Die drei Betreiber des Farbfernsehers vor ihrem Club. Foto: Christoph Umhau. 

Mit dem Farbfernseher schließt einer der charmantesten Berliner Clubs, der Nachbarschaftskultur und ambitionierte elektronische Musik zusammenbrachte. Dass dort international aktive DJs auflegten, hinderte Locals nicht daran, da ihren Geburtstag zu feiern. Jetzt schließt der Laden – nicht aus Gentrifizierungsdruck, sondern weil die Macher ihren eigentlichen Berufen nachgehen wollen. Christoph Umhau hat Stephan Otterbach, Tobias Pieper und Jan Baumann in Kreuzberg besucht.

Geht man vom Kottbusser Tor in Richtung Osten die Skalitzer Straße herunter, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck davon, wie Kreuzberg zurzeit aussieht: An dem berüchtigten Kreisverkehr reiht sich ein Leihhaus an einen Burgerladen und einen Supermarkt. Vor einem Köfte-Grill sitzen zwei ältere türkische Männer und trinken Tee, einen Meter von ihnen entfernt verkauft ein motivierter junger Mann mit Schnurrbart Espresso aus einem kleinen Holzhäuschen. Ein paar Schritte weiter teilen sich eine Moschee und ein Bio-Markt denselben Parkplatz. Ein verschlafenes Reisebüro auf der gegenüberliegenden Seite wirkt wie aus der Zeit gefallen, während ein geplantes Neubauprojekt für ein Hotel den Widerstand der Anwohner*innen erregt. Transparente gegen den Bau hängen von den Zäunen des Skalitzer Parks, einem Überbleibsel der in den 70ern geplanten Stadtautobahn durch Kreuzberg. Alles untermalt von der lärmenden Hochbahntrasse und der vierspurigen Skalitzer Straße.

Farbfernseher in Berlin-Kreuzberg.
Foto: Presse.

Hat man Schlange und Türsteher des Farbfernsehers passiert, gewährt eine kleine Kammer einen Moment zur mentalen Vorbereitung auf das, was kommt. Von außen kaum zu sehen oder zu hören, offenbart sich hinter der zweiten Tür des Farbfernseher eine Partyszenerie, die vor Intensität und Energie strotzt und dabei alle Sinne beansprucht.

Eine schwere Melange aus Rauch, Alkohol und verbrauchter Luft zieht sich durch den ganzen Raum. Bis auf den letzten Quadratzentimeter drängen sich ein paar Dutzend Feierlustige aneinander, die in dem kleinen Raum ausgelassen tanzen, lachen und schwitzen. Hochkonzentriert verwebt der DJ House-Klassiker mit Disco-Edits und treibt damit das Publikum noch weiter zur Ekstase an. Nur für wenige Augenblicke wird dieses Spektakel von der Lichtanlage hell erleuchtet bevor es wieder ins Halbdunkel abtaucht. Unmöglich zu erkennen, welcher Arm zu welchem Körper gehört.

Die Tanzbar als Kreuzberger Auslaufmodell

Ein einzelner, von den Weltkriegsbomben verschonter Altbau neben dem Park war in den letzten zehn Jahren das Zuhause einer Institution der Berliner Clubkultur. Im Mai 2009 eröffneten Stephan Otterbach, Tobias Pieper und Jan Baumann den Farbfernseher hinter der besprühten Fassade der Skalitzer Straße 114. Neben ihren Jobs als Architekten suchten sie nach einem Ausgleich zum Berufsalltag und fanden ihn in diesen Club. Ende Mai ist nun Schluß. Die Miete steigt und das freistehende Haus soll in eine ruhigere Nutzung überführt werden. Mit den Farbfernseher verliert Berlin eine der zuverlässigsten Adressen für eine ausgelassene Party.

Die Umbauarbeiten vor zehn Jahren.
Die Umbauarbeiten vor zehn Jahren. Foto: Presse.

Bei meinem Treffen mit den drei Betreibern fehlt jedoch von der erwarteten Gegenwehr, Wut oder Verzweiflung jede Spur. An einem sonnigen Aprilabend sitzen sie gelassen im Innenhof des Farbfernsehers, arbeiten an der Planung der allerletzten Party und erzählen mir abwechselnd Anekdoten aus dem Club. Sie haben Verständnis für den Vermieter, der vor zehn Jahren selbst mit dem Bohrhammer in der Hand bei der Renovierung der Räume half. Niemand wirft dem liebgewonnenen Eigentümer Profitgier oder Ausverkauf vor. Was bei anderen Opfern der Verdrängung die Alarmglocken schrillen lässt, stößt hier auf Verständnis. Sie sind dankbar dafür, dass der Vermieter den Farbfernseher überhaupt ermöglichte. Dass er auch Geschäftsmann ist, an dem die Entwicklung der Grundstückspreise in Kreuzberg nicht vorbeigegangen ist, stellen sie erfrischend nüchtern fest. Wer kann es ihm verübeln.

„Die fehlende Schalldämmung machte die Polizei zum Stammgast.“

Sie sehen diese Mieterhöhung als einen Anlass dafür, einen Schlussstrich zu ziehen. Zehn Jahre sind für einen Club mitten im Wohngebiet eine halbe Ewigkeit. „Wir hätten natürlich auch weitermachen und überlegen können, ob wir eine höhere Miete zahlen, aber ich glaube nach zehn Jahren haben wir hier auch einfach eine schöne Zeit verbracht und haben alle drei andere Projekte, die wir hauptsächlich ausführen.” so Tobias Pieper. Richtig in der Clubszene involviert war eigentlich keiner von ihnen – es war vor allem der große Freundeskreis, der den Farbfernseher zu dem gemacht hat, was er heute ist. Einen neuen Club an einem anderen Ort zu eröffnen kommt für sie nicht in Frage.

Die Tanzfläche des Farbfernsehers.
Die Tanzfläche des Farbfernsehers. Foto: Presse.

Die gefasste Reaktion der drei Betreiber liegt auch daran, dass keiner von ihnen finanziell abhängig vom Farbfernseher ist. Sie alle haben einen Vollzeitjob und sowieso war der Club für sie von Anfang an ein Spaßprojekt. Von ihrem Alltag und der Arbeit etwas gelangweilt, eröffneten sie im Mai 2009 den Farbfernseher im ehemaligen Ladengeschäft. Der Name wurde kurzerhand vom ikonischen Schild über dem Eingang vom Vorgänger übernommen, der tatsächlich noch Röhrenfernseher reparierte und weiterverkaufte. Geplant war das Projekt eigentlich gar nicht als Club. Eine gemütliche Bar mit der Möglichkeit auch zu tanzen schwebte den Betreibern vor. Ende der Nullerjahre waren Tanzbars in Kreuzberg rar. Relativ schnell wurde auch unter der Woche bis in die Morgenstunden gefeiert und bald wanderte das DJ-Pult nach unten, um mehr Platz zu schaffen. Aus der gemütlichen Bar wurde der Microclub Farbfernseher, wie man ihn heute kennt.

„nachdem die Polizei die zweite Tanzfläche stürmte, musste sie wieder geschlossen werden“

Zu Beginn war der Farbfernseher nicht viel mehr als ein Treffpunkt für den breit gestreuten Freundeskreis der drei Betreiber und ein paar Gäste aus dem Kiez. Wer ungestört von Touristen in einem intimen Setting abseits von den großen Clubs feiern wollte, ging in den Farbfernseher. Für die drei Betreiber war vor allem das erste Jahr sehr intensiv. Sie steckten alle Kraft, die sie hatten, in die Renovierung des Clubs. Tobias Pieper und Jan Baumann arbeiten als selbstständige Architekten, was sich logischerweise auch in der Einrichtung des Farbfernsehers widerspiegelt. Vom warmen Licht bis zu den kleinen Tribünen ist alles genau durchdacht und minimalistisch gehalten. Die fehlende Schalldämmung machte die Polizei ebenfalls zum Stammgast. Zur selben Zeit wie der Farbfernseher eröffneten weitere Tanzbars rund um den Kiez am Görlitzer Bahnhof wie die Soju Bar, die Kleine Reise und das Bohnengold. Kreuzbergs Nachtleben wurde reicher an kleinen Tanzbars, doch viele von ihnen mussten inzwischen wieder schließen.

Die Tür des Farbfernsehers.
Die Tür des Farbfernsehers.

Ein knapper Meter Holztisch mit Technik

Mit jedem Jahr professionalisierte sich der Club etwas mehr. Um Nachbar*innen nicht weiter zu belasten, musste eine Schalldämmung her, der Eingang wurde um die eingangs erwähnte Schallschleuse erweitert. Der Andrang wuchs weiter und der Farbfernseher wurde über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine ausgelassenen Partys. Plötzlich brauchten Sie einen Türsteher, um der Menschenmassen, die sich vorm Club aufreihten, Herr zu werden. Um ihren Jobs weiter nachgehen zu können, stellten sie bald Nightmanager und Barkräfte ein, zusätzliche Toiletten mussten ausgebaut, die Technik erneuert werden und bald schmückte eine professionelle Lichtanlage die Decke. Nach zwei Jahren sollte eine weitere Tanzfläche eröffnet werden. Diese aber traf bei den Ämtern nicht auf Gegenliebe – nachdem die Polizei die Tanzfläche stürmte, musste sie wieder geschlossen werden.

Farbfernseher Frontalansicht.
Foto: Presse

Manche Entwicklungen überrannten den Farbfernseher auch. Keiner der drei Betreiber hatte einen solchen Verlauf geplant oder kommen sehen. Nach ein paar Jahren veränderte sich das Publikum stark. Der Hype um den Farbfernseher, der durch einen ungewollten Internetauftritt und den ikonischen Türsteher verstärkt worden war, nahm Ausmaße an, mit denen ein so kleiner Club nur schwer umgehen kann.

Plötzlich berichteten Freunde der Betreiber, dass sie den Farbfernseher im Bordmagazin eines Billigfliegers unter den Top-Tipps für Berlin fanden. Der Kampf gegen dieses ungewollte Marketing zum Schutz der familiären Atmosphäre des Clubs scheiterte. Die Fluggesellschaft zeigte kein Verständnis dafür, dass durch eine solche Maßnahme schlichtweg zu viele und womöglich auch die falschen Leute den Club aufsuchen würden.

„Slow Beats mit niedriger BPM, wozu man gut mit dem Arsch wackeln kann, Musik, die einfach Spaß macht”

Auch unschöne Ereignisse gehören zur Geschichte des Farbfernsehers. Eines Abends gingen die Handgreiflichkeiten an der Tür über kleine Rangeleien hinaus und der langjährige Türsteher wurde von fünf Männern verprügelt. Es gab mehrfach Einbrüche und der ungewollte Internetauftritt lockte Leute an, die den Farbfernseher nicht zu schätzen wussten. Die Betreiber taten ihr Bestes, den einzigartigen, intimen Charme des Clubs aufrechtzuerhalten, an der Tür stand jetzt nicht mehr nur eine Person. Die Partymetropole Berlin lockte mittlerweile mehr und mehr Leute aus der ganzen Welt an. So sah man sich im Farbfernseher damit konfrontiert, dass viele Stammgäste, die maßgeblich zur Stimmung beitrugen, aufgrund der langen Schlange nicht mehr reinkamen. Leute, die sich nicht als Teil der Party sahen, sondern diese nur begutachten wollten, besuchten den Club und drückten die Stimmung.

Über all die Jahre und trotz wechselnder Booker blieb der Farbfernseher seinem Sound treu. House mit discoidem Einschlag war zum Zeitpunkt der Eröffnung in Berlin nicht besonders weit verbreitet. „Slow Beats mit niedriger BPM, wozu man gut mit dem Arsch wackeln kann, Musik, die einfach Spaß macht”, skizziert Tobias Pieper, der in der Anfangszeit das Booking machte, den Klang des Farbfernsehers passend. Die ausgelassene Stimmung sprach sich schnell herum und erleichterte das Booking für ihn bedeutend: Namhafte DJs, die zum Feiern in den Club kamen, fragten ihn, ob sie auch mal spielen dürften. Zeitaufwändige Anfragen an Agenten blieben aus und es wurden einfach Termine an die DJs, die auf Tobias zukamen, verteilt; Session Victim, Mano Le Tough oder Rødhåd gehören zu den bekanntesten.

DJ-Pult Farbfernseher
Der knappe Meter Holztisch mit Technik.

Die Unmittelbarkeit, die durch den minimalen Abstand von DJ zu Publikum erzeugt wird, macht den Club so beliebt bei DJs und Gästen. Mit einer Kapazität, die eher einer ausufernden Geburtstagsfeier ähnelt als der eines ausgewachsenen Clubs, könnte die Kommunikation zwischen DJ und Publikum nicht direkter sein. Das Einzige, was beide trennt, sind ein knapper Meter Holztisch mit Technik. Das macht die Abende im Club zu dem, was DJs auf Festivalbühnen mit über tausend Leuten oft vermissen: eine ausgelassene Party, bei der die Energie förmlich zu greifen ist, die geprägt ist von einer ansteckenden Spontaneität. Wer eigentlich plant, nur für ein, zwei Stunden auszugehen, findet sich oft erst im Morgengrauen aus dem Farbfernseher stolpernd wieder.

Ein kleines Stück Berliner Clubgeschichte wird also bald von der Skalitzer Straße verschwinden. Mit ein wenig Glück bleiben zumindest die fett gedruckten Lettern über dem Eingang bestehen und erinnern beim Spaziergang durch Kreuzberg an durchtanzte Nächte, verschwitzte T-Shrits und verschüttete Drinks.

FARBFERNSEHER: DAS FINALE

22.05. 
MICRODOSE

Kurt (://about blank, poly, motion)
Miguel Mea (Ngey Ngey)

23.05.
SOFT PINK
RyoTet (Ryotetsu Masuda)
Stella Zekri & Guest

24.05.
BEATNIK
Bekha Mujiri (Meta Moto/ Athens)
Manolis (Meltdown/ Athens)

25.05.
SENDESCHLUSS
Syncom Data (SD Records/ Bunker)
Philipp Otterbach (Knekelhuis/ Farbfernseher)

Ab 07:00 Uhr After hour all Sunday long.