Motherboard: August 2026

Der extreme, ein klein wenig unheimliche, aber definitiv durch Hartnäckigkeit verdiente, neuerlich überwältigende Erfolg von Neo-Prog-Noise/Math-Rock-Outsider-Psychedelikern der dritten oder vierten Generation aus diversen Provinzen, wie etwa Angine de Poitrine, Chat Pile oder King Gizzard & The Lizard Wizard, ist keineswegs abwegig in der Gleich- und Nicht-Zeitigkeit der Internet-Trends und deren Gegenbewegungen. Geht so was auch als Turntablism, als Headz-Ambient? Oder gar als imaginärer Trip-Hop-Soundtrack zu einem ausgedacht tollen Film? Das Washingtoner Duo Lifted setzt da ein klares Joa mit Frage- und Ausrufezeichen dahinter. Die nötige Erfahrung und Eigenwilligkeit für Movie (Outside Time, 5. Juni) bringen die beiden jedenfalls mit: Andrew Field-Pickering (alias Maxmillion Dunbar und bekannt von den knuffigen Deep-House-Outsidern Beautiful Swimmers) und Matt Papich (alias Co La, und bekannt von den Noise-Proggern Ecstatic Sunshine) bilden sogar eine der raren und auf dem virtuellen Papier kaum vorstellbaren Konstellationen, denen genau das gelingen könnte. Und die das relativ wenig angestrengt einfach macht. Dass sie mit diesem gerne extrem Lo-Fi ausgespielten Sound prominente Freunde und Mitspieler:innen wie More Eaze und Dustin Wong gewinnen konnten, spricht für die kauzige Qualität dieses tollen wie unwahrscheinlichen Projekts.

Dass die Werke der in Toronto lebenden Komponistin Linda Catlin Smith ein so regelmäßiger Gast dieser Kolumne wurden und in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit jenseits akademischer Zirkel und Aficionados der Neuen Musik fanden, hat möglicherweise profane Gründe – etwa dass Anzahl und Frequenz ihrer Veröffentlichungen angestiegen sind. Vielleicht hat sie aber einfach nur der Zeitgeist eingeholt, ist nun bereit für postminimalistische Kammermusik, die sich den üblichen Erfolgsmodellen (Glass, Reich, aber ebenso Feldman, Cage) verweigert, sie aber gleichzeitig tief verinnerlicht hat und produktiv weiterdenkt. Und das schon seit den späten Achtzigerjahren, wie sich aktuell im zweiten Teil der von Cheryl Duvall vom Thin Edge New Music Collective eingespielten Retrospektive ihrer Klavierarbeiten entdecken lässt. The Complete Piano Solos (1989-2023), Volume II: The Underfolding & Early Works (Redshift Music, 7. August) arbeitet mit Stille und Langsamkeit, Introspektion und Intimität, projiziert diese auf komplexe Strukturen, um sie dann wieder impressionistisch sinnlich auszuspielen – was Duvall nicht weniger als genial kongenial tut.

Auf der stilleren Seite der Elektroakustik spielt das britische Duo von Martyn Riley und Beth Robertson alias Tokoro Wohnen. Ihr Bing Industries (Flaming Pines, 31. Juli) ist nach dem selbstverlegten Live-Set „Bing Movements” der offizielle Start zu einer Serie von Sound-Arbeiten über die Hinterlassenschaften des britischen Schwerindustrie-Booms des 19. und 20. Jahrhunderts. Spezifisch geht es hier um die „Bings” genannten Abraumhalden des Ölschiefer-Bergbaus in Schottland, lebensfeindliche Schuttflächen von immensem Ausmaß, Zeugen einer industriellen Revolution, die sich lange überlebt hat, deren Hinterlassenschaften allerdings noch immer spürbar toxische Nachwirkungen zeigen. Aber eben auch eine spezifische Variante des postindustriellen Erhabenen, eine Ästhetik der Ruinen der Moderne, die in aller Umdeutung oder Nostalgie nicht verschwinden will. Robertson und Riley setzen diese als konzentriert ruhig vorgetragene Texte in prozessierten Field Recordings mit organisch eingebetteten Instrumenten ein.

Popkulturell und spirituell, mythologisch und poetisch – 33 ist das Alter, in dem Entscheidendes im Leben passiert. Yara Mekawei & Amir Rezk, Berliner Sound-Art-Künstlerin und ägyptischer Producer aus Alexandria, arbeiten sich auf 33 (MNJM, 24. Juli) an den Komplexitäten der 33 ab. Das Leben und Sterben des Jesus von Nazareth, koptische Texte und individuelle Bekenntnisse finden sich als Spoken-Word-Poetry in einer verrauscht-flirrend-helikopterisch-flatternden, elektroakustischen Umgebung, unter die sich immer wieder treibende und doch fragile, wie vorläufig erscheinende Beats schieben. Ein hochgradig selbstreflektiertes, gebrochen vielschichtiges Klangbild von beinahe körperlich fassbarer innerer Spannung.

Ihr Name, Ava Rabiat, lässt – zumindest im Deutschen – erst einmal eine punkige In-Your-Face-Attitüde erahnen. Der Sound der polnischen und in Berlin lebenden Multimediakünstlerin, Poetin, Sängerin und Kostümdesignerin ist allerdings leiser, introspektiver, subtiler und viel erwachsener als alle oberflächlichen Namensassoziationen. Ihr zweites Album Szał Wirtualnych Ciał (FUU, 10. Juli) versammelt dunkel-elektrische Chansons im avancierten Post-Glitch-Ambiente – mal mit, mal ohne fragmentarische Beats. Gesungen und eingesprochen sind die (Nicht-)Songs vorwiegend in Polnisch, was zumindest bei allen, die der Sprache nicht mächtig sind, für einen zusätzlichen Verfremdungseffekt sorgt. Mysteriöse wie faszinierende Dinge passieren in diesem spärlich beleuchteten Dark-Electronic-Cabaret.

In diesem Text

Weiterlesen

Reviews

CRO und Bootshaus im AMØK Club auf Mallorca: Minikleider, Leinenhosen und Akrobatik in angenehm entschleunigter Dynamik  

Horrende Preise machen das Feiern auf Ibiza für die meisten unerschwinglich. Wie sieht's auf Mallorca aus?

Die Platten der Woche mit Atrevido, Djrum, Pancratio, Ken Ishii & David Castellani und Nico Lahs

Die Platten der Woche – mit Reviews zu Atrevido, Djrum, Pancratio, Ken Ishii & David Castellani und Nico Lahs.

Die Platten der Woche mit Benabou, Efdemin, Erik Jabari, Nikki Nair und Satoshi Tomiie

Unsere Platten der Woche kommen diesmal von Benabou (Blank Mind), Efdemin (Dekmantel), Erik Jabari (Erik Jabari), Nikki Nair (dh2) und Satoshi Tomiie (auf Dubwax).

Das Whole Festival 2026: Die befreiende Kraft des Muts zum Ungenierten

Unser Gastautor Maximilian Schäffer nimmt Europas wichtigstes queeres Techno-Festival zum Anlass, die Praktiken, Themen und Werte der queeren Kultur der Gegenwart zu vermessen –...