Was mit Sound Metaphors 2015 als Plattenladen in Kreuzberg begann, ist längst zu einer internationalen Plattform mit sieben Labels und einem einzigartigen Veranstaltungsformat gewachsen. GROOVE-Autorin Madu Abeysekera besucht Mitgründer Nemo Ripoll und Mitarbeiter und Transmigration-Macher David Fogarty in der Neuköllner Weichselstraße 22, wo sich Laden und Office befinden. Anlass ist das Sound Metaphors Festival im Berghain, bei dem sie mit ihrem farbenfrohen und humorvollen Anschlag auf die Berliner Techno-Doktrin zum ersten Mal alle Floors des Clubs bespielen.
Es ist ein sonniger Donnerstagnachmittag in Neukölln. Hinter den großen Glasscheiben des Sound–Metaphors-Ladens bewegen sich Kund:innen wie in Zeitlupe durch die schmalen Gänge zwischen den Plattenregalen. Mit Kopfhörern auf den Ohren und konzentriertem Blick auf die tendenziell bunten Cover stöbern sie durch die Auswahl. Wer den Laden betritt, könnte hier Stunden verbringen, denke ich.
Ein freundlicher Mitarbeiter hinter der Verkaufstheke zeigt auf eine unscheinbare weiße Tür. Nachdem ich mich an den Ladenbesucher:innen vorbeigeschlängelt habe, gelange ich durch diese Tür in das erstaunlich kleine Büro, in dem ich David und Nemo antreffe. Mit ihrer gelassenen und humorvollen Art heißen sie mich willkommen und bieten mir etwas zu trinken an. An den kleinen Schreibtischen in dem schätzungsweise 15 Quadratmeter großen Büro sitzen um die drei weitere Mitarbeitende, die mich ebenfalls herzlich begrüßen, dann aber direkt wieder in ihre PC-Arbeit vertieft sind.
Durch zwei schwere und mit Sicherheitsschloss gesicherte Metalltore gelangen wir auf eine kleine Terrasse neben einem Innenhof. Hier nehmen David, Nemo und ich Platz auf simplen Balkon-Stühlen an einem kleinen quadratischen Tisch. Sie lachen über die provisorische Sitzmöglichkeit, die ich wiederum sympathisch finde, an der nichts auf ihren globalen Erfolg hindeutet. Castro, der dritte Mitgründer, ist gerade in den USA unterwegs.
GROOVE: Ihr habt euch kennengelernt, bevor es Sound Metaphors gab. Wie erinnert ihr euch an eure erste Begegnung?
David: Ich habe Nemo 2015 auf einer Plattenbörse in der Markthalle Neun getroffen. Er verkaufte dort Platten, ich war mit einem Freund unterwegs. Damals wohnte ich in der Nähe des späteren Sound-Metaphors-Ladens in der Reichenberger Straße. Castro wohnte ebenfalls dort – wir waren zunächst Nachbarn.
Nemo: (lacht) Die Plattenbörse wurde tatsächlich von GROOVE organisiert.
David: Wirklich? (lacht) Das wusste ich gar nicht! Damals hatten einige Plattenläden, wie Hard Wax, dort einen Stand.
Ihr habt Sound Metaphors dann 2015 eröffnet. Warum hattet ihr darauf Lust? Welche Lücke wolltet ihr damit schließen?
Nemo: Ich wollte schon immer einen Plattenladen eröffnen. Ich komme aus Genf, dort wäre ein eigenes Geschäft zu teuer gewesen. Ich habe aufgelegt und war zuständig für die Bookings im Club Motel Campo. Wir schauten uns nach anderen Städten um, und Berlin war damals vergleichsweise erschwinglich.
David, du kommst ursprünglich aus Irland. Wie bist du zu Sound Metaphors gekommen?
David: Damals arbeitete ich in einem Start-up. Aus meiner Perspektive als Kunde bot Sound Metaphors eine vielfältigere Musikauswahl als andere Plattenläden. Während sich die meisten auf Techno und House konzentrierten, gab es bei Sound Metaphors alles von Disco und Balearic über Trance bis hin zu EBM, Industrial und Ambient.
Wie hat sich Sound Metaphors über die Jahre entwickelt – von den ersten Kontakten in der Szene bis zu eurer wachsenden internationalen Bekanntheit, und wie hat sich daraus die Auswahl der Künstler:innen für eure Veranstaltungen ergeben?
Nemo: Das Ganze ist eher langsam gewachsen. Es gab keinen einzelnen Moment, in dem wir plötzlich international bekannt waren. Nach der Pandemie hat sich unsere Reichweite noch einmal gesteigert, auch weil wir online aktiver wurden. Viele Kontakte sind organisch entstanden und haben sich mit der Zeit weiterentwickelt. Roi Perez war zum Beispiel Kunde im Laden und hat mich Leuten aus dem Berghain-Team vorgestellt. Daraus ergaben sich weitere Verbindungen, irgendwann spielten wir in der Panorama Bar, und so kam eines zum anderen. Auch bei der Auswahl der Künstler:innen geht es oft um bestehende Beziehungen und darum, welche Musik uns wichtig ist.
David: Man merkt die internationale Entwicklung vor allem unterwegs: Du bist im Urlaub, etwa in Italien oder Frankreich, und siehst jemanden mit einem Sound-Metaphors-Shirt oder einem unserer Jutebeutel. Bei den Veranstaltungen geht es uns nicht einfach darum, die gerade angesagtesten Namen einzuladen.

Wie wählt ihr die Acts dann aus?
David: Oft kennen wir die Künstler:innen bereits, weil sie in den Laden kommen, wir ihre Platten kaufen oder ihre Musik veröffentlichen. Gleichzeitig interessiert uns, wer die Musikgeschichte geprägt hat. Manchmal dauert es eine Weile, bis ein Booking zustande kommt. Mark Ernestus ist ein gutes Beispiel: Nemo lud ihn ein, er kannte ihn schon aus seiner Zeit im Motel Campo. Trotzdem vergingen etwa drei Jahre nach unserer Anfrage, bis er bei einer unserer Veranstaltungen spielte.
Euer Sound bewegt sich heute zwischen Disco, House, Trance und Techno, und ihr betreibt mehrere Labels mit unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen. Wie entscheidet ihr, welche Musik zu Sound Metaphors passt, und wie bildet ihr diese Vielfalt in eurem Laden, euren Labels und euren Veröffentlichungen ab?
David: Manchmal weißt du es innerhalb von zwei Sekunden. Du hörst etwas und hast sofort ein Gefühl dafür, ob es passt. Das lässt sich nicht immer erklären. Auch Empfehlungen spielen eine Rolle. Jane Fitz hat uns zum Beispiel auf Xiaolin aufmerksam gemacht, deren Veröffentlichung sehr erfolgreich wurde. Unsere Compilations zu frühem Trance zeigen ebenfalls, wie fließend Genregrenzen sein können: Das Material wurde als Goa bezeichnet, vereinte aber auch Elemente aus New Beat, EBM, Proto-Techno, Trance, Italo-Disco und House.
Nemo: Wir teilen viele musikalische Referenzen. Prägend waren unsere Besuche bei der Cocktail d’Amore und die Sets von DJs wie Andrew Weatherall, Jeffrey Sfire, den Idjut Boys, Chida oder Powder. Unsere Interessen reichen von den frühen Tagen von Disco über den Techno der Neunziger bis zu zeitgenössischem House und Techno. Neben dem Label Sound Metaphors betreiben wir sechs weitere Labels mit unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen.
Sound Metaphors widmet sich vor allem der Wiederveröffentlichung synthetischer Dancefloor-Produktionen der Neunziger, die für ihre Zeit eine besonders hohe Ausdruckskraft hatten. Miss You konzentriert sich stärker auf organische Klänge wie Disco. Sound Metaphors 23 ist ein Non-Profit-Label für Musik von Spiral Tribe und anderen Projekte aus dem Umfeld der Free-Party-Szene. THANK YOU steht für synthetische Musik mit Bezügen zu den Achtzigern und Neunzigern.
H.A.N.D. (Have A Nice Day) ist ein White-Label-Katalog mit Edits von „Unknown Artists“, mit weniger instrumentellen DJ-Tools. Es gehört ebenfalls zu den Ablegern von Sound Metaphors. Das Label steht für unorthodoxere Ansätze beim Editing von Dancefloor-orientierter Musik. Aktuell gibt es die Reihen HAND und Poppers sowie Only Promo, eine Reihe nur für den DJ-Einsatz. Bless You veröffentlicht zeitgenössische Musik von Produzent:innen aus aller Welt, ohne feste Genreausrichtung. Sound Migration ist ein Kooperationslabel von Sound Metaphors Records und Transmigration.
Plattensammeln und DJ-Kultur gelten noch immer als männlich dominiert. Wie versucht ihr diese Norm zu durchbrechen?
David: Wir wollen nicht in Gatekeeping verfallen. Die Plattenwelt war lange männlich geprägt und ist es teilweise noch immer. Deshalb achten wir darauf, FLINTA-Personen in unseren Line-ups, unserem Radioprogramm und bei der Musik, die wir präsentieren, zu berücksichtigen.
Nemo: Frauen gehörten von Anfang an dazu. Audrey Danza und Alicia Carrera haben hier gearbeitet, wir haben Musik von Leuten wie DJ Subaru und Xiaolin veröffentlicht, bei unserer letzten Party im November haben wir Pleasure Patterns eingeladen, einen Raum zu kuratieren. Außerdem vertreiben wir ihr Plattenlabel.
Stichwort Gatekeeping: Diese Mentalität ist keine Seltenheit in der Plattenladenkultur. Was hat es damit auf sich, und wie geht Sound Metaphors damit um?
David: In manchen Läden wurden bestimmte Platten nur unter der Hand verkauft oder gar nicht erst allen gezeigt. Wir möchten einen niedrigschwellig zugänglichen Ort schaffen, an dem Menschen neue Musik entdecken können, ohne erst beweisen zu müssen, dass sie dazugehören. Natürlich haben auch wir eine sorgfältig kuratierte Auswahl, aber uns ist es wichtig, dass niemand ausgeschlossen wird.

Nachdem ihr kurz vor der Schließung standet, seid ihr letztes Jahr mit dem Laden von Kreuzberg nach Neukölln gezogen. Was hat sich verändert?
David: Die Gegend ist ruhiger und der Laden größer. Der alte Laden lag an der Reichenberger Straße, nicht weit vom Kottbusser Tor, wo es aus bekannten Gründen sehr wild zugeht. Hier in Neukölln ist es entspannter, obwohl wir weiterhin zentral gelegen sind. Glücklicherweise gab es in der Menge der Kundschaft keine Veränderung – die Leute machen sich weiterhin die Mühe herzukommen.
Nemo: Früher hatten wir den Shop in Kreuzberg und das Büro hier in Neukölln. Wir mussten ständig Platten hin und her transportieren und uns telefonisch abstimmen. Jetzt ist alles an einem Ort, was die Arbeit einfacher macht.
Seit Ende 2025 erweitert ihr eure Formate mit Sound Metaphors TV um eine audiovisuelle Plattform. Was war die Idee hinter dem Projekt, und was möchtet ihr damit erreichen?
David: Donnerstags und freitags kommen DJs vormittags vorbei und nehmen Sets auf, die wir anschließend auf YouTube veröffentlichen. Sonntags stehen eher die Soundsysteme im Mittelpunkt. Die DJs teilen die Aufnahmen mit ihrer Reichweite, wodurch wieder neue Leute auf Sound Metaphors stoßen. Wir wollen präsent bleiben und Menschen auf den Laden aufmerksam machen.
Was sind die Momente aus den vergangenen Jahren, die euch besonders in Erinnerung geblieben sind?
Nemo: (lacht) Ganz viele Partys. Allein im Berghain haben wir sieben Veranstaltungen organisiert. Zu unserem zehnjährigen Jubiläum haben wir zum ersten Mal Berghain, Panorama Bar und Säule übernommen.
Dazu kommt unsere legendäre Party am 1. Mai, die wir seit zehn Jahren jedes Jahr organisieren. Im vergangenen Jahr haben bei der 20-stündigen Veranstaltung 100 DJs aufgelegt. Einige spielten ihr allererstes öffentliches DJ-Set, andere sind etablierte Künstler:innen wie Vera oder Massimiliano Pagliara, dazu kommen Freund:innen, von denen einige sogar aus Australien und Korea angereist sind.
David: Eine meiner verrücktesten Erinnerungen ist „Speedy Boarding“, eine Veranstaltung während der Pandemie. Wir feierten draußen und hatten keine Vorstellung davon, wie viele Menschen kommen würden. Ich spielte bei Sonnenaufgang und konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Als es hell wurde, sah ich ungefähr 2.000 Leute vor mir. Das war unglaublich. Ende 2024 dann das Berghain erstmals zu bespielen, war eine weitere wichtige Erfahrung und eine Bestätigung für neun Jahre harte Arbeit.

Viele Clubs stehen wirtschaftlich unter Druck und die Kosten für Veranstaltungen steigen. Wie hat sich das Veranstalten für euch verändert, und wie versucht ihr, Menschen weiterhin für Musik und das Ausgehen zu begeistern?
David: Es ist schwieriger geworden, Veranstaltungen zu bewerben und die Kosten wieder hereinzuholen. Früher konnte eine Clubnacht zehn oder fünfzehn Euro kosten und man war experimentierfreudig. Heute muss man genau planen, welches Line-up man bucht und wie intensiv man es bewirbt. Gleichzeitig wollen wir die Leute ermutigen, auszugehen und Clubs zu unterstützen. Mit dem Laden, unseren Veröffentlichungen und den DJ-Sets möchten wir nicht nur Platten verkaufen, sondern Menschen für Musik begeistern. Ein einzelner Plattenladen kann die wirtschaftliche Lage nicht ändern, aber wir können dazu aufrufen, Geld für Kultur auszugeben.
Nemo: Damals waren die Budgets kleiner und die Kosten überschaubarer. Heute kostet ein Line-up schnell mehrere tausend Euro. Manchmal wirkt es, als würden wir die Preise künstlich erhöhen. Leider bleibt uns aber keine andere Wahl, da wir sonst große Verluste machen würden.
Ende Oktober veranstaltet ihr das dreitägige Sound Metaphors Festival im Berghain, das musikalisch ein breites Spektrum abdeckt. Was ermöglicht euch dieses Format und wie ist das internationale Line-up entstanden?
Nemo: Wir sind mit den Möglichkeiten einer normalen Freitagnacht an Grenzen gestoßen. Manche Musik zwischen House, Techno und Disco passt nicht unbedingt in eine klassische Clubnacht. Deshalb widmen wir Mittwoch und Donnerstag stärker Ambient und experimenteller Musik. Der Iraner Mohammad Reza Mortazavi ist beispielsweise ein außergewöhnlicher Perkussionist: Er spielt mit den Händen auf Trommeln, und das Ergebnis kann sich beinahe wie Techno anfühlen, obwohl es akustisch entsteht. Grand River aus Italien produzieren bemerkenswerten konzeptuellen Ambient. Das Festival gibt uns die Möglichkeit, mehr Live-Musik, unterschiedliche musikalische Richtungen und weitere Räume einzubeziehen. Auch das Line-up ist international geworden, ohne dass wir das von Anfang an unbedingt geplant hatten. Einige Künstler:innen reisen aus dem Ausland an, darunter Jonathan Fitoussi aus Frankreich, Timnah aus der Schweiz, Robert Leiner aus Schweden, Sunju Hargun aus Thailand, Aba Shanti-I und Jane Fitz aus England, Z@p aus Uruguay.
David: Das Line-up entsteht oft aus persönlichen Verbindungen. Daphni aus Kanada ist eine Legende – 2015 liefen seine Tracks ständig in der Panorama Bar. Ihn jetzt einzuladen, ist etwas Besonderes. Hitomi aus Japan lebt in Berlin und ist mit unserem Laden befreundet. Schön ist auch, wenn DJs, die regelmäßig bei uns Platten kaufen, irgendwann selbst auf unseren Veranstaltungen spielen. Viele dieser Verbindungen entstehen direkt im Umfeld des Shops.
Was sollen die Besucher:innen beim Festival erleben, das eine gewöhnliche Berghain-Nacht nicht bietet?
David: Sie hören Musik, die in Berlin nicht oft gespielt wird, und erleben Künstler wie Mark Ernestus, der ein Amapiano-Set spielt, oder Aba Shanti-I, der in diesem besonderen Rahmen Dub auflegt. Wir wollen den Club aus einer anderen Perspektive zeigen.
Nemo: Das haben wir bei Suzanne Ciani erlebt. Sie ist eine wichtige Künstlerin der elektronischen Musik. Als sie bei uns spielte, war das Berghain so voll wie an einem gewöhnlichen Sonntagabend – nur waren plötzlich alle still und hörten Ambient-Musik, statt zu tanzen. Das war beinahe surreal.
Ihr habt mit Sound Metaphors bereits einige Meilensteine erreicht. Was wünscht ihr euch für die nächsten zehn Jahre?
Nemo: Diesen Sommer hatten wir bereits eine Veranstaltung in London. Wir würden das Festival gern auch in anderen Städten veranstalten – etwa New York. Tokio wäre ebenfalls spannend.
David: (lacht) Hoffentlich gibt es uns dann noch. Angesichts der wirtschaftlichen Lage ist das nicht selbstverständlich. Am Ende geht es darum: Musik von Künstler:innen zu veröffentlichen, die wir mögen, und Menschen zusammenzubringen. Dazu wollen wir das Format international weiterentwickeln. Vielleicht heißt es irgendwann tatsächlich: Sound Metaphors kommt in eine Stadt in deiner Nähe (lacht).
