Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Club-freie Zeit zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im zweiten Teil des Juni-Rückblicks mit Kate NV, LucianoPinch und drei weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Kate NV – Room for the Moon (RVNG Intl.)

Vor zwei Jahren konnte man die Moskauerin Kate Shilonosova alias Kate NV auf ДЛЯ FOR noch in verspielten Abstraktionen erleben. Computerstimmen, Synthesizer und Marimbas, alles sehr menschenfreundlich im Einsatz. Die Synthesizer und Marimbas hat sie jetzt auf ihrem Album Room for the Moon reaktiviert. Geändert hat sich lediglich das Setting. Mehr Songformat, mehr klare Verweise auf Vergangenes und vor allem mehr Instrumente. Saxofon, Gitarre, Bass und Schlagzeug lassen die Achtziger wieder auferstehen in fein gesponnenen New-Wave-Arrangements, die ihre Post-Punk-Anleihen eher still und weiterhin spielerisch mit allerhand untypischen Details ausschmücken. Flöten etwa dürfen ebenfalls sein. Statt Computer-Gesang nutzt Kate NV diesmal ihre eigene Stimme, mutmaßlich unbearbeitet, in so unterschiedlichen Sprachen wie Japanisch, Französisch, Englisch und Russisch. Manchmal genügt ein Wort wie „Sayonara”, um eine ihrer überraschend lichtdurchfluteten Nummern zu tragen. Trotz Mond im Titel und eher mit Nächtlichem assoziierten Verweisen ist dies eine Platte, die dem Erdtrabanten bevorzugt bei Tage Raum ermöglicht. Und die Vergangenheit ist bei Kate NV keine Untote, deren Modergeruch man überdecken muss, sondern entfaltet als recht frei imaginierte Größe ihr sehr gegenwärtiges Eigenleben. Tim Caspar Boehme

Luciano – Luci Neu House (Mule Musiq)

Luciano, der chilenische Musikproduzent aus Genf, ist einer der bekanntesten Minimal-Techno-Produzenten der letzten 20 Jahre und veröffentlichte als Cadenza-Labelgründer auf Labels wie Perlon, Transmat, Peacefrog, M_nus und vielen mehr. Als Resident-DJ des international bekannten Clubs Weetamix in Genf spielte er auch regelmäßig in Sven Väths Cocoon in Frankfurt und im DC10 und Ushuaïa auf Ibiza. Sein erster Release für Mule Musiq ist eine Doppel-12’’ mit vier um die 15 Minuten langen Stücken, die sich alle verdammt ähneln und in Zeitlupe entwickeln. 60 Minuten lang schwingt Micro-Sampling oder ein Modularsequencer von links und rechts und erweckt den Eindruck eines zerebralen Schmatzens. Obwohl der Pressetext betont, dass die Nummern ausschließlich digital entstanden sind, klingen die Sounds erstaunlich organisch. Ab und zu schließt und öffnet sich eine jazzige Hi-Hat und ein Snare-/Tom-Kit knallt lose im Upbeat. Endlose Klavierdehnungen, die zu Hall- und teilweise Drone-Flächen mutieren, erinnern an den Film Inception. Dazwischen hört man immer wieder mal einen gut dröhnenden, kristallklaren Sägezahn-Bass-Rumms. Im Zentrum des Klangbildes knarzt der altbekannte, redundante Rolltreppen-Clap-Shaker recht funky als hängender 1-Takt-Loop vor sich hin. Auf der C-Seite hüpft auch mal eine gezupfte Metallseite in bester Balearic-Stimmung vorbei. Luciano unterlegt die C- und D-Seite mit einem kaum hörbar sanften, jedoch fiebrig-unruhig wischenden und im Takt gebrochenen 32tel-Stakkato-Syntheziser. Das erinnert an den anderen chilenischen Minimal-Großmeister Villalobos und an tagelange Bar25-Keta-Partys. Allerdings kann man sich auch nicht ganz sicher sein, ob Luciano nicht einfach nach den ersten fünf Minuten seiner Produktion im Tonstudio-IDM-Techno-Loop weggedämmert ist und die Aufnahme deshalb eine Stunde lang vor sich hin mäandert. Mirko Hecktor

Luke Vibert – Modern Rave (Hypercolour)

Gleich drei Alben veröffentlicht der alte Richard-D.-James-Buddy Luke Vibert innerhalb von fünf Wochen, außerdem hat der aus Cornwall stammende Engländer gerade ein dickes Sample-Paket präsentiert. Sowohl die drei Alben Amen Andrews, Modern Rave und Rave Hop als auch das Sample Pack blicken in die frühen Neunziger zurück. Während Amen Andrews eine Hommage an Hardcore und den Amen-Break ist, geht es auf Modern Rave in Sachen Tempo etwas gemächlicher zu. Inspiriert von der frühen UK-Rave-Ära pendeln sich die auf eher federnden Breakbeats basierenden Stücke zwischen 120 und 140 BPM ein. Hier begegnen einem wohlbekannte Synth-Stabs diverser Rave-Klassiker und noch vertrautere Vocal-Samples. Den Auftakt macht „Numbas” mit „Eins, zwei, drei, vier”, nur dass hier der niemals schlafenden Kraftwerk-Anwälte wegen auf ein Sample verzichtet wurde. Stattdessen stellt Vibert die Szenerie einfach nach. Es folgt ein furioser Parforceritt durch einen prall gefüllten Kanon superklassischer Rave-Samples. Can you feel it, acieeeed, it’s groovy baby, see me, feel me, touch me, heal me und so weiter und so fort. Besonders toll ist das, wenn Vibert wie zum Beispiel auf „Feel Two” diverse can you feel its kombiniert oder aus den Vocal-Schnipseln kleine Songtexte bastelt. In jedem Moment hört man aus den 13 Tracks die diebische Freude heraus, die der Engländer bei der Produktion dieses Albums aller Wahrscheinlichkeit nach hatte. Die Rave-Nostalgie ist dabei so spielerisch, wie man das von früheren Projekten Viberts kennt. Manches Sample ist bereits auf dem vor drei Jahren erschienenen Album UK Garave Vol. 1 zu hören gewesen, andere hatten bereits bei Kerrier District Auftritte. Der Sound wiederum ist, der Titel suggeriert es, trotz aller Retro-Effekte durchaus modern. Macht eine Menge Spaß, auch wenn Amen Andrews das sicherlich bessere der beiden bisher in dieser Trilogie erschienenen Alben ist. Holger Klein

Metamatics – Midnight Sun Pig (Hydrogen Dukebox) (Reissue)

Wer sich an The Black Dog, B12 oder Autechre einfach nicht satt hören kann, sollte jetzt mal besser die Lauscher spitzen! Lee Norris’ alias Metamatics’ Midnight Sun Pig erfährt nämlich ganze 20 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung, ein wohlverdientes Reissue auf Hydrogen Dukebox. Was das Album schon damals aus der breiten Masse an UK-IDM herausstechen ließ, war der smarte und schillernde 80’s-Funk, der einen nicht losließ. Aber das soll nicht heißen, dass die fröhlichen Bässe, Bleeps und Beats dem Sound die Luft zum Atmen nehmen und es somit an Tiefgründigkeit fehlt. Stattdessen entsteht aus dem Zusammenspiel eine emotionale Achterbahnfahrt. Andächtiges Innehalten, nur um einen dann im nächsten Moment zu unkontrollierbarem kindlichen Umhertanzen zu verleiten, gefolgt von der Reevaluierung längst vergessen geglaubter Entscheidungen und, und, und. Jeder einzelne Song des Albums hätte übrigens auch den passenden Soundtrack für einen Werbespot zur FM-Synthese, die erstmals in den Yamaha-FX-Synthesizern eingesetzt wurde, sein können. Die farbenfrohe Soundpalette von Metamatics ist alles in allem nícht weniger als ein must have in jeder anständigen Record-Collection. Andreas Cevatli

Pinch – Reality Tunnels (Tectonic)

In „Entangled Particles” entfaltet sich sogleich der somatische Wirkungsraum von Pinchs Musik. Wie sie vordergründig, in den hohen bis hoch-mittleren Frequenzen eine ruhige See vortäuscht; wie Emikas kühl-dramatischer, im Sinne des griechischen Dramas und nicht darunter, Gesang einsetzt und dann wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings die Dunkelheit unter der Oberfläche zeigt und zur taktilen Entfaltung bringt. Nach zwei Minuten und ein bisschen kann sich das Gefüge aus Downbeat und Subbass nicht mehr halten, geht in einen harschen Drum’n’Bass-Rhythmus über und endet mit den berühmten Pinch’schen Orgelpfeifen im Cyberspace. War was? Ach ja. Pinch ist wieder da, einfach so, nach 13 Jahren. Mit seiner stilbildenden und den frühen Dubstep mitprägenden Partyreihe Subloaded beglückte er bereits 2018 wieder sein Zuhause Bristol, sein Label Tectonic hat die 100. Veröffentlichung schon einige Zeit hinter sich, und nun: Reality Tunnels, ein Album von Weite und Tiefe, von Größe. Ist Emikas Auftritt zu Beginn gelinde gesagt eine Überraschung, so bleibt Pinch mit den weiteren Rap- und Singstimmen versatil und doch enger im Clubkontext. „All Man Got” featuret Boom Bap,  Dampfkessel-Fauchen und die athletische Stimme des Londoner Grime-MC’s Trim, dazu gibt es einen Gastauftritt von Inezi, einem lyrischen, toastenden Tenor über kantigen Canyon-Hör-Landschaften. Die klassische Album-Idee endet mit dem Ambient-Folksong von Nive Nielsen, die mit ihrer Band Nive & The Deer Children im Singer/Songwriter-Rock bekannt ist. Unter die Vocal-Tracks streut Rob Ellis alias Pinch mit „Accelerated Culture” einen 4-to-the-floor-Beat auf der Höhe der Zeit, geht mit „Making Space” in die Untiefen der Dub-Echos und mit dem Titeltrack in die Kontemplation einer majestätischen Groteske. Hatte ich auf ein neues Album von Pinch gewartet? Nein. Nun stellt sich die Frage, wie ich nicht auf Reality Tunnels warten konnte. Christoph Braun

Radio Slave – Radio Silence Part One (Rekids)

Obwohl Rekids-Boss Matt Edwards schon seit Mitte der 90er produziert und auch diverse Alben unter anderen Pseudonymen als seinem wohl populärsten Projekt Radio Slave veröffentlicht hat, ist Radio Silence Part One (der erste von drei Teilen) erst das zweite Radio-Slave-Studioalbum überhaupt. Laut Edwards selbst finden sich darauf die für diesen Alias bislang leftfieldigsten Kompositionen, was im Vergleich mit den sonst dubbigen, sehr Loop-basierten Radio-Slave-Tracks durchaus zu bejahen wäre. Auf Radio Silence Part One find sich sieben, allesamt sehr umfangreiche Stücke, die jeweils komplett live aufgenommen und nicht bearbeitet wurden. Eine natürliche Entwicklung für Edwards, der zuletzt mit Patrick Marson als SRVD live performt hatte. Tatsächlich fühlt sich Radio Silence mehr wie eine Live-Performance als ein kleinteilig zusammengebasteltes Album an. Das tut dem Flow der Stücke gut, deren Grundtenor nach wie vor eher düster gehalten ist und sich durchaus noch dem Forte von Radio Slave, nämlich hypnotisierendem Techno aus bestem Hause, zuordnen lässt. Weitaus cinematischer als seine Tool-Cuts dürfen sich die oft um die zehn Minuten langen Stücke ausbreiten, was der Spannung aber keinen Abbruch tut, wie die Bleep-Symphonie „Ambush” eindrucksvoll beweist. Momente wie dieser zeigen eine neue Seite von Radio Slave, weg vom monochromatischen Techno vergangener Jahre und hin zu einer vielschichtigen, atmosphärischen Live-Spielart. Man darf also auf die folgenden Ausgaben ebenfalls gespannt sein. Leopold Hutter