Motherboard: September 2026

Die Arbeit der Imagination. Die Norwegerin Carmen Villain überlässt es zunehmend der Vorstellungskraft ihrer Hörer:innen, die Lücken zu füllen, den geisterhaften Melodie- und Erinnerungsfetzen nachzugehen, aus den herumschwirrenden Fragmenten die Tracks zu rekonstruieren, die in ihnen angelegt sind, und die Songs, die sie vielleicht einmal waren, mit der je eigenen Kreativität zu vollenden. Wie sich auf der im Frühsommer veröffentlichten, limitierten Vinyl-Only EP Holding A Shape schon ankündigte, abstrahiert Carmen Hillestadt (so ihr bürgerlicher Name) auf Memoria (Smalltown Supersound, 4. September), was von Electronica, Techno und Pop noch als ferne Erinnerung präsent bleibt in reduzierteste Dub-Schleifen – meist eingebettet in zarte Ambient- oder Drone-Flächen. Minimalismus als Idee wird also durchaus pragmatisch angesehen. Er findet eine eher üppig orchestrierte Praxis, die so gar nichts mit skelettalem Minimal-Techno oder Abstrakt-Dub zu tun hat. Es ist eine anregende Bastelvorlage für die sonische Fantasie. Traumarbeit statt Traumaarbeit.

Katharsis ist offensichtlich immer noch ein Ding, erreicht und berührt nicht wenige. Mit langformatigen Stücken wie „Ingrid” oder „Thankful”, sich jeweils kompromisslos in derbem Noise selbstzerstörende und rekonstruierend sich wiederfindende Streicherelegien hat die Schwedin Klara Lewis ein Publikum weit jenseits der Harsh-Noise-Szene gefunden, wird aber selbst von deren dogmatischeren Protagonist:innen definitiv respektiert. Autodestruktive Film- und Klassiksamples, die zerfledderten Fetzengeister der Erinnerung an Popsong-Schmacht zeichnet auch Lewis Opening (Editions Mego, 4. September) aus. Ein wenig hat sich ihre Methode aber doch verändert. Die Klangfragmente sind öfter rhythmisiert, pulsieren mehr als zu schreddern. Eine Bewegung zurück zu den Wurzeln ihrer Musik in Industrial und Postpunk, zugleich eine Öffnung, ein Aufbruch zu neuen Ufern. Lewis gelingt es jedenfalls spielend, ihre Klangwelt stetig zu erneuern und in einer faszinierenden Schwebe zu halten zwischen der Freude an konkreter Zerstörung und flüchtiger Schönheit.   

Der Gitarrist und Beatmacher Motohiro Nakashima aus dem dörflichen Umland von Hiroshima ist seit den frühen Neunzigern aktiv, aber eine der leisen, unaufdringlichen Stimmen in Japans Musikszene. Dabei macht er doch ungefähr die zartfreundlich schönste vorstellbare Musik. Erst recht seit er (nun auch schon knapp zwanzig Jahre) ganz auf Beats verzichtet und zwischen Ambient, Neoklassik, Lounge und Jazz liegende Stücke produziert, die nichts beweisen müssen; die vor allem anderen ganz und gar in sich ruhen, die Stille und Introspektion in schimmernde Eleganz übersetzen. Sein sechstes Album Sea Of Thought (FLAU, 12. August), das dritte für das immer stilsichere Label, spielt die wohldurchdachte Balance zwischen elektronischen und akustischen Soundelementen souveräner aus denn je. Der schon immer vorhandene aber hier noch einmal intensiver spürbare tiefe Humanismus, die innere Wärme dieser Musik – sie bleiben einzigartig.

Der eklektische Collage-Sound des von Manchester und Berlin aus agierenden Duos aus Joshua Tarelle Reid und Joshua Inyang alias Space Afrika hat in der sehr überschaubaren Menge an Veröffentlichungen der letzten sechs Jahre doch eine erstaunliche Breitenwirkung gezeigt. Vielleicht weil sie immer ein Gespür für genau die richtigen Kollaborationen (mit Brit-Rap Outsidern Rainy Miller, Blackhaine oder Producer Florence Sinclair) demonstriert haben, vielleicht weil sie die Balance zwischen interessant und fordernd jederzeit präzise zu halten wussten und dabei eine bewusst selbstbewusste Definition von Ambient gefunden haben, die ziemlich einzigartig dasteht. Ihr, je nach Zählweise, circa drittes Album Quiet Storm (DAIS, 25. September) kommt daher in aller ausgebreiteten Stille als breitbeiniges Statement daher, das mehr als je zuvor den Geist der Kollaboration atme – etwa mit Collage-Noise-Genie Klein, der ätherischen Vokalist:in Alto Aria, oder der französischen Sopranistin Axelle Fanyo. Einkehr und Innerlichkeit, Ruhe und Konzentration aus urbaner Hektik, postindustriellen Medien-Stress und dem Zuviel von vielem.  

Im Sommer erschienen, doch wie für die erste abendliche herbstliche Abkühlung gemacht, oder einfach nur britisch unterkühlt? Zwei raumgreifende wie spannende Vorstellungen von Wechselwirkung und Kollaborationen bringen die saisonalen Schwankungen in Stimmung und Charakter auf den Punkt. Zudem wollen sie mehr sein als Labelsampler oder Artist-Showcase, nicht umsonst wird in einem Fall sogar das ganz große Wort vom Gesamtkunstwerk geschwungen. Mit dem britischen „Life is Beautiful” Label-und-mehr Betreiber, DJ und Sound-Collagist aloisius als Kristallisationskeim kommt Veneration for the Sacred Action (Life is Beautiful Records, 17. Juli) als massive Triple-LP um ein Septet von meist Londoner Kernkünstler:innen, erweitert mit nochmal doppelt so vielen Mitspieler:innen aus aller Welt. 

Das Bristoler Äquivalent zu dieser Ansammlung von Talent und diversen miteineinander interagierenden, verwobenen Stimmen ist das Young Echo Kollektiv, in dessen Dunstkreis das Label Do You Have Peace? wächst und gedeiht mit dem etwas weniger umfangreichen, aber nicht weniger variantenreichen On Forgetting What They Taught Us (Do You Have Peace?, 21. Juni). Inhaltlich dann eben drei mal alles zwischen Outsider-Grime, Melo-Trap, Trip-Hop, Experimental-R’n’B, Math-Rock, Shoegaze, Folkpop und Ambient – im avanciert verwaschenen, verwunschen-psychedelischen Soundgewand der jüngsten Generation britischer Elektroniker:innen, die – was Stil wie Inhalte betrifft – so befreit aufspielen können wie noch keine Alterskohorte vor ihnen. Und sie nutzen diese Freiheit, mit allen Nebeneffekten, eben auch wie niemand zuvor.

Dass aus Bristol nicht nur regenfeuchte Melancholie über schlafwandelnden Beats kommen kann, ist schon irgendwie klar. Deftig frischer Postpunk mit knarzendem Bass, quietschender Gitarre, progigen Stop-and-Go-Rhythmen und nölig raspelnder Stimme zwischen Bonnie Tyler und Suzi Quatro? Bei Grandmas House klingt das wie gestern erfunden und morgen im analogen Fernsehen. Baby You’re A Winner (Brace Yourself Records, 21. August), Albumdebüt des Bristoler Quartetts, spart jedenfalls nicht mit Hooks und grungy Riffs, kann aber eben doch das klitzekleine bisschen mehr, das den Unterschied macht zum Standard-Garagenrock, wie ihn jede Generation immer wieder retroaktiv erfindet. Vielleicht doch der Einfluss der Stadt, der Szene von Bristol?

In Optik und Attitüde kommt Olafur Mowa rüber wie eine semi-postironische Gen-Z-Reinkarnation der Fuchsschwanz-Moped-Post-Teds und goldbezahnten Spät-Folkpunks, wie sie in den mittleren Achtzigern der Speckgürtel deutscher Groß- und Mittelstädte wohlbehütet aufgewachsen sind. Musikalisch ist er allerdings dann doch klar im Heute-Hier verankert, schon in der Offenheit für Elektronisches, Leises und Zartes. Also ein durchwegs modernes Befindlichkeits-Spektrum mit dem notwendig richtigen Maß an Verletzlichkeit und Rotzigkeit, Introversion und Rave-Hedonismus. Fühl ich.

Der belgische Sound-Artist Maxime Denuc beschwört mit Hilfe einer ferngesteuerten Orgel den Hedonismus einer Sommernacht in einem mittelitalienischen Strandclub der frühen Neunziger. Club Imperiale (Light-Years, 11. September) gibt eine nostalgiefreie Reminiszenz an eine Zeit, in der elektronische Tanzmusik noch nicht sortenrein nach Szenen abgetrennt war und Cosmic, Italo-Disco, Eurotrance, Acid-House und Techno noch zusammen gehören durften. Die grundsätzlichen Einschränkungen der Orgel (etwa die Abwesenheit von Beats) und die erweiterten Möglichkeiten, manuell Unspielbares elektromechanisch umsetzen zu können – was sich aus der musikalischen Programmierung des Instruments mit MIDI-Protokollen ergibt – spannen einen weiten Raum auf, in dem sich eine ekstatische wie melancholische Rave-Euphorie ausleben lässt, mit Arme-in-die-Luft-Momenten wie mit zarter Sentimentalität. Das sind genau die Art von Tracks („Fantas” von Caterina Barbieri gehört in dieselbe Kategorie), die unbedingt in einem Club laufen müssten, zum Warm-up und Chill-out, oder sogar für einen ganz speziellen Peaktime-Moment, es aber praktisch nirgends mehr tun.   

Den New Yorker Producer Anthony Baldino hat es nach Los Angeles verschlagen, wo er seit geraumer Zeit für Hollywood arbeitet und zuletzt etwa das Sounddesign der Megablockbuster The Odyssey und Wakanda Forever verantwortete. Privat bastelt er dagegen an beeindruckend dichten und gewittrig zukunftsschwere Sounds zwischen Power-Noise, Dark-Ambient und Dreampunk. Auf seinem zweiten Soloalbum CONVEYOR (BL_K, 18. September) verbinden sich diese disparaten Elemente, die alle eine gewisse Schwere und sonische Ausweglosigkeit verbindet, zu einem Klangtrip von der Vorahnung des Todes zum ewigen Leben. Und all das mit einem gewissen Blade-Runner-Vibe, was natürlich nie falsch ist. Bei Baldino wirkt dieser sogar noch etwas dystopischer und lichtärmer als im Klangrepertoire durchaus ziemlich düsteren Vorbilds von Vangelis. Wobei es dort in aller Katharsis und Melancholie ebenfalls Momente der Leichtigkeit und Hoffnung gibt. Dass es von einem Vollprofi wie Baldino produktionell und klanglich perfekt umgesetzt ist, überrascht nicht. Schon eher, wie emotional klug und variabel die Sounds in aller neonbeleuchteten Regenschwere doch sind. 

Der Brite David Norland ist ebenfalls in Los Angeles ansässig und preisgekrönt für Soundtracks und Sounddesign von Serien und Filmen. Als Komponist und Keyboarder zieht er auf La Source (Denovali, 7. August), seinem zweiten Album abseits von Bildschirm und Leinwand, Inspiration aus klassischen und modernen Chorälen, dem Orgelpuls der Minimal Music von Philip Glass oder Michael Nyman und einem loungejazzigen Piano. Eine durchaus eklektische aber unmittelbar stimmige, ungezwungen zusammenfließende Mischung, unter die sich noch elegant produzierte Streicher- und Bläserflächen einbringen dürfen. Hin und wieder schleicht sogar ein gerader Beat durch die Stücke. Dass die aufwendigen Arrangements in den recht kurzen Stücken nie überladen wirken, ist wohl die größte Kunstfertigkeit dieser Produktion. Trotz allem orchestralen Druck sind die Stücke nämlich wunderbar leicht und fließend. Es ist letztlich bei allem offensichtlichen Anspruch, in aller produktionstechnischen Raffinesse, eben auch sehr schöne Pop-Electronica mit feiner Ambient-Textur.

Noch einer, den das Leben und die Arbeit nach Los Angeles geführt hat, ist der klassisch ausgebildete Cellist Patrick Belaga, dort tätig als Musiker, Produzent und Soundtrack-Komponist. Sein wiederum zweites Album Solar Calf (PAN, 31. Juli) führt das Musikmachen dies- und jenseits des (gar nicht mal so) profanen Tagwerks in noch mal andere Gefilde des abstrahiert analogen Game-Scores als DIY-Minimal Music. Eigentlich eine ganz einfache und naheliegende Idee und Fragestellung: Wie würde sich die 8-Bit-Begleitmusik klassischer Arcade-Games wie Super Mario anhören, wenn sie nicht digital synthetisiert worden wäre sondern mit akustischen Instrumenten eingespielt, aufwendig manuell-analog sequenziert und sorgfältig arrangiert als orchestral geschichteter Minimal-Puls. Belagas Antwort liegt im weder/noch der Ausgangspunkte, eben nicht die Schnittmenge von Riley/Glass/Reich mit Kondo/Tanaka/Kaneoka. Es ist tatsächlich etwas Spannendes, Neues und Eigenes, das hier entstanden ist – eine Art vollakustischer IDM-Braindance-Electronica.

Die sogenannte Neoklassik kann heute alles Mögliche sein, von strenger Neuer Kammermusik über kitschige Piano-Etüden zu Minimal-Puls zu Techno-Derivaten mit appliziertem Streicherteppich. Sich in dieser Vielfalt an eingeschränkten Möglichkeiten eine gewisse Eigenheit und Erkennbarkeit zu erarbeiten, ist gar nicht so einfach. Dem französischen Cellisten Gaspar Claus gelang es von Beginn an ziemlich gut. Er setzt auf den Klang seines Instruments in digitaler Bearbeitung und Vervielfachung, aber auf eine Art und Weise, die die originale Akustik, die Handarbeit, das Holz noch durchklingen lässt. Neben und nach einigen Soundtracks, die Claus mit seiner spezifischen Mischung aus Pathos und Zurückhaltung vertonte, ist Cells (Infiné, 25. September) tatsächlich erst sein zweites reguläres Album. Eines, das formal als Soloalbum deklariert doch von Kollaboration lebt, vor allem mit dem Elektroniker Basile3, der als Produzent den Sound des Albums subtil mitprägte. Was Neoklassik im besten Sinne ausmacht, die Freiheit in der Limitierung, das Neue im Altbewährten herauszukitzeln, zeichnet Claus’ Album in besonderem Maße aus.   

Die warme, introvertierte Psychedelik von Acid-Folk hat seit den sechziger Jahren immer wieder Ausprägungen gefunden, die mehr mit (Proto-)Ambient oder Kammermusik zu tun haben als mit dem Rock- oder Pop-Mainstream ihrer Zeit. Deshalb wirken sie oft singulär und aus der Zeit gefallen. Diese sprichwörtliche Außenseiter-Musik, die nicht um Aufmerksamkeit heischt, der Klicks und Likes egal sind, es gibt sie immer noch, vielleicht sogar mehr denn je – für alle, die bereit sind zuzuhören, wenn es leise wird. Der minimal elektronisch angeschliffene Avant-Piano-Pop der Brooklynerin Frances Chang ist ein besonders feines Beispiel. Ihr drittes Langalbum Been thinking bout confession (RVNG Intl., 21. August) drängt sich nie auf, spielt zwischen kuscheliger Jazz-Lounge und Sound-Art-Galerie, fühlt sich aber in beiden Kategorien nicht so wohl, dass es zu Kurzschlüssen kommen würde. Diese Musik mag von edgy Art-Punk ebenso weit entfernt sein wie von den hochglanzpolierten und trendoptimierten Social-Media-Wunderkindern, kann aber gerade deswegen wie selbstverständlich Burt Bacharach und Dionne Warwick zum Vorbild nehmen und gegenüber diesen locker bestehen. Geniale Outsider-Musik eben.   

Die Australierin Merryn Jeann hat die Gestik der Bohème, die Posen der Avantgarde verinnerlicht. Hipsterisch kalkuliert wirkt dennoch nichts an ihrer Performance und Musik. Ihr zweites Album Fear Of The Beauty Parlour (Rescue + Return Records, 18. September) ist tatsächlich viel mehr genuine Außenseiter-Kunst, die Glitch-Electronica als Art-Pop versteht und ihre eigene Seltsamkeit nicht als Gimmick herausstellt, sondern organisch in reichlich geniale Songs umwidmet. Wer noch wehmütig die wundervollen Arbeiten von Anadol & Marie Klock, Dagmar Zuniga oder Astrid Sonne memoriert, kann hier ein neues Zuhause finden.

Régina Demina ist als Anti-Emily nicht weniger als die aktuelle Pariser Multimediakunst-, Performance- und High-Fashion-Ikone. Musik macht sie ebenfalls alle Grenzen sprengend, fest mit der (Post-)Internet-Kultur verwoben und doch darüberhinaus weisend, radikal queer, politisch smart und (selbst-)bewusst. Ihr Debütalbum Mood for Doom (Hise/Régina Demina, September) und die wegweisende SCRT EP (Hise/Régina Demina, 26. Juni) aus dem Frühsommer kombinieren hypermodernen Kuschel-Trap mit feministisch inspiriertem Post-Club als Witch-House-Revival. Elfen-Pop ohne jeden Eskapismus. Die nicht immer märchenhafte, manchmal prekäre, mitunter brutale Realität einer Existenz als Trans-Künstler:in, ist in Régina Deminas Arbeiten (Videos wie Songs) stets präsent. Es macht Mood for Doom zum aktuellsten wie akutesten Pop-Album dieser Tage. 

Hebräischer Crooner-Pop in aufwendig hergestelltem Vintage-Sounddesign – das muss man erst mal bringen (können). Guy Offenbach aus Haifa sucht auf seinem erstaunlichen zweiten Album Lo Amiti (Flirt 99/Fog&Co., 4. September) den größtmöglichen Abstand zu KI-Slop und algorithmisch optimierter Streaming-Oberflächlichkeit. Die modern, digital produzierten und via Bandmaschine analog gedowngradeten Songs beschwören die Chansons einer virtuell erträumten Pop-Welt der fünfziger Jahre, die es definitiv nicht gegeben haben kann, so aber sehr real werden darf. Wundervolle Musik, die in ihrer geisterhaften Imagination weder Ort noch Zeit kennt, aber in der Realität dann eben doch sehr präzise ist, nämlich Haifa, heute. 

Das norwegische Einar Stray Orchestra ist eine dieser freundlich zurückhaltenden, leicht avantgardistischen Indie-Pop Bands, die eine gewisse Neigung zu avancierter Electronica und elektronischer Tanzmusik haben, aber auf ihren Stücken dann doch eher unterschwellig oder gar nicht zu hören ist (die ebenfalls skandinavischen Efterklang bieten sich da als Rollenmodell an). Auf einem Remixalbum, satte fünfzehn Jahre nach Erscheinen des Originals Chiaroscuro, machen sie diese Affinität doch noch explizit. Die Chiaroscuro Variations (Sinnbus, 7. August), Stück für Stück von befreundeten Musikerinnen und Producern gecovert oder remixt, reichen von Electro-Pop Interpretation zu EDM-Tracks, Streichquartett und Speed-Banjo-Überholmanöver. Eine gelungen zusammengestellte Tüte ziemlich Buntes.

Eldritch Priest hat sich in den vergangenen Jahren im schon fortgeschrittenen Lebensalter eine erhöhte Sichtbarkeit erspielt, nicht zuletzt weil seine improvisiert/komponierten Arbeiten für und mit E-Gitarre problemlos an typisch kanadischen Postrock, Drone und Jazz-Fusion andocken können und doch erkennbar sein spezifisches Eigengenre bleiben. Wie weit die Bandbreite des in Vancouver lebenden und lehrenden Gitarristen und Musikforschers tatsächlich ist, demonstrieren gleich zwei aktuelle Veröffentlichungen: Too, So Like Nothing, milde modernistische Klavierstücke, eingespielt vom kanadischen Pianisten Roger Admiral und Somnambulator (beide: Halocline Trance, 21. August) mit dem nach dem französischen Avantgarde-Literaten Raymond Roussel benannten Trio, das mit an sich klassischer Power-Trio-Besetzung (Gitarre, Bass und Schlagzeug) etwas macht, was zwischen Modern Jazz und freier Improvisation spielt, aber vor allem Ruhe und Konzentration ausstrahlt, Stille und Abwesenheit zulässt, was übrigens ebenso für die langformatigen Kompositionen auf „Too, So …” gilt.  

Die EP-Serie SIIIX des Brüsseler Labels Maloca mit dem Den Haager Percussion-Kollektiv HIIIT hat in bislang drei Folgen einen erstaunlich vollständigen Überblick über das geliefert, was aktuell und weltweit an avancierter Beatarbeit dies und jenseits des Clubs möglich ist. Wobei die Slagwerkgroep Den Haag um Frank „Binkbeats” Wienk, die sich hinter dem Alias verbirgt, das perkussive Rohmaterial liefert, welches pro Ausgabe von jeweils sechs Produzent:innen zu Tracks ausgeformt wird. Und diese sind eben mehr als treffsicher aus der zeitgenössischen Schlagzeuger- und Beatschneider-Avantgarde gewählt. Auf der ersten Folge etwa Valentina Magaletti, Julian Sartorius und upsammy, gefolgt von Rrose, Zoë Mc Pherson, Ale Hop. Auf SIIIX Vol. 3 (Maloca 29. Juli) nun ebenso stilsicher wie deftig mit Cutting-Edge-Beat-Artist:innen vorwiegend außereuropäischer Provenienz wie der Chinesin 33EMYBW von SVBKVLT, dem Kenianer Slikback von Hakuna Kulala, dem Jordanier Toumba oder der japanischen Producerin Lemna. 

Die menschliche Stimme und Blasinstrumente haben am meisten miteinander zu tun, wenn sie gegen ihre Intention verwendet werden, wenn Expression und Kommunikation, Ton und Musik zu purem Klang und raspeligem Noise werden. Hinter beiden musikalischen Ausdrucksformen stehen Luftströme und Druck – oder deren Abwesenheit. Mit Aphex Twins Asthma-Klassiker „Ventolin” konnte diese Idee als elektronische Nachbildung sogar populär werden. Die beiden Brooklyner Experimentalisten Ka Baird & Chris Ryan Williams finden einen direkteren Zugang zum Thema. Die explosive Kombination aus der Stimmakrobat:in und Komponist:in Baird und dem Trompeter Williams findet auf Enthalpy (Outside Time, 25. September) einen Ausdruck, der exakt in der Zwischenwelt von Elektroakustik und freier Improvisation spielt, keine Kompromisse macht, was absichtlichen Schönklang angeht, und doch bei radikal körperlichen Hör- und Denkstücken endet, die emotionale Nähe zulassen.

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