Woche für Woche füllen sich die Crates mit neuen Platten. Da die Übersicht behalten zu wollen, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Jeden Monat stellt die Groove-Redaktion zur Halbzeit fünf ganz besondere Alben vor, die es unserer Meinung nach wert sind, gehört zu werden. Dieses Mal mit Nicolas Jaars neuem Album als A.A.L. (Against All Logic), Andreas Grosser, Ann Annie, Borusiade und The Maghreban – ganz neutral in alphabetischer Reihenfolge.

5. A.A.L. (Against All Logic) – 2012-2017 (Other People)

Seit 2013 veröffentlichte Nicolas Jaar gelegentlich Dance-Tracks unter dem Projeknamen A.A.L (Against All Logic) auf seinem Label Other People – bislang mit nur wenig Beachtung. Das hat sich nun schlagartig mit der Veröffentlichung des Albums 2012 – 2017 und der Information, dass diese elf bislang unveröffentlichten Tracks von ihm selbst stammen, geändert. Tatsächlich kommt die Veröffentlichung überraschend. Seit seinen Releases auf Wolf + Lamb wie „Time For Us“ hat Jaar nicht mehr so eindeutige Clubmusik herausgebracht. Viele der Tracks des Albums bauen auf Vocal-Samples von 70er-Soulnummern wie von den Delfonics oder The Dramatics auf.

Tatsächlich erinnern sie, wie auch einige der Tracks von DJ Kozes anstehenden Album, an die Filter-House-Hochzeit von vor 20 Jahren. Nur: während es sich bei Koze um eine Reminiszenz an die Zeit handelt, welche sein eigenes Interesse an House prägte, feiert Jaar ein Genre, das aufkam, als er selbst gerade eingeschult wurde. Und ähnlich wie Dan Snaiths‘ Seitenprojekt Daphni klingen Tracks wie „I Never Dream“ oder „Now U Got Me Hooked“ so euphorisch und selbstverständlich, als seien sie mit lockerer Hand programmiert worden. Dabei offenbaren die Arrangements und Beatprogammierungen auch Liebe zum Detail. Besonders schön auch das Stück „Cityfade“, für das Jaar – gepaart mit Polizeisirenen und Piano-Loops – in Hamburg einen Kinderchor ein Gedicht frei nach Rainer Maria Rilke hat einsingen lassen: „…ein süßes Land im Himmel wuchs, das sich nirgends schloss“. (Heiko Hoffmann)

4. Andreas Grosser – Venite Visum (Running Back)

Der Auftakt für die neue Non-Dancefloor-Serie Incantations auf Running Back ist eine Wiederveröffentlichung von Venite Visum, ein Album von Andreas Grosser, das 1981 in geringer Auflage als Kassette auf dem britischen Label York House Recordings erschien. Der Ostberliner Grosser nahm die bis zu 20-minütigen Stücke vor seiner Übersiedlung in den Westen zwischen 1976 und 1980 auf, ein paar Jahre später arbeitete er noch mit Klaus Schulze an dem gemeinsamen Album Babel (1987), danach beendete er seine musikalische Laufbahn und wurde ein wohl weltweit profilierter Mikrofontechniker.

Venite Visum passt nun wunderbar in unsere Zeit, in der gefühlt so viele Produzenten wie nie zuvor Ambient-Alben veröffentlichen, New Age-Platten entstaubt werden und generell das Interesse an feinstofflicher Klangsynthese ungebrochen scheint. Die Stücke auf Venite Visum klingen nun auch gleichzeitig alt und zeitgemäß, die langen, mäandernden Synthesizer-Jams könnten durchaus Vorlage für kosmische House-Tracks sein, würde dem Ganzen noch ein rhythmisches Gerüst unterlegt. Aber das muss ja auch gar nicht sein – eine lohnenswerte Wiederentdeckung ist Grossers einziges Solo-Album auf alle Fälle. (Thilo Schneider)

3. Ann Annie – Atmosphere Vol. 2 (Modularfield)

Modularfield kümmert sich neben seinen Vinyl- und CD-Releases auch mit rührender Konsequenz um die Aufrechterhaltung der Tape-Kultur. Im Idealfall stimmt sogar noch die Musik dazu und Ann Annie ist in jeder erdenklichen Hinsicht ein solcher Idealfall. Nachdem die Jazz-Pianistin mit Ambient-Ambitionen im Oktober letzten Jahres bereits mit Atmospheres Vol. 1 eine erste Anthologie für das Kölner Label aufs Magnetband brachte, folgt nun mit dem zweiten ein noch schönerer Teil der – hoffentlich – noch nicht abgeschlossenen Serie ebenfalls auf Kassette.

Das Hauptwerkzeug der in Portland, Oregon ansässigen Künstlerin ist der Modularsynthesizer und tatsächlich klingen die satten Texturen der sieben Tracks auf Atmosphere Vol. 2 gelegentlich nach Kaitlyn Aurelia Smiths stimmungsvollen Jazz-Derivaten, hier und dort aber genauso nach den Beruhigungsmittel-Vibes von Stars Of The Lid , melancholischer Fahrstuhlmusik oder wie im Falle von „97 Dreaming“ ganz klar nach Twin Peaks-Hommage. Dass das ohne Unfälle möglich ist, wäre ein Gewinn für sich. Tatsächlich aber ist jedes dieser Stücke in voller Treffer. Grandios! (Kristoffer Cornils)

2. Borusiade – A Body (Cómeme)

Nicht jedem Künstler gelingt es, eine absolut eigene Sprache in jene Geschichten zu übersetzen, die er in Radioshows, DJ-Sets, auf EPs oder im Albumformat erzählt. Die in Bukarest geborene, seit langem in Berlin lebende Produzentin und DJ Miruna Boruzescu alias Borusiade hat jene Gabe. Ihre bei Radio Cómeme zu hörende Sendung „The Dreamcatcher“ tanzt berührend zwischen Death In June, Wolf Müller, Suicide, King Krule und Alesia Cosmos.

Ihre Club-DJ-Sets sind eher Techno, unter dessen Rhythmen der eisige Wind des Wave weht. Nach EPs für Correspondant, Cititrax und Cómeme, sowie Remixen für Lena Platonos und Khidja, erscheint nun ihr Album A Body. Sieben Stücke voller Suspense, beseelt von ihrem hypnotischen Sprechgesang und getränkt in Ambient-Passagen, Moondog-Tragik, Industrial-Nebel, Wave-Frost und Space-Techno-Welten. Und auch mal L.I.E.S.-Härte – rau, fordernd, fesselnd. Ein dunkles musikalisches Selbstbildnis mit romantischem Subtext, dem aufsaugende cineastische Kräfte innewohnen. (Michael Leuffen)

1. The Maghreban – 01DEAS (R&S)

Vor zwei Jahren ist Ayman Rostom von der Groove in der Rubrik Hoffnungsträger gewürdigt worden. Seit 2014 hat der Londoner unter dem Namen The Maghreban ein gutes Dutzend Maxis veröffentlicht, verschlagwortet wird sein Sound gerne als B-Boy-House. Sein HipHop-Abitur hat der Brite längst gemacht. Seit den späten Neunzigern produziert er Beats – unter dem Pseudonym Dr. Zygote – Instrumentals, die in der Tradition von Leuten wie MF DOOM stehen oder als Teil des Rap-Duos Strange U. Dem belgischen Label R&S kann man nur gratulieren, hat es sich doch das Debütalbum von Rostoms Projekt The Maghreban gesichert.

Seine MPC-House-Formel hat der Londoner dem Albumformat gemäß erweitert, er lässt seine mit Samples gespickten Tracks noch ein wenig mehr ausfransen, als man es von den Maxis auf seinem Label Zoot Records gewohnt ist. Jede Menge Jazz-Samples, Afrobeat, HipHop-Elemente, in 01DEAS stecken Ideen im Überfluss. Das Album ist ein Jungbrunnen für das in die Jahre gekommene Genre House. (Holger Klein)

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