Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben im Oktober 2026 hier.
Miles – Vault (Short Span)
Wer sagt denn, dass bloß Prince eine Vault hat? Für Miles Whittaker, unter anderem eine Hälfte von Demdike Stare, gilt das ebenso. Sein Tresor besteht aus Jams, die er aufnahm, um sich dabei auf die Arbeit an seinen Soloalben vorzubereiten. Von diesen Nummern, mit denen er sich warmspielt, bevor es „richtig” losgeht, stellt er auf dieser Platte eine kleine Auswahl vor. Die Folie für alle Stücke ist Dub-Techno, das Ergebnis aber jedes Mal anders. Beginnt „Birth of a Friend” mit einem Orgel-Loop wie aus guten alten Minimal-Music-Tagen, begleitet vom Knistern der Studiogeräte als Rhythmusspur, setzt „Homage” auf Beat und verwischt hallende Akkorde in Basic-Channel-Tradition. „Channelled Aggression” besteht zum überwiegenden Teil aus einem dank Echo verstärkt federnden Bass, den gefilterte Störgeräusche rhythmisch zusätzlich vorantreiben. Whittaker führt die im Dub-Techno geltende Reduktion konsequent weiter und in verschiedene Richtungen, ohne bei etwas völlig anderem anzukommen. Nebenbei widerlegt Vault das immer noch vorhandene Vorurteil, bei elektronischer Musik handele es sich um etwas Statisches, das wenig mit spontanem „Musizieren” im herkömmlichen Sinn zu tun hat. Gern mehr von diesen Fingerübungen. Tim Caspar Boehme

Mr Beatnick – Terra Arcana (Tartelet)
Ach, diese … Lockerheit! Das ist bestimmt kein Debütantenwerk. Mr Beatnick spukt schon seit zwanzig Jahren durch Londoner Clubs. Seine Geschichte verknüpft sich mit nie berühmt und immer mit dem Wow!-Faktor versehenen Namen wie Plastic People und Corsica Studios plus etlichen Radio-Sendern. Mit der Erfahrung kriegt es Nick Wilson hin, allermerkwürdigste Downbeats schwebend leicht klingen zu lassen. „Boulder Mountain” flirrt dahin wie sanfter Techno mit Vogelgesangsimitationen.
Dem nachfolgenden „Catania” ist schon deutlicher die Akai MPC als tonangebende Produktionseinheit Mr Beatnicks anzuhören. Aus warmen Mitten scheinen gehackte Jazz-Schlagzeuge und retrofuturistische Keyboards herauszuklingen. Diese Liebe zum Sample klingt in vielen weiteren Tracks an, etwa im melancholischen „Airspace”, dem sich zu Ambient-Landschaften ausweitenden „Polygon Sunrise” und dem Kopfnicker-Finale „Bauble Dauwdle”.
Den zweiten Schwerpunkt bilden die eher mit technoiden Klängen spielenden Stücke: „Footprints In The Clearing” mit seinen Glocken und Polyrhythmen, das paradiesische House-Teil „Oasis Of Calm” oder „Sirendipity”, wo die Acid-Chords so in den Hintergrund gemischt sind, als handele es sich um Mikrodosen. Und es leuchtet doch. Christoph Braun

nthng – Last Light of the Sun (Topo2)
Ist das jetzt cheesy? Auf seinem fünften Album geht es der Produzent nthng oft ruhig und sanft an, wählt bevorzugt Klänge ohne schroffe Obertöne. Bei einem Ambient-Album würde das nicht verwundern, doch da nthng sich durch eine Reihe von Stilen bewegt, könnten Fragen aufkommen wie: Passt das denn zu der Drum’n’Bass-Basis etwa von „Many Reasons”? Es passt, und auch zu den geraderen House-Beats, die er in den anderen Tracks vorwiegend einsetzt. Die Ergebnisse wissen durch die dezente Balance der Elemente zu überzeugen. Last Light of the Sun ist im Übrigen kein Kuschelalbum, wie das ominös aus der Ferne hallende „Scattered Mind” erahnen ließe. Überall herrscht die Kunst der Zurücknahme vor, was immer eine gute Sache ist. Und selbstverständlich lässt nthng hier und da die Drumcomputer für ganze Nummern abgeschaltet. Der sich kontinuierlich ähnlich bleibende Sound sorgt für die Form dieser als eine Art Trip angelegten Stunde. Ihren Höhepunkt erreicht sie mit den angeregt hibbelig synkopierten „Ghostlike Dreams”. Für nachdenkliche Tänzer genauso geeignet wie für agile Denker, die beim Hören die Lücken zwischen den einzelnen Ereignissen selbsttätig ergänzen, wenn ihnen danach ist. Um auf die Frage vom Anfang zurückzukommen: Die Antwort ist Nein. Tim Caspar Boehme

Ryuichi Sakamoto & Alva Noto – 12 Conversations (Noton)
Der japanische Kultkomponist Ryuichi Sakamoto, der zunächst mit dem Yellow Magic Orchestra elektronische Popgeschichte schrieb und später auch Filmmusik und experimentelle Klangwelten komponierte, suchte nie nur nach schönen Melodien. Ihn interessierte vor allem, was eigentlich zwischen den Tönen geschieht. In Carsten Nicolai alias Alva Noto fand er dafür einen kongenialen Partner. Seit Vrioon von 2002 arbeiteten die beiden an einer Musik, in der Sakamotos empfindsames Klavier und Nicolais präzise elektronische Interpretationen verschmelzen.
12 Conversations versammelt Aufnahmen aus dem November und Dezember 2022, entstanden in derselben Schaffensphase wie Sakamotos letztes Soloalbum 12. Erst nach dessen Fertigstellung entschieden die beiden, diese musikalischen Begegnungen als eigenständiges Album zu veröffentlichen. Sakamoto starb wenig später im März 2023.
Damit hört man diese Aufnahmen unweigerlich auch als Dokument einer ganz besonderen Zusammenarbeit, die noch längst nicht abgeschlossen war. Doch das Album ist ausdrücklich kein musikalischer Nachruf. Nicolai beschreibt, wie im Produktionsprozess anfangs selbst kleine Eingriffe beinahe unmöglich schienen. So entstand eine Musik, die sich durch behutsame Veränderung entwickelt, die immer unabgeschlossen klingt. Für mich wichtig: Sakamotos Wärme bleibt bei den Kompositionen spürbar. So zeigt 12 Conversations zwei Musiker, die einander auch nach 20 Jahren vertrauensvoller Zusammenarbeit noch überraschen konnten. Liron Klangwart

Shelley Parker – Screed (Sneaker Social Club)
Holla, hier rappelt es aber im Karton! Das mag man beim ersten Hören des Eröffnungstracks von Shelley Parkers drittem Album auf Sneaker Social Club durchaus denken. Trommel-Breaks krachen wie Gewitter-Donner übereinander, zusammengehalten von düsteren Bass-Schwingungen allein. Und in dieser Manier geht es auch weiter, wenn auch nicht immer so wuchtig. Parker vereint auf unvergleichlich dissonante Art Samples und Bruchstücke verschiedener Genres und Klangnaturen, seien es Jazz, Techno oder UK Garage – und nicht zuletzt Field Recordings. Die bilden hier meist den klanglichen Unterbau, der die anderen, eigentlich voneinander wegdriftenden Elemente der Kompositionen zusammenhält. Mitunter kommt dabei fast schon Dancefloor-Kompatibles wie das Stück „Relentless” heraus. Meist jedoch überwiegt der Drang zum Experimentellen, wobei Parkers Kunstschul-Hintergrund hier sehr offensichtlich in Erscheinung tritt. Interesting Listening könnte man das nennen. Musik, die sicherlich nicht für jedermann ist, die an den Außengrenzen des Hardcore Continuums operiert. Die dadurch aber auch zu den mutigeren Veröffentlichungen auf Sneaker Social Club gehört. Und dafür muss man das Label loben. Tim Lorenz

Siete Catorce – El Valle (In-Correcto & Discos Nutabe)
Nach meinen persönlichen musikalischen Favoriten gefragt eiere ich oft herum und komme von Hölzchen auf Stöckchen, statt einfach zu sagen: Die haben wenig mit Stilrichtungen und Fächern im Plattenladen zu tun, und noch weniger mit Kontext, Absicht und Geschichte des:r Künstler:in – dafür aber sehr viel mit Eigenständigkeit. Musik, die nicht allzu erkennbaren Mustern folgt und vielleicht sogar eine Neigung zu Abstraktion beinhaltet, kriegt mich am ehesten. Und all das findet sich in Siete Catorces Album im Überschwang. Auf El Valle passiert die seltene Verbindung von Reduktion und Vielfalt, etliche Tracks würden oberflächlich gehört mal eben im Minimal-Fach abgelegt werden, was ihrem Abwechslungsreichtum und den ungewöhnlichen Arrangements nicht gerecht würde – all das erschließt sich aber nur beim kompletten, aufmerksamen Zuhören. Die tauglichste Überschrift für dieses Album lautet trotzdem „Techno”. Auf dieser grenzenlosen Spielwiese tobt sich Siete Catorce jedoch fraktionslos und immer wieder wunderbar ideenreich aus mit synkopierten Beats und Wendungen, die nicht im Schulbuch stehen. Der Opener orchestriert zuerst herannahende Gewitterwolken oder ähnliche Bedrohungen, kippt dann in zuversichtliche Harmonien und plötzlich abrupt weg. Die folgenden Tracks feiern die Verbindung von inspirierten Grooves und coolen Arrangement-Ideen inklusive lateinamerikanischer Einflüsse, jedoch ohne letztere explizit zu zitieren oder ihnen die Hauptrolle zu geben. Diese gehört auf El Valle alleine der kreativen Freiheit. Mathias Schaffhäuser
