Illustration: Benedikt Rugar Nach 29 Jahren und 175 Ausgaben wird die Groove als Printprodukt eingestellt. Aber ging bis hierhin wirklich alles gut? Nein. Abhängigkeiten gab es immer und wird es weiterhin geben. Für die Zukunft aber können und müssen wir versuchen, aus alten Strukturen auszubrechen. Es gibt Geschichten, die lesen sich schöner als jede Realität. Diese ist eine davon und sie geht so: Ein junger Mann aus der Nähe von Frankfurt am Main will den Sound seiner Heimatstadt mit einem Magazin würdigen, nimmt einen Kredit auf, und 15 Jahre lang geht das gut. Aus dem Magazin mit regionalem Fokus wird eine Institution, die in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in den Niederlanden und anderswo auf der Welt gelesen wird – alle zwei Monate, bisweilen mit einer sechsstelligen Auflage, mit Büroräumen und Angestellten. Es ist ein Magazin, das keine Kompromisse macht: In den Anfangstagen kommt jemand auf den jungen Mann zu, bietet 10.000 DM, damit er eine junge Rap-Kombo aufs Cover nimmt. Er lehnt ab, es passt nicht zu den Inhalten des Magazins. Bis heute ist er stolz darauf, dass sich niemand in die Groove einkaufen konnte und die Redaktion keine Kompromisse einging. Die Geschichte der Groove und ihres Gründers Thomas Koch alias DJ T. zeigt all das, was mal im Printjournalismus möglich war und wie es unmöglich wurde, das am Laufen zu halten: Mit guten Ideen und Inhalten das richtige Publikum zu finden und damit Erfolg zu haben. Denn irgendwann bricht die eigentliche Einnahmequelle weg: Werbung. Die Groove hat sich, wie fast jedes andere Magazin, als Printheft seit jeher über Anzeigen finanziert. Zuerst schalten regionale Szenefriseure oder Plattenläden Werbung im Heft, später internationale Konzerne oder Labels. Der Höhepunkt wird um die Jahrtausendwende erreicht: „2000 gab es eine Ausreißerausgabe, das kann man sich gar nicht vorstellen: Die hatte 196 Seiten plus vier Seiten Umschlag und fuhr einen Anzeigenumsatz von 500.000 DM ein“, erinnert sich Koch. Doch schon im nächsten Jahr findet die Geschichte ihr jähes Ende. Die Einnahmen der Musikbranche im Tonträgersegment brechen aufgrund von Filesharing ein, die Werbebudgets der Plattenfirmen werden neu aufgestellt. Radio- und TV-Werbung bekommen Priorität, für Print ist kein Geld mehr übrig. Ab 2001 geht es stetig bergab, 2004 sichert die Piranha Media GmbH den Fortbestand des Hefts und Koch gibt die Herausgeberschaft ab. Eine einfache Rechnung Die einbrechenden Anzeigenerlöse werden durch die Einführung einer Kioskausgabe des bis dahin kostenlos erhältlichen Hefts kompensiert, irgendwann schließlich gibt es die Groove nur noch am Kiosk. Es geht aber weiter: Sukzessive streichen die Werbekunden ab Anfang des Jahrtausends ihre Budgets für Print – warum auch nicht? Eine einseitige Anzeige für einen Kinofilm erreicht nicht halb so viele Menschen und ist nur einen Bruchteil so animierend wie ein anschaulicher Trailer, der über YouTube gegen weniger Geld veröffentlicht werden kann. Wie hätten sich die einbrechenden Umsätze kompensieren lassen – durch Anhebung der Kiosk- und Abopreise? Wer würde mehr als 5 Euro für ein Magazin mit knapp mehr als 100 Seiten bezahlen? Vor allem, wenn die meisten der Informationen auch im Netz verstreut sind – und zwar gratis? Zudem erreichte die Krise parallel die Vertriebe, in den Spätis, Büdchen und Kiosks des Landes ist immer weniger Platz für ein zweimonatlich erscheinendes Magazin wie die Groove. Die einfache Rechnung: Weniger Sichtbarkeit bedeutet weniger Einnahmen, weil weniger Menschen erreicht werden. Eine Sackgasse ist erreicht: Immer weniger […]

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Kristoffer Cornils war zwischen Herbst 2015 und Ende 2018 Online-Redakteur der GROOVE. Er betreut den wöchentlichen GROOVE Podcast sowie den monatlichen GROOVE Resident Podcast und schreibt die zweimonatliche Kolumne konkrit.