Text: Sebastian Weiß und Alexis Waltz

Der klassische Musikjournalismus gilt als Auslaufmodell: antiquiert, überflüssig, ohne Perspektive. Doch gerade im digitalen Überangebotswirrwarr könnten seine Kernkompetenzen wichtiger denn je werden.

1997 die Frontpage, 2014 folgte die De:Bug, jetzt unsere Groove – im deutschsprachigen Raum gibt es nun keine gedruckte Zeitschrift mehr für elektronische Musik. Auch in anderen Bereichen haben sich bereits große Titel wie die Intro verabschiedet, und nach dem Ende vom New Musical Express (NME) sieht es selbst international nicht anders aus. Braucht es in Zeiten, wo Algorithmen auf YouTube oder Spotify persönliche Musikempfehlungen machen, überhaupt noch Reviews? Wozu noch Interviews, wenn jeder Artist mit Social Media seine Promo so einfach und günstig an die eigene Followerschaft bringen kann? Ist der Musikjournalismus nur noch ein antiquiertes Auslaufmodell, ein Relikt von gestern, ohne Zukunft?

Eigentlich ist ja alles gesagt: Seit einer gefühlten Ewigkeit wissen wir, dass das Internet und die digitale Revolution (auch) die gesamte Architektur der Musikindustrie nachhaltig verschoben haben. Die Folgen für alle Parteien wurden zigfach beschrieben und analysiert – doch leider mindestens genauso häufig beklagt oder gar bejammert. Es zählt längst zu den offenen Geheimnissen, dass der klassische Musikjournalismus seine Gatekeeper-Funktion nicht allein aufgrund der Digitalisierung, sondern ganz sicher auch durch die eigene Passivität verloren hat. Unzählige Untergangsszenarien und die sukzessive Veränderung unseres eigenen Musiknutzungsverhaltens, eine der konkretesten aller Anpassungen an die neue Realität, resultieren nicht etwa in einer zukunftsorientierten Aufbruchstimmung, vielmehr lähmte eine weitverbreitete Innovationsresistenz die Branche Anfang der Nullerjahre.

Heute gehen selbst pessimistische Prognosen davon aus, dass das Musikstreaming in weniger als vier Jahren den Markt mit einem Umsatzanteil von 75 Prozent klar dominieren wird. Und unser Musikkonsum findet ohnehin am Screen statt, da passt der Griff zum Print-Magazin nicht mehr ins Bild. Auch wenn die gedruckte Zeitschrift genauso wenig wie Vinyl aussterben wird, kann die Zukunft des Musikjournalismus lediglich online liegen. Allerdings konnte noch kein Verlag im deutschsprachigen Raum ein tragfähiges Geschäftsmodell für ein musikjournalistisches Format im Netz entwickeln. Anzeigen finanzieren digitale E-Zines nicht, denn selbst die, die in unserer Szene Geld haben, stecken ihre Budgets eher in bezahlte Facebook-Posts und sammeln damit handfeste Likes. Die bisherigen Überlebensstrategien schimpfen sich entweder Clickbait oder Querfinanzierung durch Ticketing. Die Gefahr, dass die redaktionelle Unabhängigkeit und die damit einhergehende kritische Berichterstattung auf der Strecke bleiben, ist nicht klein. Aus diesem Grund gibt es alternative Ansätze wie Crowdfunding oder Paid-Content-Angebote, die aber nicht das Offensichtliche verschleiern können: Die Finanzierung digitalen Schreibens über Musik wird auf absehbare Zeit eine Herausforderung bleiben.

Es mag sicher wie eine schlechte Phrase klingen, aber hier liegt auch eine große Chance: Mögen die alten Strukturen vielleicht obsolet sein, die Kernaufgaben des Journalismus sind es nicht. Gerade im digitalen Wirrwarr können sich nutzerorientiertes Filtern und gründliche Recherchen mit inhaltlicher Tiefe von unterhaltungsfokussierten Musikmedien abgrenzen. Der Dance-Music-Journalismus muss sich im Netz als multimediales Angebot neu erfinden. Dazu gehört auch die Reform der Sprache. Musik, Clubbing oder Festivals sind subjektive Erfahrungen – ein digitaler Journalismus muss auf Meinungen setzen. Ohne Meinung kein Diskurs. Ohne Diskurs keine Relevanz. Und selbst wenn einige Umbrüche misslingen, gilt es weiterzumachen, herumzuexperimentieren und sich daran zu erinnern, dass das Internet letztlich Freiheit bedeutet. Außerdem heißt es ja nicht umsonst: journalism might kill you, but it will keep you alive while you’re at it.