Dr. Motte (Foto: Presse)

Bereits im Januar bescherte Dr. Motte dem Jahr 2020 seinen ersten Aufreger. Mit der Initiative Rave the Planet und diversen Mitstreiter*innen plant er, mittels „Fundraving” die Loveparade – oder zumindest ihren Geist – auf die Straßen der Hauptstadt zurückzuholen. „Fundraving” bezeichnet dabei ein Spendensystem, bei dem man gegen Spende Miniatur-Raver „erwerben“ kann, die dann auf einem Modell der Straße des 17. Juni in der Mall of Berlin – dem ehemaligen Tresor-Garten – als symbolische Geste platziert werden.

Mit dieser Neuigkeit kreierte Matthias Roeingh, so Mottes bürgerlicher Name, einerseits aus dem Stand einen immensen Hype, rief aber auch Kritiker*innen auf den Plan, die sich an der Finanzierung und der Konzeption von Rave the Planet stören. Was ihn dazu bewog, die Loveparade nochmals zum Leben zu erwecken, wie sich die Initiative organisiert und welche langfristigen Ziele er und seine Mitstreiter*innen verfolgen, erklärte er uns im Interview.

Wie kamst du denn darauf, es nochmal mit der Loveparade beziehungsweise einer Reinkarnation von ihr zu versuchen?

Die Idee der Loveparade, die wir ja leider nicht mehr so nennen können, weil die Marke ja bekanntlich jemand anderem gehört, soll bestehen bleiben. Es gibt Gründe, weshalb man zeigen sollte, wie viele wir sind und welche Rechte wir haben. Mir ist das in der Vergangenheit ein wenig zu leise gewesen, auch was die guten Kräfte betrifft. Die sollten wir wieder zusammenbringen, um aufzuzeigen, dass wir uns eigentlich eine bessere Welt vorstellen. Aktionen aus der Clubkultur heraus haben oft über das eigene Umfeld hinaus wenig Wirkung entfaltet. Das ist für mich ein Grund gewesen, das zu initiieren. Ich habe in den letzten Jahren außerdem viel Post von Menschen erhalten, die sich für die Loveparade bedankt haben, und viele dieser Menschen wünschen sich eine neue Parade. Dafür haben wir dann eine gemeinnützige GmbH (gGmbh, Anm. d. A.) gegründet, um eine Form zu finden, mit der man die Sachen besser macht, die wir in den Neunzigern falsch gemacht haben.

Was wäre das denn zum Beispiel?

Beispielsweise zu viel Werbung von kulturfernen Unternehmen auf der Parade und auf unserer Kulturmarke. Zu wenig Darstellung der Kultur selbst und viel zu schwache Kommunikation unserer Message. Die Loveparade in den Neunzigern zu machen und weniger die Kultur selber sprechen zu lassen. Deshalb habe ich mal ein bisschen über ein paar Fragen nachgedacht: „Wie soll das Ganze am Ende aussehen und was will man eigentlich machen?” Dann kam die Idee mit der gGmbH, in der alle Geschäftsführer ehrenamtlich arbeiten. Wir wollen keine Werbeparade machen, sondern uns als Plattform verstehen. Außerdem sind wir im Augenblick dabei, die Welt zu fragen: „Wollt ihr eine neue Parade in Berlin?”. Und das machen wir mithilfe von Spenden, dem „Fundraving”, die wir jetzt sammeln. Denn wenn da eventuell eine Millionen Menschen kommen, ist das einfach ein Riesenaufwand.

Das wäre auch die Größenordnung, die ihr euch vorstellt?

Ich weiß es nicht, kann sein. Oder es sind nur 100.000. Aber wenn man das vernünftig angeht, kann das Ganze ordentlich wachsen. Und mir persönlich geht es vor allem darum, unsere Kultur darzustellen. Wie sieht die aus? Welche Clubs gibt es, welche DJs? Wie hört sich die Musik an? Wie sieht das optisch aus? Das will ich breit darstellen. Das ist mein Wunsch. Und es geht nicht um mich, sondern es geht um alle, die diese Kultur leben. In der ganzen Bandbreite. Also von Ambient, Drum’n’Bass, Electro, Hard-Tech, Tech, Techno, Deep House, House, Dub Tech, alles, was es da gibt. Und im Besonderen wollen wir damit auch eine Demonstration machen, die wir anmelden, weil wir zeigen wollen, dass wir Rechte haben. Wir verstehen uns als Kultur, nicht als Spielcasino. Wir sind gelebte Kultur seit 1990, 1989.

„Wir” ist in dem Fall dann wer genau?

Alle, die diese Kultur machen. Alle, die diese Musik genießen, alle, die dazu tanzen, alle, die die Clubs, Veranstaltungen und Festivals machen, die, die diese Musik kreieren und spielen. Die, die Grafiken dafür machen, die, die Mode dafür machen, die, die Lieder davon singen. Also jede*r, der oder die zur Gestaltung, Erhaltung, Förderung und der Weiterentwicklung dieser Kulturform beitragen.

Und wie kamst du dann drauf, das als immaterielles Kulturerbe verewigen zu wollen?

Auf die Idee bin ich gar nicht selber gekommen. Vielmehr hat mein alter Freund Hans Cousto vor einigen Jahren, als wir gemeinsam an einem anderen Projekt gearbeitet haben, diese Idee ins Rennen gebracht. Wenn man sich anschaut, welchen Status in der Gesellschaft Kultur genießt, ist es umso wichtiger, dass man ihren Wert schätzt. Bei Kulturerbe denkt man immer an klassische Musik oder Ballettaufführungen. Aber ich glaube, wir brauchen da einen Sinneswandel, weil wir seit der Entstehung von House als neuer Form der Disco-Musik 1985 – damals wurden ja Disco-Vinyls verbrannt und unter mithilfe von Frankie Knuckles formierte sich als Widerstand dann der House – eine neue Kultur haben. Die hat sich weltweit verbreitet und zu Acid House weiterentwickelt, das war eine Musikinnovation und -revolution und hat viele dazu gebracht, sich dem anzuschließen.

Damit wurde der Vibe, der in den Sechzigern losging, noch verstärkt. Früher gab es ja noch die Elektrifizierung des Pianos von Hammond oder das Trautonium. Im Augenblick haben wir das gesamte Studio im Laptop, man kann sich aber auch preiswerte Synthesizer holen. Der Zugang zur Musik hat sich sehr vereinfacht, das ist gut. Daraus entstehen auch neue Musikrichtungen. Das finde ich ganz faszinierend.

Mit dem immateriellen Kulturerbe geht ja auch eine Art Musealisierung einher, wie siehst du das?

Genau das wollen wir nicht. Wenn man sich mit dem immateriellen Kulturerbe auseinandersetzt, wird man schnell zu dem Punkt kommen, dass die UNESCO eine lebendige Kultur und eine sichtbare Weiterentwicklung möchte. Wir wollen immaterielles Kulturerbe im Hier und Jetzt. Man muss auch definieren, ab wann man Kultur ist. Ich denke, wenn man sich anschaut, dass wir das seit dem Mauerfall betreiben, diese Musik leben, sie spielen und danach tanzen, dann passt das. Dann kommt noch dazu, dass wir eine neue Form des Tanzens im öffentlichen Raum erfunden haben, nämlich die Tanzdemo. Das ist gelebte Kultur. Deswegen wollen wir das als immaterielles Kulturerbe haben. Wenn wir das nämlich anerkannt bekommen, kann das rechtliche Vorteile mit sich bringen. Beispielsweise, dass der Schutz der Kulturstätten (Clubs) gegenüber Denkmalschutz u. ä. ein höheres Gewicht bekommt, dass die Hürden und Auflagen bei Neueröffnungen wesentlich niedriger liegen, dass der Weg für staatliche Subventionen und gemeinnützige Förderungen geebnet wird, dass der Steuersatz generell auf 7 Prozent sinken kann und so weiter. Wir können ganz anders mit den Behörden sprechen. Da wollen wir hin.

Das ist ein Prozess, der jetzt angestoßen und auch schon mit der Clubcommission besprochen ist. Wir wollen eine Arbeitsgruppe installieren, an der jeder aufgerufen ist, sich zu beteiligen. In Deutschland werden wir jetzt eine zusätzliche Struktur aufbauen, mit der wir in den einzelnen Städten Personen haben werden, die sich darum kümmern, Informationen zusammenzutragen, um am Ende anerkannte Kultur zu sein. Das ist aber alles ein Prozess.

Wenn wir schon über Historie gesprochen haben: Ihr habt die Pressekonferenz ja in nächster Nähe des ehemaligen Tresor-Gartens in der heutigen Mall of Berlin abgehalten. Wie kam denn da der Kontakt zustande?

Wir hatten uns überlegt, wie wir Spenden für unsere gGmbh sammeln wollen. Wir wollen zeigen, wie viele wir sind, dass wir Rechte haben und für eine bessere Welt tanzen. Ich bin der Meinung, dass alles von allem abhängt. Wenn die ganze Welt und alle Regenwälder brennen, können wir hier irgendwann nicht mehr das machen, was wir wollen, weil wir dann zu wenig Sauerstoff haben. Ergo können wir dann auch nicht mehr tanzen, dann stirbt die Menschheit aus und das will ja keiner. Also muss man sich dafür einsetzen, dass wir Nachhaltigkeit haben, auf allen Ebenen. Habe ich damit die Frage beantwortet?

Nicht ganz. Wie kam der Kontakt zur Mall of Berlin denn zustande?

Genau! Wir haben uns überlegt, wie wir für unser Projekt Spenden sammeln und gleichzeitig das tatsächliche Interesse an einer neuen Parade in Berlin öffentlich abbilden können. Wenn man einfach nur Geld nimmt, ist das ein bisschen langweilig. Also dachten wir, wir bauen eine Parade auf der Straße des 17. Juni nach. Vom Ernst-Reuter-Platz bis zum Brandenburger Tor sind es ungefähr fünf Kilometer, das sind auf unseren Maßstab umgerechnet fast 50 Meter. Wo findest du den Raum dafür? Schwierig, selbst in Berlin. Man braucht eine Halle, die dann auch bespielbar ist. Da gibt’s kein Parkhaus oder so. Wir haben uns dann verschiedene Stellen angeguckt, und das Schöne am ehemaligen Tresor-Garten, wo einst legendäre Afterpartys nach der Love-Parade stattgefunden haben, ist, dass er öffentlich und barrierefrei zugänglich ist. Da kann jeder jederzeit rein und sich das anschauen. Außerdem sind wir auch gegenüber vom Bundesrat und können in Sichtweite für unsere Rechte demonstrieren. Ist doch eine schöne Sache. Und bei all der Kritik, die es zum Standort schon gab, muss eines mal ganz klar gesagt werden, nämlich, dass auch die freie Wirtschaft eine Verantwortung für die Kultur hat. Die Macher der Mall unterstützen uns bei unserem Fundraving-Projekt, stellen uns den Raum und die gesamte Infrastruktur kostenlos für das gesamte Jahr zur Verfügung. Und vielleicht geben ja genug Leute eine Spende über fünf Euro für eine Figur, damit wir die Parade umsetzen können.

Das ist der Minimalbetrag, richtig?

Ja. Da haben wir festgelegt, dass man mit diesem Geld eine Figur auf dem Modell aufstellen und dazu beitragen kann, dass 80 Prozent des Geldes in das Projekt fließt. Der Rest sind Aufstellungs- und Betriebskosten.

Was bezeichnest du hier als Aufstellungskosten?

Kosten für die Umsetzung und Instandhaltung des gesamten Projektes. Wie stellt man es auf. Aber auch die Mitarbeiter sollen doch fair bezahlt werden. Wir Gesellschafter*innen haben über ein Jahr lang an Rave The Planet gearbeitet und sehr viel privates Geld hineingesteckt, weil wir an diese Idee und den Spirit darin glauben. Das ist unser Beitrag und nun wünschen wir uns, dass wir mit unserem Fundraving-Projekt so viele Menschen wie möglich erreichen und begeistern können.

In dem Vorstand der gGmbh bist ja nicht nur du, sondern auch Leute aus dem Wirtschafts- beziehungsweise Finanzsektor.

Das stimmt. Die Gesellschafter haben eine Einlage getragen, damit wir dieses Projekt starten können. Warum auch nicht? Man kann beides sein, erfolgreich und clubkulturaffin. Das ist kein Widerspruch, sondern eine wertvolle Ergänzung.

Und wie kam der Kontakt zustande?

Ich war eingeladen zur Eröffnung der Ausstellung Nineties Berlin. Und währenddessen habe ich dann darüber nachgedacht, was in den Neunzigern in Berlin so das Wichtigste war. Dann bin ich zu den Machern der Ausstellung gegangen und habe Kontakt mit Matthias Kaminsky (Creative Director des DDR Museums, d.A.) aufgenommen, der bei uns jetzt auch Gesellschafter und Creative Director ist. Zu ihm meinte ich, dass doch die Loveparade das Allerallerallerwichtigste war. Das müsse man darstellen. So kamen wir ins Gespräch und hatten die Idee, in der Ausstellung eine Sonderausstellung zu machen. Und das Gespräch führte dann auch dazu, dass wir uns überlegt haben, ob man nicht vielleicht noch einen Schritt weitergeht. Ob man nicht wieder eine neue, laute Demonstration für die Clubkultur in Deutschland macht und wieder auf der Straße tanzt.

Das machen wir übrigens auch mithilfe eines Feiertags, den wir aussuchen werden. Wir werden den Feiertag der elektronischen Tanzmusik ausrufen.

Der auch ein gesetzlicher werden soll?

Der am Ende gesetzlich werden soll, ja. Warum nicht? Wäre doch toll und die maximale Anerkennung unserer Kultur. Das ist ein langer Prozess, ob das am Ende was wird. Ausrufen kann man den ja trotzdem. Denn frech kommt weiter.

Und die anderen Leute im Vorstand (u.a. Quirin Graf Adelmann von Adelmannsfelden, Geschäftsführer des DDR Museums und Gründer der DEQU Investment GmbH) bringen ihr finanzielles Know-How mit ein?

Ganz genau, insgesamt stehen wir als Team im Vordergrund. Meine Frau ist da ja auch mit dabei, die ist speziell für den Bau der Webseite (www.ravetheplanet.com, Anm. d. Autors) verantwortlich. Dann haben wir einen anderen Mitarbeiter, der sich um den Online-Spendenshop kümmert. Alles, was wir an Geldern einnehmen, deklarieren wir ganz klar als Spenden. Wir nehmen nur Spenden ein, wir verkaufen nichts. Wir nehmen das wirklich ernst und arbeiten als Geschäftsführer unentgeltlich und ehrenamtlich. Das ist wichtig zu sagen, denn das ist wirklich eine Herzensangelegenheit für mich. Mit der Parade wollen wir mehr Aufmerksamkeit für unsere Kultur bekommen und auch Menschen erreichen, die nicht zu ihr gehören. Sie informieren, dass unsere Kultur in den Städten immer weniger Raum bekommt. Wir wollen nicht verdrängt werden. Ich kann’s nicht mitansehen, wenn jetzt KitKat, Watergate, Wilde Renate, Griessmuehle oder Polygon von Investoren verdrängt werden, weil Kultur keine Rolle spielt. Und es kann auch nicht sein, dass einfach irgendwelche Leute hierherkommen und denken, sie können auf dem Rücken unserer Kultur Profit machen. Das muss man unterbinden. Ich sehe mich jetzt mal als Sprachrohr, was viele wieder kritisieren werden, aber wir möchten eigentlich eine Demonstration machen, wo wir zusammenkommen und zeigen, dass wir Forderungen haben.

Jetzt hast du gerade schon die Kritik angesprochen. Hast du Taniths Facebook-Post gelesen?

(nimmt seine Kappe ab, auf der die Aufschrift I Love Haters prangt, und zeigt auf die Vorderseite)

Was steht da? Ich kann es leider nicht ändern. Tanith ist ein straighter Typ, war er schon immer. Alle Meinungen sind frei, Musik ist frei, der Zugang zur Musik muss frei sein. Jeder kann das machen, was er für richtig hält. Wir von der Rave The Planet gGmbH möchten es laut machen. Wir docken an an den Originalspirit der elektronischen Tanzmusikkultur. Wer auch immer du bist, welche Hautfarbe du hast, welcher Religion du angehörst und so weiter – das ist eine Plattform für die Gesamtheit. Wir wollen zeigen, welch starker Bestandteil wir innerhalb der Menschheit als auch der deutschen Gesellschaft sind.

Ein Kritikpunkt an eurem Konzept bleibt ja, dass eine GmbH ist, wenn auch eine gemeinnützige. Wieso habt ihr beispielsweise keinen eingetragenen Verein gegründet?

Mit einer gGmbH hat man eine ganz andere Flexibilität und kann schneller reagieren. Wir werden ohnehin eine Struktur und Arbeitsgruppen entwickeln, an denen sich jeder beteiligen kann. Jetzt geben wir auch schon Möglichkeiten vor, das zu machen und bekommen ganz viel E-Mails von Leuten, die darauf Lust haben. Viele wissen ja, wie schwierig es ist, einen Verein zu führen und wie lange da die Prozesse dauern.

Handlungsfähiger?

Genau. Es geht uns nur darum. Eine Gemeinnützigkeit gibt es ja beim Verein auch, die wird bei uns außerdem vom Finanzamt kontrolliert. Wir werden unseren Geldfluss sowieso öffentlich darstellen.

Die Loveparade fand 2010 in Duisburg ein denkbar schlechtes Ende. Ab wann war für dich denn die Zeit gekommen, sie wiederzubeleben? Und wie siehst du generell die letzten Jahre der Veranstaltung?

Die Loveparades im Ruhrpott, besonders die in Duisburg, hat nichts, aber auch gar nichts mit denen in Berlin zu tun, das will ich klarstellen. Dass so etwas Großartiges, was so viele Menschen weltweit berührt und geprägt hat, so ein Ende nehmen musste ist einfach unerträglich. Erstmal hat mir das Herz geblutet, weil zehn Jahre nach der Katastrophe immer noch niemand verurteilt ist. Dann haben wir das Problem, dass posttraumatische Störungen noch immer nicht als Krankheit anerkannt sind. Eine weitere Bürde für die Hinterbliebenen und noch lebenden Opfer. Gestern erst hörte ich ein Interview eines lokalen Senders in Duisburg, in dem eine Sprecherin des Vereins LoPa 2010 e.V., der die Betroffenen vertritt, sagte, dass die ganzen Gelder, die den Betroffenen helfen sollten, nicht bei ihnen angekommen sind. Also: Wo sind diese Gelder geblieben?

Dann haben wir die Situation, dass in Duisburg der Prozess abgehalten wurde, um Schuldige zu finden, bei dem einige freigesprochen wurden. Da gibt’s viele, die wollen weiterhin prozessieren. Da bleiben Betroffene auf ihren Kosten sitzen. Ich finde beschämend, wie mit den Eltern und Hinterbliebenen umgegangen wird, die ihre Kinder verloren haben. Das Problem ist, dass es keinen Betroffenenschutz gibt. Und deswegen muss man da eigentlich was tun. Ich muss mich da schon sehr wundern, in was für einer Gesellschaft ich lebe.

Was bei all dem aber nicht vergessen werden darf, ist, was die Loveparade in Berlin für eine ganze Generation weltweit bedeutet hat. Wie sie die Menschen positiv beeinflusst hat. Und deshalb kann es einfach nicht sein, dass Duisburg der Schlusspunkt in dieser Geschichte sein soll.

Was plant ihr für die Hinterbliebenen denn konkret?

Wichtig ist, dass wir deren Stimmen vervielfältigen. Auch die Betroffeneninitiative LoPa 2010 e.V. sammelt derzeit Spenden. Daran kann sich auch jeder beteiligen und Geld für die Prozesskosten spenden. Sie sammeln auf ihre Art und wir machen das auf unsere. Wir können dann gucken, was sich machen lässt und wie wir helfen können. Erstmal haben wir aber eigentlich keine Mittel dafür. Wenn, dann würden wir auch noch einen Aufruf für die Betroffenen machen. Im Juli jährt sich die Katastrophe zum zehnten Mal, wo wir uns auch überlegen, eine entsprechende Aktion zu machen. Am 24. Juli 2020.

Derzeit hört man den Sound der Neunziger ziemlich stark auch aus aktuellen Produktionen, die im Club laufen. Wie gut ist der Spirit aus dieser Zeit in die Gegenwart zu transportieren? Ist dir das ein Anliegen?

Das ist gar nicht, was ich will. Es geht mir nicht darum, jetzt ein Revival zu machen. Denn Musik – insbesondere Tanzmusik, Techno – war immer im Jetzt. Ich bin nicht zum Techno gekommen, weil ich die Musik meiner Eltern hören wollte. Elektronische Tanzmusik zeichnet sich dadurch aus, dass sie Musik von Heute ist – oder sogar zukunftsgerichtet. Das ist auch das, was die Künstler*innen in Detroit immer gesagt haben. Und das bin und will ich auch, weil ich das lebe. Ich will nichts im historischen Kontext darstellen, das ist mir zu museal und romantisch. Man kann natürlich sagen, dass man einen Wagen macht, der Sachen von damals spielt, aber das müssen die Leute selber entscheiden. Aber nochmal: Musik definiert sich durch das Hier und Jetzt, in dem ich sie durch meine Sinne erfahren kann. Wenn wir immer nur das Vergangene gut finden, tun wir den aktuellen Musiker*innen unrecht. Ich möchte schon immer die Gegenwartskultur abbilden. Wir müssen auf jeden Fall diskutieren, was der Originalspirit dieser Musik ist. Ich behaupte: der wahre Spirit der Loveparade war nie weg.