Das Up To Date Festival im ostpolnischen Białystok beweist, dass lebendige Clubkultur keine Metropolen braucht. Zwischen kurzfristigem Umzugsstress wegen brütender Vögel und Acts wie Steffi, Skee Mask und lokalen DJs zeigt das Event, wie echte Kulturarbeit am Rande Europas funktioniert. Unser Autor Christoph Gleich hat sich auf den Weg Richtung Osten gemacht.
Es gibt Reisen, die fühlen sich schon im Zug wie eine Entscheidung an. Wien, Warschau, nochmal zwei Stunden weiter Richtung Osten. Das Fenster zeigt: Wald, Feld, Wald, Feld, ab und zu ein Dorf mit einer Kirche, die etwas trotzig aussieht, als hätte sie Geschichte. Polen sagen: grüne Lunge. Das klingt nach Barfußschuhpädagogik. Oder nach dem Wochenende, das dein Körper braucht.
Das Bison ist übrigens das ikonische Tier dieser Gegend. Der Białowieża-Urwald liegt gleich um die Ecke. Es ist der letzte Urwald Europas in seiner Ursprünglichkeit, UNESCO-Welterbe, der ganze Stolz der Gegend. Deshalb verkauft man ihn hier auf Magneten und Postkarten. Aber ich bin nicht für das Erbe – okay, einen süßen Bison-Magneten habe ich doch gekauft! – hier. Ich bin für Techno gekommen. Und beim Up To Date Festival 2026 in Białystok gelandet.
Die haben doch alle einen Vogel!
Zur Vorgeschichte, weil die diesmal wirklich zur ganzen Geschichte gehört: Das Up To Date Festival, seit 17 Jahren die elektronische Musikinstitution im ostpolnischen Ausläufer, hätte in diesem Jahr erstmals im Park stattfinden sollen. Auf der grünen Wiese, an der frischen Luft, ein toller Open-Air-Traum wäre das gewesen. Doch dann kam Warschau.
Mitte Mai hatte Circoloco, die in Ibiza beheimatete Megaparty-Franchise, auf dem Gelände des Wilanów-Palastes gefeiert – einer der bedeutendsten Königsresidenzen Polens, einem Nationalheiligtum. Und eine Nationalempörung. Kulturministerin Marta Cienkowska entließ den langjährigen Museumsdirektor. VIP-Tische hatten Berichten zufolge bis zu 35.000 Euro gekostet.
„Hier zu veranstalten, ist nicht okay. Nicht weil es verboten war. Sondern weil es gegen die eigenen Prinzipien geht.”
Jędrzej Dondziło, Creatie Director
Dazu kam nach dem Warschau-Skandal der Anruf von den Umweltbehörden. Im Park Lubomirskich brüten Wachtelkönige. Waldkäuze. Streng geschützte Vogelarten, die während eines Festivals nicht gestört werden wollen. Festivalchef Jędrzej Dondziło sagte: Hier zu veranstalten, ist nicht okay. Nicht weil es verboten wäre. Sondern weil es gegen die eigenen Prinzipien geht.
Also: Umzug. In zehn Tagen nochmal von vorn, was ein Jahr geplant worden war. Die Chorten Arena, früheres Heimatgelände des Festivals, sprang ein. Der Polizeichef und der Feuerwehrchef kamen eigens aus dem Urlaub zurück, um die Genehmigungsdokumente zu unterzeichnen. Dondziło sagt, das sei in Warschau undenkbar: „Dort gibt es nicht dieselbe menschliche Verbindung.”
Schlafen ist gesund
Jetzt sitze ich auf dem warmen Betonboden der Galeria Arsenał, die von innen aussieht wie der Hamburger Bahnhof, wenn man den Hamburger Bahnhof auf die Größe einer ostpolnischen Turnhalle komprimieren würde. Hohe Decken, runde Bögen, schick. Die polnische Komponistin Alexandra Słyż steht oder sitzt irgendwo vorne, man sieht sie kaum. Dann, eine Stunde, ein ewiger Gottesdienst. Irgendwo zwischen Autechres „Vltrmx” und der gruseligen Tick-Tock-Uhr in Stranger Things. Die Leute auf dem Betonboden liegen still. Freilich haben manche die Augen geschlossen.

Am nächsten Abend heißt die Galeria plötzlich Salon Ambientu. Das klingt nach Bürokratie, sieht aber aus wie das Gegenteil davon. Die gesamte Halle ist mit Orientteppichen ausgelegt. Rote, grüne, beigefarbene, gemusterte, alte, neuere, unterschiedlich große. Die ganze Galeria ist ein fliegendes Teppichgeschäft aus Bagdad, das jemand nach Białystok teleportiert hat. Es riecht nach Wolle und irgendetwas leicht Süßem. Die Menschen liegen wieder herum. Eine hat sogar ihren Schlafsack mitgebracht.
Wer bisher dachte, Ambient ist Hintergrundgemurmel, hat noch nicht auf einem Orientteppich in Białystok geschlafen.
Das ist das Schönste an diesem Festival und vielleicht an der ganzen Welt in diesem Moment: in einem Raum liegen mit hundert fremden Menschen, Ambient hören und schlafen. Am Freitag spielt Richard Skelton, der britische Komponist, der Trauermusik macht und das nicht weiß oder es weiß und es genau deswegen tut. Am Samstag Xenia Reaper, Martina Bertoni. Wer bisher dachte, Ambient ist Hintergrundgemurmel, hat noch nicht auf einem Orientteppich in Białystok geschlafen.
Wer hat den Ball ins Ballern gegeben?
Irgendwann wacht man auf, weil das Licht angeht. Alle fahren zur Chorten Arena, wo das eigentliche, das lautere Programm stattfindet. Das Uber kostet drei Euro. Der Fahrer fährt einen rumpeligen Passat und dreht, als Justin Bieber aus dem Radio plärrt, noch lauter. „Baby, baby, baby, oh” – durch die Ausläufer von Białystok, vorbei an Plattenbausiedlungen und beleuchteten Tankstellen, Fenster halb offen, warme Nachtluft. Der Fahrer wiegt den Kopf. Justin Bieber, sagt er, ist ganz, ganz toll!

Ich stehe vor der Chorten Arena. Das Heimstadion des FK Jagiellonia Białystok, einem der Spitzenclubs in Polen. Vor ein paar Jahren hat man den Betonkoloss ins Grüne gestellt. Die Fassade ist für die Ewigkeit gebaut. Was bei gutem Techno ja nicht anders ist.
Beim Eingang sagt ein Securityberg, ich darf mein Wasser mitnehmen, aber nur leer. Verstehe ich nicht, sage ich. Er zuckt die Schultern: „Ich auch nicht.” Dann wartet er, bis ich einen halben Liter in mich hineinschütte. Ich drehe die Flasche mit dem Kopf nach unten. Er ist zufrieden, sagt: „Mit deinem Polnisch sitzt du heute auf dem Trockenen.” Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, und gehe weiter.
Denkt doch mal an die Kinder!
Auf dem Festivalgelände, das sonst ein Parkplatz ist, hat das Festival eine kleine Stadt gebaut. Pozdro Techno, das festivaleigene Sozialprojekt, verkauft Kleidung wie eine Humana-Filiale auf Speed. Secondhandgedruckte Festival-Slogans auf alten Fußballtrikots von dänischen Regionalligamannschaften und neongelben Regenmänteln und ausgebeulten Sakkos. Es riecht leicht nach fremdem Leben, und das ist gut so.
Daneben: ein Nagelsalon, ein Teegeschäft, ehrliche Installationen von Menschen, die sich bestimmt was dabei gedacht haben, und dann: die Post. Eine echte Postkartenstation, wo man Briefe an Babcia schicken kann. Babcia ist Polnisch für Oma. Man kann also auf einem Technofestival in Ostpolen eine Karte an die Omi schicken, während Felix K 20 Meter weiter auflegt. Das ist die Welt, in der wir leben, und sie ist in diesem Moment gut.

Drinnen, im Betonbauch des Stadionskeletts, legt Mike Paradinas auf. Und der Mann, dem man das Label Planet Mu verdankt und damit indirekt etwa die Hälfte der interessanteren Elektronikmusik der letzten 30 Jahre, macht natürlich Mike-Paradinas-Sachen. Er spielt ein Medley, das klingt wie eine Reise durch Jahrzehnte, die man entweder alle miterlebt hat oder alle nachholen möchte. Danach brüllt L.F.T. ins Mikrofon: „Die Infektion! Die Infektion!” Zum Glück kein Notfall, nur Kunst. Der Deutsche spielt sein neues Album live. Und die Hölle, die scheint gar nicht so langweilig zu sein.
Eskalation auf dem Ameisenhügel
Später legt Steffi auf. Und Steffi weiß, dass das hier nur eine weitere Stadt, nur eine weitere Nacht ist. Aber weil jede Stadt und jede Nacht zählt und Steffi das irgendwie immer in jeden Track presst, diese unaufgeregte Überzeugung, macht der Mainfloor brav mit. Skee Mask will die Energie, wahrscheinlich sogar die Leute halten, weil: Gut tut, wer Gutes tut. Übrigens ein Merksatz, der sich unter drei Milliarden Tonnen Beton wie ein Mantra anfühlt, wenn die Bassdrum rumpelt.

Drüben auf der Mrowisko-Bühne – Mrowisko heißt Ameisenhaufen, was eine schöne Metapher für das ist, was dort passiert – macht Wixapol die Welt kurz völlig los. Der Name klingt zwar wie ein Homepage-Baukasten, beschreibt aber eine Crew, die Gabber zu einem menschlichen Druckkochtopf verdichtet. Dagegen sind die Buben von der Warschauer Natur-Crew eher handzahme Nerds. Sie verehren ihr Vinyl so wie Gläubige die Reliquien, was hier ungefähr aufs Gleiche hinausläuft.

Ich wandere wieder raus, auf den Parkplatz, wo ein schwarzer Sattelauflieger als Bühne herhält. Objekt steht dort oben und spielt seinen Saugglockentechno. Morgen wird dort Mike Parker nochmal nachspülen. Dazwischen geht aber erst einmal die Sonne auf, und L.F.T., der vorhin noch das Tor zur Hölle aufstieß, torkelt mit letzter Kraft ins Taxi.
Allein auf weiter Flur
Das Up To Date existiert seit 17 Jahren, in einer Region, in der es das einzige Festival dieser Art ist. Das muss man so sehen. Man darf das nicht vergessen. Was hier passiert, ist kein Business, es ist Kulturarbeit. Das sind Menschen, die mit kleinen Mitteln, mit echter Überzeugung, mit einem Polizeichef, der aus dem Urlaub zurückfährt, um Papiere zu unterschreiben, ein Festival möglich machen, das irgendwie mehr ist als ein Festival.
Es ist der Beweis, dass Clubkultur nicht in London und Berlin und Amsterdam aufhört. Dass man hier, keine 50 Kilometer vor Weißrussland, nicht nur Randgebiet ist, sondern ein Ort, an dem Menschen tanzen wollen und es einfach tun. Und dass man, wenn ein Wachtelkönig in einem Park brütet, das Festival einfach woanders macht. In diesem Sinne: Pozdro Techno! Und liebe Grüße, Babcia!