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Motherboard: Mai 2024

Harfe und Elektronik stellen eine äußerst ergiebige Kombination dar – klanglich und emotional wie imaginativ und kontextuell. Was lässt sich nicht alles an Sinnlichem und Übersinnlichem mit der Harfe assoziieren und in der digital modernisierten, geloopten Variante noch dazuerfinden. Kommen dann noch ein außer der Norm gespieltes Akkordeon, modulare Synthesizer und prozessierte Field Recordings dazu, ist das Potenzial für Ungewohntes oder gar richtig Neues so ziemlich unbegrenzt. Mary Lattimore & Walt McClements loten es auf ihrer Kollaboration Rain on the Road (Thrill Jockey, 10. Mai) subtil aus, eher vorsichtig, umsichtig experimentierend, aber mit sicherem Gespür für Harmonie und Melodik, was die Genres und Zusammenhänge überschreitende Arbeit beider sehr gut zusammen erklärt. McClements als Tourmusiker bei Avant-Pop-Ikone Weyes Blood, der als Solokünstler kühle Drones aus seinem Instrument quetscht, und Lattimore, die eine der Hauptverantworlichen (im Guten wie im Superschönen) dafür ist, dass die Harfe ein Comeback in Popmusik und Electronica feiern durfte. Was sie zusammen machen, kann gar nicht falsch sein.

Harfe und Elektronik sind ebenfalls die Melancholiemaschinen und kreativen Impulsgeber des exorbitanten neuen Albums Les Damnés Ne Pleurent Pas (Original Motion Picture Soundtrack) (Asadun Alay Records, 29. März) der Kairoer Produzentin, Improvisateurin und Sängerin Nadah El Shazly. Schwer zu glaubende sieben Jahre ist ihr Debüt Ahwar nun schon her, es befreit aber noch immer auf die gleiche Weise den Geist und setzt körperliche Energie frei wie am ersten Tag. Das neue Album hängt dem keineswegs nach, obwohl es eine Auftragsarbeit für den gleichnamigen Film des kanadischen Regisseurs Fyzal Boulifa darstellt. Aber die thematische Einschränkung durch die begleitende Dramatisierung eines Filmes ist hier nicht gleichbedeutend mit der Aufgabe musikalischer Freiheit – und ebenso wenig mit der Aufgabe tiefer Emotionalität. Vom organischen Chaos der energetischen Überwältigung zur Elegie in kargest möglicher Instrumentierung sind es nur Sekunden.

Das Anfang dieses Jahres produktiv gestartete Label des kanadischen Musikers und Produzenten Radwan „Jerusalem in My Heart” Ghazi Moumneh hat heuer noch eine weitere nicht weniger interessante Veröffentlichung zu bieten, nämlich Badā (Asadun Alay Records, 29. März) von der libanesischen Buzuq-Virtuosin Farah Kaddour. Wo El Shazly Elektronik mit freier Improvisation und Noise kollidieren lässt, bleibt Kaddour in der (mikrotonal gestimmten) akustischen Tradition ihrer Heimat, treibt ihr Instrument, die arabische Langhalslaute, allerdings an die klanglichen Grenzen, spielt es mitunter wie ein Metal-Gitarrist die Flying V.

Die organische, von blubber-wubbernden, klöppelnden Klängen durchzogene, quasi-animistische Electronica des finnisch-tschechischen Produzenten und Multi-Instrumentalisten Shakali hat keine Scheu, deutliche Signale wie etwa Klangschalen, Flöten oder ein New-Age-Saxofon einzusetzen. Das Ergebnis gibt ihm Recht. Soundelemente, die für sich genommen eventuell käsig, esoterisch oder wellness-soundtrackig seicht wirken würden, sind im Großzusammenhang von Rihmastossa (Not Not Fun, 3. Mai)gleichermaßen kleinteilig, dschungel-unterholzig, hibbelig, insektoid flirrend, schabend und flatternd wieraumgreifend, flirrend kompliziert und warm einbettend. Unübersichtlich und ziemlich genial.

Was an Retro-Trends nicht alles schon herbeiorakelt wurde für 2024: Witch House und Lo-Fi-Trip-Hop könnte ja tatsächlich ein neo-zombifiziertes Comeback gelingen. Gerade weil es so absurd und allseits (un)gewollt erscheint, könnte es doch großen Spaß machen. Eventuell ist es aber gar nicht nötig zehn, zwanzig oder dreißig Jahre zurückzugehen. Ideell, wenn nicht sogar soundtechnisch verwandt, kommt Deconstructed Club nun ebenfalls nicht mehr ganz so frisch daher. Eine Neuerfindung als Pop, Hyperpop gar, ist daher nicht unbedingt die abwegigste und keinesfalls eine unangenehme Vorstellung. Indizien, wie sich das anhören könnte, liefert die tolle EP BIOME (Plush Ember, 10. April) der Berliner Produzent:in AYEN GL. Ihre Idee von Hyperpop ist reichlich reflektiert und sorgfältig in der Vergangenheit von Beats- und Club-Experimenten verankert, findet aber in jedem Track unmittelbaren Emo-Auslass. Einen Punch, der die dunkleren Seiten des Club-Hedonismus direkt in Popsongs kristallisieren lässt.

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