Die Platten der Woche mit 2601, D Wynn & The R-Tyme Production, DJ Koze, Narcotic Syntax und Umwelt / DJ MELL G / Unklevon

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

2601 – Untitled (Heaven Smile)

Ganz schön cool: Den eigenen Namen immer wieder wegwerfen wie andere Leute ihre nuckligen Dampflokomotiven. Noch cooler: Einfach nur ein paar Zahlen als Namen verwenden, austauschbar, als wäre man die nächste Smartphonegeneration. 2301 oder 2401 oder 2501 oder, kognitiver Leistungstest, 2601. Klar, dahinter steckt natürlich irgendwer. Irgendwer aus Amsterdam, angeblich. Aber weil das Spiel all seinen Spaß verlöre, würde man diesem Irgendwer einen Namen verpassen, lassen wir das. Und hören uns einfach an, was da ist. Stripteasetechno nämlich. Also: ausgezogene, nackte, sich ein bisschen zu bemüht räkelnde Dub-Chords unter viervierteligen Siebenminütern. Dazu hier eine Snare. Da eine Cowbell. Die einen finden das Fünf-Sterne-genial und die anderen gähnen ohne vorgehaltene Hand. Wie immer steckt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Oder in den Lottozahlen von gestern. Christoph Gleich

D Wynn & The R-Tyme Production – Turn-A-Round (Moods and Grooves)

„Moods: for the soul”, „Grooves: for the body”, heißt der Leitsatz von Moods & Grooves, dem Label, auf dem der Detroiter DJ und Producer D Wynn sein Comeback feiert – mit seiner ersten Veröffentlichung seit 2002. Genau das, was eine seelen- und körperlose Welt nun braucht, könnte man möchtegernkulturpessimistisch mit der moralinsauren Haltung eines Dance-Music-Richard-David-Precht argumentieren. Und im selben Atemzug Leute ausschimpfen, die nur noch Augen für ihr Smartphonedisplay haben und nicht die Mitmenschen auf dem Floor. Oder man sagt einfach, was man tatsächlich denkt: Kontemporärer House kann durchaus mehr Musikalität und Tiefe vertragen. Die serviert D Wynn vollumfänglich, mit weniger Vorwärtsdrang, dafür Strings, Keys und organischer Perkussion – Soul, nicht Oberfläche, Motown-Erbe, keine Resteverwertung. Bestes Beispiel auf der Platte: Wie sich auf „Funk N The Drums” die Bassline in den Mix fräst. Unsauber, knarzig, absolut gefühlsecht. Maximilian Fritz

DJ Koze – Spiralen EP (Pampa)

Wird uns Hildegard retten? Ja, Hildegard wird uns retten. Zumindest für den Moment. Und manchmal reicht genau das. Mit seiner neuen EP Spiralen beamt DJ Koze uns nach seiner großartigen und fordernden LP Music Can Hear Us zurück in einen Zustand der musikalischen Glückseligkeit. Gerade der Titelsong wirkt so, als hätte er seine Kanten freiwillig abgelegt. Alles fließt, alles wird porös, und irgendwo zwischen Kickdrum und Hall verliert sich die Schwerkraft. „In deinen Augen drehen sich Spiralen. Sie ziehen mich tiefer als jeder Verstand. Die Welt wird weich an ihren Rändern. Und alles fliegt ins Niemandsland.” Hypnotische Zeilen wie aus einem Traumgedicht. Assoziationen zu einer Hildegard Knef der Siebziger und Achtziger liegen nahe – dieses leicht Patinierte, das nicht alt wirkt, sondern zeitlos. Gleichzeitig erinnert der Track an „Im Garten” von Miko aus den Achtzigern – dieselbe schwebende Intimität. Der Song treibt voran wie ein Fluss, ohne konkretes Ziel, einfach im Hier und Jetzt – und genau darin liegt seine Stärke. DJ Koze inszeniert einen kollektiven Flow. Alles fühlt sich weich an, fast tröstlich, ohne kitschig zu werden. Die B-Seite „Wo’s Patric?!?” forciert die Stimmung mit einem reduzierten Afro-Vibe, bleibt dabei spielerisch und leicht verschoben. Interessant ist, wie gerade dieser Balearic-Sound die Stimmung der aufgeschlossenen Hörer:innen und Tänzer:innen trifft: Und auch Sophia Kennedy hat vor Kurzem mit „Musik ist kein Krieg” ähnliche Vibes angeschlagen. Vielleicht ist das jetzt genau der Sound, den wir brauchen. Werden uns Hildegard und DJ Koze retten? Nicht die Welt. Aber diesen Moment. Und der fühlt sich erstaunlich gut an. Liron Klangwart

Narcotic Syntax – Tapir Taming Technology (Logistic)

James Dean Brown lässt sich ohne Übertreibung als erfahrener Produzent bezeichnen, der seit vielen Jahren fest in der Szene verankert ist. Wer dabei lediglich an sein zusammen mit Yapacc betriebenes Alias Narcotic Syntax, denkt, das immerhin schon seit 1996 existiert, und durch Veröffentlichungen auf dem legendären House-Label Perlon Bekanntheit erlangt hat, liegt allerdings daneben. Tatsächlich war Brown bereits seit 1983 aktiv, als er mit Hypnobeat erstmals in der elektronischen Musik in Erscheinung trat. Narcotic Syntax gilt als das Nachfolgeprojekt und unter ebenjenem Pseudonym veröffentlichen James Dean Brown und Yapacc nun die Platte Tapir Taming Technology auf dem französischen Label Logistic Records.

Der Opener „A Cordial Punch In tThe Gut” lässt sich Zeit. Reduzierte Strukturen und hallende, beinahe geisterhafte Klangelemente erzeugen zunächst eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre. Erst nach rund vier Minuten setzt jener einnehmende Groove ein, der den weiteren Verlauf des über zehnminütigen Stücks prägt. Ein Track, der Geduld verlangt – und diese mit einer umso intensiveren Wirkung belohnt. Auf der B-Seite findet man mit „The Narconauts (in Post-anaesthesia Recovery)” einen Remix von „The Thanatos Nautes”, einem Stück des Garage-Blues-Rock-Trios Sang Sattawood aus Minsk. Der Titelzusatz verrät bereits, wodurch sich der Remix auszeichnet: einen nebulösen, aber zugleich wohligen Sound, durch den man sich unbekümmert treiben lassen kann. Narcotic Syntax verwandelt das Original in eine hypnotische Reise zwischen Melancholie und Euphorie. Daniel Böglmüller

Umwelt / DJ MELL G x Unklevon – For The Floor Vol.5 (Cultivated Electronics)

Teil fünf der For The Floor-Serie beginnt fulminant-dramatisch und weckt Erinnerungen an gute Thriller-Soundtracks. „Memoryscape” von Umwelt bekennt sich mit seinem Beat zwar klar zu Electro, seine spannungsgeladenen Melodien und Harmonien gehen aber über die gewohnten Genregrenzen hinaus. Der zweite Track des Franzosen ist nicht minder cineastisch und dürfte jeden Electrofloor ausrasten lassen. Die B-Seite der Split-EP bringt zwei Versionen eines Tracks von DJ MELL G und Unklevon. Das Original lässt sich mutige 53 Sekunden Zeit, bis der Beat einsetzt, und bleibt dann immer noch im energetischen Understatementmodus. Toll, wie hier mal wieder Weniger ist mehr kreativ umgesetzt wird – auch so entsteht Energie. Sync 24 & Controlled Weirdness bleiben in ihrem Remix nah am Original und spitzen erst einmal nur die Sound- und Arrangement-Ideen an. Dann, huch, erlauben sie sich eine beeindruckend lange Pause, die ungläubig aufs Display schauen lässt: Läuft der Track noch? Ja! Auch diesen Trick wird der Floor lieben. Mathias Schaffhäuser

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