommer, und irgendwann war’s dann Herbst. Ich tue mich mittlerweile wahnsinnig schwer mit Perspektiven, weil sich ständig alles ändert. Mit dem Impfstoff gibt es aber endlich Licht am Ende des Tunnels. Für den Sommer hoffen wir auf Open-Airs. Die Wissenschaft in dem Bereich dreht sich momentan so schnell, dass eventuell auch Events mit Schnelltests am Einlass vorstellbar wären.

In Bayern ist alles noch mal ein bisschen schwieriger. Das hat man auch letzten Sommer gesehen, als hier einfach gar nichts ging. Ich hoffe, dass in diesem Sommer ab und zu mal ein Auge zugedrückt wird von den Behörden. In Bezug auf die Lautstärke zum Beispiel. Geregelten Normalbetrieb sehe ich nicht vor dem letzten Quartal. Aber ich weiß nicht, wieviel Glaube oder Hoffnung da dran ist. Das ist im Moment mein Gefühl.

Auch hier ist es für gewöhnlich voller: Der Eingang zum Leipziger Institut fuer Zukunft (Foto: Joao De Carvalho)

Institut fuer Zukunft: „Viel planen, viel verwerfen, wieder neu planen, wieder neu verwerfen – und wieder von vorn!”

Wie habt ihr die Krise erlebt?

Zuallererst war es für alle ein großer Schock. Wir haben den Club in Eigenverantwortung und Absprache mit anderen Leipziger Clubs geschlossen, eine Woche bevor die Stadt Leipzig und das Land Sachsen die Läden gesetzlich in den Lockdown geschickt hat. Der größte Teil der Leute wurde dann auf Kurzarbeit gesetzt. Als Club mussten wir uns neu orientieren und uns fragen, wie es weitergehen soll.
In der Anfangszeit haben wir gefühlt doppelt so viel gearbeitet, um uns zu strukturieren und organisieren. Wir haben regelmäßig unsere Plena im digitalen Raum abgehalten, wir verstehen uns ja als Kollektiv. Einmal die Woche Updates geben und gleichzeitig auch mal nachfragen „Hey wie geht’s dir mit der Situation? Wie schaut’s bei dir aus”, und so weiter. Der Zusammenhalt im Team war zwar sehr stark, und wir haben auch viel Power von Fremdveranstalter*innen und Labels bekommen. Trotzdem haben wir auch einen gewissen Crew-Schwund erlebt. Der finanzielle Aspekt ist natürlich so eine Sache. Wir haben aber unter anderem eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, da kam super viel Support. Das hat uns enorm motiviert.

Gab es 2020 was zu feiern?

Im Sommer, als sich die Situation wieder ein wenig entspannte, eröffnete sich uns eine Möglichkeit, von der wir nie gedacht hätten, dass wir sie mal in Betracht ziehen würden: Wir haben einen Biergarten aufgemacht. Das war das Einzige, das möglich war. Im sogenannten Teergarten, in unserem recht kleinen, schmalen Außenbereich, konnten wir gleichzeitig ca. 90 bis 100 Leute reinlassen. Mit Abstand und unter Hygienebedingungen. Da stand dann sogar einen Wagen mit Fassbier. Das hat auf jeden Fall für viel Begeisterung gesorgt. Im Hintergrund lief Musik von den Residents und von befreundeten DJs.

Im Club haben wir mit United We Stream und Telekom Electronic Beats Live-Streams veranstaltet. In der Zeit vor dem zweiten Lockdown haben wir unsere Räumlichkeiten für Plena und Workshops genutzt oder auch Vereinen, die selbst nicht genug Platz haben, zur Verfügung gestellt. In dem Bereich gibt es auch schon Ideen, wie wir das nächstes Jahr ausweiten können. Wir wollen allerdings bei allem, was wir machen, immer berücksichtigen, dass wir es mit unserem solidarischen Gedanken vereinbaren können. In Gesetzeslücken schlüpfen und uns hart an die Grenzen bewegen ist nicht unsere Vorgehensweise.
 
Wie steht’s um euch?

Aktuell finden Umbaumaßnahmen statt, sofern die möglich sind. Baustellen, die wir schon jahrelang mit uns rumschleppen. Oder es wird an Konzepten gefeilt, wie man den Laden anders gestalten kann, um ihn unter Umständen zum Teil zu öffnen. Ansonsten findet viel digital statt. Auch eine Pause war mal nötig. Zum Jahreswechsel haben wir uns für drei Wochen nicht getroffen. Auf Dauer ist das alles schon sehr belastend.
Wir haben gerade eine Merch-Kollektion gedroppt, an der wir lange gearbeitet haben. Die lief sehr gut an. Das hilft uns natürlich auch noch mal, man kann ein paar Leute beschäftigen. Man kann auch Leute, die nicht direkt zum Club gehören, unterstützen, etwa die Siebdruckerei von Freund*innen. So vernetzen wir uns auf eine andere Art.
Wir alle hoffen, dass es irgendwann ein bisschen entspannter wird. Dieser Dauerzustand, und dazu noch Winter, kalt und dunkel. Das schlägt schon sehr auf das Gemüt. Wir versuchen so positiv zu bleiben, wie es geht. Aber es ist auch okay, wenn jemand mal nicht gut drauf ist. 

Was sagt ihr zur Politik?

Zu Beginn haben wir uns von der Politik ganz schön alleine gelassen gefühlt. In Leipzig gibt es mit dem LiveKommbinat e.V. einen Zusammenschluss aus verschiedenen Spielstätten und Clubs. Dort haben wir uns anfangs größtenteils untereinander geholfen.

Die allgemeinen Regularien sind natürlich nachvollziehbar, und teilweise lief das auch ganz gut. Teilweise lief es aber auch nicht gut. Man sollte das kritisch betrachten und nicht alles einfach hinnehmen. Speziell hier in Sachsen sind wir nicht immer mit allen Beschlüssen einverstanden. Die Lebensrealität vieler entspricht nicht dem, was in der Politik teilweise gesehen wird. Auch in Bezug auf die prominent gewordene Thematik der Systemrelevanz: Das sind Clubs per se erstmal nicht. Aber irgendwie dann doch, weil es ein sozialer Raum ist. In der Politik hat man eher noch das klassische Bild der Diskothek. Wir als IfZ verstehen uns als ein starker sozialer Raum. Diese Konzepte sind noch nicht angekommen. Eine Sensibilisierung dafür hat man in Gesprächen über das LiveKommbinat e.V. mit der Stadt Leipzig zwar hinbekommen. Verständnis kam aber nur von einigen, nicht allen Seiten.

Der Sommer kommt! Ihr auch?

Mit einem regulären Clubbetrieb rechnen wir dieses Jahr noch nicht. Aber wenn es die Möglichkeit wieder gibt, wollen wir das Konzept unseres Teergartens ausbauen. Auch den Innenraum würden wir gerne wieder öffnen. Es gibt Ideen für eine Hybrid-Veranstaltung mit Ausstellung und performativer Kunst. Generell können wir sagen, dass wir viel planen, viel verwerfen, wieder neu planen, wieder neu verwerfen und wieder von vorn.
Konkret denken wir eher kurzfristig. Wir spinnen gemeinsam rum, jede*r hat da natürlich auch noch mal andere Visionen. Auch Workshops und Plena unter Abstands- und Hygienemaßnahmen wollen wir wie im letzten Jahr weiter verfolgen. An die große Corona-Abschiedsparty, wie sie sich viele vorstellen, glauben wir nicht. Wir wollen auch gar nicht genau da weitermachen, wo wir aufgehört haben. In der Szene haben sich in dieser Zeit viele Probleme gezeigt. Lösungsansätze dafür sollen auch Teil der neuen Konzepte sein. Es ist uns ganz besonders wichtig, unsere Community zu stärken. Im lokalen Bereich agieren. Große Bookings von weit weg werden nicht so schnell wieder möglich sein – und das ist vielleicht auch okay!