Galcher Lustwerks Tweets

Beim Gig nach Drogen angeschnorrt werden, die einzige Schwarze Person auf dem Line-Up sein und weiße Promoter, die das N-Wort benutzen: solche rassistischen Angriffe gehören für Schwarze DJs leider oft zum Alltag. Durch die globalen Black-Lives-Matter-Proteste werden diese Erfahrungen nun endlich gehört. Dieses Momentum hat das Potenzial für strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft und der Musikindustrie – wenn sich die weißen Allys jetzt richtig verhalten.

„Hat dir jemals der Türsteher nicht geglaubt, dass du wirklich der DJ bist, bis du ihm die Nachrichten gezeigt hast, die du mit seinem Chef geschrieben hast? Bist du jemals nach einem Acapella gefragt worden, weil jemand deine ,Schwarze Stimme’ wollte? Wurde dir jemals gesagt, ,Du bist nett, du verhältst dich nicht wie eine normale amerikanische Schwarze Person, die meisten Schwarzen DJs, die ich kenne, sind total unfreundlich?’” Mitte Juni setzte Galcher Lustwerk auf seinem Twitter-Account eine Reihe von Tweets ab, die von den rassistischen Erfahrungen berichten, die er als Schwarzer Mann in der Musikindustrie täglich macht. Das Spektrum reichte von Tokenizing (als Feigenblatt für ein komplett weißes Line-up in letzter Minute gebucht zu werden) über Mikroaggressionen (sich beim Plattenkaufen besonders beobachtet zu fühlen) bis hin zu unverhohlenem Rassismus (weiße Promoter, die in seiner Anwesenheit das N-Wort benutzen).


Mitte Juni setzte Galcher Lustwerk auf seinem Twitter-Account eine Reihe von Tweets ab, die von den rassistischen Erfahrungen berichten, die er als Schwarzer Mann in der Musikindustrie täglich macht.


Einige Schwarze DJs und PoCs schlossen sich in der Folge an. „Bist du jemals bei jedem Gig nach Drogen gefragt worden – sogar wenn du der verdammte Headliner warst und Bilder von dir an allen Wänden hingen?”, schrieb der Londoner DJ und Gründer von Rhythm Section Bradley Zero. „Wieso können Schwarze Menschen in der elektronischen Musikszene nicht einfach zufrieden damit sein, bahnbrechende Kunst zu machen, um dann die großen Bühnen mit Menschen zu teilen, die ,keine Hautfarbe’ sehen und dich stattdessen eine umgekehrte Rassistin nennen, während sie deine Musik spielen und damit 15-mal so viel verdienen wie du?”, fragte Josey Rebelle ironisch. „Wenn du schon den Fehler machst, eine Schwarze Transfrau zu buchen und ihr viel weniger Geld zu bieten, als sie verdient, dann sag nicht auch noch ,Wir wissen, dass es wenig ist, aber ihre Stimme ist so wichtig in dieser Diskussion’, sondern verzieh dich. Hör auf mit diesen erniedrigenden Taktiken, nur damit dein Event besser aussieht!”, schrieb Frankie, Gründungsmitglied von Discwoman.

Gut eine Woche nach dem gewaltsamen Mord an George Floyd und den darauffolgenden globalen Black-Lives-Matter-Protesten reagierte die Musikindustrie auf die immer lauter werdenden Stimmen auch gegen die Branche selbst: Unter dem Hashtag #TheShowMustBePaused riefen die beiden Schwarzen Aktivistinnen Jamila Thomas und Brianna Agyemang, die beide für Atlantic Records arbeiten, dazu auf, am 2. Juni die Arbeitswoche für einen Tag zu unterbrechen, um auf den strukturellen Rassismus in der Musikindustrie auf allen Ebenen aufmerksam zu machen. „Die Musikindustrie ist ein Millionengeschäft. Ein Geschäft, das hauptsächlich von Schwarzer Kultur profitiert”, schrieben sie. Ob dieser Aufruf zum Blackout Tuesday tatsächlich der scheinbare globale Generalstreik nach dem Graswurzelprinzip war oder doch eher eine geschickte PR-Aktion der Plattenfirma, ist vor dem Hintergrund, dass Thomas Senior Director of Marketing bei Atlantic Records ist und Agyemang Senior Artist Campaign Managerin fraglich.


Gut gemeint ist nunmal nicht gut gemacht ist eine Schlussfolgerung, zu der man im Verlauf der letzten Wochen leider immer wieder kommen musste. (Yes, looking at you, David Guetta)


Auch wenn einige Musiker*innen wie etwa das Label Don Giovanni Records aus New Jersey ihre Teilnahme verweigerten und den Blackout Tuesday als „white guilt day” bezeichneten, war die generelle Resonanz von Magazinen, Künstler*innen und Privatmenschen auf Social Media sehr groß. Von den großen Playern fuhr jeder seine eigene Strategie – und entgegen der Ursprungsidee als Tag zum Innehalten, Reflektieren und Lernen über Antirassismus stand hier gar nichts still: Spotify fügte in einigen Playlisten 8:46 Minuten Stille ein, so lange wie der Todeskampf George Floyds gedauert hatte. Apple Music pushte spezielle Playlisten mit Schwarzen Künstler*innen. Amazon Music und YouTube Music beließen es bei einem Tweet. Warner, UMG und Sony spendeten immerhin jeweils 100 Millionen Dollar. Inwiefern sich in diesen Unternehmen in der Folge tatsächlich strukturell etwas ändern wird, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Bleibt dies aus, riecht das hier leider übel nach medienwirksamer Imagepflege und Ablasskauf.

Zudem gab es noch ein weiteres Problem der Aktion: Als Zeichen der Solidarität posteten auch viele Privatpersonen schwarze Quadrate in ihren Timelines, allerdings nicht unter dem ursprünglichen Hashtag #TheShowMustBePaused oder #BlackoutTuesday, sondern unter #BlackLivesMatter. Das führte dazu, dass die Bewegung unter ihrem Hashtag, der als Informationsquelle für die Organisation und Kommunikation der Proteste eine wichtige Funktion erfüllt, nur noch schwarze Kacheln fand. Statt Solidarität mit Black Lives Matter zu demonstrieren, hatten die vermeintlichen Allys die Bewegung versehentlich einfach für diesen Tag stummgeschaltet. Gut gemeint ist nunmal nicht gut gemacht ist eine Schlussfolgerung, zu der man im Verlauf der letzten Wochen leider immer wieder kommen musste (Yes, looking at you, David Guetta).

„Es fühlt sich so an, als würden wir kollektiv das verspätete Erwachen weißer Menschen zum Thema Rassismus beobachten – als ob es ihnen vorher einfach nicht eingefallen wäre, irgendetwas dagegen zu unternehmen”, schreibt die Autorin Natalie Morris in Metro über die emotionalen Auswirkungen dieses Verhaltens für die Schwarze Community. Doch auch wenn dieses späte weiße Erwachen für die Schwarze Community schmerzhaft ist: Es führt immerhin dazu, dass den Betroffenen zum ersten Mal tatsächlich zugehört wird, wenn sie Missstände in den verschiedensten Bereichen der Musikindustrie anprangern.


„Das ist dieselbe Mentalität wie von Sklavenhändler*innen und -besitzer*innen, die von Schwarzem Leid profitierten”, findet Kikelomo scharfe Worte der Kritik.


Eine Reihe von offenen Briefen folgte: Die Musikethnologin Danielle Brown schrieb einen offenen Brief, in dem sie Rassismus im akademischen Betrieb, insbesondere in ihrem Fachbereich thematisierte. Die Musikjournalistin Christine Karkaire wendete sich ebenfalls mit einem offenen Brief an die weißen männlichen Redakteure, von denen sie in den letzten Wochen eine Reihe unsensibler Auftragsanfragen bekommen habe. Darin sollte sie etwa über „ihre persönlichen Erfahrung als Schwarze Frau in Berlin” schreiben oder „Schwarze Stimmen in der Szene, die eine positiven Ausblick geben”. „Auto*rinnen of Colour, die aufgrund von strukturellem Rassismus gerade ein akutes Trauma durchleben, mit halbgaren Pitches zu beauftragen, während alle angestellten Redakteure Bros bleiben, ist offensichtlich eigennützig, faul und verletzend”, schreibt Kakaire.

Die in London geborene und in Berlin lebende DJ und Produzentin Kikelomo richtete ihren offenen Brief gleich an drei Stellen: An all ihre nicht-Schwarzen Unterstützer*innen, deren neu entdeckte Allyship über hilflose Schuldgefühle und aktionistische Social-Media-Posts hinausgehen muss. Sie schrieb an die Europäer*innen, die beim Thema Rassismus und Polizeigewalt gerne in Richtung USA zeigen, statt vor ihrer eigenen Haustür zu kehren. Und sie richtete sich an die Musikindustrie, die von Schwarzer Kultur in allen Genres profitiere, ohne Verantwortung für die marginalisierten Communitys zu übernehmen. „Das ist dieselbe Mentalität wie von Sklavenhändler*innen und -besitzer*innen, die von Schwarzem Leid profitierten”, findet Kikelomo scharfe Worte der Kritik.

Wenige Tage später wurden die Rassismusvorwürfe gegen Native Instruments laut (zu den Hintergründen hier entlang). Nachdem die Softwarefirma sich mit einem Post auf LinkedIn mit Black Lives Matter solidarisieren wollte, veröffentlichte eine ehemalige Mitarbeiterin ihre Erfahrungen mit betriebsinternem Rassismus. Den Vorwürfen schlossen sich weitere ehemalige Mitarbeiter*innen und Künstler*innen aus der Szene an. Tatsächlich dauerte es ganze drei Wochen, bis Native Instruments darauf offiziell reagierte und ein Programm veröffentlichte, mit dem sie Diversity und Inklusion innerhalb der Firma verbessern wollen. Auch wenn die Reaktionen darauf auf Social Media gemischt ausfielen und abzuwarten ist, wie viel davon Lippenbekenntnis bleibt, muss man doch festhalten: der laute Protest der Betroffenen hat einen Prozess des Umdenkens in Gang gesetzt, der teilweise bereits konkrete Folgen hat.

Das Londoner Kollektiv SIREN, das sich stets als safer space für unterrepräsentierte Akteur*innen innerhalb der Szene verstanden hat, kündigte kürzlich in einem Statement an, seine Arbeit zu beenden, nachdem die DJ Anu, die zwischen 2016 und 2018 mit dem Kollektiv zusammengearbeitet hatte, ihre Erfahrungen mit psychischer Manipulation, Schikane und fake Allyship seitens des Kollektivs während dieser Zeit auf Twitter öffentlich gemacht hatte.

Weiterhin könnte die umstrittene Musikkategorie „Urban” bald der Vergangenheit angehören. Warner Music Group, IHeartMedia Inc. und auch die Grammys kündigten an, den Begriff nicht mehr zu verwenden. Die Kategorisierung als „Urban” zwänge Schwarze Performer aus so diversen musikalischen Feldern wie Pop, Hip Hop und R’n’B einzig aufgrund ihres Schwarz-Seins in eine musikalische Kategorie und grenze sie somit vom weißen Markt ab. Oder wie Tyler The Creator es bei der Verleihung im Januar ungeschönt auf den Punkt brachte: „Ich mag das Wort ,urban’ nicht. Es ist nur ein politisch korrekter Weg, das N-Wort zu mir zu sagen.”

Auch das Label Whities verkündete ein Rebranding und nennt sich ab sofort AD 93. Als Sublabel von Young Turks sei der Name zwar aus der Abkürzung YTs entstanden und als Bezug auf White-Label-Releases. Um Missverständnisse und potenziellen Ausschluss vorzubeugen, habe sich Labelchef Nic Tasker jedoch bewusst für die Umbenennung entschieden und thematisierte im Zuge dessen auch die mangelnde Diversität auf dem Label selbst.


Jetzt liegt es an den Weißen zu lesen, sich weiterzubilden und als echte Verbündete an der Seite der Schwarzen Community für eine antirassistische Gesellschaft zu kämpfen, damit aus dem aktuellen Momentum des Social-Media-Aufschreis eine langfristige, gemeinsame Bewegung erwachsen kann.


„Musik und Entertainment hatten immer schon die Macht Menschen zusammenzubringen, ihnen eine Stimme zu geben und sozialen Wandel herbeizuführen”, schreibt die Gründerin der britischen Music of Black Origin Awards (MOBO) Kanya King in einem Kommentar in MusicWeek. Den persönlichen solidarischen Handlungen müssten nun allerdings auch strukturelle folgen. Daher arbeite sie gerade an einer Plattform, über die Organisationen einen diversen Pool an Akteur*innen aus allen Bereichen der Musikindustrie finden können, um die Arbeitswelt tatsächlich diverser hinsichtlich der Sichtbarkeit und aktiver Partizipation Schwarzer Menschen zu machen.

Solche Plattformen sind auch Teil des kollektiven Lernprozesses, der gerade auf Social Media stattzufinden scheint: Intersessions hat eine Liste von Black Femme Identifying Electronic DJs/Producers/Artists erstellt. Soundcloud eine Ressource list for allies, members & supporters dazu, wie man sich als weiße*r Ally verhalten sollte – inklusive Leseliste und A Guide To White Privilege. Transmissions, die Plattform von Sarah Farina und Kerstin Meißner, hat eine ausführliche Liste von Ressourcen zum Thema Antirassismus mit Bezug auf Deutschland zusammengestellt. Mit blackbandcamp.info eröffnete die Plattform eine durch crowdsource erweiterbare Liste Schwarzer Künstler*innen auf Bandcamp. Woher diese Wissenssammlung für „Electronic Music People” stammt, lässt sich leider schwer nachverfolgen. Club Quarantäne hat indes DJ und Aktivistin Ash Lauryn zur Kuratorin ihrer Plattform gemacht, auf der sie nun mit DJ-Sets und weiterführender Literatur auf die Schwarze Geschichte und Gegenwart elektronischer Musikkultur aufmerksam macht.

Die Ressourcen sind also alle da. Jetzt liegt es an den Weißen zu lesen, sich weiterzubilden und als echte Verbündete an der Seite der Schwarzen Community für eine antirassistische Gesellschaft zu kämpfen, damit aus dem aktuellen Momentum des Social-Media-Aufschreis eine langfristige, gemeinsame Bewegung erwachsen kann. Natürlich kann das individuelle Weiterbilden keinen systemischen Wandel ersetzen. Aber es ist ebenso wichtig erstmal bei sich selbst anzufangen. Um mit den Worten von Ash Lauryn zu schließen: „Ich möchte euch ermutigen, euch auch dann weiterzubilden, wenn die Proteste vorbei sind und die öffentliche Empörung sich gelegt hat. Dies ist ein kollektiver Kampf. Und er ist noch längst nicht vorbei.”