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Januar 2023: Album des Monats

Oceanic – Choral Feeling (Nous’klaer Audio)

Oceanic und Nous’klaer haben eine gemeinsame Geschichte. Seit 2014 sind drei EPs des Deutsch-Holländers J.M. Oberman auf der Rotterdamer Institution für ungewöhnliche Clubmusik erschienen. Sie lassen eine konsequente Soundentwicklung erkennen. Zunächst veröffentlichte Oceanic melodischen House mit interessanten Sample-Ansätzen. 2019 wurde es gewagter und schneller, trotzdem dominierten weiterhin dicke, auffällige Lead-Synths. Mit der Choral Dance EP kam vergangenen Herbst nicht nur ein Vorgeschmack aufs jetzige Album, sondern auch der Mut zu ungewöhnlichen Songstrukturen und vor allem: zur menschlichen Stimme.

So verfolgt Choral Feeling einen konzeptionellen, teilweise sogar spirituellen Ansatz. Er wolle die Leute wieder dazu bringen, ihre eigene Stimme als Instrument zu erkennen, sagt Oberman. Schließlich sei das Singen in den letzten Jahrzehnten aus den westlichen Kulturen immer weiter verschwunden. An der Idee festhaltend, dass alle mit einer Stimme Ausgestatteten auch singen können, lud er Freund:innen ein, ihm die ihre zu leihen. Über gemeinsame Sing- und Aufnahme-Sessions oder Sprachnachrichten kam so das Material für Choral Feeling zusammen. Von tatsächlich als Vocals erkennbaren Elementen bis hin zu kleinen perkussiven Details gibt hier die Stimme den Ton an.

„Es harmonisiert die Wellenlängen von Energie in Körper und Geist.”

Oceanic

Choral Feeling sei die Energie, die aufkommt, wenn man singt – „besonders als Gruppe”, sagt Oceanic. „Es harmonisiert die Wellenlängen von Energie in Körper und Geist.” Tatsächlich ist dieser esoterische Ansatz vom Nutzen der eigenen Stimme als selbstheilendes Instrument weltweit verbreitet und wird etwa in schamanischen Ritualen oder spirituellen Singkreisen regelmäßig eingesetzt.

Für manche mag sich Choral Feeling deshalb zu verschroben anfühlen. Dabei könnte das Album die Brücke zwischen organischen und elektronischen Elementen, dem Natürlichen und Künstlichen schlagen. Bei aller Liebe zum Konzept muss eine solche LP aber auch inhaltlich überzeugen können, und hier punktet Oceanic mit der kreativen Ausarbeitung seines Ansatzes.

Oceanic (Foto: Ruben Üvez)

Der Opener „Wren’s Joy” mutet mit seiner schrägen Melodieschleife fernöstlich an, ein langes Stöhnen ergänzt stimmungsvoll die Bassline. Danach verbinden sich funkelnde Arps mit rhythmischen Choral-Samples. Auf „KxT” regieren höhlenhafte Dubstep-Vibes, die durch menschliches Gestotter noch mystischer als ohnehin wirken, und „Cac/cio” zeigt auf, wie ein Genremix aus Downbeat und Footwork klingen könnte.

An Ideen mangelt es Oberman auf Choral Feeling nicht. Deren Ausführung scheint immer dann am erfolgreichsten, wenn die Stimmen nicht ganz so offensichtlich als solche eingesetzt werden. Mit all den verspielten Eigenheiten und kreativen Vocals versetzt das Album in ähnliche Zustände sanfter Euphorie, wie es damals Four Tets There Is Love In You schaffte.

Im zweiten Teil von Choral Feeling erinnert die Nutzung der Samples mehr an SOPHIES Hyperpop-Entwurf und ähnliche Internet-Meme-Genres. Das mag Fans der Kaugummi-Ästhetik gefallen, beißt sich aber mit dem ernsthaften Ton der ersten Albumhälfte. Im Gesamtpaket bleibt Choral Feeling dennoch überzeugend. Eine beeindruckende Umsetzung eines Konzeptes, die sich traut, vieles anders zu machen. Und damit die Message unterstreicht, doch öfters den Mund aufzumachen und selbst zu singen.

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