burger
burger
burger

[REWIND2025]: Die 20 besten Singles des Jahres

Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks REWIND2025. Alle Artikel findet ihr hier.

Was tat sich 2025 im Dance-Music-Kerngeschäft? Wir haben 20 Singles und EPs zusammengetragen, die das Jahr prägten.

Artefakt & Maayan Nidam – Collaborations II (De Stijl)

Diese vier Tracks transzendieren den Dancefloor nicht zufällig, sie lassen ihn ganz bewusst hinter sich. Das niederländische Duo Artefakt und Maayan Nidam pulverisieren mit jedem einzelnen dieser Stücke konventionelle Erwartungen an elektronische Tanzmusik. Collaborations II verströmt die intrinsische Sehnsucht nach Vollendung einer Clubnacht, die spielerische Leichtigkeit des Seins zwischen DJ-Pult und Soundsystem, die Freiheit, trotzdem nirgendwo hinzumüssen – und macht damit mehr richtig als die meisten anderen EPs dieses Jahres. Maximilian Fritz

Bidoben – Torment (Sublunar)

Diese Tracks des Wahlberliners mit marokkanischen Wurzeln bedienen einen zeitlosen Techno-Klassizismus. Dabei gelingt Bidoben das Kunststück, nicht in Stereotypen zu verfallen. Das Drumming ist kleinteilig und funky und erinnert mit den knatternden Hi-Hats an Richie Hawtins Interpretation von Chicago House. Die Basswalze ist breit und flächig, gemahnt damit an US-Akteure wie Tony Rohr oder DVS1. Die flirrenden, psychedelischen Sounds setzt Bidoben angenehm dezent und loopig ein; Pop-Anklänge und ausladende Breaks erspart uns der geschmackssichere Producer mit Truncate- und Clergy-Vergangenheit ebenfalls. Alexis Waltz  

Coco Bryce – I Eleni (Myor)

Bei Myor weiß man nie so genau, was passiert, wenn man auf Play drückt: Mal schlägt einem die volle Jungle-Breitseite entgegen, mal erdröhnt ein Happy-Hardcore-Gestampfe, das den Boden beben lässt. Davon nimmt sich Coco Bryce diesmal eine Auszeit. Also, er fährt halftime – und verrät dabei ganz nebenbei, wo er seinen Sommerurlaub verbracht haben dürfte. In Griechenland. Der musikalische Kühlschrankmagnet, den er uns von der Odyssee mitgebracht hat, ist eine Zwei-Track-EP mit festivem, psychedelischem Folk-Hop. Jakob Senger

DJ Python – i was put on this earth (XL Recordings)

Das X markiert den Punkt, man kommt nicht drumherum, sondern klickt einfach drauf. Und wie der Finger klickt, hat der Kopf schon eine Melodie parat. Wo kommen plötzlich diese Katzengeräusche her und wer ist eigentlich Charly? Dreieinhalb Dekaden später geht das alles etwas bedächtiger zur Sache: Dekonstruierter Reggaeton, tropischer Ambient-Techno und fragmentierte, entrückte Vocals. Als würde Yung Lean einen Gig am Strand in Barbados spielen. In Bermudas und mit leerem Blick: Xanax-Melancholie eben. Das X markiert den Punkt, ich glaube, hier liegt ein kleiner Schatz begraben. Jakob Senger

GiGi FM – Virgo Space Acid (Sea~rène)

Irgendwie vertraut und doch etwas ganz anderes – mit ihrem dritten Release kehrt GiGi FM 2025 mit einer ordentlichen Warehouse-Rave-Platte auf das Label Sea~rène zurück. Die Tracks versetzen zurück in die Hochzeiten von Techno: vorwärtstreibende Drums und musikalische Texturen, die glatt ineinander oder übereinander laufen. Beim Zuhören entsteht eine transzendentale Verbindung zwischen Gehör, Crowd und Tanzfläche. Michael Sarvi

Ilayruni – Reef Stage (Obtuse Swamp)

Wie würden die Alien-Filme wohl aussehen, wäre der Schauplatz nicht im All, sondern auf dem Meeresgrund. Würde man die Nostromo einfach blau anmalen und dem namensgebenden Alien Kiemen und Schuppen verpassen? Das Gute: Der Soundtrack stünde bereits. Die Sonargeräusche tasten sich langsam voran und stoßen auf organisch-transformative Resonanzkörper, umklammernde, algische Texturen und entfremdete, echote Klangfragmente, die irgendwo draußen in der einschnürenden Atemlosigkeit festkleben. Na ja, so klingt das halt, wenn man H.R. Giger Ableton unter den Weihnachtsbaum legt. Jakob Senger

Commodo x Gantz – ITX038 (Ilian Tape)

Wiedervereinigungen sind nie so ganz unkompliziert. Da hat sich ein bisschen was angestaut. Das merkt man nicht nur am Essstisch zu Weihnachten, sondern auch an der Plattenbörse. Gerade wenn man zehn Jahre untergetaucht ist. Kann man dann einfach über Nacht eine Drei-Track-EP rausbringen und so tun, als wäre nichts gewesen. Ja, also Commodo und Gantz können – auch ohne Kahn und nicht mehr auf Deep Medi, aber auf Ilian Tape. Der Sound ist im Vergleich zu damals deutlich industrieller und technoider, dichter und drückender. Der Sub sitzt aber immer noch da, wo er sitzen soll, als hätte man sich erst gestern gesehen. Hach, sie werden so schnell erwachsen. Jakob Senger

Jörn Elling Wuttke – Pan Sonic Youth (Chiwax)

Wer warmen und organischen House haben will, ist bei der EP Pan Sonic Youth von Jörn Elling Wuttke an der falschen Adresse: Hier gibt es gewaltiges White-Noise-Rauschen und Drone-Elemente, um bis in die Morgenstunden durchzutanzen. Eine harte 303-Bassline darf natürlich nicht fehlen, um den typischen Rave-Sound in die Moderne zu holen. Mit „Thee Church Ov Acid House Balearic Mix” ergänzt Wuttke zusammen mit seinem langjährigen Producer-Partner Oliver Bradford die EP um eine 100-BPM-Version. Michael Sarvi

Lb Honne – Brücke (Smallville)

Smallville hat ein starkes Jahr hinter sich. Das Hamburger Label, das an der vielzitierten Schnittstelle zwischen Deep- und Tech-House operiert, schob im Dezember noch flugs dieses Goldstück von einer EP von Lb Honne nach. Der Titeltrack beginnt wie Delano Smiths „Wires” und lässt anschließend gedankenverlorene Vocals wie in Photeks „Glamourama” in den Mix. Die Vocals in „Deeper” hingegen prägen ihre ganz eigene Melodie – und formulieren im Zusammenspiel mit dem genügsamen Beat jenen Tiefgang in der elektronischen Tanzmusik aus, der dieses Jahr wieder Konjunktur hatte: Reduziert, selbstvergessen, behutsam. Maximilian Fritz

LNS & DJ Sotofett – Globus Trax (Tresor)

Die Tresor-Residents LNS und DJ Sotofett haben sich mal wieder zusammengerauft und präsentieren uns ihren dritten Release auf dem Label ihrer Heimspielstätte. Die EP ist ein breiter Querschnitt der Rave -Culture. Von Garage über Techno bis House: alles mit drin! Basis der Produktionen ist das raffinierte Drumwork einer 909 und keine sich wiederholenden Bullshit-Rhythmiken. Absolute Kaufempfehlung für die digitale oder analoge Plattentasche. Michael Sarvi

Nachtwaker – Pleistocene Future 10 (Pleistocene Future)

Jedes Jahr suchen wir hier wieder Techno-Platten aus, die das Jahr auf die eine oder andere Weise definiert haben. Und jedes Jahr klingen sie zumindest artverwandt, weil: Techno. Nachtwaker, nicht zu verwechseln mit seinem niederländischen Landsmann und House-Pendant Nachtbraker, präsentiert hier seine zeitlose Herangehensweise ans komplizierte Feld des Bleep Techno. Ziseliert wie ehedem Struktur, und dennoch auf die Wesentlichkeiten fokussiert: Groove, Bassline, Rhythmus, wohlklingende, formvollendete Funktion. Maximilian Fritz

Ploy – The Flirt EP (Faith Beat)

„Flirt” von Ploy ist einer der großen Smasher des vergangenen Jahres. Der Breakbeat-Vordenker zeigt sich hier als Schöpfer rasanter und augenzwinkernder Clubtracks. Die Formel des Briten ist so einfach wie effektiv: gradlinige House-Tracks unterfüttert Sam Smith mit agilen, derb herausmodulierten Basslines, die an Mathew Dears Audion-Phase erinnern. Das Kunststück ist nun, dass die fünf Nummern alles andere als brachial rüberkommen, sondern so sinnlich und humorvoll wie klassischer Vocal-House von Frankie Knuckles oder Blake Baxter. Alexis Waltz   

Relay For Death – Mutual Consuming (The Helen Scarsdale Agency)

Immer wieder mal schön: kein Techno. Als Süchtlersubstitut verschreibt man sich natürlich was Leichtes, das heißt: siebzehnminütiges Nachdenken in allen Frequenzlagen. Also quasi der Feiertagssoundtrack für die ganze kaputte Familie. Die Schwestern von relay for death haben das in diesem Jahr ganz gut hinbekommen. Mutual Consuming ist auf einer Seite: tiefes Loch ausheben. Und auf der anderen Seite: noch ein bisschen tiefer machen. Am Ende gelingt der Durchbruch. Auf der anderen Seite: hoffentlich kein Techno. Christoph Benkeser

Rosati, Steffi – Memory Zero (Dolly)

Kaum jemand trifft wie Steffi zwischen Techno, House, Electro und Pop einen bestimmten Ton, der sämtliche Stilrichtungen gleichermaßen gerecht wird. Der subtile Drive dieser mit Rosati produzierten Tracks speist sich aus den Spannungen zwischen den verschiedenen Genre-Welten. „Bring The Beat” etwa verbindet aufpeitschenden Oldschool-House mit irrealen Soundscapes. „Minor Slider” verschmilzt dubbige und detroitige Klänge, „Big Rooms” versucht eben diesen rohe Unberechenbarkeit einzuhauchen – und „Memory Zero” kontrastiert poppige Getriebenheit mit dubbigen Fluff. Alexis Waltz  

Sarah Sommers – VIVID (BPitch Control)

Pink, Pink und noch mehr Pink — das sind die ersten Farbeindrücke, die hochkommen, wenn man an Sarah Sommers denkt. Wer nun soften Wohlfühl-Electro im Kopf hat, liegt falsch: Die Klangfarbe von Sarah Sommers ist eher kalt als warm. Rohe Energie in Form von Kick und Bassline stößt auf Synths, die mit ihrer Quirkiness wie Rufe eines Aliens klingen. Der Ruf verlangt nach geballter Oldschool-Rave-Ästhetik – das überrascht nicht, denn die Radiowellen aus den Neunzigern sind erst vor Kurzem auf ihrem Heimatplaneten angekommen. Michael Sarvi

Serenda – Second Skin (Rhythm Section International)

Man hört das. In London. Oder in der Vorstellung davon, während man in Berlin-Mitte an seinem Hafer-Flat-White nippt, der eigentlich schon wieder zu kalt ist. Und denkt sich: Serenda, Second Skin, ein Release wie eine Panikattacke im Luxus-Spa. „Angry Sol” ist eine gesunde Watsche, „Hive Mind” eigentlich Karneval. Jedenfalls also House für Leute, die zu klug zum Tanzen sind, aber zu nervös zum Rumsitzen. Eigentlich will man es wirklich hassen, aber was soll man sagen: Die Kuhglocke gewinnt immer. Christoph Benkeser

Shinichi Atobe – P&S001 (Plastic & Sounds)

Immer wenn jemand sagt, ey, du brauchst doch sicher zwölf Millionen Follower, um gute Musik zu machen, sagst du: Shinichi Atobe. Der verweigert sich nämlich nicht der Welt, nur ihrer Peinlichkeit. Ist kein Content-Plan, keine Hände-in-die-Höh-Blödelei. Atobe macht eher: die Antithese zum DJ-Zirkus. Ihm reichen: ein Loop, der hält. Ein Akkord, der sticht. Und eine sture Hi-Hat. Irgendwer sollte also schreiben, dass das Musik ist für den Moment, in dem die Party zu Ende ist und die Wahrheit beginnt. Aber das haben wir ja gerade schon wo gelesen. Christoph Benkeser

Temudo – Meteora (Fuse Imprint)

Temudo will Techno weniger neu erfinden, sondern sich auf gewitzte und elegante Weise im bereits bekannten Kosmos dieser Musik bewegen. Als Mastering-Ingenieur hatte der Portugiese bereits Musik von Größen wie Function, Peter Van Hoesen oder Claudio PRC auf dem Mischpult; als Produzent war er auf Clergy, Klockworks oder Planet Rhythm aktiv. Damit ist sein Bezugsrahmen abgesteckt: Auf der Meteora EP verarbeitet Temudo die technoiden Klänge zu einem ungewöhnlich unprätentiösen, augenzwinkernden Techhouse-Entwurf, der mit nervösen, agilen Sounds gute Laune verbreitet und dabei auf große Gesten verzichtet. Alexis Waltz   

Wata Igarashi & Polygonia – Cross Passage (Reclaim Your City)

Kann elektronische Musik 2025 noch einen irgendwie gearteten Einfallsreichtum versprühen? Wata Igarashi und Polygonia, die beide für sich in diesem Jahr schon fantastische Alben abgeliefert haben, bejahen diese Frage. Auf Cross Passage mischen sich die idiosynkratischen Ansätze beider Producer:innen zu Tracks, die nachhaltig hypnotisieren und große Rave-Momente garantieren. Eine EP für beide Fraktionen: Jene, die beim Tanzen gedankenverloren zur Decke blicken, und jene, die ihre Füße im Auge behalten. Maximilian Fritz

Vinicus Honorio – Stark Reality (SK_eleven)

Diese organischen, lebendig produzierten Tracks des in London lebenden Brasilianers speisen sich aus dem Klang- und Stimmungsrepertoire des Techno der Neunziger. Das Drumming ist fokussiert und treibend, die Sounds sind düster, ein wenig spooky und auf subtile Weise psychedelisch. In die Gegenwart holt Vinicius Honorio diesen Ansatz mit Dub-Anklängen, die für räumliche Komplexität sorgen und die technoide Geradlinigkeit mit ihrem ziellosen Driften aufbrechen. Alexis Waltz   

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

Vorabdruck des Romans „Partypeople” von Stefan Sommer: „Die stärkere Wirkung der argentinischen Oxycodon-Tabletten hätte mich überrascht, sagte ich”

Der Roman „Partypeople” gibt Einblick in das Leben eines Star-DJs, der sich zwischen Bühne und Flughafen-Lounges verloren hat.

GROOVE Reviews: Die Compilations im Februar 2026

Die Compilation-Reviews im Februar – mit Kahn & Neek, Butter Sessions, Cherry Red, Viewlexx, Wisdom Teeth und Tempa.

Motherboard: Februar 2026

Das Motherboard präsentiert 20 essenzielle Releases zwischen Ambient-Präzision, UK-Bass-Experimenten und neoklassischer Avantgarde.

Die Platten der Woche mit Andy Martin & Christian Coiffure, Skream, Surgeons Girl, der VA auf The Third Room und Vinicius Honorio & R.M.K

Die Platten der Woche mit Andy Martin & Christian Coiffure, Skream, Surgeons Girl, der VA auf The Third Room und Vinicius Honorio & R.M.K.