Das Ich ist in journalistischen Texten normalerweise verboten. Weil sich dieses Jahr aber ein klaffendes Loch im Festivalkalender auftut, schauen wir ausnahmsweise in den Spiegel und blicken zurück: GROOVE-Redakteur Maximilian Fritz lässt seine zehnjährige Beziehung zum MELT Revue passieren, die vergangenen Sommer ein logisches und doch jähes Ende fand, und beschreibt seine Eindrücke von einem Festival, das seinen Musikgeschmack und damit seinen Lebensweg entscheidend geprägt hat.
2014 besuchte ich das Melt! erstmals. 20 Jahre war ich damals alt, und ich kann aus heutiger Sicht mit Sicherheit sagen, dass ich mich bis dato auf kein Festival so gefreut hatte. Portishead, Jeff Mills, Omar Souleyman, Darkside, Panda Bear – und das alles in einzigartiger Kulisse zwischen diesen riesigen aufwendig ausgeleuchteten Braunkohlebaggern. Die perfekte Veranstaltung für einen adoleszenten Musiknerd aus der bayerischen Provinz, der just die Transformation vom Indie-Kid zum Jungraver vollzog.
Auf dem Melt! steht die Musik im Mittelpunkt, hieß es damals allenthalben. Nicht nur weil Testimonial und langjähriger Opening-Act Markus Kavka das mit der ihm ureigenen Affektiertheit in Radiosendungen erzählte, sondern weil es stimmte. Vor meinem ersten Melt! war ich auf Festivals wie dem Chiemsee Reggae Summer, dem Southside oder dem Frequency gewesen. Dort lief auch Musik, das Drumherum war aber deutlich alkoholisierter, machistischer, selbstdarstellerischer, schlicht: nerviger. Wo anderswo bis zum Umfallen gesoffen wurde, wahlweise auch in witzigen Kostümen, oder Leute sich mal nicht so haben sollten, wenn man den Humor übergriffiger Besucher:innen nicht teilte, lief das Melt! zivilisierter ab. Ich erinnere mich noch an die irritierten Blicke, als wir als Einzige absurde Mengen Dosenbier auf einer Sackkarre über den mucksmäuschenstillen Zeltplatz schoben, auf dem sich aufgrund der Gluthitze immer wieder kleine Tornados bildeten. Die Botschaft dahinter wohl: Selbstzwecksaufen ist hier nicht, Hirn und Leber sollen zu gleichen Teilen beansprucht werden.
Was sich für hamsterradgeplagte Wochenendeskapist:innen snobistisch lesen mag, war vor elf Jahren nicht weniger als ein musikkulturelles Erweckungserlebnis, die Erstvermittlung von Werten, wie sie auf Dancefloors gelebt werden, und der Vollzug einer rücksichtsvollen Sozialisierung im Party-Kontext. Und natürlich, das soll nicht unter den Teppich gekehrt werden, die Erfahrung, dass man rund um die Uhr feiern kann und Festivals nach 2 Uhr nachts nicht zu zweckmäßigen Campingstuhlkreisen am Zeltplatz verkommen müssen. Nicht nur deshalb wurde der ewig pulsierende Sleepless Floor zu meiner liebsten Festivalbühne überhaupt.

Ausgiebiges Feiern lernen aber auch Menschen, die in jungen Jahren auf andere Techno-Festivals gehen. Was also machte das Melt! so besonders? Hieb- und stichfeste Argumente lassen sich gleich im ersten Absatz finden: Das von der 2018 eingestellten Indie-Zeitschrift Intro zusammengestellte Line-up las sich stets wie ein feuchter Traum für all jene, die Musik als Distinktionsmerkmal ernst nahmen: Eine Spur distinguierter, hipper, wahrscheinlich auch provokanter, poserhafter als der Rest. Das Melt! war immer auch ein Festival für Menschen, die ihren besseren Musikgeschmack gerne nach außen tragen. Das liest sich wiederum elitär, wirkte 2014 aber identitätsstiftend.
Während Portishead das nach wie vor eindrücklichste Konzert meines Lebens darboten, spielte John Talabot einige hundert Meter entfernt ein Techno-Set, das heute anachronistisch klingt, beim Hören in den Tagen nach dem Festival aber eine Offenbarung war. Wie auch die fünfstündige Tech-House-Peitsche von Marco Resmann, Matthias Meyer und Ruede Hagelstein am Samstagmorgen auf dem Sleepless Floor, die mir zumindest ein diffuses Bild davon vermittelte, für welchen Sound Berlin so steht. Im Grunde genommen traten die Drei als Tourismusbotschafter des Watergate und damit der Hauptstadt auf. Auch den prolligen Großraum-Tech-House mit Hang zum Epischen von Ten Walls fand ich damals super, ehe der sich eine der in ihrer Dämlichkeit beeindrucksten homophoben Entgleisungen der letzten Jahre leistete. Ungeachtet dessen: „Walking With Elephants” mit seinen tumben Horns slappte damals, ebenso wie der Koze-Remix von Moderats „Bad Kingdom” oder Carl Craigs Iteration von X-Press 2s „Kill 100”, die quasi in jedem Set liefen. Außerdem spielten in der Zeltbühne Darkside, angesichts deren Kombination aus Nicolas Jaar an der Elektronik und Dave Harrington an der Gitarre ich mich nicht entblödete, das Prädikat Zukunftsmusik zu vergeben. Und doch: Obwohl der erste Melt!-Besuch vor Naivität nur so triefte, er zog ein diskursive Auseinandersetzung mit Musik und der Kultur dahinter nach sich, eine Transformation von Musik als Gebrauchsgegenstand hin zum unverzichtbaren, wertvollen Lebensinhalt.

Nach Ellen Aliens alljährlichem Closing des Sleepless Floors war also eines klar: Ferropolis würde mich wiedersehen. Jedes Jahr, bis zum bitteren Ende, das erst 2024 eintreten sollte. Den Weg dorthin säumten noch einige musikalische Offenbarungen: Headlinerin Kylie Minogue 2015 etwa, die sogar Nenas nerviges „99 Luftballons” noch charmant rüberbrachte und mit dem unglaublich coolen „Slow” die Hauptbühne vereiste. Oder The Blessed Madonna, die damals noch anders hieß und ihr Set auf dem Sleepless Floor perfekt auf Hagelsalven abstimmte, während der sich ein Nackedei unter dem Gejohle der Menge im Sand räkelte.

Oder DJ Koze, der 2016 sein Set am Gremmin Beach mit Oceanics grandiosem „Loving”-Edit eröffnete und die abgedroschene Phrase, dass der erste Track im Set der wichtigste ist, mit Leben füllte. Oder das Kirmesgeballer, mit dem Die Antwoord den geschmäcklerischen Coolness-Anspruch des Melt! 2017 pulverisierten. Oder Red Rack’em, der es im selben Jahr bei sengender Mittagshitze langsam, aber sicher fertigbrachte, den Sleepless Floor zu füllen, an dessen Rand debil grinsende Niederländer einen Lachgas-Ballon nach dem anderen verkauften. Oder starke Headliner-Sets von The xx oder Bon Iver 2018 und 2019, die der Wahrnehmung des Melt! als Indie-Festival noch Genüge taten.

2022 dann das Comeback nach der Pandemie. Auch das MELT war nun dem All-Caps-Trend verfallen, schrie seinen Besucher:innen also fortan ins Gesicht und setzte einen neuen Fokus: Künftig wolle man weg von großen Headliner:innen und omnipräsenten Namen, dafür dem Crewgedanken elektronischer Musik verstärkt Rechnung tragen – ohne Hauptbühne. Dass dieser Sinneswandel nicht nur idealistische Motive hatte, sondern mit astronomischen Gagen für die ganz großen Acts sowie einem stetig schrumpfenden Publikum zusammenhing, ließ sich freilich nicht kaschieren. Schon in den Jahren vor der Pandemie tummelten sich in Ferropolis immer weniger Menschen, vor manchen Bühnen taten sich deutlich sichtbare Löcher auf.

Deshalb buchte man nun verstärkt Acts, die geringere Produktionskosten in Anspruch nahmen, also DJs und Rapper:innen, was ganz automatisch mit einer Verjüngungskur des Publikums einherging. Menschen mit Indie-Hintergrund, die früher aufs Melt! gingen, um Bands wie Oasis, Bloc Party, Portishead oder meinetwegen auch Metronomy oder Tame Impala zu sehen, fühlten sich von der vollständigen Fokusverschiebung gen elektronische Tanzmusik und instagramtaugliche Rap- und Pop-Musiker:innen nicht mehr abgeholt.

Der Hauptgrund dafür, dass in Ferropolis ab 2022 andere Töne angeschlagen wurden, liegt sicherlich in der Übernahme des MELT-Veranstalters Goodlive durch das amerikanische Medienunternehmen Live Nation, in deren Zuge monetäre Gesichtspunkte eine größere Rolle gespielt haben dürften. Heißt im Klartext: Ein ohnehin schon defizitäres MELT hatte es im Portfolio neben Erfolgsmarken wie dem Splash! noch schwerer, obwohl Goodlive als gut geölter Selbstversorgungsbetrieb einen ganz eigenen Verwertungskreislauf schuf: „Wir konzipieren Festivals wie das Superbloom, das MELT oder das splash! Festival, nehmen das Künstler:innenbooking gleich selbst in die Hand und verfolgen einen alternativen Ansatz der Event Promotion. Um das 360 Grad Festivalerlebnis vervollständigen zu können, übernehmen wir das Ticketing, das Catering und die Location – unser legendäres Ferropolis. Mit unseren drei Teilbereichen, Festival, Artists und Services, können wir alle Bereiche selbstständig abdecken” [sic!], heißt es auf dem Internetauftritt der Firma noch immer. Damit wäre also auch beantwortet, wieso Rap-Acts wie etwa Skepta die eine Woche zwischen splash! und MELT ausharrten und kurzerhand auf beiden Festivals auftraten.
Doch auch ab 2022 machte das MELT noch großen Spaß und sorgte zwar für weniger, aber dennoch eindrückliche magische Momente: Das perfekte Pop-Konzert von Caroline Polachek, die damals noch deutlich weniger auf Playback setzte, während des Sonnenuntergangs 2022, der gelungene Y2K-Revival-Auftritt der Sugababes 2024 oder DJ Kozes hypnotischer Tech-House im Morgengrauen auf dem für die allerletzte Ausgabe wiedereingeführten Sleepless Floor. Ein letztes Zuckerl für all jene, die mit der Neuausrichtung so gar nichts anfangen konnten.

Dass das gar nicht so wenige waren, machte sich in den letzten drei Jahren durchaus bemerkbar: Auf dem weitläufigen Campingareal klafften immer größere Löcher, ganze Bereiche wurden großflächig abgesperrt. Und während das Publikum schwand, prosperierten die Preise für Essen und Getränke fröhlich. Trotzdem stellte das MELT für mich einen nostalgischen Fixpunkt im Festivaljahr dar, der auf die eine oder andere Weise immer wieder lieferte. Seit ich 2018 bei der GROOVE anfing, hatte ich es in Berliner Szenekreisen zunehmend schwerer, mein Lieblingsfestival gegen Nation, Nachti und Co. zu verteidigen. Vorwürfe des Ausverkaufs, des Sponsorings und des Boomerisms wiegelte ich aber weiterhin tapfer ab.
Natürlich arbeiteten Melt! und MELT mit großflächiger Markenpräsenz und seltsamen Bühnen wie der IQOS-Stage, auf der im letzten Jahr Blümchen auftrat oder eine apathische Courtesy die geballte Trostlosigkeit des Late-Stage-Capitalisms spiegelte; klar lassen sich wenig bis keine Argumente für lächerliche – und lächerlich teure – Dusch- oder Shuttle-Flatrates für den Bus zum Festivalgelände oder Cashless-Rückerstattungsbebühren finden; natürlich wurde man in den letzten Jahren Zeuge des schrittweisen Niedergangs des Festivals, in dessen Zuge sich finanzieller Aufwand und Publikumszuspruch nicht mehr die Waage hielten. Und doch: eine vergleichbare Bandbreite an spannenden Acts in einer solch überwältigenden Kulisse gab es in Deutschland sonst nirgends zu sehen. Nicht umsonst brachte ich den verhältnismäßig langen Weg vom Campingplatz zu den Bühnen, obwohl von den angesprochenen Gebühren befreit, in der Regel ohne Shuttlebusse, sondern zu Fuß hinter mich – zum Unverständnis mancher meiner Begleiter:innen in den letzten zehn Jahren: Das Melt! wurde mit jedem Jahr mehr zum Ritual, sein Schauplatz zu einer Pilgerstätte, unabhängig von meinen Lebensumständen.

Und obwohl es sich mit seinem idealistischen, diversen musikästhetischen Anspruch nach der Pandemie zu einem aus der Zeit gefallenen popkulturellen Relikt entwickelte, so war es doch mein aus der Zeit gefallenes popkulturelles Relikt, ob mit oder ohne Headliner-Bands, trotz leerer Bühnen, trotz fragwürdiger Preise. Das Melt! hat mich entscheidend geprägt, menschlich, professionell, emotional. Und mehr kann ein Festival doch nicht leisten.


