Technik ist nichts und alles in elektronischer Musik. Sie spielt, dank dem deutlich leichter gewordenen Zugang zu digitalen Produktionsmitteln keine vordergründig entscheidende Rolle mehr, weder finanziell noch im immer weniger erforderlichen Expertenwissen. Und doch ist die Herangehensweise und das Verständnis etwa von Ambient ein spürbar anderes, wenn die Beteiligten aus Bandzusammenhängen und nicht als vereinzelte Bedroom-Producer zum Musikmachen kamen. So erinnert der Sound des britischen Duos Paper Dollhouse auf The Sky Looks Different Here (MoonDome) emotional an die zwei besten, massiv samplebasierten volldigitalen Tracks von Malibu und Yves Tumor auf der tollen Mono No Aware-Compilation vom vergangenen Jahr. Die ganz feingrau melancholische Atmosphäre kennzeichnet das Album allerdings als analogen Shoegaze à la Grouper oder Julianne Barwick: Fragile Indie-Pop Songs die sich in endlosen Hallschleifen mit etwas Hilfe von statischen Orgelsounds zu Lo-Fi Ambient verflüssigen. Ähnlich übersetzt Emily A. Sprague vom Upstate-new Yorker Folkpop-Trio Florist auf ihrem Solodebüt Water Memory (mlesprg) ein typisches Indie-Sentiment mit einer Menge von Gitarrenpedalen und einem Modularsynthesizer in feinmürbe Ambientflächen zwischen William Basinskis Disintegration Loops und Benoît Pioulard & Rafael Anton Irisarris Duoprojekt Orcas. Will Young von den britischen Neo-Krautrockern Beak>> arbeitet sich unter seinem Solo-Alias Moon Gangs am Synthpop der 80er-Jahre ab. Sein Debütalbum Earth Loop (Village Green, VÖ 30. März) reanimiert die hochglänzende, pathosgeladene und dank „Stranger Things“ gerade wieder höchst populäre Ästhetik des erwartungsgeladenen Waberns und überwältigenden Gleißens à la Jean-Michel Jarre und Vangelis in einem DIY-Umfeld – mit einer Bedroom-Produktion in einer Soundästhetik die bis in den innersten Kern „Indie“ ist.


Stream: Paper Dollhouse – Haze

Wenn drei von Islands feinsten, die beiden Singer-Songwriter Sin Fang und Sóley sowie Dichter und Multiinstrumentalist Örvar Smárason von Múm (und ungefähr jeder anderen elektronisch experimentellen Inselband) zusammenkommen um eine Handvoll Songs zu jammen, kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Dass daraus aber ein derart grandioses und schlüssiges Album wie Team Dreams (Morr) entstehen würde ist dann doch ein mehr als glücklicher Ausgang. Die schon ziemlich verschiedenen, aber einem melancholischen Pathos nie abgeneigten elektronischen Pop-Entwürfe der drei kommen hier wundervoll in Einklang. Ihre typischen Wiedererkennungselemente – kathedralischer Chorgesang, Spieluhr-Electronica, Modularsynthesizerfiepen und Piano-Balladen – sind hier in eine Hi-Tech Umgebung gebettet die aktuellen R&B, Trap und Dubstep inhaliert hat und mit den typisch schleppenden Beats und elektrifizierten Vocals wieder hergibt – und das mit Songs die semi-alternative Stadion-Befüller von Alt-J bis Coldplay so nie hingekriegt haben. Smárasons Hauptband Múm geht mit der Mini-LP Menschen am Sonntag (Morr) in reduzierter Besetzung in eine etwas andere Richtung. Als Live-Soundtrack zu einem Berliner Screening des gleichnamigen Stummfilms von Robert Siodmak und Edgar G. Ulme von 1930 begleiten die pulsierenden Synthesizer-Loops der hier zum Trio reduzierten Múm die architektonisch arrangierten Bilder dieses frühen Klassikers des modernen Episodenfilms auf kongeniale Weise. Tomorrow We Sail kommen zwar von einer anderen Insel im Nordatlantik, ihr orchestral-choraler Sound, ihre Liebe zu einer gerechten Portion Pathos und ihre Post-Rock nahe Beschäftigung mit den Geistern des traditionellen Folk gibt dem eher erdigen Klangbild ihres zweiten Albums The Shadows (Gizeh, VÖ: 2.3.) allerdings einen flüchtigen und verspielten Charakter der an die erwähnten isländischen Bands erinnert. Die sechsköpfige Combo ist eines der zahlreichen Bandprojekte der Violinistin und Produzentin Angela Chan, die den Sound der Stadionrocker Placebo sowie diverser akustischer und elektronischer Drone-Bands aus dem Umfeld des Gizeh-Labels, etwa A-Sun Amissa oder Glissando, entscheidend prägte. Mit Tomorrow We Sail gelingt ihr das Kunststück, eine große Band ganz klein und nah klingen zu lassen.


Stream: Sin Fang, Sóley & Örvar Smárason – Random Haiku Generator

Ensen, das zweite Album von Emel Mathlouti, war eine der musikalisch interessantesten und wichtigsten Pop-LPs in 2017. Nicht nur weil es die mittlerweile nach Paris und New York exilierte tunesische Sängerin als eine der entscheidenden und meistgehörten Stimmen des „arabischen Frühlings“ von 2010 international bekannt machte, sondern ebenso akut, weil Emel mit der Ambition angetreten ist, arabischen Pop mit zeitgemäßer Elektronik und avancierten Beats zu verbinden. Dieser Anspruch ist auf dem Remix-Album Ensenity (Partisan, VÖ: 2.3.) noch deutlicher spüren. Die Neubearbeitungen sind dementsprechend auch alles andere als gefällige Edits zur Steigerung der kommerziellen Verwertbarkeit. Die musikalische Bandbreite der Bearbeitungen ist weit, sie reicht vom zerstörerischen Dark-Drone Mettanis (vom Pariser @arabstazy Kollektiv) zu den psychelischen Loops des Mexikaners Cubenx über die verkifft komplexen Jazz-Beats des kanadischen Hip-Hop DJs Free The Robots, dem Rock-Pathos von Pandhora (Bassistin der italienischen Goth-Metaller Horror Vacui) zur eisig digitalen Glitchung von AGF/Delay. Gemeinsam ist den Bearbeitungen der Respekt vor Emels grandioser Stimme und eine Atmosphäre die zwischen finsterem Grime-Keller und morbidem Dead Can Dance-Pathos pendelt. Dass die Kombination von lokalen Poptraditionen mit globalisierten Cutting Edge-Beats nicht unbedingt übellaunig oder schwermütig daherkommen muss beweist die Debüt EP NOLA Daydream (Artist Originals) von Sandunes, einer jungen Produzentin aus Mumbai. Wie lässig und selbstverständlich sie auf Bhangra-Pop, Dubstep, Trap und futuristischen Garage-R&B zugreift und dabei ganz zart und leicht bleibt, das ist schwer beeindruckend.


Video: Sandunes – Does Bombay Dream of NOLA?

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