„Richard H. Kirk kann heute leider nicht”, erklärt der Mann im langen Staubmantel von der Bühne des Orpheum in Graz. Denn Richard H. Kirk wird nie wieder mit seinen Bandkollegen von Cabaret Voltaire auf der Bühne stehen, er ist 2021 verstorben. Stephen Mallinder und Chris Watson sind zum 50-jährigen Bandjubiläum zu einer Abschiedstour aufgebrochen, auch um sich von ihrem Weggefährten zu verabschieden. Dass Kirk die beiden einst aus der Band geworfen hatte, spielt jetzt keine Rolle mehr. Ebenfalls irrt, wer hier auf dem Elevate Wehmütiges erwartet.

Die Stimme des 71-Jährigen Mallinder klingt kraftvoll, Synthesizer-Spuren bahnen sich schroff durch das Orpheum, die Drum Machines geben unerbittlich und bedingungslos funky den Takt vor. Irritiert wirken die Gesichter der Anwesenden zum Teil, mit einer solchen Breitseite in elektronische Klänge gegossener Unversöhnlichkeit hat man nicht gerechnet.

Tatsächlich geht es beim Aufbruch von Cabaret Voltaire in den späten Siebzigern um Ikonoklasmus, um die Auflösung von Rock- und Pop-Standards. Stephen Mallinder, Chris Watson und ihrer jungen Verstärkung Finlay Shakespeare geht es nicht um Experimentieren um des Experimentierens willen, um ein Staunen darüber, was für seltsame Klänge aus dem Synthesizer kommen. Ebenso wenig um den Spaß am Sinnlosen der Dadaisten, nach deren Club sie sich benannt haben. Sie nehmen den afroamerikanischen und -britischen Funk von James Brown oder King Tubby auf und eignen sich die von der Deindustrialisierung zurückgelassenen Maschinen an.

Später spielt das Trio die rhythmusgetriebenen Tracks, mit denen sich Cabaret Voltaire ab Mitte der Achtziger dem Aufbruch der Clubmusik angeschlossen und den sie selbst vorbereitet hatten. Unmittelbar elektrisierend sind sie und im freien Umgang mit den Klängen auf eine Weise kompromisslos, die heute, in Zeiten digital-induzierter Gefälligkeit, selten zu erleben ist. So beginnt das Elevate mit einem Abschied, der zugleich Paukenschlag ist.

Cabaret Voltaire sind Produkt des postindustriellen Englands. Eine andere Aufsehen erregende Performance auf dem diesjährigen Elevate ist die Premiere von Times Creation World, einer interdisziplinären Arbeit, die das Elevate selbst mitproduziert hat und die wenig später im Dom im Berg Künstler:innen von drei Kontinenten zusammenbringt.

Komponist und Produzent Kelman Duran aus der Dominikanischen Republik, der an Beyoncés Album Lemonade beteiligt war, lässt sich am Rand der Bühne vor dem Laptop in seinen Stuhl sinken. Der Jazz-Drummer Lukas Koenig sitzt schweißüberströmt hinter seinen Drums. Er scheint es zu genießen, sich von Durans Partitur herausfordern zu lassen.

Zwischen den beiden Männern tanzt Kianí Del Valle, die sich einen Namen als Stunt-Choreografin von Bad Bunnys Super-Bowl-Halftime-Show gemacht hat. Del Valle steht wie eine Statue auf der Bühne, um plötzlich von unsichtbaren Kräften weggerissen zu werden. Wenig später erstarrt sie wieder und erscheint so als Akteurin in einer Welt, in der man ungreifbaren Kräften ausgesetzt ist – unabhängig davon, ob die Geschichte des (Post-)Kolonialismus oder die Algorithmen der sozialen Medien gemeint sind.

Wenig später stehen Modeselektor auf der Bühne und schauen zweifelnd auf die Menschenmasse, dann, nicht weniger zweifelnd, auf ihre Geräte. Ein schwerer, dubbiger Groove erfüllt den in den Stein gehauen Dom, die Unruhe von Duran, Koenig und Del Valle ist verschwunden, die Crowd lässt sich erleichtert in den Bass fallen und ebenso genüsslich von ihm forttragen wie die beiden Musiker auf der Bühne.

Am Elevate-Samstag stehen Herbert & Momoko auf der Bühne des Orpheums. Der britische Sample-Wizard zerlegt den Gesang der Londonerin, die in New York und Tokio aufgewachsen ist, und verarbeitet ihre sanfte Stimme blitzschnell zu Loops, die sich den Weg durch die Songs bahnen. Mal entsteht ein anstachelnder Rhythmus, mal klingt ihre Stimme wie ein Chor.

Dabei gibt es durchaus Reibungsflächen zwischen den beiden. Momoko Gill wünscht sich anscheinend mehr zwischenmenschlichen Austausch, sie steht vor Herbert und schaut ihn erwartungsvoll an. Er, verschanzt hinter der Technik, blickt auf seine Knöpfe. Gleichzeitig finden zwei starke Newcomer-Konzerte auf der kleinen, zweiten Bühne des Orpheum statt.

Die Linzer Multiinstrumentalistin Uche Yara zieht mit ihrer beschwörenden Stimme die Anwesenden in den Bann und erinnert dabei an die großen US-Sängerinnen der Sechziger und Siebziger. Nicht weniger stark sind Kuntari, die mit zwei Drum-Sets auftreten.

Die abrupten Drum-Salven brechen unerwartet hervor und verbinden die Folk Music aus ihrer indonesischen Heimat mit dem Gespür für Timing des virtuosen Jazz der Siebziger und Achtziger. Im Dom im Berg eröffnet Kessel Vale den Abend mit einem starken Dub-Techno-Set, das ganz und gar aus Basslines gedacht ist. Das sparsame, an Dubstep geschulte Drumming bildet eine Art Metronom. Wenig später übernimmt Carrier.

Spätestens sein Album Rhythm Immortal aus dem vergangenen Jahr machte den in Antwerpen lebenden Briten zu einem der meistgehörten und -diskutierten Elektronik-Acts des Jahres. Das Konzert steht dem Album in nichts nach, tatsächlich klingen die Stücke noch fesselnder als daheim auf der Stereoanlage oder auf dem Kopfhörer.

Die schweren Bass-Impulse erfüllen den gewaltigen Dom im Berg. Carrier versucht nicht weniger, als das Potenzial der stilbildenden Bässe der britischen post-migrantischen Clubmusik noch einmal auf neue Weise auszuschöpfen, namentlich des Drum’n’Bass, mit dem er in den Neunzigern aufgewachsen ist. Was anmaßend wirken könnte, gelingt durch einen heute selten erlebten Ernst und kommt als eine Art Gegenentwurf zum Dubstep-Genre daher.

Carrier endlädt die Spannung der Basslines nicht im Step der Kickdrum, sondern hält sie. So entsteht ein immersives schwarzes Loch, das eine Sogkraft erzeugt, die sich niemals auflöst, eine Musik, die zugleich weggetreten ist und sich ganz und gar im Hier und Jetzt befindet. Nach etwa 40 Jahren ist die Clubmusik zur alten Kunst geworden – bei Carrier ist ihr Dringlichkeits-Nukleus trotzdem durch und durch spürbar. Ein geniales Pairing zu Carriers Ernst ist Anna Zs Unvoreingenommenheit.

Die Berlinerin verarbeitet Modularsynthesizer-Klänge beherzt zu flotten Techno-Tracks. Diese Distanz zur Geschichte der Clubmusik, wie sie auf Carriers Schultern lastet, lässt ihre Tracks in guten Momenten befreit klingen, bei schwächeren Tracks ein wenig beliebig. Im Gegensatz zu Cabaret Voltaire gibt es nichts zu zertrümmern und niemanden zum Nacheifern. Danach führt Kittin in den DJ-lastigen Teil der Nacht. Ihre Electro-Tracks vollbringen wie schon in den frühen Zweitausendern das Kunststück, das Electro-Genre einer Kraftwerk’schen Sterilität zu entreißen und ihnen Körperbewusstsein, Geschlecht und Sinnlichkeit einzuhauchen.

Das Elevate hat an diesem Abend ein Spektrum von DJ-Musik zu bieten, das in der post-pandemischen Festivallandschaft selten zu erleben ist. In einer alten, urigen Kneipe, dem GRNGR, ergänzt Romain FX das Elevate-Programm um einen Sound, der dem Disco- und House-Erbe verpflichtet ist. Ein humorvolles Augenzwinkern macht deutlich, dass man das Rad hier nicht neu erfinden muss. Im ppc gibt die Drum’n’Bass-Heldin DJ Storm Audienz und versöhnt die Naivität einer Anna Z. und den Innovationsanspruch eines Carrier mit einer selten erlebten Weisheit.

In eine andere Gegenwart der Clubmusik holt uns DJ Spinn, der mit großzügigen Pop-Samples und zerrissenen Grooves eine unerwartete Spannung erzeugt und mit dieser widersprüchlichen Dynamik besonders das ganz junge Publikum anspricht. Ein kolossaler Abschluss gelingt dem Elevate am letzten Abend mit dem Konzert von Marc Almond, das zwar generational, aber keinesfalls stilistisch an Cabaret Voltaire anknüpft.

Wo Cabaret Voltaire einen Exorzismus inszeniert, gibt sich Marc Almond als ein galanter Conferencier, der charmant in die in den Songs erzählten Geschichten einführt. So befindet man sich etwa sofort in der toxischen Beziehung, von der der Song „Black Heart” handelt, und weiß auch, dass Almond bei aller Boshaftigkeit seines Love Interests alles andere als unschuldig ist.

Wo das ursprünglich von Marc and the Mambas 1983 aufgenommene Lied mit dem geloopten Tamburin und den bittersüßen Streichern eine ironische Note hat, steht jetzt vor allem der Schmerz dieser vernichtenden Liebesbeziehung im Vordergrund. Verglichen mit den elektronischen Konzerten auf dem Festival ist es hier zum einen hilfreich, Welthits wie „Tainted Love” im Gepäck zu haben und sich nicht zu schade zu sein, diese auch zu spielen. Gleichzeitig erstaunt die klangliche Wucht, die von der siebenköpfigen Band ausgeht.

So sehr Marc Almond mit seiner einmalig unzeitgemäßen Stimme und seinem Erzähltalent das Konzert trägt, so mitreißend ist das Timing der Band, zu der so diverse Musiker:innen wie Sigue-Sigue-Sputnik-Gitarrist Neal X und House-Vocalist Bryan Chambers gehören. So gelingt dem Elevate 2026, was Festivals in unserer Zeit auf doppelte Weise immer seltener vermögen: Rigoros auf Qualität zu setzen, ohne junge und lokale Acts aus dem Auge zu verlieren – und tatsächlich sämtliche Generationen der Musik-Avantgarde der vergangenen Jahrhunderthälfte zusammenzubringen.