Die Platten der Woche mit Farron, Heavee, Marcel Dettmann, Peach und Sexy Lazer & Kaktus Einarsson

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Farron – Human Lanterns (Shaw Cuts)

Oh! Ein neuer Shaw-Brothers-Film im Bahnhofskino-Club deines Vertrauens. Nichts wie rein da! Werden auf der auralen Leinwand doch allerhand Kämpfe ausgefochten. Da breaken die Beats und die mysteriöse Bass-Schlange zittert hypernervös durchs Unterholz. Vier Tracks haben wir hier, bei denen Beat über Bass stolpert und einige musikalische Knochen gebrochen werden. Gefangene werden auf jeden Fall nicht gemacht – wenn Sie verstehen, was ich meine. Denn alles läuft natürlich auf einen finalen Zweikampf in der Pagode am Bass-See hinaus. Wer wird letztlich in dem subfrequenten Tümpel den Kürzeren ziehen? Keine Ahnung, die vier hochagilen Kämpfer, äh, Tracks geben sich eigentlich nichts und powern einfach immer nur nach vorn, bis sich alles in einem riesigen Energie-Blitzball auf dem Dancefloor auflöst. HADOUKEN! Tim Lorenz

Heavee – Mainframe EP (Hyperdub)

Bei Darryl Bunch Jr. alias Heavee bringt die Liebe zu Footwork in der Regel aufs Angenehmste verfrickelte Ansätze hervor. Kurs halten, insbesondere beim Beat, schließt für ihn nicht aus, dass er unterwegs mit Ideen und Überraschungen spielt. Auf seiner Mainframe EP packt er in den ersten Track „What U Need” über den diskret komplex stotternden Rhythmus zwei Stimmensamples im Dauerdialog, die zunächst bloß ein verzerrter Bass verstärkt. In der zweiten Hälfte übernimmt eine tänzelnd schwebende Synthesizermelodie, im Hintergrund setzen träge Akkorde einen Kontrast. Noch mehr Akkorde dieser Art bietet „Work It Out”, dessen Struktur an eine Deep-House-Nummer erinnert, wären da nicht die hektischen Synkopen des Drumcomputers. Nervöses Flirren dann im Titeltrack, dazu ein fast bratzig dräuender Bass als Basis, zwischen die sich immer Passagen mit glockenartiger Perkussion schieben. Am straightesten pumpt zum Abschluss „Chainsmoke” mit Besuch von DJ Manny und DJ Lucky. Tim Caspar Boehme

Marcel Dettmann – My Own Shadow: Faultline (!K7)

Wer an Marcel Dettmann denkt, denkt unweigerlich auch an das Berghain. Kaum ein anderer Künstler verkörpert den Sound Clubs so konsequent wie er. Bereits im Vorgänger-Club OstGut war Dettmann als Resident prägend für eine Ära, lange bevor das Berghain zu einem globalen Mythos wurde. Mit seinem Projekt My Own Shadow erweitert er sein künstlerisches und musikalisches Spektrum: Der Fokus verschiebt sich weg vom reinen Clubsound hin zu einem offeneren, atmosphärischeren Ansatz, der Klang, Stimmung und experimentelle Strukturen stärker in den Mittelpunkt rückt.

Die Faultline EP, erschienen auf !K7, steht unverkennbar für diese Philosophie. „Phase Sequence” eröffnet die EP intensiv und kommt direkt zur Sache: pulsierende Bässe und fein verwobene Texturen stehen in permanentem Austausch. „Hall Of Mirrors” ist ein Track, der mit Gegensätzen spielt. Der Sound bewegt sich zwischen Schwere und Wärme, zwischen Bewegung und Zurückhaltung. „Lower Lodge” wirkt im Vergleich dazu reduziert. Ein Track, der hypnotisch vorantreibt, begleitet von flüchtigen Vocal-Fragmenten, die man beim Hören nur kurz erhascht. Der Titeltrack entfaltet durch repetitive Loops eine beinahe hypnotische Sogwirkung, der man sich beim Hören kaum entziehen kann. Dettmann setzt auf Atmosphäre und lässt bewusst Räume. Rhythmen sind zwar stets präsent, drängen sich jedoch nie in den Vordergrund – die eigentliche Spannung entsteht im Dazwischen. Daniel Böglmüller

Peach – Soak Vol. 1 EP (Mood Hut)

Peach befindet sich auf dem vorläufigen Höhepunkt einer internationalen DJ-Karriere, unterstützt von einer Reihe festivaltauglicher Banger und ihrem ähnlich ambitionierten Umfeld aus Shanti Celeste, Moxie und Saoirse. Spannend also ihr neuer Output auf dem kanadischen Label Mood Hut, das eher für ambienten House, dubby Downtempo und bewusst rauere Texturen steht. Während Peach ihre Karriere nämlich bislang auf hohen BPMs und psychedelisch-kinetischer, oft fast tranciger Energie aufgebaut hat, bewegt sie sich auf Soak Vol. 1 in deutlich tieferes Fahrwasser.

Die Mini-LP entstand nach Reisen durch Japan, Vietnam und die Philippinen und orientiert sich lose an den Bewegungen von Wasser: Strömung statt Peaktime-Dramaturgie, Verdichtung statt Drop. Auslöser war der Besuch in einem Tokioter Badehaus, der Peach dazu brachte, Musik stärker als körperlichen Zustand zu denken. Parallel beschäftigte sie sich mit Cycle Syncing, also der Idee, Energiephasen des eigenen Körpers bewusst wahrzunehmen und sein Leben danach auszurichten, und übertrug dieses Prinzip auf ihre Produktion. Tempo, Dichte und Stimmung folgen hier weniger der Logik des Floors als wechselnden Zuständen von Spannung, Erschöpfung und Ruhe.

Das wiederum passt perfekt zu Mood Hut: die Tracks auf Soak Vol. 1 wirken tatsächlich durchlässig wie Wasserdampf: Field Recordings, tieffrequente Bassläufe und verwaschene Melodien bleiben permanent in Bewegung, ohne sich je ganz aufzulösen. Eine Platte, die zwar den Club nicht ganz verlassen will, aber die sich weniger für Eskalation als für Zustände dazwischen interessiert. Leopold Hutter

Sexy Lazer, Kaktus Einarsson – Salsa Mango (Studio Barnhus)

Zwei Isländer machen eine Platte namens Salsa Mango. Schon an diesem Punkt ist klar: Entweder wird das hier kompletter Quatsch oder ziemlich gut. Die Künstlernamen deuten eher auf kompletten Quatsch hin. Sexy Lazer und Kaktus Einarsson zeigen ihren Hang zur Selbstironie. Da möchte man sich direkt nach dem Schmunzeln ärgern, warum man nicht selbst auf die Namen gekommen ist. Na ja. Auf die Idee mit Salsa Mango kamen allerdings schon andere – meist eher zu Nachos als auf Vinyl. An dieser Stelle auch ein großer Shoutout an die Wikinger, die damals die Seerouten Richtung Amerika erschlossen haben. Sonst wüssten die Isländer schließlich gar nicht, was ihnen bei Mangos entgeht.

Musikalisch steckt in Salsa Mango tatsächlich mehr Salsa als Mango. Wer sich mit afro-kubanischer Musik auskennt, hört vielleicht die angedeutete Clave-Struktur herraus. Vor allem aber dominieren die Percussions: klappernd, rasselnd, schnarrend. Die Bassline bleibt dagegen dumpf im Hintergrund und gibt dem Track eher Tiefe als Druck. Nach und nach schichten sich weitere rhythmische Elemente übereinander, Congas, Bongos, Rasseln, fast so, als würde man einer Latin-Band beim Jam zuhören. Dabei kippt der Track nie in Monotonie. Die Instrumente reagieren vielmehr im Call-and-Response-Modus aufeinander. Es entsteht ein hypnotischer, beinahe ritualhafter Sog, der nicht mitreißt, sondern langsam vor sich herschiebt. Kurz drohen plötzlich auftauchende Synthesizer den Bann zu brechen – Synthesizer, die den Impuls verspüren lassen, sich auf den Boden zu hocken wie vor dem Drop von „Disco Pogo” mit 15 in der Dorfdisco. Aber genau der bleibt aus. Zum Glück. Der Track zieht einfach wieder zurück in seinen Groove.

Der zweite Track trägt den herrlich trockenen Titel „Mango (No Salsa)” und funktioniert wie die entspanntere Schwester des Openers. Die Struktur bleibt ähnlich: dieselbe wummernde Bassline, dieselben angenehm flach schnarrenden Percussions. Allerdings wirkt hier alles etwas luftiger, fast freundlicher – vermutlich, weil die Salsa fehlt. Irgendwann setzt eine Clap auf der Zwei und Vier ein, und plötzlich möchte man mitklatschen wie die erste Reihe beim ZDF-Fernsehgarten. Dabei spielt der Track permanent mit der Erwartung eines großen Höhepunkts, nur um diese im nächsten Moment wieder feixend ins Leere laufen zu lassen. Nach jedem vermeintlichen Build-up beginnt das Spiel einfach von vorn. Und genau darin liegt sein Reiz: Was von außen quatschig wirkt, wird durch musikalisches Know-how aufgefangen und gewinnt gerade dadurch an Substanz. Am Ende bleibt eine Platte, die sich der eigenen Ironie bewusst ist und dadurch erstaunlich viel Spaß macht. Johanna Lühr

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