Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Mike Tamburini – U-EP (Track Planet Recordings)
Diese EP, die in Sets von so unterschiedlichen DJs wie Dr. Banana und DJ Sweet6teen läuft, erscheint zu ihrem 20. Geburtstag als Reissue. „Feel In Love“ ist eine Deephouse-Nummer mit einem gewaltigen, an Kerri Chandler geschulten Groove: Gospel-Vocals werden in Wild-Pitch-Manier zerschnipselt und geschichtet, sodass der Track zugleich hymnisch und entrückt wirkt. „Soul” setzt auf den Kontrast von geradlinigem House-Drumming und schrägen Synth-Jams, was das Ganze noch trippiger klingen lässt. Der Hit, der die EP unvergesslich macht, ist aber „Talk (About U)”, das auf dem Reissue gleich in vier Versionen erscheint und die Spiritualität Larry Heards mit der Sinnlichkeit von Frankie Knuckles verbindet. Gekrönt wird der Track von einem Vocal, das als Liebeslied beginnt und als Coming-Out-Geschichte endet – und dabei in seiner Skurrilität Hörer:innen wie Tänzer:innen doch nicht emotional verliert. Alexis Waltz

Oceanic – ICI (Nous’klaer Audio)
Die Kick sagt Prog, vielleicht sogar Psy, doch im Groove des Openers und Titeltrack steckt zu viel Dramaturgie für freies Floaten unter Dreadlock-Jüngern. Wähnt man sich anfangs noch in der Geisterbahn, schwoft man kurz darauf vor der Big Wheel Stage des Melt! – schön war’s, übrigens – zu tech-housigen Klängen, die von Audion, Mathew Jonson oder Nathan Fake stammen könnten, über den rauen Untergrund. Oceanic bleibt der Psychedelik treu, presst sie auf der neuen EP aber in ein funktionaleres Korsett.
ICI klingt insgesamt ein wenig spröder und weniger ausladend, als hätte man Gas- gegen Induktionsherd eingetauscht. Was nichts Schlechtes sein muss. „Capyra Vision” kommt nicht vom Fleck und will das auch gar nicht, Prokrastination als Meditation. In „Tassman Perks” hingegen überschlagen sich artifizielle Klanghölzer und klopfen ein Tool, das kontinuierlich anschwillt, auf der Zwei und Drei Haltegriffe hat und anmutet wie ein Joey-Beltram-Workout für Erleuchtete. Die absolute Granate für das dritte Auge zündet allerdings erst zum Schluss: „Prefig” kombiniert das Sounddesign früher Wata-Igarashi-Platten mit dem Tribalismus eines Donato Dozzy, könnte man schreiben. Oder aber, dass Oceanic hier seine gelungenen Experimente mit der menschlichen Stimme von 2023 aufgreift, die auch dreieinhalb Jahre später fesseln. Maximilian Fritz

Optmst – Flux EP (EELF)
Ryan Macfarlane, Produzent, DJ und Live-Künstler, haut einem seine frischen Vibes irgendwo zwischen Post-Dubstep, House und Broken Beats nur so um die Ohren. Dem Optmst-Grundton gemein ist ein leicht federnder Sound, selbst bei Tempi jenseits der 140 BPM.
„Chasin” – die Jagd beginnt. Die Beats schrauben sich in Gehörgänge und Tanzbeine, leicht und locker. Ebenso holt der Dubstep-Banger „Soft Note” ab, der zwar Tempo rausnimmt, aber dem catchy Grundansatz der EP weiter treu bleibt. Seinem Namen alle Ehre macht „Alchemy”. Das Stück taucht im Basstunnel auf und ab, was für die letzten Minuten vor dem Morgengrauen. Mein Favorit: „Streetlights ft. emziii”, womit wir wieder beim Anfang der Jagd wären, unterwegs mit hoher Geschwindigkeit und vorbeiziehenden Lichtkegeln. Irgendwie ist die Flux EP Future Pop, wenngleich die Musik als Post-Dubstep, Garage, IDM, Broken Beat gelabelt wird. Richtiger Underground hört sich roher, eckiger an. Das ist Flux eben nicht. Der Mann aus Belfast will unterhalten. Liron Klangwart

Phil Berg – Dārin (Mutual Rytm)
Endlich sagen können, dass man schon dabei war, bevor und natürlich und so weiter. Phil Berg, den Typen habe ich auf dem Regenradar, seit er vor einer Mini-Ewigkeit auf Setaoc Mass‘ Label rauskam. Damals war das ja schon genau das, was es jetzt noch mehr ist: so ein präziser, trockener Techno. Nicht Nullkommanichtsgeklopfe für die Tindergeneration auf Ketamin, eher: das, was dir deine Freunde als echtes Zeug verkaufen. Na ja, jetzt also Dārin bei Mutual Rytm.
Der Beilagzettel schwurbelt von „flaming drums” und „machine-gun synths”, als stünde da am Schlagzeug der liebe Gott persönlich mit der Kalaschnikow. Das Schlimme ist: Es stimmt. Zumindest fast. Der Titeltrack schießgewehrt dir ordentlich die Gehirnwindungen frei. „Tempest” bedient dann genau den Pegel an Paranoia, den man morgens um 6 braucht, um noch an irgendwas zu glauben. „Destiny Blonde” flüstert dir dafür was ins Ohr, du verstehst es nie, grinst nur blöd, Daumen hoch, yeah. Endlich sagen können, dass man das hören muss. Christoph Gleich

Zuma Studio – Things That Almost Exist (Secuencias Temporales)
Inmitten der mittelalterlichen Ockergotik, der Brühwurst-Etablissements und halbjährlicher, tallagenbedingter Schubhitze, abseits der touristischen Pfade, vegetiert eine lebendige und autonome Gegenkultur: Die in Bologna ansässigen Producer Lizard and Gilles Barberis haben sich unter dem Projektnamen Zuma Studio für eine sechsteilige Kurzspielhörung inklusive zweier Remixe des französischen Produzenten Arsène Martinet auf dem mexikanischen Label Secuencias Temporales zusammengefunden. Ähnlich multiperspektivisch klingt auch die Platte selbst. Sollte sie aber auch, mit mehr Genre-Tags als Tracks.
Das musikarchitektonsiche Fundament der EP bilden sphärisch-organische Modularflächen, ominöse Vokalfragmente und echote Field Recordings, die sich in einen verschwommenen Acidnebel hüllen und zu einem wandelbaren und beständigen Klangkörper mutieren.
Die hineingearbeiteten, tribalistischen Percussions strukturieren, sequenzieren und artikulieren die dunklen Ambientnoten, ohne selbst zu viel Raum einzunehmen. Und indem die Rhythmen zwischen Leftfield, hypnotischem Techno und Ambient Jungle immer wieder gebrochen, zerlegt und neu gedacht werden, fügen sie ihren Teil zur musikalischen Abstraktion hinzu.
Gerade „Dumvot” meistert den Spagat zwischen psychedelisch-körperlosem Arrangement und eindringlichem Drumwork besonders eindrücklich, indem es sich fortlaufend verformt, abdriftet und mit der eigenen Anatomie experimentiert. Dass bei aller Verfremdung der Fokus nie verloren geht, liegt vor allem an der distinktiven und zugespitzten Klangsprache der beiden Bolognesi, die am Übergang von Euphorie und Mysterium immer die richtige Balance finden. Jakob Senger
