Niklas Schenker über die Pläne der Linken zur Clubkultur: „Bezahlbare Mieten sind auch ein Konjunkturprogramm für die Clubkultur“

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Die Linke erzielt in Berlin ein spektakuläres Wahlergebnis und Elif Eralp ist als neue, starke Figur an der Spitze. Auch für die Berliner Clubkultur könnte der Wahlausgang neue Perspektiven eröffnen, schließlich teilt die Partei mit ihrem starken Inklusionsanspruch die Werte der Clubkultur unmittelbarer als die anderen großen Parteien. Andererseits sind in Zeiten knapper Kassen die Spielräume überschaubar. Im Gespräch mit GROOVE-Autorin Madu Abeysekera spricht Niklas Schenker, Sprecher der Linksfraktion für Clubkultur, über die Zukunft der Clubs unter einer möglichen Regierungsbeteiligung seiner Partei. 

GROOVE: Du bist in Berlin geboren und aufgewachsen. Welche Rolle spielt das Nachtleben für dich persönlich?

Niklas Schenker: Ausgehen und Clubbesuche gehörten schon sehr früh zu meinen Interessen. Um mein 18. Lebensjahr herum war ich eigentlich jedes Wochenende unterwegs. Mittlerweile gehe ich vielleicht alle sechs Wochen feiern. Das hat sicher auch mit meinem Beruf zu tun.

Du bist seit fünf Jahren Abgeordneter und Sprecher für Clubkultur. Wie hat sich dein Blick auf das Nachtleben dadurch verändert?

Wenn man in Clubs unterwegs ist, schaut man schon mit anderen Augen darauf. Ich bin mit der Clubcommission und Clubbetreibenden im Austausch und dadurch sind mir die aktuellen Herausforderungen der Berliner Clubkultur bewusst. Gleichzeitig war ich vor ungefähr 15 Jahren zum ersten Mal in einem Club und habe deshalb ein starkes Gefühl dafür, wie sehr sich die Berliner Clubkultur verändert hat. 

An was denkst du da? 

Vor 15 Jahren konnte man für fünf Euro zu einer sehr guten Party gehen. Heute ist es durch Inflation, Energiepreiskrise und explodierende Gewerbemieten viel schwieriger geworden, mit einem kleinen Geldbeutel feiern zu gehen. Viele Menschen müssen sich inzwischen entscheiden, ob sie sich einen Clubbesuch leisten können oder stattdessen einmal richtig gut im Supermarkt einkaufen.

Gleichzeitig war es vor 15 Jahren einfacher, schnell etwas zu eröffnen. Heute stehen selbst alteingesessene Institutionen des Berliner Nachtlebens unter enormem Druck.

Was macht die Berliner Clubkultur trotz dieser Entwicklungen so besonders?

Die Berliner Clubkultur ist auch deshalb so wichtig, weil sie ein Gefühl von Freiheit ausdrückt. Berlin ist schon immer eine Stadt der Migration gewesen und gerade im Nachtleben gibt es eine Vielfalt, die es aus meiner Sicht sonst nirgendwo in Deutschland in dieser Form gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Angebote, Safer Spaces für verschiedene Communities und die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen. Für viele ist es auch eine besondere Erfahrung, dass es hier keine Sperrstunde gibt.

Was muss die Politik tun, damit Clubs nicht von Investor:innen und für kommerzielle Nutzungen verdrängt werden?

Eine entscheidende Maßnahme wäre ein Gewerbemietendeckel. Die Gewerbemieten explodieren und setzen viele Clubs unter Druck. Das kann man allerdings nur auf Bundesebene regeln.

Auf Berliner Ebene brauchen wir eine Spielstättenförderung, ähnlich wie bei anderen Kulturinstitutionen. Gerade Clubs mit einem besonders kuratierten Programm, Demokratiearbeit oder Angeboten für bestimmte Communities sollten finanzielle Unterstützung des Landes erhalten.

Der dritte Punkt ist die planungsrechtliche Sicherung von Clubs. Wir müssen stärker darüber sprechen, wem der Boden gehört und welche Flächen für Club- und Kulturnutzung vorgesehen sind. Gerade auf landeseigenen Flächen sollte Clubkultur stärker gefördert werden.

Wie können die drei Punkte konkret umgesetzt werden?

Zum einen müssen wir im Landeshaushalt für eine Spielstättenförderung kämpfen. Zum anderen müssen wir mit der BIM [Verwaltung der landeseigenen Liegenschaften, d. Red.] und den Bezirken stärker darüber sprechen, wie bezirks- und landeseigene Flächen für Clubkultur gesichert werden können. Viele planungsrechtliche Fragen liegen auf Bezirksebene. Deshalb wünsche ich mir einen regelmäßigen Austausch zwischen Land und Bezirken über aktuelle clubpolitische Fragen.

Gleichzeitig müssen wir auch darüber nachdenken, wo neue Clubflächen entstehen können. Berlin hat inzwischen rund zwei Millionen Quadratmeter Büro-Leerstand. Natürlich sollte man diese auch in Wohnräume umwandeln, aber man sollte ebenso prüfen, wo eine zumindest temporäre Nutzung für Clubkultur möglich ist. Es braucht beides: Die bestehenden Clubs müssen geschützt werden und gleichzeitig müssen Möglichkeiten für neue Clubs entstehen.

Stichwort Wohnraum: Du bist auch Sprecher für Wohnen und Mieten. Wie lässt sich der Konflikt zwischen Wohnraum und Clubkultur lösen?

Bezahlbare Mieten sind auch ein Konjunkturprogramm für die Clubkultur. Wenn ich weniger Geld an meinen Vermieter überweisen muss, bleibt mehr übrig, um in einen Club zu gehen.

Natürlich gibt es auch legitime Interessen von Anwohner:innen, in Ruhe leben zu können. Berlin ist aber auch eine Großstadt, die von Kultur lebt. Deshalb wollen wir den Schallschutzfonds weiter fördern und möglichst aufstocken.

Ganz grundsätzlich ist für mich das Prinzip „Agent of Change“ entscheidend: Wenn neue Wohnungen an eine bestehende Clubkultur-Nutzung heranrücken, muss die neue Wohnbebauung sicherstellen, dass der Club nicht gefährdet wird. Es darf nicht automatisch heißen: Hier werden Wohnungen gebaut, also muss der Club weichen. Wir brauchen Wohnungen, aber die Stadt lebt nicht nur davon, dass wir wohnen und arbeiten. Wir wollen auch leben – und dazu gehört für viele Menschen Kultur.

Du hast bereits 2022 in einem Panel vorgeschlagen, dass neue Bauprojekte neben Clubs für die Lärmschutz-Kosten aufkommen sollten. Wie ist die heutige Entwicklung dazu?

Da stehe ich heute noch zu. Dort, wo auf Bezirksebene neues Baurecht geschaffen wird, sollten wir Investor:innen dazu verpflichten, einen großen Anteil der notwendigen Lärmschutzmaßnahmen zu finanzieren. Clubs brauchen Planungssicherheit, damit sie investieren können und wissen, dass ihre Nutzung auch langfristig gesichert ist.

Hinter den Club-Kulissen arbeiten Tausende Menschen – von Türsteher:innen über Barpersonal bis zu Licht- und Tontechniker:innen. Wie kann das Land Berlin dazu beitragen, dass Nachtarbeit fairer, sicherer und psychisch weniger belastend wird?

Das Thema ist aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren etwas unterbelichtet geblieben. Viele Menschen arbeiten unter schwierigen Bedingungen in der Clubkultur, und es gibt auch Ausbeutung.

Deshalb braucht es bessere Anlaufstellen, Beratung und unabhängige Stellen, bei denen sich Beschäftigte beschweren können. Ich würde mir außerdem mehr gewerkschaftliche Organisation und Betriebsräte in größeren Clubs wünschen.

Die Clubcommission ist hier ein großer Vorteil, weil sie bereits ein starker Interessenverband der Clubs ist. Das Land Berlin könnte dort gezielt Projekte fördern, die gute Arbeitsbedingungen fördern.

Ebenso ist das Nachtleben von Diskriminierung und Belästigung geprägt. Welche Strukturen braucht es gegen Rassismus und Sexismus in der Szene?

Die Awareness Academy der Clubcommission ist bereits ein sehr gutes Format und wird von der zuständigen Senatsverwaltung gefördert. Dieses Angebot sollte weiter ausgebaut werden.

Gleichzeitig braucht es nicht nur Prävention. Es muss auch Möglichkeiten geben, Vorfälle zu melden und Konsequenzen für diskriminierendes oder grenzüberschreitendes Verhalten zu schaffen. Mein Wunschbild wäre, dass kein Club und keine Party in Berlin ohne ein gutes Awareness-Konzept stattfinden.

Die Linke hat bei der Wahl fast 26 Prozent erreicht und wurde besonders stark von jungen Menschen gewählt. Was bedeutet dieser Erfolg für eure Clubpolitik?

Die wenigsten von uns hätten mit so einem fulminanten Wahlergebnis gerechnet. Es ist ein starker Ausdruck dessen, was gerade in verschiedenen Metropolen auf der ganzen Welt passiert. Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, insbesondere junge Menschen, die die alltäglichen Krisen nicht mehr einfach so hinnehmen.

Ganz ähnlich war es in New York, wo Zohran Mamdani zum Bürgermeister gewählt wurde und die Bezahlbarkeit des Lebens sehr stark in den Vordergrund gestellt hat. Auch wir haben gesagt: Miete, Bus und Bahn, aber eben auch ein Clubbesuch und Wohnen müssen für alle Menschen in dieser Stadt bezahlbar sein.

Wir sind sehr demütig angesichts dieses starken Wahlergebnisses und der Tatsache, dass uns so viele Menschen ihr Vertrauen geschenkt haben. Gleichzeitig sind die Ausgangsbedingungen natürlich nicht ganz einfach. Wir können nicht allein regieren und müssen schauen, wie wir uns mit SPD und Grünen zusammenfinden. Dazu kommt die angespannte Haushaltslage. Wir werden deshalb starke Prioritäten setzen müssen.

Aber erst mal bin ich immer noch begeistert davon, wie wir das geschafft haben und dass wir so vielen Menschen Vertrauen geben konnten. Wir werden Berlin nur zu der Stadt machen, die wir alle verdienen, wenn wir auch gemeinsam weiter daran arbeiten.

Im Wahlkampf schrieben sich die Parteien die Sicherung der Clubkultur ganz groß auf die Fahne. Die CDU hat die Clubkultur in der Vergangenheit bereits stärker auf ihre politische Agenda gesetzt und verhalf mit der SPD etwa zum Erhalt der Alten Münze. Wie kann Die Linke nachlegen?

Mit Ausnahme der AfD würden vermutlich grundsätzlich alle Parteien sagen, dass Clubkultur ein schützenswertes Gut ist. Der zentrale Unterschied ist für mich aber der Zugang: Die CDU betrachtet Clubs vor allem als Wirtschaftsunternehmen und als Teil der Kulturwirtschaft.

Für uns geht es stärker um Communities, Freiräume und besonders schützenswerte Orte. Auch Fragen wie Awareness spielen eine größere Rolle. Und wir stellen uns klar auf die Seite der Mieterinnen und Mieter und gegen Investor:innen, wenn diese hier vor allem Geld verdienen wollen. Wir werden deshalb anders als die CDU in Konflikt mit privaten Investor:innen gehen.

Wenn wir in zwei Jahren noch einmal sprechen: Woran würdest du erkennen, dass ihr die Berliner Clubkultur tatsächlich spürbar gestärkt habt?

Ich würde mir wünschen, dass wir dann einen Gewerbemietendeckel auf Bundesebene vorangebracht, in Berlin eine Spielstättenförderung für Clubs eingeführt und bei Awareness-Strukturen und guten Arbeitsbedingungen Fortschritte gemacht haben.

Und dass wir auf landeseigenen Flächen, zum Beispiel im alten Flughafen Tempelhof im Hangargebäude, aber auch an anderen Orten, Modellprojekte für neue Clubs geschaffen haben.

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